Logo Bundesagentur für Arbeit
Logo Bundesagentur für Arbeit
  • Drucken
  • Versenden
  • PDF (Öffnet sich in neuem Fenster)

Kategorien

Künstliche Gewebezüchtung: Hoffnung aus der Petrischale

Menschliche Zellen
Tissue Engineering, die Anzucht von Gewebe, ist eine der größten Hoffnungen der medizinischen Forschung.
Foto: Sebastian Kaulitzki

Baustelle Mensch

Künstliche Gewebezüchtung: Hoffnung aus der Petrischale

Blinde wieder sehend machen oder Organkranken ein zweites Leben schenken? Tissue Engineering, also die Anzucht von Gewebe außer- oder sogar innerhalb des Körpers, ist eine der größten Hoffnungen der medizinischen Forschung. Zwischen Naturwissenschaft und Technik bieten sich hier spannende Studien- und Berufsmöglichkeiten.

Körpereigene Zellen, Gewebe oder irgendwann sogar komplette funktionsfähige Organe zu züchten, um dadurch defekte Körperteile ersetzen zu können: Manches klingt unglaublich und ist noch Zukunftsmusik, doch so einiges ist bereits Routine bei der Behandlung von Patienten per Tissue Engineering.

Der englische Begriff steht für die zielgerichtete Züchtung von Gewebe, das bei Heilungsprozessen eingesetzt wird. Langfristiges Ziel der Forschung ist es, ganze funktionsfähige Organe oder Körperteile zu produzieren, um damit chronische Krankheiten oder Behinderungen beheben zu können. In den letzten Jahren ist es Forschern auf diese Weise beispielsweise gelungen, Teile eines Organs zu transplantieren sowie „Mini-Organe“ für Medikamententests zu züchten.

Die Menschheit weiterbringen

Dabei spielen nicht nur Naturwissenschaften wie Biologie, Chemie und Physik sowie die Medizin eine Rolle, sondern auch die Prothetik und – damit zusammenhängend – die technische Seite mit der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Prothetik bezeichnet den Berufszweig, der sich mit der Entwicklung beziehungsweise Herstellung von Prothesen, also künstlichen Ersatzteilen für defekte Organe oder Körperteile, beschäftigt. Hier wird beispielsweise an gedankengesteuerten Prothesen geforscht. In der Rehatechnik wiederum wird etwa an der Weiterentwicklung medizinisch-technischer Hilfsmittel wie Rollstühlen und Hörgeräten gearbeitet. „Bereiche wie diese sind zum Beispiel interessant für Abiturienten, die Menschen medizinisch helfen, aber nicht unbedingt selbst Arzt oder Ärztin werden möchten. Wichtig ist dafür technisches Verständnis sowie ein Interesse an Naturwissenschaften und interdisziplinären Themen. Auch Teamfähigkeit ist unerlässlich für diese Bereiche, denn kein Forscher sitzt allein im stillen Kämmerlein“, erklärt Margith Schubert, Berufsberaterin bei der Agentur für Arbeit Dresden.

Ärzte und Ingenieure der Medizintechnik sowie Experten aus anderen Bereichen arbeiten oft eng zusammen. „Sich Wissen über Fachgebiete hinweg anzueignen, ist bereits im Studium sinnvoll“, betont die Berufsberaterin. Sie sieht hier zwei mögliche Hauptwege: „Entweder man entscheidet sich für einen klassischen Studiengang wie Biologie, Chemie oder Medizin und setzt dabei entsprechende Schwerpunkte, oder man wählt von vornherein einen interdisziplinären Studiengang wie etwa Biotechnologie oder Molekularbiologie.“ Auch eine Spezialisierung über einen anschließenden Master ist möglich. „Das weiterführende Studium nach dem Bachelor kann sinnvoll sein, weil Fortschritte auf diesem Gebiet häufig intensive Forschung erfordern. Außerdem ist der Master in der Regel die Voraussetzung für eine Promotion, die für eine forschende Tätigkeit gefordert wird.“

Neuroimplantate und andere Schwerpunkte

Zu den häufig gewählten Studiengängen, die sich unter anderem mit Tissue Engineering beschäftigen, zählt Biotechnologie (siehe auch die Reportage „Biologie trifft Technik“). Angeboten wird dieser Studiengang unter anderem an der Hochschule Mittweida und der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen sowie mit speziellen Ausrichtungen: Industrielle Biotechnologie an der Hochschule Biberach oder Bio- und Prozesstechnologie an der Hochschule Furtwangen.

„Auch andere Studiengänge, die medizinisch-technische Unterstützung von Menschen oder die Behebung körperlicher Defizite in den Mittelpunkt stellen, sind in den Ingenieurwissenschaften angesiedelt“, ergänzt Margith Schubert. „So kann man beispielsweise an der Technischen Universität (TU) Dresden Werkstoffwissenschaft studieren und sich dann in Richtung Bio- oder Nanomaterialien orientieren.“ Der Bachelorstudiengang Biomedizinische Technik an der TU Chemnitz wiederum konzentriert sich unter anderem auf die Forschung zu Neuroprothesen, das heißt die Entwicklung und Anwendung elektronischer Implantate zur Verbesserung geschädigter Nervenfunktionen. Auf die Entwicklung von Implantaten und polymeren Werkstoffen zielt etwa das Bachelorstudium Biomaterials Science an der Hochschule Rhein-Waal (HSRW) in Kleve.

Zu den spezialisierenden Masterstudiengängen in diesem Bereich zählen beispielsweise Polymer Materials Science an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Cell Biology and Physiology an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Stärker mit der der Medizin verwoben

Andere Studiengänge sind stärker mit der Medizin verwoben wie etwa Molekulare Biomedizin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (siehe auch die Reportage „Ab dem zweiten Semester im Labor“). Wer sich eher mit der Entwicklung von medizinischen Geräten beschäftigen möchte, kann sich für ein Studium der Medizintechnik entscheiden (siehe auch die Reportage „Werkstoffe und Geräte für die Gesundheit entwickeln“). Entwickelt werden hier zum Beispiel Dialyse- oder Herz-Lungen-Maschinen für Krankenhäuser, Herzschrittmacher oder Hilfsmittel zur Stabilisierung oder Entlastung von Gliedmaßen oder des Rumpfes, sogenannte Orthesen. Absolventen einer Berufsausbildung zum Orthopädietechnik-Mechaniker haben durch eine Kooperation der Bundesfachschule für Orthopädietechnik und der Fachhochschule Dortmund zudem die Möglichkeit, den berufsintegrierenden Bachelor- und später auch Masterabschluss Orthopädie-Ingenieur zu erwerben.

Von Forschung bis Vertrieb

Neben den (begrenzten) Stellen in der Forschung an Instituten oder Hochschulen, die sich etwa intensiv mit Tissue Engineering befassen, bieten sich berufliche Möglichkeiten in der Industrie. Die Berufsberaterin fasst diese zusammen: „Hier sind besonders die Hersteller von Geräten in den Bereichen Medizintechnik, Rehatechnik oder Prothetik zu nennen, aber auch Firmen, die Tissue Engineering Produkte (TEP), Zell- und Gewebezubereitungen zur medizinischen Weiterverwendung, bereitstellen. Auch für den Vertrieb all dieser Produkte werden Experten gesucht.“ Weitere Aufgabenfelder sind etwa Qualitätsmanagement, Arzneimittelzulassung, Verkauf oder Patentwesen.

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild. (Suchworte: Biologie, Medizintechnik etc.)
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Bundesländer in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „Finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

Hochschulkompass

Informationen über deutsche Hochschulen, deren Studien- und Promotionsmöglichkeiten sowie internationale Kooperationen
www.hochschulkompass.de

Verband Biologie, Biowissenschaften & Biomedizin Deutschland

www.vbio.de

Online-Studienführer „Bachelor/Master in den Biowissenschaften“

www.bachelor-bio.de
www.master-bio.de

Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien

www.b-crt.de

abi>> 22.02.2016

weitere beiträge

  • zu BERUFE.TV (Öffnet sich in neuem Fenster)
  • zu den abi>> Podcasts