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Schritt für Schritt raus aus der Überforderung

Junger Therapeut sitzt mit einer jungen Patientin auf einem grünen Sofa und führt ein Gespräch.
Stress im Studium kann oftmals ernstzunehmende psychologische Auswirkungen haben. Psychologen der Studierendenwerke stehen dir in diesem Fall hilfsbereit zur Seite.
Foto: Julien Fertl

Beratungsangebote an der Hochschule – Beratungsprotokoll

Schritt für Schritt raus aus der Überforderung

Wenn Belastungen während des Studiums überhandnehmen, helfen die Studierendenwerke weiter. Wie die Unterstützung aussehen kann, schildert Wilfried Schumann, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut sowie Leiter des Psychologischen Beratungs-Service der Universität und des Studentenwerks Oldenburg an einem Beispiel.

Ein 21-jähriger Student der Physik, der erstmals zu mir in die Beratung kam, war sichtlich gestresst und überfordert. Das Lernpensum im Studium und die bald anstehende Bachelorarbeit setzten ihm zu, er stand offenbar kurz vor dem Burn-out. Er sei oft gereizt und niedergeschlagen, berichtete er, hätte Schlafstörungen und fühlte sich ständig müde und kraftlos. Er hätte Angst zu versagen und den Anforderungen nicht gewachsen zu sein, obwohl er sich von Anfang an ins Zeug gelegt hätte. Neben seinen Kommilitonen glaubte er, wie ein Depp da zu stehen, weil es ihnen scheinbar leichter fiele.

Solche Einschätzungen höre ich häufiger von Studierenden – quer durch alle Fachbereiche. Die meisten von ihnen sind oft sogar besonders fleißig. Sie haben aber nie gelernt, die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit wahrzunehmen und zu respektieren. Auch auf diesen Studenten traf diese Einschätzung zu. Er atmete sichtlich auf, als ich ihm erklärte, dass es anderen ähnlich ginge, bei vielen aber die Scham überwiege und sie ihre Sorgen für sich behalten würden.

Gemeinsam Lösungen erarbeiten

Ein Porträt-Foto von Wilfired Schumann

Wilfried Schumann

Foto: Uni Oldenburg

Tritt eine Überforderung ein, gibt es zwei Stellschrauben: Belastung reduzieren und neue Energie tanken. Für beide kann unsere Beratung unterstützen. Ich bot dem 21-Jährigen an, in mehreren Sitzungsterminen eine gemeinsame Lösung zu finden. Die Anzahl variiert je nach Situation, in der Regel reichen fünf Sitzungen mit einer Dauer von jeweils circa 50 Minuten, die zeitlich auf ungefähr zwei bis drei Monate verteilt werden, damit die Ratsuchenden ihre Erfahrungen machen können.

In der nächsten Sitzung stellte sich heraus, dass der Student mehr freiwillige Angebote nutzte, als ihm guttat. Zusätzlich beschäftigten ihn finanzielle Probleme, weshalb er einen Nebenjob angenommen hatte. Gemeinsam schauten wir, worauf er zeitweise verzichten kann. Er identifizierte einen begonnenen Italienischkurs an der Volkshochschule, der auch bis nach dem Bachelorabschluss warten kann. Auch andere Vorhaben legte er für eine Weile auf Eis.

Anschließend widmeten wir uns der zweiten Stellschraube: Was kann ich tun, um neue Energien zu tanken? Wie lassen sich Lern- und Arbeitszeiten begrenzen? Ich gab dem Studenten Tipps für ein effektives Zeitmanagement, weitere Handlungshilfen und einen Rat, den ich immer gern erteile: Nutze den Hochschulsport! Körperliche Bewegung hilft beim Stressabbau. Wer geistig arbeitet, muss auch körperlich gut für sich sorgen.

Weitere Hilfe vermitteln

Bei Bedarf verweise ich Ratsuchende an andere hochschulintere oder externe Anlaufstellen. In Einzelfällen, wenn die Probleme sehr schwer wiegen, kann es auch sinnvoll sein, eine langfristige Psychotherapie anzuschließen. Im aktuellen Fall empfahl ich dem Studenten, sich bezüglich der finanziellen Probleme beim BAföG-Amt beraten zu lassen – wo ihm dann auch geholfen wurde.

Nach jeder Sitzung zogen wir eine Zwischenbilanz und vereinbarten das weitere Vorgehen. In der vierten Sitzung stellte der Physikstudent fest, dass es ihm deutlich besser ging und er unseren Plan gut einhalten konnte. Wir schlossen unsere Beratung ab. Ich empfahl ihm den Kontakt zu einer Gruppe Studierender, denen es ähnlich ging, um sich weiter zu stabilisieren. Sie treffen sich einmal pro Woche, berichten sich gegenseitig von ihren Erfahrungen und planen die kommende Arbeitswoche. Natürlich verabschiedete ich mich mit dem Hinweis, dass er bei Bedarf jederzeit gerne wieder zu mir in die Beratung kommen kann.

abi>> 23.07.2018