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Auf eine ungewöhnliche Mischung einlassen

Computerlinguistin tippt Daten in einen Computer ein.
Die Kombination eines geisteswissenschaftlichen Fachs mit einem technischen Nebenfach ist an vielen Hochschulen keine Seltenheit mehr.
Foto: Frank Pieth

Aus der Forschung: Geisteswissenschaften go IT – Studienmöglichkeiten

Auf eine ungewöhnliche Mischung einlassen

Die Digitalisierung der Geisteswissenschaften ist längst in vollem Gange. Und immer mehr Hochschulen bieten die Möglichkeit, klassische geisteswissenschaftliche Fächer wie Philosophie oder Germanistik mit Informatikmodulen zu verbinden.

Philosophie im Hauptfach, Romanistik im Nebenfach: Als Kristina Steinhauf ihr Bachelorstudium an der Universität Bamberg begann, entschied sie sich für eine klassische Kombination aus zwei geisteswissenschaftlichen Fächern. Doch als sie nach zwei Semestern merkte, dass ihr der große Anteil Sprach- und Literaturwissenschaft in der Romanistik weniger Spaß macht, sah sie sich nach einer Alternative um.

Seit dem ersten Semester arbeitet die 24-Jährige als Werkstudentin im Bereich „Healthcare IT“ bei einem Technologiekonzern in Erlangen, bei dem es um IT-Anwendungen für den Gesundheitssektor geht. „Eigentlich hatte ich keine Ahnung von IT und bin da reingerutscht, fand es aber nach kurzer Zeit total spannend“, erzählt sie. Deshalb entschied sie sich, nach dem zweiten Semester das Nebenfach zu wechseln. Nun studiert sie zusätzlich angewandte Informatik. „Wie in der Philosophie geht es darum, Lösungsansätze für ein Problem zu finden, aber die Art zu denken ist eine andere“, erklärt die Studentin.

„Programmieren ist wie eine Sprache lernen“

Ein Porträt-Foto von Kristina Steinhauf

Kristina Steinhauf

Foto: privat

Am Anfang stand ein Programmierkurs auf dem Stundenplan, in dem Kristina Steinhauf die Programmiersprache Java lernte. Daneben besuchte sie unter anderem eine Einführungsveranstaltung in Kulturinformatik. „Hier schauen wir uns an, wie Informatik im Kulturbereich genutzt werden kann. Es geht um digitale Bibliotheken oder um Supercomputer, die zum Beispiel von Meteorologen genutzt werden können, um möglichst genaue Wettervorhersagen aus riesigen Datenmengen zu berechnen.“

Besonders interessant findet die 24-Jährige Themen wie künstliche Intelligenz und Mensch-Computer-Interaktion: „Beides kann man nicht nur aus Sicht eines Informatikers betrachten, sondern es sind auch ethische Fragen damit verbunden, wie wir sie in der Philosophie diskutieren.“ Sie kann sich vorstellen, nach ihrem Bachelorabschluss einen Master in „Computing in Humanities“ anzuschließen, der an der Uni Bamberg angeboten wird. „Dort ist der Informatikanteil dann noch etwas größer.“

Kristina Steinhauf macht allen Geisteswissenschaftlern Mut, sich auf dieses für sie eher ungewöhnliche Terrain zu wagen: „Programmieren lernen ist wie eine Sprache lernen. Das kann jeder. Man muss nur bereit sein, sich darauf einzulassen und sich mit Logik und Mathematik auseinanderzusetzen. Und die angewandte Informatik ist auch nicht so abstrakt. Aufgrund der vielen Anwendungsbeispiele fällt es mir nicht schwer, einen Zugang dazu zu finden.“

Digital Humanities sind an den Unis angekommen

Ein Porträt-Foto von Jacqueline Klusik-Eckert

Jacqueline Klusik-Eckert

Foto: privat

An manchen Hochschulen ist die Informatik bereits fester Bestandteil geisteswissenschaftlicher Studiengänge, andere bieten eigenständige Studiengänge an, die beides zu gleichen Teilen vereinen.

„Jede Universität setzt dabei auf die eigenen, traditionsreichen Fächer und Forschungen auf diesem Gebiet“, erklärt Jacqueline Klusik-Eckert von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Dort zum Beispiel heißt der entsprechende Studiengang „Digitale Geistes- und Sozialwissenschaften“. Jacqueline Klusik-Eckert ist für dessen Koordination zuständig. Der Bachelorstudiengang wird seit dem Wintersemester 2016/2017 als Zweitfach angeboten und kann mit jedem Fach der Philosophischen Fakultät kombiniert werden – von Archäologie bis Politologie. „Aufgrund der großen Nachfrage hat die Planung für einen Hauptfachstudiengang bereits begonnen“, berichtet sie.

Verknüpfung von Theorie und Praxis besonders wichtig

Der Studiengang ist inhaltlich breit aufgestellt und sowohl fachspezifisch als auch interdisziplinär. „Die Lehre wird von drei Fakultäten verantwortet: der philosophischen, der technischen und der naturwissenschaftlichen. Es ist also genau die richtige Wahl für diejenigen, die sich nicht auf eine Fakultät festlegen wollen und für Personen, die sowohl kritisch denken als auch naturwissenschaftliches Interesse mitbringen“, erklärt FAU-Koordinatorin Jacqueline Klusik-Eckert.

In den ersten Semestern stehen Informatikgrundlagen wie Datenmodellierung, Verarbeitung und Sicherung von Daten, Webtechnologien und statistische Analyseverfahren auf dem Lehrplan. „Im höheren Semester eröffnet dann ein Projekt- und Praxismodul den Zugang zu einem Berufsfeld oder gibt einen ersten Einblick in die Forschung.“ Die Verknüpfung von Theorie und Praxis ist besonders wichtig und zieht sich wie ein roter Faden durch den Studiengang: „Hierbei werden wir durch zahlreiche Kooperationspartner aus dem Kultur-, Informatik- und Wirtschaftsbereich unterstützt.“

Studiengangsbezeichnungen nicht immer eindeutig

Ein Porträt-Foto von Carmen Gutierrez Gnam

Carmen Gutierrez Gnam

Foto: Arbeitsagentur Stuttgart

Studiengänge der Digital Humanities müssen nicht zwingend so heißen. An der Universität Köln bestehen seit 20 Jahren Studiengänge wie Informationsverarbeitung und Medieninformatik. Daneben gibt es etliche andere Angebote wie „Digitale Medien/Kulturinformatik“ an der Uni Lüneburg, „Linguistic and Literary Computing“ an der Technischen Universität Darmstadt, „Maschinelle Sprachverarbeitung“ an der Uni Stuttgart oder Studiengänge wie Computerlinguistik und Computerphilologie. Generell zählen auch die Medienwissenschaften dazu, wobei der Informatikanteil variiert. „Die Studiengangsbezeichnungen können manchmal irreführend sein. Deshalb sollte man sich die Studieninhalte ganz genau anschauen und sich im Zweifel die Mühe machen, die Stundenpläne vom ersten bis zum letzten Semester durchzugehen“, rät Carmen Gutierrez Gnam, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Stuttgart.

Die Zugangsvoraussetzungen sind unterschiedlich. „Für den zulassungsfreien Studiengang Digital Philology zum Beispiel, der in Darmstadt angeboten wird und der auch englischsprachige Vorlesungen beinhaltet, ist der Nachweis der Niveaustufe B2 in Englisch Zulassungsvoraussetzung und ein Praktikum im Verlauf des Studiums wird ausdrücklich empfohlen“, sagt Berufsberater Bernhard Kliehm von der Agentur für Arbeit Darmstadt. „Hilfreich sind außerdem Freude am Umgang mit Sprache sowie am Formulieren von Texten, gutes systematisches und strukturelles Denken und ein fundiertes mathematisches Schulwissen.“

Dank IT-Wissen im Vorteil am Arbeitsmarkt

Die späteren Einsatzfelder für Absolventen sind weit gestreut. „Wenn man sich die Ausschreibungen ansieht, werden Personen mit diesem Wissensschatz händeringend gesucht“, sagt Jacqueline Klusik-Eckert von der FAU über die Berufsaussichten. Ein Studium im Bereich Digital Humanities qualifiziere für ein breites Spektrum an attraktiven beruflichen Tätigkeiten. „Als Arbeitgeber kommen zum Beispiel Museen, Archive und Bibliotheken, Verlage und andere Medienfirmen infrage. Weitere mögliche Berufsfelder sind unter anderem Öffentlichkeitsarbeit, Kulturvermittlung und E-Learning.“

Carmen Gutierrez Gnam von der Agentur für Arbeit Stuttgart bestätigt: „Die Berufsfelder, in denen Geisteswissenschaftler arbeiten können, sind die gleichen wie bisher, aber die Tätigkeitsbeschreibungen haben sich gewandelt. Museen beispielsweise investieren derzeit viel, um die Digitalisierung voranzutreiben. Da hat ein Historiker mit entsprechendem Know-how natürlich einen Vorteil.“

abi>> 31.07.2017

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