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Die Lebensversicherung der Kollegen

Jemand in Polizeiuniform schlägt ein Buch auf.
Polizeikommissaranwärter werden umfassend auf ihren späteren Berufsalltag vorbereitet – sowohl theoretisch als auch durch erste praktische Einsätze.
Foto: Christof Stache

Studieren bei der Landespolizei

Die Lebensversicherung der Kollegen

Songül Yalcin hat es geschafft: Nachdem sie zunächst eine Ausbildung beim Zoll absolvierte, geht die 29-Jährige nun endlich ihrem Traumberuf Polizistin nach. An der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg wird sie auf den spannenden und mitunter gefährlichen Berufsalltag vorbereitet.

Schon als kleines Mädchen träumte Songül Yalcin davon, Polizistin zu werden. Mit 14, kurz vor ihrem Realschulabschluss, bewarb sie sich das erste Mal bei der Polizei – für eine Ausbildung im mittleren Dienst. Weil die Punktzahl im Bewerbungsverfahren nicht reichte und eine weitere Bewerbung erst fünf Jahre später möglich war – eine Regelung, die mittlerweile nicht mehr gilt –, absolvierte sie zuerst eine Ausbildung im medizinischen Bereich. Anschließend holte sie ihr Abi nach und bewarb sich beim Zoll.

„Während meiner Ausbildung zur Binnen- und Grenzzöllnerin habe ich allerdings recht schnell gemerkt, dass der Zoll eben nicht das Gleiche wie die Polizei ist.“ Weil sie ihren Traum noch nicht aufgegeben hatte, bewarb sie sich abermals – und konnte im Juli 2013 ihr Studium an der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg aufnehmen.

Theorie und erste Einsätze

Ein Porträt-Foto von Songül Yalcin

Songül Yalcin

Foto: privat

Insgesamt dauert das Bachelorstudium in Baden-Württemberg knapp vier Jahre. Während einer neunmonatigen Vorausbildung werden die Polizeikommissaranwärter zunächst mit Situations- und Handlungstrainings auf den Berufsalltag vorbereitet. Daneben stehen Sport, Selbstverteidigung und Schießtraining auf dem Programm, ebenso die rechtlichen Grundlagen der Polizeiarbeit. Auf die Vorbereitung folgt ein halbes Jahr Praktikum, das den Studierenden Gelegenheit gibt, den Streifendienst kennenzulernen. „Prinzipiell fängt man mit kleinen Fällen an. Auf mich haben allerdings schon in den ersten Wochen ein paar große Einsätze gewartet. Unter anderem wurden wir zu einer bewaffneten Frau gerufen, die drohte, sich umzubringen“, berichtet Songül Yalcin. Hier kam der 29-Jährigen ihre Erfahrung beim Zoll zugute. „Dort habe ich mir ein ruhiges, sicheres Auftreten angeeignet. In so einem Fall ist es sehr wichtig, Vertrauen aufzubauen.“

Im Anschluss ging es für die Studentin zum ersten Mal an die Hochschule, wo sie ein Jahr lang Fächer wie Strafrecht, Polizeirecht, Verwaltungsrecht, Kriminologie und Kriminalistik, Verkehrswissenschaften und Psychologie belegt hat. Am Ende der Theoriephase hieß es dann: lernen, lernen, lernen. Innerhalb von zwei Wochen legen die Studierenden in insgesamt 14 Fächern Prüfungen ab.

Im Hauptpraktikum lernte Songül Yalcin dann neben dem Streifendienst die Arbeit bei der Kriminalpolizei auf Führungs- und Stabsebene kennen. „Das ist so vorgesehen, da der gehobene Dienst auf Führungspositionen vorbereitet“, erklärt sie. Ähnlich wie bei einem dualen Studium erhalten die angehenden Polizisten schon während des Studiums ein Gehalt.

Vorbereitung auf den Auswahltest

Das Bewerbungsverfahren ist komplexer als in vielen anderen Berufen. „Informieren kann man sich am besten über die Einstellungsberater bei jedem Regionalpräsidium“, rät die Studentin. Weitere Infos, zum Beispiel zu den Bewerbungsfristen, findet man online bei den Länderpolizeien.

Da es beim zweiten Versuch endlich klappen sollte, bereitete sich Songül Yalcin sehr intensiv auf das Auswahlverfahren vor. „Ich habe zwei Monate für den Sporttest trainiert, damit ich nicht aus der Puste komme. Auch um der Aufregung entgegenzuwirken, hilft eine gute Vorbereitung.“ Das gilt ebenso für die schriftlichen Auswahltests. „Hier wurde zum Beispiel Sprachverständnis abgefragt, ich musste Texte verfassen und schwierige Begriffe erklären. Das ist wichtig, weil man später im Berufsalltag ständig damit zu tun hat – zum Beispiel, wenn man Anzeigen formuliert.“

Außerdem wurde das logische und räumliche Denken überprüft. „Die Tests haben wir am Computer absolviert. Es kommt darauf an, die Aufgaben nicht nur richtig, sondern auch schnell zu lösen, da ein Zeitlimit vorgegeben ist. Das lässt sich aber im Vorfeld trainieren“, berichtet sie von ihren Erfahrungen. Nachdem sie erfolgreich alle Tests bestanden hatte, folgten ein Auswahlgespräch und eine ärztliche Untersuchung – und schließlich die Zusage.

Eine geschlossene Gemeinschaft

Bei der Frage, was sie am meisten am Polizeiberuf begeistert, muss die 29-Jährige nicht lange überlegen: „Wenn wir gerufen werden und zum Beispiel eine Person nach Hause bringen, die sich verlaufen hat, jemanden aus einer gefährlichen Situation retten oder ein Verbrechen verhindern, wird mir bewusst, wie sinnvoll meine Arbeit ist. Außerdem fühle ich mich unter den Kolleginnen und Kollegen sehr wohl. Es ist wie eine geschlossene Gemeinschaft, in die man aufgenommen wird. Man isst gemeinsam zu Mittag, fährt zusammen auf Streife und weiß: Notfalls bin ich die Lebensversicherung des anderen. Daraus entwickelt sich ein sehr inniges Verhältnis.“

Ihre Türkischkenntnisse helfen ihr oft während der Arbeit. „Die Kollegen sind sehr dankbar, wenn ich dolmetschen kann“, sagt Songül Yalcin, die türkische Wurzeln hat. Derzeit ist die Polizistin erneut für ein Jahr an der Hochschule und schreibt gerade an ihrer Bachelorarbeit. Im Frühjahr warten dann noch einmal zahlreiche Prüfungen auf sie. Auf einer Liste kann sie ihren Wunscharbeitsplatz angeben. „Aktuell sind es das Polizeipräsidium Ulm oder die Kriminalpolizei. Während der Praxisphasen habe ich gemerkt, dass mir besonders das Ermitteln liegt.“

abi>> 30.08.2016