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„Erst orientieren, dann studieren“

Zu sehen sind Hinweisschilder an der Universität Kassel.
Ein Orientierungssemster kann Studienanfängern den Einstieg ins Studium und den Weg and die Hochschule erleichtern.
Foto: Hans-Martin Issler

Orientierungssemester: Interview

„Erst orientieren, dann studieren“

Ist ein Studium was für mich? Welches Fach passt zu mir? Antworten können Studieninteressierte zum Beispiel im Rahmen eines Orientierungssemesters erhalten. abi» hat mit Sören Isleib vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) über diese speziellen Angebote gesprochen.

abi>> Herr Isleib, vor welchem Hintergrund wurden vor einigen Jahren an diversen Hochschulen Orientierungssemester eingeführt?

Ein Porträt-Foto von Sören Isleib

Sören Isleib

Foto: Privat

Sören Isleib: Studienanfänger werden tendenziell immer jünger, was dazu führt, dass die Entscheidungen für ein Studium und ein bestimmtes Fach häufig nicht gut fundiert sind. Das heißt, dass sie häufig auf extrinsischen Faktoren basieren, sprich der Aussicht auf einen Beruf mit einem höheren Einkommen, und weniger auf einer intrinsischen Motivation wie dem wissenschaftlichen Interesse. Daraus resultieren Schwierigkeiten beim Ankommen im Studium, und die Wahrscheinlichkeit für einen Studienabbruch steigt. Natürlich stehen alle Studienanfänger auch vor der Herausforderung, sich von heute auf morgen im Studienalltag zurechtzufinden, sich selbstständig zu organisieren und mit dem Leistungsdruck klarzukommen.

abi>> Auffällig viele Orientierungssemester sind speziell auf den MINT-Bereich ausgerichtet.

Sören Isleib: Das stimmt, da hier die Abbruchrate besonders hoch ist und die Hochschulen dem entgegenwirken wollen. Es gibt allerdings auch überfachliche Angebote, im Rahmen derer Studieninteressierte in ganz verschiedene Fächer reinschnuppern, sich mit wissenschaftlichem Arbeiten vertraut machen und das Leben an der Hochschule kennenlernen können. Zwar werden Orientierungssemester noch nicht flächendeckend angeboten, ich bin mir aber sicher, dass viele Hochschulen in den kommenden Jahren nachziehen werden.

abi>> Weil die Einführung von Orientierungssemestern sich tatsächlich in einer sinkenden Abbruchrate bemerkbar macht?

Sören Isleib: So eindeutig lässt sich der Rückschluss nicht ziehen. Zum einen fehlt die Datenbasis. Die Hochschulen müssten hierzu detaillierte Befragungen unter den Teilnehmern durchführen. Zum anderen kann ein Zusammenhang zwischen Orientierungssemester und Studienabbruch oder Nicht-Abbruch schwer festgestellt werden, da die Ursache sich nicht auf eine einzelne Maßnahme zurückführen lässt. Jedoch halte ich grundsätzlich jedes Angebot für sinnvoll, das den Studienanfängern eine Vorstellung davon vermittelt, was sie an Hochschulen erwartet und ihnen den Einstieg ins Studium erleichtert.

abi>> Bedeutet das, dass jeder ein solches Angebot in Anspruch nehmen sollte?

Sören Isleib: Nein, das muss jeder für sich entscheiden. Nicht jeder braucht eine Orientierungs- oder Entscheidungshilfe. Aus meiner Sicht sollte es verstärkt darum gehen, nicht möglichst viele Leute mit dem Angebot zu erreichen, sondern die richtigen. Das heißt jene Gruppe, die sich zum Beispiel ihrem Potenzial, ein Studium aufzunehmen, nicht bewusst ist oder zum Beispiel aufgrund des Alters oder der sozialen Herkunft von vornherein als risikoreich einzuschätzen ist. Dies erfordert ein aktiveres und frühzeitiges „Rekrutieren“ an Schulen. Die Möglichkeit, ohne Druck auf Probe zu studieren, ist gerade für sie eine sinnvolle Option.

abi>> 01.02.2016