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Praxiserfahrungen sinnvoll nutzen

Auf dem Foto ist eine Regalwand mit Ordnern in einem Büro zu sehen. Eine Mitarbeiterin mit einem Ordner unterm Arm ist schemenhaft zu erkennen.
Ob freiwilliges Praktikum, Vorpraktikum vor dem Studium oder Pflichtpraktikum im Studium: Wichtig ist, das man praktische Erfahrungen sammelt.
Foto: Hoenninger

Praktikum - mehr als eine Pflicht

Praxiserfahrungen sinnvoll nutzen

Ob als Vorpraktikum, Pflichtpraktikum oder freiwilliges Praktikum im Studium, ob im Inland oder Ausland - Erfahrungen in der Berufswelt haben viele Vorteile. Sie dienen der Orientierung, zeigen, was man mit dem theoretischen Wissen machen kann, und helfen beim Berufseinstieg. abi>> zeigt, welche verschiedenen Arten von Praktika es gibt und wie man passende Praktika finden kann.

Dass sie derart viele neue Erfahrungen machen kann, hätte sich Franziska Ziegan vor einigen Semestern noch nicht träumen lassen. Die 24-Jährige studiert an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin „Business Administration“. Im Rahmen ihres Bachelorstudienganges ist im sechsten Semester ein sechsmonatiges Praktikum obligatorisch, das sie bei der BMW Group in München im Entwicklungskostencontrolling absolviert hat. In diesem Unternehmensbereich werden die Kosten für die Entwicklung neuer Produkte geplant und gesteuert. Zu den Aufgaben von Franziska Ziegan gehörte die Mitarbeit bei der Budgetplanung.

Franaziska Ziegan hat rote, lockige Haare.

Franziska Ziegan

Foto: Privat

„Schon das Auswahlverfahren war sehr professionell, sodass ich mit einem guten Gefühl ins Praktikum gestartet bin“, erzählt die Studentin begeistert. „Ich habe erfahren, wie es ist, in einem großen Konzern zu arbeiten und täglich mit unterschiedlichen Kolleginnen und Kollegen umzugehen. Man lernt, seinen Standpunkt zu vertreten und sich einzubringen.“ Doch damit nicht genug: Franziska Ziegan konnte Präsentationen vorbereiten, an Meetings teilnehmen und Informationen aus anderen Abteilungen einholen. Zudem hat sie während des Praktikums Routine im Umgang mit den gängigen Office-Programmen entwickelt. „Der Bereich Automobile war ganz neu für mich und ich habe mir viel erklären lassen.“ Da sie ihre Bachelorarbeit gern in einem Unternehmen schreiben wollte, hat sie bei der BMW Motorrad in Berlin nach ihrer Zeit in München noch ein freiwilliges Praktikum im Bereich Werkscontrolling und Produktkalkulation angehängt. In ihrer Bachelorarbeit wird sie sich mit einem besonderen Aspekt des Beschaffungscontrollings befassen. „Es hat alles super gepasst“, freut sie sich.

Praktikum ist nicht gleich Praktikum

Eine Vernetzung von Theorie und Praxis bringt viele Vorteile mit sich. Während eines Praktikums kann man die Arbeitswelt kennenlernen, Soft-Skills wie Teamfähigkeit trainieren und sich beruflich orientieren. Darüber hinaus helfen Praktika, Kontakte zu knüpfen, die für den späteren Berufseinstieg nützlich sind. Doch Praktikum ist nicht gleich Praktikum. Rund ums Studium kann man in erster Linie zwischen drei Arten von Praktika unterscheiden: Vorpraktika, Pflichtpraktika und freiwillige Praktika.

In einigen Studiengängen sind sogenannte Vorpraktika Pflicht, die in der Regel vor Studienbeginn absolviert werden müssen. Vorwiegend sind sie in sozialen Studiengängen wie Soziale Arbeit, in Designstudiengängen und in ingenieurwissenschaftlichen Fächern vorgesehen. In den Ingenieurwissenschaften etwa wird ein Vorpraktikum verlangt, um ein Grundverständnis für Materialien und Verarbeitungsprozesse zu entwickeln. „Dieses Basiswissen braucht man, um die Produktionsprozesse zu verstehen, mit denen man sich im Studium auf eher abstrakter Ebene befasst“, erklärt Bianca Schulz, Studienberaterin an der Universität und Hochschule Osnabrück. Vorpraktika dauern in der Regel zwischen sechs Wochen und drei Monaten, können aber in manchen Studiengängen bis zu einem Jahr dauern, etwa im Bereich Landwirtschaft aufgrund der langen Wachstumszyklen der Pflanzen.

Bei Pflichtpraktika im Studium handelt es sich um bestimmte Zeiträume, in denen vorgesehen ist, dass die Studierenden Praxisphasen in Unternehmen oder in anderen Einrichtungen absolvieren. Insbesondere in Studiengängen an Fachhochschulen sind solche Praxisphasen (meist ein Semester) ein fester Bestandteil des Studiums. Aber auch in einigen Studiengängen an Universitäten sind Praktika beziehungsweise Praxisphasen vorgeschrieben, etwa in Medizin oder im Lehramtsstudium. Daneben besteht natürlich die Möglichkeit, freiwillig Praktika in den Semesterferien zu machen, um Branchen, berufliche Optionen, verschiedene Tätigkeiten und Unternehmen kennenzulernen und sich beruflich genauer zu orientieren.

Das richtige Praktikum finden

Doch wie finde ich das passende Praktikum für mich? „Wenn Studierende ein freiwilliges Praktikum absolvieren wollen, sollten sie sich zunächst genau überlegen, was sie damit erreichen möchten“, erklärt Dr. Klaus Wienecke, Berufsberater bei der Agentur für Arbeit Hannover. „Wollen sie sich beruflich orientieren? Wollen sie in der Praxis testen, welcher Studienschwerpunkt für sie in Frage kommt? Wollen sie einen bestimmten Arbeitgeber kennenlernen?“ In einem zweiten Schritt geht es dann darum, die eigenen Interessen auszuloten: „Da gilt es Fragen zu klären, wie: In welche Branche möchte ich? Welche Tätigkeiten sagen mir zu? Welche Betriebe kommen in Frage? Will ich im Inland bleiben oder ins Ausland gehen?“ Praktikumsstellen lassen sich in Online-Jobbörsen recherchieren, etwa der JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit oder der Praktikumsbörse des Portals Studien- und Berufswahl (http://www.studienwahl.de), aber auch auf Berufsmessen, auf denen man Unternehmen direkt ansprechen kann. „Handelt es sich um Pflichtpraktika, müssen sich Studierende natürlich grundsätzlich an der Praktikumsordnung des jeweiligen Studiengangs orientieren“, sagt Berufsberater Wienecke. „Aber im Rahmen der Freiheiten, die es auch dort gibt, sollten sie sich genauso überlegen, welcher Bereich, welcher Betrieb sie interessiert.“

Klaus Wienecke hat kurze Haare, trägt ein dunkelblaues Sakko über einem gestreiften Hemd sowie eine Brille.

Dr. Klaus Wienecke, Arbeitsagentur Hannover

Foto: Arbeitsagentur Hannover

Dr. Klaus Wienecke plädiert dafür, schon vor Beginn des Studiums Praxiserfahrungen in dem Beruf zu sammeln, in dem man später arbeiten möchte, und sich auch während des Studiums zu engagieren – selbst wenn es im Studienplan nicht vorgeschrieben ist. „In jedem Studium kann eine Durststrecke auftreten. Praxiserfahrungen stellen einen Motivationsschub dar, um solche Zeiten zu überwinden, etwa wenn die Studieninhalte lange Zeit sehr theoretisch sind. Wer auf diese Weise vorgeht, kann freiwillige und verpflichtende Praktika während des Studiums auch spezifischer auswählen“, erklärt der Berufsberater. Besonders für Geisteswissenschaftler, deren Arbeitsfelder nicht genau definiert sind, sind praktische Erfahrungen ratsam, um ein Berufsprofil zu entwickeln. „Immer wieder in den Semesterferien Praxisluft zu schnuppern, trägt zur Orientierung bei, um herauszufinden, in welchen Bereichen man nach dem Abschluss einsteigen möchte.“

Die Option, für ein Praktikum ins Ausland zu gehen, sollten auch Studierende in Betracht ziehen, bei denen das nicht explizit vorgeschrieben ist: „In vielen Fremdsprachen-Studiengängen ist ein Auslandspraktikum oder -semester Pflicht. Aber auch für Studierende, die später für internationale Unternehmen arbeiten möchten, sind sie von Vorteil, da sie zur interkulturellen Kompetenz beitragen“, sagt Studienberaterin Schulz. Mit der Initiative „We Mean Business“ will etwa die Europäische Kommission Unternehmen dazu animieren, künftig mehr Praktikumsplätze zu schaffen, und insbesondere deren Bewusstsein für den Nutzen internationaler Praktika stärken. Im Zeitraum 2012 bis 2013 plant die Kommission, Finanzmittel für europaweit insgesamt 280.000 Praktika im Rahmen ihrer Programme ERASMUS und Leonardo da Vinci für Studierende und Auszubildende bereitzustellen (zum Thema Stipendien für Praktika siehe auch den Artikel „Auf der sicheren Seite“).

Pluspunkt für den Berufseinstieg

Wer Praktika absolviert hat, kann damit in der Regel auch beim Karrierestart punkten. „Solche Absolventen haben Interesse gezeigt und gehen nicht naiv in den Beruf“, weiß Berufsberater Wienecke. „Außerdem haftet ihnen bereits die ‚Duftmarke der Branche‘ an.“ Bianca Schulz ergänzt: „Im Einzelfall kann es sogar sinnvoll sein, zugunsten praktischer Erfahrungen das Studium um ein Semester zu verlängern. Arbeitgeber orientieren sich nicht nur an guten Abschlussnoten, sondern auch an praktischen Erfahrungen und vorhandenen Referenzen. Viele Stellen werden informell vergeben. Durch Praktika kann man Kontakte aufbauen und beispielsweise ein Thema für die Abschlussarbeit finden, das für ein Unternehmen interessant ist.“

Einige Absolventen nutzen Praktika auch nach dem Studium, um Erfahrungen zu sammeln oder die Zeit bis zum ersten festen Job zu überbrücken. Die aktuelle, 2011 veröffentlichte Studie „Hochschulabschlüsse im Umbruch“ des Hochschul-Informations-System (HIS) belegt, dass den meisten Absolventen der Einstieg in den Arbeitsmarkt gut gelingt. Für Absolventen der MINT-Studiengänge beispielsweise stellen Praktika nach dem Studium die absolute Ausnahme dar. Anders sieht es bei Absolventen der Sprach-, Kultur-, Sozial- und Politikwissenschaften aus: Da in diesen Fächern nur ein geringer Berufsbezug besteht und der Arbeitsmarkt im Vergleich zu den Absolventenzahlen klein ist, werden nach dem Studium häufiger noch Praktika absolviert. Dass sich daraus sogenannte Praktikantenkarrieren ergeben, ist laut HIS-Studie jedoch nicht zu erkennen.

abi>> 11.06.2012