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Über Umwege zum Ziel

Eine junge Frau steht mit einem Physikbuch in der Hand in einem Park.
Vor allem in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen liegt die Studienabbruchquote oftmals bei 40 Prozent oder höher. Ein geordneter Abbruch oder Wechsel kann aus der negativen Erfahrung die Chance auf einen erfolgreicheren Weg sein.
Foto: Katharina Kemme

Studienum- und -ausstieg

Über Umwege zum Ziel

Nicht immer läuft alles wie geplant – fast 30 Prozent der deutschen Studierenden entscheiden sich, ihr Studium abzubrechen. Gründe dafür gibt es viele. Experten beruhigen: Ein Studienabbruch muss kein Makel darstellen, sondern kann mit guter Beratung die Chance auf einen Neustart sein.

Die Zweifel wurden immer stärker. Ob sie sich wirklich für das richtige Studium entschieden hatte? Mittlerweile steht für Nina* fest: „Nein, ich möchte mein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens nicht weitermachen. Mich interessiert es nicht so sehr, als dass ich mich für den Rest meines Lebens mit diesen Themen beschäftigen möchte“, sagt die 19-Jährige. Derzeit studiert sie an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften im dritten Semester, möchte das Studium nun aber beenden.

„Mir gefallen in meinem Studiengang die Aspekte Biologie und Chemie gut, vielleicht wäre das eine Alternative für ein anderes Bachelorstudium“, sagt Nina. Da sie aber noch unsicher ist, welches Studium gut zu ihr passt, will sie sich noch etwas Zeit lassen: „Eventuell nehme ich mir ein Jahr frei und mache ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Praktika, um den Kopf frei zu bekommen. Dann kann ich in Ruhe herauszufinden, was ich möchte.“

Viele brechen in den ersten drei Semestern ab

So wie Nina geht es vielen Studierenden. Allein die Studienabbruchquote im Bachelorstudium liegt seit Längerem bei rund 30 Prozent, wie das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) ermittelt hat. „Vor allem in den ersten drei Semestern entscheiden sich viele, ihr Studium abzubrechen“, sagt DZHW-Projektleiter Ulrich Heublein.

Es gebe dabei gravierende Unterschiede zwischen verschiedenen Fächergruppen: Während in Humanmedizin nur wenige aufhörten, liege die Abbruchquote in einigen natur- und ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen bei mehr als 40 Prozent. „Das liegt vor allem daran, dass die Anforderungen in den Natur- und Ingenieurwissenschaften gleich zu Studienbeginn sehr hoch sind und viele Abiturienten diese mit ihrem Schulwissen nicht erfüllen können.“ Weitere Gründe für einen Abbruch seien finanzielle Probleme sowie die Erkenntnis, dass das gewählte Fach doch nicht zu einem passt oder man falsche Vorstellungen von dem Studium hatte. (siehe auch „Strategien für Studienzweifler“)

Der Experte schlägt daher eine engere Zusammenarbeit von Schulen und Hochschulen vor, um den Übergang ins Studium zu erleichtern: „Zum einen müsste sich die Abstimmung zwischen schulischer Wissens- und Fähigkeitsvermittlung mit den Anforderungen beim Studieneinstieg verbessern. Zum anderen aber sollten die Hochschulen den Studierenden gleich zu Beginn eine angemessene Unterstützung bieten, zum Beispiel durch Mentorenprogramme oder Zusatzangebote.“ Wichtig wäre darüber hinaus, dass Abiturienten schon früh einen guten Einblick ins Hochschulleben erhalten, etwa durch Probestudien oder den Zugang zu den Hochschullaboren. „So können sie besser einschätzen, ob das jeweilige Studium etwas für sie ist“, sagt Ulrich Heublein.

Stellt sich erst an der Hochschule heraus, dass die Entscheidung falsch war, bricht dennoch nicht jeder sein Studium auch ab: Wie die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2012 ergab, wechselten 17 Prozent der Studierenden im Erststudium ihr Fach.

Schon vorab gut die Ziele überlegen

Damit es gar nicht erst zum Studienwechsel oder -abbruch kommt, raten Experten, sich schon vor dem Einschreiben intensiv Gedanken zu machen. „Man sollte nicht nur studieren oder sich für ein Fach entscheiden, weil die Eltern das gut finden oder Freunde das auch machen“, betont Studien- und Berufsberaterin Inés Lampe von der Agentur für Arbeit Braunschweig. Stattdessen müsse jeder selbst herausfinden, was einen so sehr interessiert und motiviert, dass man sich vorstellen kann, in diesem Bereich auch langfristig zu arbeiten.

Ein Porträt-Foto von Inés Lampe

Inés Lampe

Foto: privat

Was kann ich gut? Welchen Beruf würde ich später gerne ausüben? Passt das zu mir und meinen Fähigkeiten? Fragen wie diese sollte man sich ehrlich beantworten. Auch ein Praktikum kann sinnvoll sein, um ein Berufsfeld besser kennenzulernen. Wer sich zunächst einen Überblick über seine Möglichkeiten verschaffen möchte, sollte die Studien- und Berufsberatung einer Agentur für Arbeit nutzen. „Wir können gemeinsam klären, welche Studienfächer oder Hochschulen passen, ob eine andere Hochschulart eine gute Alternative wäre oder man sich möglicherweise für eine Ausbildung oder ein duales Studium entscheiden möchte“, sagt Inés Lampe.

Reinschnuppern und genau informieren

Steht der Entschluss für ein Studienfach fest, sollte man im nächsten Schritt klären, ob das ausgewählte Studium tatsächlich das richtige für einen ist. „Dabei können vorab Studieninformationstage der Hochschulen helfen, bei denen man mehr zu einzelnen Fächern erfährt“, empfiehlt die Beraterin.

„Außerdem rate ich, sich auf den Internetseiten der Hochschulen die Modulhandbücher durchzulesen.“ Dort steht detailliert, welche Vorlesungs- und Seminarinhalte zu einem Studium an einer bestimmten Hochschule gehören. „Manchmal merkt man dann schon, dass das nicht das ist, was man erwartet hat.“ Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie das Studium sein könnte, kann man sich auch mal in eine oder mehrere Vorlesungen an einer Hochschule setzen, schlägt Inés Lampe vor: „Manche Hochschulen haben auch Extra-Programme für Schnupperstudien.“

Frühzeitig Hilfe und Beratung suchen

Trotz dieser Vorbereitungen kann es passieren, dass man ein Studium beginnt und es doch vorzeitig wieder beenden möchte. Expertin Inés Lampe empfiehlt für diesen Fall, ernste Zweifel nicht lange vor sich herzuschieben. „Keiner sollte sich in die Uni quälen. Besser ist es, sich frühzeitig Hilfe zu suchen und nach Alternativen umzuschauen.“ (siehe auch „Eine Ausbildung als Alternative“)

Eine Fachstudienberatung etwa kann Fragen zum eigenen Fach beantworten. Möglicherweise sind ja nur die ersten Semester so theorielastig oder lernintensiv. Die Zentrale Studienberatung (ZSB) hingegen kann erklären, was ein Studien- oder Hochschulwechsel bedeuten würde, während die psychologische Beratungsstelle der Hochschule bei persönlichen Schwierigkeiten wie dem Lernverhalten, der Arbeitsorganisation und in Krisensituationen hilft. (siehe auch „Hilfe beim Neustart“)

Hinzu kommen finanzielle und rechtliche Fragen. Wer BAföG erhält, muss sich informieren, bis zu welchem Fachsemester ein Studienwechsel akzeptiert ist, damit die Unterstützung weiterläuft. Kindergeld bekommt man in der Regel bis zum 25. Lebensjahr, wenn man eine Ausbildung oder ein Studium absolviert. „Möchte man sich aber zunächst einmal eine Auszeit gönnen und ein Jahr um die Welt reisen, sollte man sich rechtzeitig bei allen relevanten Stellen wie zum Beispiel der Kindergeldstelle über mögliche finanzielle Konsequenzen informieren“, rät Fachfrau Inés Lampe.

Kein Makel, sondern eine Chance

So unsicher die gesamte Situation auch ist: Verzweifeln sollte niemand. „Viele fühlen sich in dieser Lage als Versager“, berichtet Inés Lampe aus ihrer langjährigen Erfahrung. Jedoch sollte man sich auch klarmachen, was man bereits alles geleistet hat. Gerade in den ersten Semestern kommt schließlich enorm viel Neues auf einen zu, vieles davon meistert man problemlos. „Außerdem ist ein Studienwechsel oder -abbruch kein Makel“, betont Inés Lampe. (siehe auch „Stärke zeigen mit Mut zur Veränderung“) „So etwas passiert vielen. Etliche Lebenswege haben Umwege, die die Menschen zu interessanten und erfahrenen Persönlichkeiten formen.“ (siehe auch „Prominente Studienabbrecher“)

Außerdem gibt es mehrere Förderprogramme für Studienaussteiger, darunter das Internetportal „studienabbruch-und-dann.de“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). „Das BMBF fördert eine ganze Reihe von Maßnahmen, um die Zahl der Studienabbrecher zu senken und um Angebote für eine andere Form der Ausbildung zu machen“, erklärt eine Sprecherin des Ministeriums. Denn ein Studienabbruch sei für jeden Einzelnen ein großer Einschnitt und nicht wünschenswert. „Um die Abbruchquote senken zu können, müssen Politik und Hochschulen noch besser verstehen, warum Studierende ihr Studium aufgeben.“

Um Studienabbrüche zu vermeiden, arbeitet das BMBF auch an der Prävention – unter anderem mit dem „Hochschulpakt“ und dem „Qualitätspakt Lehre“, die etwa bessere Betreuung und Beratung für Studienanfänger vorsehen. Darüber hinaus will das BMBF Studienabbrechern helfen, sich beruflich umzuorientieren. Dazu gehören etwa Projekte wie „Jobstarter plus“ und die „BMBF-Initiative zur Gewinnung von Studienabbrecher/innen für die berufliche Bildung“.

Beide sollen Möglichkeiten außerhalb von Hochschulen aufzeigen und so gleichzeitig helfen, dem zunehmenden Fachkräftemangel in Betrieben entgegenzuwirken. Ähnliche Ansätze verfolgen Angebote der Industrie- und Handels- sowie der Handwerkskammern: Programme wie „yourpush.de“ und „Gestern Hörsaal. Heute Handwerk.“ wollen Studienabbrecher für Ausbildungen gewinnen.

* vollständiger Name ist der Redaktion bekannt

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit mehr als 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „Finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen und die Ergebnisse nach deinen Wünschen filtern.
www.studienwahl.de

Hochschulkompass

Informationen über deutsche Hochschulen, deren Studien- und Promotionsmöglichkeiten sowie internationale Kooperationen
www.hochschulkompass.de

KURSNET

Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Berufsausbildungen suchen.
www.kursnet.arbeitsagentur.de

Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW)

Studien rund um die Themen Hochschule und Wissenschaft bietet das DZHW.
www.dzhw.eu/projekte/pr_show?pr_id=240

20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW)

www.studentenwerke.de/sites/default/files/01_20-SE-Hauptbericht.pdf

„Neue Chancen für Studienabbrecher”

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert mit dieser Initiative den Wechsel vom Studium in die duale Berufsausbildung.
www.bmbf.de/de/neue-chancen-fuer-studienabbrecher-1070.html

„Studienabbruch – und dann?“

Welche Wege innerhalb und außerhalb der Hochschule zweifelnde Studierende wählen und wie Abbruch oder Wechseln ablaufen können, beantwortet das BMBF auf dieser Internetseite.
www.studienabbruch-und-dann.de

JOBSTARTER plus

Ein Förderprogramm des BMBF, um die duale Berufsausbildung in Deutschland zu stärken
www.bmbf.de/de/jobstarter-fuer-die-zukunft-ausbilden-1072.html

„Mit Praxis zum Erfolg“

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) informiert über den vorzeitigen Wechsel von der Hochschule in eine berufliche Ausbildung.
www.ihk.de/mit_praxis_zum_erfolg

Westdeutscher Handwerkskammertag

Fachstelle für Studienaussteiger/innen in Nordrhein-Westfalen
www.studienaussteiger-nrw.de

„Yourpush”

Initiative der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main mit Beratungsangeboten für Studienaussteiger/innen
www.yourpush.de

„Kursänderung ins Handwerk“

Initiative der Handwerkskammer Lübeck über die Ausbildung im Handwerk als Studienalternative
www.kursaenderung-ins-handwerk.de

„Arbeiterkind“

Tipps und Hilfen für junge Menschen, die als Erste in ihren Familien studieren
www.arbeiterkind.de

abi>> 27.02.2017