Alles total digital im Hörsaal?

Der Arbeitsplatz eines Studierenden
Über Online-Lernplattformen können sich Studierende Übungen, Skripte, Videos und mehr herunterladen, um zuhause am Laptop zu lernen.
Foto: Verena Westernacher

Neue Studienformen

Alles total digital im Hörsaal?

Deutsche Hochschulen lassen sich derzeit einiges einfallen, um Wissen zeitgemäßer zu vermitteln. Dozierende passen ihre Vorlesungen dank Online-Tests an den tatsächlichen Wissensstand der Studierenden an, vermitteln insbesondere die Grundlagen per Video oder ermöglichen dank virtueller Lernplattformen das Studieren aus der Ferne. Doch für wen ist welches Angebot geeignet?

In der Schule hatte Theresa Liegl schwer mit dem Fach Physik zu kämpfen: „Ich hatte immer nur Vierer und Fünfer“, erinnert sie sich. Heute studiert die 21-Jährige Energie- und Gebäudetechnologie im sechsten Semester an der Fachhochschule Rosenheim – und hat mittlerweile das Kriegsbeil mit der Naturwissenschaft begraben. „Meine Professorin geht ganz anders an das Fach ran als meine Lehrer an der Schule. Sie hat es geschafft, dass ich konstant, Schritt für Schritt mitlerne“, sagt Theresa Liegl. Was ihre Dozentin anders macht: Sie wendet die Lehrmethode „Just in Time Teaching“ an, kurz JiTT.

Ein Porträt-Foto von Theresa Liegl

Theresa Liegl

Foto: privat

Bei JiTT bereiten sich die Studierenden Woche für Woche aktiv auf jede Vorlesung vor. „Auf einer digitalen Lernplattform erfahre ich, welche Inhalte in der nächsten Vorlesung drankommen und welche Seiten unseres Lehrbuchs ich dafür durchackern muss. Wenn ich denke, ich habe das Thema verstanden, beantworte ich online Multiple-Choice-Fragen“, erläutert die Studentin. Ihre Dozentin sieht sich die Ergebnisse der Online-Tests an und weiß daher, wo es noch hakt. „In der Vorlesung geht sie dann gezielt auf das ein, was den meisten in den Online-Tests schwerfiel. Das Lernen wird so zu einem Dialog“, findet Theresa Liegl.

Sie räumt aber auch ein, dass nicht alle Kommilitonen so begeistert sind wie sie: „Der Lernaufwand während des Semesters ist sehr hoch. Andererseits muss man, wenn man permanent dran bleibt, am Semesterende für die Klausur nicht mehr so viel lernen.“

Ein Drittel der Hochschulen nutzt digitale Lehransätze

Neue Lehrmethoden, bei denen Online-Selbstlernphasen die Präsenzveranstaltungen ergänzen, sind an deutschen Hochschulen auf dem Vormarsch. Sie nennen sich etwa Blended Learning, Inverted Classroom oder hybrides Lernen. (Mehr etwa zum Thema Blended Learning erfährst du in „Allein lernen, zusammen vertiefen“.)

Ein Porträt-Foto von Klaus Wannemacher

Klaus Wannemacher

Foto: Andrea Focke-Bödeker

Laut einer Studie des Hochschulforums Digitalisierung arbeitet mehr als ein Drittel der Hochschulen mit solchen neuen Lehransätzen. „Fast alle haben mittlerweile Lernplattformen implementiert und stellen Studierenden Materialien online zur Verfügung“, erläutert Studienautor Klaus Wannemacher. „Wir haben alle 400 Hochschulen befragt und festgestellt: Fast 75 Prozent reichern ihre Veranstaltungen mit digitalen Komponenten an oder planen, dies zu tun“, erklärt er. Damit sind aber meist eher ältere Medien gemeint: Powerpoint statt Overheadprojektor, Skripte als PDF oder abgefilmte Vorlesungen.

Virtuelle Klassenräume, digitale Diagnosetools für angehende Mediziner und andere innovative Ansätze sind dagegen noch im Versuchsstadium. „Ob digitales Lernen rein didaktisch etwas bringt, ist ohnehin noch völlig unklar. Bisher wurde die Digitalisierung der Lehre aus einem sehr technischen und organisatorischen Blickwinkel vorangetrieben. Was auf der Strecke blieb, sind die eigentlichen Lernkonzepte. Das holen die Hochschulen erst langsam nach“, betont Klaus Wannemacher.

Videokurse für jeden, weltweit

Einige Hochschulen produzieren etwa interaktive Videokurse und bieten sie als Massive Open Online Courses (MOOCs) kostenlos auf Online-Plattformen wie edX oder Coursera an. (Wie MOOCs funktionieren, erfährst du in „Online-Vorbereitung aufs Masterstudium“) Vor allem Dozierende naturwissenschaftlicher, technischer und sozialwissenschaftlicher Fächer tun sich hier laut dem Experten besonders hervor. (Ein Beispiel ist der Informatik-Professor Jörn Loviscach, der der Welt Mathematik anhand von Videos näherbringt, wie du in „Grundlagen schaffen per Video“ nachlesen kannst.). MOOCs sind spannend für Leute, die sich lebenslang weiterbilden wollen. Hier steht der Wissenserwerb, nicht ein bestimmter Abschluss im Mittelpunkt.

Von Nanodegrees und Vorbereitungskursen

Anders handhabt das die Online-Plattform Udacity: Sie bietet sogenannte Nanodegrees im IT-Bereich mit Titeln wie Data Analyst, Android Developer oder Front-End-Webentwickler. Die Kurse sind kostenpflichtig und werden in Zusammenarbeit mit Technologie-Unternehmen wie Google, Facebook oder GitHub entwickelt.

„Als Alternative für eine grundlegende Ausbildung oder ein Studium sehe ich diese Angebote nicht“, merkt Sabine Najib an, Berufsberaterin der Agentur für Arbeit Osnabrück. In ihren Beratungsterminen informiert sie regelmäßig über digitale Lernangebote. „Um eine beruflich verwertbare Qualifikation durch diese Nanodegrees zu erlangen, ist Deutschland bisher einfach noch nicht offen genug“, weiß sie aus Erfahrung.

Brückenkurse wie das Online-Mathevorbereitungsprogramm „OMB plus“ der Deutschen Physikalischen Gesellschaft dagegen findet sie in jedem Fall sinnvoll. „Während eines Freiwilligen Sozialen Jahres gedanklich am Ball bleiben oder während einer Auszeit im Ausland – dafür sind solche Online-Kurse prima“, sagt sie.

Studium aus der Ferne

Ein Porträt-Foto von Sabine Najib

Sabine Najib

Foto: privat

Es gibt aber auch E-Learning-Programme, die zu einem staatlich anerkannten Studienabschluss führen. An der Virtuellen Fachhochschule (VFH) etwa, einem Zusammenschluss mehrerer deutscher Hochschulen, kann man unter anderem BWL, Wirtschaftsinformatik und Medieninformatik auf Bachelor und Master online studieren. (Von diesem Angebot handelt der Erfahrungsbericht „Videokonferenz statt Vorlesung an der Uni“). „Diese Art der Studiengänge eignet sich für alle, die sich berufsbegleitend weiterbilden wollen, Kindererziehung und Studium unter einen Hut bringen müssen oder in ihrer Mobilität eingeschränkt sind“, erklärt die Berufsberaterin.

Allerdings fallen – außer an der Fernuni Hagen – Studiengebühren von 10.000 Euro und mehr pro Online-Abschluss an. Zudem gibt Sabine Najib zu bedenken: „Die Abbrecherquote in Fern- und Online-Studiengängen ist generell sehr hoch. Es fehlt die Verbindlichkeit, der lebendige Austausch, die Tagesstruktur – kurz: der akademische Geist. Man muss sehr motiviert, reif und diszipliniert sein, um das durchzuziehen. Deshalb empfehle ich, ein Fernstudium mit einer Gasthörerschaft an der Uni vor Ort zu kombinieren.“

Präsenzlehre hat trotzdem Zukunft

Also doch nicht alles total digital? „Ich gehe davon aus, dass die Präsenzlehre weiterhin eine zentrale Rolle spielen wird. Nur ein Fünftel der Studierenden erwartet digitale Inhalte. Und selbst die Digital Natives, also jene, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind, fordern das nicht vehement ein“, sagt Hochschulforscher Klaus Wannemacher.

Die Beratungserfahrung von Sabine Najib gibt ihm recht: „Mich hat noch nie jemand gezielt nach einem Studiengang gefragt, der besonders viele digitale Lernelemente einbindet. Und das ist auch gut so, denn bei der Studienwahl sollte immer das Fach im Vordergrund stehen – alles andere ist erst mal zweitrangig.“

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen. Unter dem Punkt „Studienform“ kannst du etwa gezielt nach Fernstudiengängen suchen.
www.studienwahl.de

KURSNET

Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Ausbildungen suchen; bei Interesse an Online-Kursen kannst du ein Häkchen bei „E-Learning“ setzen.
www.kursnet.arbeitsagentur.de

Hochschulforum Digitalisierung

www.hochschulforumdigitalisierung.de/de

Einige Anbieter von Fern- und Online-Studienformaten:

Fernuniversität Hagen

Einzige staatliche Fernuniversität Deutschlands
www.fernuni-hagen.de

Zentralstelle für Fernstudien an Fachhochschulen

www.zfh.de

Jade Hochschule

www.jade-hs.de/studium/weiterbildung/online-studium/

Virtuelle Hochschule Bayern

www.vhb.org

Virtueller Campus Rheinland-Pfalz

www.vcrp.de

Online-Studium der Hochschule Wismar

www.wings-fernstudium.de

 

Online-Studium an der Virtuellen Fachhochschule

Videokonferenz statt Vorlesung an der Uni

Nach der Arbeit heimkommen, Laptop an, Lernplattform öffnen, einloggen und Headset auf: So gestaltete sich Dunja Todorovics Alltag im Online-Studium. Die 29-Jährige hat berufsbegleitend Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Virtuellen Fachhochschule (VFH) studiert und seit März 2018 den Bachelor of Arts in der Tasche. abi>> berichtet sie von ihrem Studium.

Nach dem Abi hatte ich genug von der Theorie und habe deshalb eine Ausbildung zur Kauffrau für Versicherung und Finanzen absolviert. Nach drei Jahren im Beruf merkte ich aber, dass mir etwas fehlt. Den Job aufgeben wollte ich allerdings auch nicht, dafür arbeite ich viel zu gerne.

Da entdeckte ich das Online-Studium BWL an der Virtuellen Fachhochschule. Sie ist ein länderübergreifender Verbund mehrerer staatlicher Fachhochschulen, die ihr Studienangebot online anbieten. Das Studium ist so konzipiert, dass man es berufsbegleitend absolvieren kann. Es ist aufgeteilt nach 80 Prozent online und 20 Prozent Präsenz – genau das Richtige für mich. Besonders angesprochen hat mich, dass es sich um ein staatliches Angebot handelt und dass die Fachhochschule Kiel am Verbund beteiligt ist. Damals habe ich nämlich in Kiel gewohnt und musste mir nicht die Frage stellen „Studieren oder arbeiten?“, denn ich konnte beides tun.

Inhaltlich kein Unterschied zum Präsenzstudium

Ein Porträt-Foto von Dunja Todorovic

Dunja Todorovic

Foto: privat

Ich bewarb mich – wie jeder Präsenzstudierende auch – an der FH Kiel für einen der zulassungsbeschränkten Studienplätze. Zur Einschreibung mussten auch wir Online-Studierenden vor Ort erscheinen.

Danach gab es aber keine Präsenzpflicht mehr. Stattdessen habe ich mich regelmäßig abends auf der Lernplattform Moodle eingeloggt, das Headset aufgesetzt und Online-Skripte durchgearbeitet, animierte Powerpoint-Präsentationen angeschaut oder an Videokonferenzen mit Lehrenden der FH Kiel teilgenommen. Letztere fand ich am produktivsten: Meist gab es erst eine kurze Live-Präsentation vom Prof, danach ging es in die Diskussion. Wer wollte, konnte sich zusätzlich zum Ton mit einer Webcam zuschalten.

Übrigens: Wie ich alle Angebote nutzen kann, lernte ich zu Beginn des Studiums in einer Einführungswebkonferenz. Besondere IT-Kenntnisse werden nicht benötigt, allerdings durchaus eine schnelle Internetverbindung sowie ein Headset.

An den Wochenenden habe ich den Stoff dann weiter verinnerlicht. Alle Lernmaterialien sind 24 Stunden online verfügbar. Es gibt Links zu Youtube-Videos, Erklärgrafiken und vertiefenden Übungen. Teilweise hatten wir die Möglichkeit, unsere gelösten Aufgaben an die Professoren zu schicken, die sie dann korrigiert zurücksandten. Die Inhalte und die Module sind identisch zum Präsenzstudium, nur dass wir Online-Studierenden die freie Wahl hatten, wie viele Module wir in einem Semester belegen wollen und können. Auch die Klausuren am Ende eines Moduls waren größtenteils identisch. Für diese mussten wir vor Ort erscheinen und unseren Studierendenausweis vorlegen.

Gute Betreuung

Die meisten Präsenzveranstaltungen waren dagegen freiwillig; pro Modul fand jeweils eine statt – freitagabends oder samstags, meist im Block mit anderen Modulpräsenzen. Als Kielerin bin ich natürlich öfter erschienen als meine Kommilitonen aus Stuttgart und Co. Klar, dass der Kontakt untereinander deshalb nicht ganz so eng war. Das klassische Studentenleben mit Semesterpartys hatte ich nicht.

Dennoch: Man studiert nicht anonym. Es gibt ein Online-Forum, in dem sich die Studierenden austauschen, und die Dozierenden sind per E-Mail, Chat oder am Telefon gut zu erreichen, wenn es fachliche Fragen gibt. Auch die organisatorische Betreuung an der FH Kiel fand ich prima.

Mehrfachbelastung nur am Anfang ein Problem

Trotzdem gab es Phasen, in denen ich zweifelte, wenn es etwa in der Arbeit stressig war, die Inhalte einiger Module meilenweit vom Arbeitsalltag entfernt waren oder einfach privat etwas dazwischenkam. Gerade im ersten Jahr fiel es mir schwer, mich durchzubeißen.

Viel Unterstützung erhielt ich in dieser Zeit von den Professoren, meinen Mitstudierenden, aber auch durch Freunde und Familie. Nach einiger Zeit stellte sich bei mir ein persönlicher Lernrhythmus ein: Ich lernte nun wöchentlich statt geballt vor den Klausuren.

Das Online-Studium schließt übrigens auch mit einer Bachelorarbeit ab. Ich habe mich mit dem Thema Arbeit 4.0 befasst. Die Dozenten bieten zwar Gesprächstermine vor Ort an, sind aber auch offen dafür, Inhalt, Struktur und Vorgehen der Arbeit am Telefon, per E-Mail oder Skype durchzusprechen – alles ganz flexibel.

Den beruflichen Horizont erweitern

Die Kosten für ein Studium an der Virtuellen Fachhochschule empfand ich als überschaubar: Jedes der 30 Module kostet 78 Euro, wobei man zweimal kostenlos das Modul nachbuchen darf, sollte man die Klausur nicht geschrieben oder nicht bestanden haben. Dazu kommt der Semesterbeitrag, der für Online-Studierende aber günstiger ist als für Präsenzstudierende, da das Semesterticket entfällt. Wir Berufstätigen haben zudem den Vorteil, dass wir die Studiengebühren als Sonderausgaben in der Steuererklärung absetzen können und so anteilig erstattet bekommen.

Mir persönlich hat das Studium sehr dabei geholfen, meinen beruflichen Horizont zu erweitern. Gerade habe ich meinen Arbeitgeber gewechselt und arbeite nun im Bereich „Business Development“ bei Oncampus, einem E-Learning-Service-Provider. Jetzt möchte ich erst mal in meinem neuen Job ankommen, auch wenn es mich schon in den Fingern juckt, den Master gleich dranzuhängen – natürlich online!

Mehr Infos

Virtuelle Fachhochschule (VFH)

www.vfh.de

 

Massive Open Online Course (MOOC)

Online-Vorbereitung aufs Masterstudium

Wenn sich Felix Wiemann (23) im nächsten Semester für ein Masterstudium Informatik bewirbt, weiß er, dass er die Grundlagen dafür draufhat. Denn derzeit absolviert er einen Massive Open Online Course (MOOC) der Technischen Universität München (TUM). Der kostenlose Kurs bereitet ihn gezielt auf die Inhalte des Masterstudiums vor, wie er abi>> erzählt.

Der MOOC „Software Engineering Essentials“ ist nicht der erste Online-Kurs auf der Plattform edX, den ich mache – aber der erste, den ich höchstwahrscheinlich komplett durchziehen und mit einem Zertifikat erfolgreich abschließen werde.

Vor knapp zwei Jahren habe ich meinen Bachelor of Engineering an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Mannheim im Fach Allgemeine Mechatronik gemacht und seitdem im Bereich Robotik gearbeitet. Doch mir fehlten vertiefte Kenntnisse in der Informatik. Deshalb habe ich mich nach Möglichkeiten umgesehen, mir das Basiswissen anzueignen und dabei zu schauen, ob ein Masterstudium Informatik für mich infrage käme.

Mehr als ein reiner Orientierungskurs

Ein Porträt-Foto von Felix Wiemann

Felix Wiemann

Foto: privat

Auf der US-amerikanischen Online-Plattform edX bin ich dann fündig geworden. Ich legte dort ein Profil an und konnte gleich in die ersten Programmierkurse hineinschnuppern. Die meisten sind kostenlos, nur für das Zertifikat am Ende muss man je nach Kurs eine Standardgebühr zahlen. Für den Kurs der TUM sind das umgerechnet circa 45 Euro. Das Zertifikat muss man aber nicht machen.

Ich merkte an dem Kurs sofort, dass da ein renommierter Anbieter dahintersteckt. Die Inhalte passen genau zu meinem Wissensstand und sind spannend aufbereitet. Nach nur sechs Wochen gelangte ich bereits zum siebten von acht Abschnitten. Wenn alles gut läuft, habe ich das Zertifikat bald in der Tasche.

Schnelle Rückmeldung

Neben animierten Powerpoint-Präsentationen mit Sprechertext – mal mit, mal ohne Videobild – gibt es immer wieder Multiple-Choice-Zwischenfragen, Drag-and Drop-Tests und Übungen, in denen wir selbst etwas programmieren müssen. Die Ergebnisse werden automatisiert gecheckt, sodass man sofort Rückmeldung bekommt. Manche Aufgaben sind auch frei zu beantworten. Diese checkt dann ein Mitarbeiter der TUM.

Bei Rückfragen gibt es die Möglichkeit, über ein Chatsystem mit den anderen Kursteilnehmern oder den Dozierenden in Kontakt zu treten. Antworten bekommt man immer schnell. Die gesamte Kommunikation und der Kurs sind übrigens auf Englisch, weil Menschen weltweit teilnehmen können.

Zertifikatsgebühr als Motivator

Das Lernpensum für den Kurs der TUM liegt zwischen fünf und acht Stunden pro Modulabschnitt. Man kann selber entscheiden, wie lange man sich dafür Zeit nehmen möchte – eine Woche, einen Monat oder bis zu zwei Jahren. Doch genau da liegt meines Erachtens das Problem: Man kann die Inhalte vor sich herschieben und verliert dann das Interesse. Diese Erfahrung habe ich bei anderen MOOCs gemacht. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, mich früh für das Zertifikat anzumelden und die Gebühr zu bezahlen – das motiviert.

Für die Zertifikatsprüfung werde ich meine Identität nachweisen müssen. Dazu hält man einen Personalausweis in die Webcam am Computer. Ein System checkt, ob das Foto auf dem Ausweis mit dem Gesicht des Kursteilnehmers übereinstimmt. Dann kann’s losgehen: Für die Beantwortung der Fragen hat man zwei Stunden Zeit.

„Ich lerne für mich selbst“

Ich bin zuversichtlich, dass ich die Prüfung schaffe, mache das Zertifikat aber ohnehin nur für mich selbst. Es ist keine Voraussetzung für die Bewerbung um das Masterstudium an der TUM und wird mir – soweit ich weiß – nicht im Studium angerechnet. Doch da ich die Inhalte des MOOCs direkt anwenden kann und für ein späteres Studium wahrscheinlich brauchen werde, fällt mir das Lernen neben der Arbeit – abends, an den Feiertagen oder am Wochenende – nicht schwer.

Grundsätzlich könnte ich mir gut vorstellen, einen Teil des Masterstudiums rein virtuell durchzuziehen. Allerdings reizt mich auch das echte Studentenleben – das hatte ich bisher weder in meinem dualen Bachelor noch im MOOC.

Mehr Infos

„Software Engineering Essentials“-Kurs der Technischen Universität München (TUM)

www.edx.org/course/software-engineering-essentials

 

Blended Learning im dualen Studium

Allein lernen, zusammen vertiefen

Vier Wochen lernen Laura-Jean Meier (21) und Julia Wehner (24) allein zu Hause, bevor sie im Anschluss eine Woche Präsenzstudium an der Hochschule haben. Die beiden sind Sporttrainerinnen und studieren dual an der privaten Fachhochschule für Sport und Management Potsdam. Für abi >> haben sich die jungen Frauen über ihre Erfahrungen mit dem Blended-Learning-Modell ausgetauscht.

Julia Wehner: Durch das Blended-Learning-Konzept haben wir beide die Möglichkeit, Training, Wettkämpfe, Studium und Praxis unter einen Hut zu bekommen. Ich studiere dual „Sportmanagement“. Dafür arbeite ich 20 bis 25 Stunden pro Woche bei der Europäischen Sportakademie des Landes Brandenburg im Bereich Marketing und teile mir die restliche Zeit auf zwischen Online-Selbststudium und Training.

Laura-Jean Meier: Ich verbringe für meinen dualen Studiengang „Gesundheitsmanagement“ die Praxisphasen an der Beruflichen Schule für Sport und Soziales in Lindow und bin dort verantwortlich für die Planung und Durchführung der Gesundheitstage. Nach der Arbeit logge ich mich zum Lernen in einem Online-Lernzentrum ein. Das ist eine Plattform, auf die unsere Dozierenden die Lehr- und Lernmaterialien für die einzelnen Studienmodule hochladen.

Julia Wehner: Nach vier Wochen Online-Lernphase und Praxis vertiefen wir die gelernten Module in einer einwöchigen Vollzeit-Präsenzphase mit Unterricht in den Räumen der Fachhochschule. Ich bin mittlerweile im vierten Semester und kann sagen: Für mich geht das Konzept auf. Man kann sich seine Zeit individuell einteilen und Inhalte jederzeit selbstständig wiederholen.

Laura-Jean Meier: Dank der hohen Flexibilität ist das Konzept im Großen und Ganzen gut. Allerdings merke ich schon jetzt, in meinem zweiten Semester, dass mir meine Motivation manchmal Schwierigkeiten bereitet.

Ein Porträt-Foto von Laura-Jean Meiers und Julia Wehners

Laura-Jean Meiers und Julia Wehners

Foto: privat

Julia Wehner: Mir fallen die Online-Arbeitsphasen an sich leicht. Aber klar, auch ich schiebe oft die Aufgaben bis zum letzten Tag hinaus. Viele Online-Lernmodule schließen mit einer Lernkontrolle ab. So wird sichergestellt, dass wir mit dem notwendigen Wissen in die einwöchige Präsenzphase gehen. Einige Dozierende schreiben auch eine kurze Lernkontrolle zu Beginn der Präsenzphase. So oder so: Alles, was wir im Online-Lernzentrum machen, ist für die Dozenten nachvollziehbar.

Laura-Jean Meier: Das ist auch gut, denn so behalten sie unseren Lernerfolg im Blick und können bei Schwierigkeiten während der Präsenzphase daran anknüpfen. Außerdem können wir auch in den Online-Phasen bei Fragen jederzeit mit ihnen in Kontakt treten. Das mache ich persönlich aber eher selten. Die Inhalte sind sehr gut erklärt, und wenn doch noch etwas unklar ist, reicht es meist, in der kommenden Präsenzphase nachzufragen. Hilfreich finde ich, dass ganz verschiedene Online-Medien zum Einsatz kommen: Videos, Audio-Vorlesungen …

Julia Wehner: … und Skripte, Texte und Literaturhinweise. Bei manchen Modulen gibt es auch Quizze. Außerdem hat man die Möglichkeit, sich mit Kommilitonen über ein Forum auszutauschen. Die Online-Kurse werden übrigens Schritt für Schritt für jedes Modul separat freigeschaltet, sodass man immer einen Überblick darüber hat, welche Inhalte in welcher Phase relevant sind.

Laura-Jean Meier: Ja, das Online-Lernzentrum gibt einem eine gute Orientierung. Jedes Modul hat seinen eigenen Abschnitt auf der Plattform. Allerdings braucht man schon ein bisschen, um sich ins System einzufuchsen.

Julia Wehner: Ich hatte keine Probleme, damit klarzukommen, da ich bereits vorher mit dem System Moodle gearbeitet hatte. Ich lerne aber nicht nur am Computer: Wichtige Skripte drucke ich mir aus, um mir weitere Notizen zu machen. Außerdem lese ich mehrseitige Texte lieber auf Papier als am Laptop.

Laura-Jean Meier: Das mache ich auch so. Ich kann deshalb gar nicht genau sagen, wie lange ich pro Modul am Rechner sitze. Das ist ganz unterschiedlich.

Julia Wehner: Das ist ja das Gute am Konzept: Wann und wie oft ich online gehe, liegt ganz in meiner Hand. Nicht so gut ist, dass die Abgabetermine alle an das Ende der Online-Phase gesetzt werden. Besser wäre es, wenn die Termine über die vier Wochen verteilt werden, sodass man erst gar nicht in Versuchung gerät, alles bis zum Schluss hinauszuzögern.

Laura-Jean Meier: Ja, es braucht schon viel Eigenmotivation, Disziplin und Durchhaltevermögen, sonst kommt man sehr schnell vom Weg ab. Wichtig ist, dass man sich immer wieder bewusst wird, wofür man das alles macht!

Julia Wehner: Genau, schließlich hat man am Ende den Bachelor of Arts und gegebenenfalls auch noch den IHK-Abschluss Sportkauffrau in der Tasche.

 

Neue Studienformen: Alles total digital? – Interview

Grundlagen schaffen per Video

Politik und Wirtschaft treiben die Digitalisierung der Hochschullehre voran. Aber erzielen digitale Lehrmethoden auch gute Ergebnisse? Darüber hat sich abi>> mit Jörn Loviscach unterhalten, Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik an der Fachhochschule Bielefeld. Er hat als einer der ersten Dozenten in Deutschland Online-Elemente in seinen Unterricht eingebaut und stellt mittlerweile mehr als 3.000 Lernvideos für Nutzer weltweit zur Verfügung.

abi>> Herr Loviscach, was kann ein Online-Lernvideo, was ein Dozent live vor Ort nicht kann?

Jörn Loviscach: Ein Video kann angehalten und immer wieder angeschaut werden. Ich hätte nicht die Geduld, mich so oft zu wiederholen (lacht). Aber Vorsicht! Es geht nicht um das Medium, sondern darum, dass die Videos mir als Dozenten Luft verschaffen. Ich bin nicht mehr verpflichtet, zum hundertsten Mal die Grundlagen zu erzählen, sondern kann die gemeinsame Zeit mit den Studierenden besser nutzen.

abi>> Die Grundlagen könnten sich die Studierenden aber auch mit einem Lehrbuch aneignen …

Ein Porträt-Foto von Jörn Loviscach

Jörn Loviscach

Foto: privat

Jörn Loviscach: Aber wer macht das heute noch? Übrigens schauen sich auch nicht alle die Videos an. Die Studierenden sind generell nicht mit Grundlagen abzuholen, sondern auf die Prüfung fixiert. Ich stelle die Videos online bereit, und die Studierenden lösen dann im Hörsaal und von mir begleitet bisherige Prüfungsaufgaben. Dadurch bin ich mir der Aufmerksamkeit gewiss und kann Missverständnisse bei den Grundlagen geraderücken, indem ich herumgehe und mit den Studierenden rede.

abi>> Also doch nicht alles total digital?

Jörn Loviscach: Die Möglichkeiten, die sich durch die Technik ergeben, sind sehr spannend. Mit fotorealistischen Avataren kann ich zum Beispiel einen virtuellen Seminarraum schaffen für alle, die lange Anfahrtswege haben oder berufsbegleitend studieren. Allerdings ist die Technik noch längst nicht ohne Umstände benutzbar. Schon die einfachen Videokonferenz-Tools sind sperrig. Ich erlebe immer wieder internationale Projektbesprechungen, in denen viel Zeit vergeht, bis die Sitzung endlich ins Rollen kommt. Da nutze ich die derzeitigen Möglichkeiten lieber pragmatisch. Aufzeichnung, Bereitstellung und Nutzung der Videos gelingen ohne Probleme, und die Studierenden haben das Gefühl, dass sie etwas lernen.

abi>> Die Studierenden haben nur das Gefühl, etwas zu lernen?

Jörn Loviscach: Tja, die Frage ist tatsächlich, ob man etwas lernt, indem man es sich nur anschaut. Das könnte bloß eine Illusion sein. Mittlerweile bin ich da auch realistischer: Es profitieren vor allem die Studierenden, die wahrscheinlich auch mit Lehrbüchern klarkämen. Alle anderen muss man mit Aufgaben zum Nachdenken bringen und dazu, dass sie ihre Gedanken zu Papier bringen – oder auf dem Tablet-PC, obwohl man sich dort mit der grafischen Gestaltung verzetteln oder in einen Chat abdriften kann.

abi>> Wie bereiten Sie den Stoff in Ihren Videos auf?

Jörn Loviscach: Ich schreibe und zeichne mit dem elektronischen Stift auf einem Tablet-PC und kommentiere das aus dem Bauch heraus. Die meisten meiner Videos entstehen live im Seminarraum. Die anwesenden Studierenden arbeiten mit. Ich unterbreche die Aufnahme immer wieder, um herumzugehen, und kann dann im Video auf Ideen und Probleme reagieren.

abi>> Werden Sie weiterhin Lernvideos produzieren?

Jörn Loviscach: Auf jeden Fall. Im vergangenen Semester habe ich pausiert, um meine Software auf Vordermann zu bringen, aber im laufenden Semester sind schon wieder viele Videos entstanden. Ich picke mir interessante Aspekte meiner aktuellen Veranstaltungen heraus und nehme immer wieder mal eine Viertelstunde auf. Vielleicht lerne ich selbst dabei am meisten: Es ist eine Herausforderung, etwas anschaulich und dennoch sauber zu erklären.

Mehr Infos

Online-Videos von Professor Jörn Loviscach

www.j3l7h.de


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Stand: 21.09.2019