Logo Bundesagentur für Arbeit
Logo Bundesagentur für Arbeit
  • Drucken
  • Versenden
  • PDF (Öffnet sich in neuem Fenster)

Kategorien

Einen Therapieschritt weiter dank IT

Eine junge Frau setzt einem Patienten ein Messgerät auf den Kopf.
Mithilfe von Dioden und spezieller, sogenannter Biofeedback-Software kann Ergotherapie-Patienten zum Beispiel ihre Gefühlslage veranschaulicht werden. Diese Methode wird etwa bei Kindern mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom angewandt.
Foto: Reichhold

Ergotherapie dual

Einen Therapieschritt weiter dank IT

Wie visualisiert man Gefühle? Welche technischen Hilfsmittel können Patienten unterstützen, die etwa nach einem Schlaganfall nur noch eingeschränkt beweglich sind? Marten Panzer lernt im dualen Bachelorstudium Ergotherapie an der Hochschule Trier unter anderem, wie die IT im Gesundheitswesen eingesetzt werden kann. Zudem absolviert der 23-Jährige die Ausbildung zum Ergotherapeuten.

Ein Grundschüler mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, besser bekannt unter dem Kürzel ADS, spielt in der Ergotherapiestunde. Zuhause und in der Schule fällt er immer wieder durch impulsives Verhalten auf, er kann sich schlecht konzentrieren und bleibt nie lange am Platz sitzen. Während der Therapiesitzung messen Dioden an seinem Kopf seine Gehirnströme. Davon spürt der Junge nichts, aber er kann auf einem Monitor sehen, wie er sich in bestimmten Reizsituationen fühlt: Die Daten der Messung zeigen seinen psychischen Erregungszustand auf und werden am Monitor entsprechend dargestellt. „Der Vorteil dabei ist, dass man dem Kind seine Gefühle dadurch besser veranschaulichen kann. Das unterstützt die Therapie und es kann so gelingen, dass weniger Medikamente verschrieben werden müssen“, erklärt Marten Panzer.

Diese und viele weitere Einsatzmöglichkeiten von Informationstechnologie (IT) für medizinische Zwecke lernt der 23-Jährige in seinem dualen Studium der Ergotherapie kennen. Eine Besonderheit an der Hochschule (HS) Trier ist nämlich, dass der Studiengang dem Fachbereich Informatik angegliedert ist. In Modulen wie „IT im Gesundheitswesen“ oder „Serious Games“ helfen Marten Panzer und seine Kommilitonen dabei, interdisziplinäre Apps und Programme zu entwickeln. „Da wird es für die Forschung noch einiges zu entwickeln geben. Wir sind als Ergotherapeuten in diesem Feld wichtig, weil wir das Know-how bei vielen Therapieformen haben und helfen können, diese in der Forschung zum Beispiel für die medizinische Informatik anwendbar zu machen“, beschreibt er seine Aussichten.

Handwerk und Wissenschaft vereint

Ein Porträtbild von Marten Panzer

Marten Panzer

Foto: Sebastian Müller

Der duale Studiengang vermittelt aber nicht nur dieses spezifische Wissen, sondern auch die Grundlagen der Ergotherapie. Er ist ausbildungsintegriert, das heißt, Marten Panzer wird innerhalb von sechs Semestern den Bachelor of Science absolvieren und parallel die staatliche Prüfung für Ergotherapeuten an einer Berufsfachschule abschließen. Das noch relativ junge Angebot der HS Trier verbindet damit praktisches Handwerk und wissenschaftliche Grundlagen. Zulassungsvoraussetzung sind in der Regel die allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife sowie der Ausbildungsvertrag mit einer der kooperierenden Berufsfachschulen für Ergotherapie.

Marten Panzers Entscheidung für diesen Fachbereich fiel, als er gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr an einer Grundschule absolvierte. „Ich habe dort die Lehrer im Unterricht unterstützt, Aufsicht geführt oder die Hausaufgabenbetreuung übernommen“, erzählt er und ergänzt: „Konkret hatte mich interessiert, wie das Medikament Ritalin auf Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom wirkt. Ich möchte dazu beitragen, dass diese Kinder weniger oder gar keine Medikamente mehr einnehmen müssen. Dies ist möglich durch intensive Beschäftigung mit den Methoden der Ergotherapie. Daher wurde mir schnell klar: Das ist es, was ich beruflich machen will“, erinnert er sich.

Erst Schule, dann Studium

Das erste Jahr seines dualen Studiums verbrachte der junge Mann komplett an der Berufsfachschule. Er belegte Fächer wie Psychologie, Anatomie und ergotherapeutische Behandlungsverfahren. Der Bereich Krankheitslehre gliederte sich gar in 13 verschiedene Fächer auf – von Neurologie über Geriatrie bis hin zu Psychiatrie. Außerdem lernten die Auszubildenden die handwerklichen Grundlagen der Ergotherapie kennen, zum Beispiel, wie man Schienen anfertigt oder verschiedene Materialien für therapeutische Übungen einsetzt. „Man wird an der Berufsschule gut auf die Patienten vorbereitet“, findet Marten Panzer. „Ich lernte zum Beispiel, wie man Patienten nach einem Schlaganfall mobilisieren kann, damit sie wieder möglichst selbstständig am Leben teilnehmen können.“

Sind die Ergotherapeuten im ersten Schuljahr noch unter sich, lernen sie ab ihrem ersten Semester an der Hochschule Trier gemeinsam mit angehenden Physiotherapeuten und Logopäden. Die größten Unterschiede zwischen Ausbildung und Studium? „Die Inhalte sind noch deutlich wissenschaftlicher und forschungsbezogener. Wir erfahren zum Beispiel, wie man die Wirksamkeit von Therapien wissenschaftlich nachweisen kann“, berichtet Marten Panzer.

Gute Verzahnung, hohe Belastung

Insgesamt findet der duale Student, dass die Verzahnung zwischen Hoch- und Berufsfachschule sehr gut funktioniert. Aber wer sich für das duale Studium Ergotherapie interessiert, muss sich auf eine hohe Belastung einstellen, betont er: „Oft haben wir auch freitags oder samstags Vorlesungen. Der Unterricht an der Berufsschule dauert täglich von 8.45 bis 16 Uhr, die Hochschule meistens von 9 bis 18 Uhr. Danach muss man oft noch lernen und manchmal schreibt man mehrere Klausuren pro Woche. Das ist nicht ohne.“

Zudem muss der 23-Jährige 399 Euro an monatlichen Schulgebühren sowie weitere 260 Euro für den Semesterbeitrag stemmen. Viele seiner Kommilitonen schaffen dies nur mit einem Studienkredit. „Aber Ergotherapie macht man aus Überzeugung“, findet Marten Panzer. Er selbst möchte später in einer eigenen Praxis mit ADS-Kindern oder als Dozent arbeiten.

abi>> 20.09.2018