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Bologna – mehr als Bachelor und Master

Zu sehen ist eine Studentin in einem großen Hörsaal.
15 Jahre nach Bologna: Konnten die gesetzten Ziele der Europäischen Studienreform erreicht werden?
Foto: Ria Kipfmüller

Stand der Europäischen Studienreform: Interview

Bologna – mehr als Bachelor und Master

Bologna ist …? Eine Stadt in Italien natürlich – und gleichzeitig Schlüsselwort einer umfassenden Reform, die vor 15 Jahren begonnen und einen gemeinsamen Europäischen Hochschulraum zum Ziel hat. Wie ist der aktuelle Stand? abi» fragte nach bei Dr. Peter Zervakis, der die Bologna-Projekte der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mehrere Jahre lang betreut hat.

abi>> Herr Dr. Zervakis, was ist die größte Veränderung, die Bologna und die Europäische Studienreform gebracht haben?

Peter Zervakis: Bologna hat das Nachdenken über Studienqualität und die Bereitschaft für eine ständige Verbesserung von Studium und Lehre angestoßen.

abi>> Ging es nicht um die Umstellung von Diplom und Magister auf Bachelor und Master, um die Einführung von Credit Points?

Peter Zervakis: Das sind die Werkzeuge zur Umsetzung der Europäischen Studienreform. Lehrende, Studierende und die bildungspolitisch interessierte Öffentlichkeit diskutieren jedoch so intensiv wie nie zuvor über Wert und Inhalt eines Studiums, die „Studierbarkeit“, die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt. Die formelle Strukturreform ist in Deutschland abgeschlossen.

abi>> Können Sie ein Fazit ziehen?

Peter Zervakis: Die Arbeitgeber sind mit den Bachelorabsolventen im Großen und Ganzen zufrieden und eröffnen ihnen vielfältige Karrierewege. Im Masterstudium werden traditionelle Grenzen von Fächerkulturen überschritten, Interdisziplinarität und Internationalität bereiten auf die Übernahme von mehr Verantwortung vor. Dafür verdienen die Hochschulen ein Lob.

abi>> Wie sieht Ihr Fazit aus Sicht heutiger Studierender aus?

Peter Zervakis steht vor einem Bücherregal. Er trägt ein Jacket mit Fischgratmuster, einen schwarzen Pullunder und eine grüngestreifte Krawatte. Er hat braunes, gescheiteltes Haar, eine randlose Brille und lächelt in die Kamera.

Dr. Peter Zervakis

Foto: HRK

Peter Zervakis: Die Europäische Studienreform hat mit ihrer Forderung, die Studierenden in den Mittelpunkt zu stellen, einen Mentalitätswandel ausgelöst: Statt der bloßen Wiedergabe auswendig gelernter Fachinhalte stellt sie die Förderung der Kompetenzen der Studierenden in den Mittelpunkt der aktivierenden Lehre, mit denen Wissen methodisch hinterfragt und in Projekten weiterentwickelt werden kann. Studierende sollen neue Probleme erkennen, am konkreten Beispiel Lösungswege aufzeigen und ihre Ergebnisse nach außen vermitteln können.

abi>> 2009 protestierten europaweit mehr als 200.000 Studierende gegen Verschulung, gegen übermäßig viel Stoff und großen Prüfungsdruck …

Peter Zervakis: In der Tat ist in der ersten Phase der Umstellung der Studiengänge einiges übertrieben worden, weil man keine Erfahrungen hatte. Vor allem in technischen Fächern ist der Stoff manchmal eins zu eins vom langen Diplomstudiengang auf das kürzere Bachelorprogramm übertragen worden. Heute werden Gestaltungsspielräume besser genutzt, Beratung und Mentoring bieten schon am Studienanfang bessere Orientierung und die Prüfungsordnungen sind soweit flexibilisiert worden, dass fast überall ein Studieren in Teilzeit möglich ist. Das kommt bei den Studierenden gut an, wie aktuelle Befragungen zeigen. Deswegen sollte vor allem die Betreuung weiter intensiviert werden.

abi>> Alles in Butter also?

Peter Zervakis: Veränderungen in Bildungsprozessen brauchen lange, bis sie in der Fläche Wirkungen zeigen. Eine Baustelle, die weiter besteht, ist die konsequente Orientierung auf Lernergebnisse. In den Handbüchern ist sie ausformuliert – aber es gibt Professoren, die in ihrer BWL-Vorlesung 1.000 Studierende sitzen haben. Wie können sie es schaffen, nicht ins Dozieren zu verfallen, sondern die Studierenden in ein Fachgespräch zu verwickeln? Dafür gibt es gute, prämierte Beispiele: mehr forschende Fragen stellen, mehr digitale Interaktivität wagen. Aber das ist aufwändig und Professoren brauchen auch Zeit für die Forschung.

abi>> Ein großes Ziel von Bologna war, einen früheren Berufseinstieg zu ermöglichen.

Peter Zervakis: Vielfach wird von den Hochschulen eine „gehobene Berufsausbildung“ erwartet. Das ist ein Missverständnis. Es geht vielmehr darum, die Beschäftigungsbefähigung der Hochschulabsolventen zu stärken: Sie sollen erfolgreich in vielen Berufsfeldern tätig werden, gerade auch in solchen, auf die sie im Studium nicht gezielt vorbereitet wurden. Vor allem aber sollen die Studierenden lernen, wie sie sich Wissen selbst erarbeiten. Die Passung an den Beruf, das muss die Wirtschaft leisten, zum Beispiel über entsprechende Trainee-Programme.

abi>> Auch eine stärkere internationale Mobilität war ein großes Thema. Wie hat sie sich entwickelt?

Peter Zervakis: Der Anteil studienbezogener Auslandsaufenthalte im Erststudium lag 2012 bei circa 30 Prozent. Am Erasmus+-Programm hat sich die deutsche Beteiligung seit Bologna sogar mehr als verdoppelt. Allerdings sind die Aufenthalte eher kürzer geworden und haben vor allem im Master zugenommen. Mit der Mobilität ist auch der Wunsch nach Anerkennung der Studienleistungen gewachsen. Da sind unsere Hochschulen auf einem guten Weg.

abi>> Versprochen hatte die Reform auch eine größere Vergleichbarkeit von Studiengängen und -abschlüssen. Doch heute gibt es tausende neue Studiengänge und große Verwirrung.

Peter Zervakis: Aus Profilbildungs-Gründen sowie als Reaktion auf Arbeitsmarktbedürfnisse bieten viele Hochschulen Studiengänge an, die unterschiedlich heißen – aber nach ihren Lernergebnissen vergleichbar sind. Das ist nicht weiter dramatisch. Frühzeitige Information hilft bei der Orientierung. Die Vielfalt der Angebote fördert Innovationen, aber sie ist auch eine Herausforderung für Studieninteressierte. Und bei der Akkreditierung muss darauf geachtet werden, dass die Inhalte nicht zu eng geführt werden und Absolventen genügend Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

abi>> Der Bologna-Prozess wird fortgeführt. Was soll in den nächsten Jahren erreicht werden?

Peter Zervakis: Aufgrund der Bedeutung, die ein gelungener Übergang in die Hochschulen für den individuellen Studienerfolg mit sich bringt, wird uns die Studieneingangsphase noch mehr als bisher beschäftigen: Wie können Studierende mit unterschiedlichen Bildungsbiographien sich besser im Studium orientieren und erfolgreicher studieren? Wie schaffen wir gelungene Übergänge im Sinne von „kein Abschluss ohne Anschluss“? Und immer wieder das Thema Mobilität: Wie können Studien- und Prüfungsleistungen aus anderen Hochschulen im Ausland, aber auch im Inland transparent und nachvollziehbar anerkannt werden? Die Erfahrungen der Lehramtsstudierenden beispielsweise sind abschreckend – schon weil 16 Bundesländer sehr unterschiedliche Vorgaben machen.

abi>> Wie wird die Hochschullandschaft 2030 aussehen?

Peter Zervakis: Ich bin Optimist. Wir werden auch als Folge von Bologna eine durchlässige, weltoffene und vielfältige Hochschullandschaft erleben mit intensivem Austausch von Lehrenden und Studierenden in gemeinsamen internationalen Studienprogrammen. Das Studium wird zu einem Baustein der Karriere, die ein Berufsleben lang von wissenschaftlicher Weiterbildung begleitet wird. Die sich ständig wandelnde Wissensgesellschaft wird das verlangen.

abi>> 14.01.2016