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„Feldübergreifendes Wissen und Denken gefragt“

Detailaufnahme von biologischen Proben.
Beim Tissue Engineering werden Zellen entnommen und in einem Labor vermehrt. Dadurch können kranke Gewebe bei Patienten ersetzt werden.
Foto: Philipp Guelland

Baustelle Mensch: Interview

„Feldübergreifendes Wissen und Denken gefragt“

Auf der „Baustelle Mensch“ tut sich einiges. Welche Anwendungen sind schon möglich, wie ist der Stand der Forschung und welche Studiengänge bieten sich an? Dazu hat abi» Dr. Jochen Ringe vom Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien (BCRT) befragt.

abi>> Herr Dr. Ringe, Sie leiten beim BCRT eine Forschungsgruppe, die sich speziell mit Tissue Engineering beschäftigt, also dem Züchten von Gewebe zu medizinischen Zwecken. Was ist in diesem Bereich bereits möglich?

Jochen Ringe: In der klinischen Praxis sind derzeit besonders Methoden der Knorpelregeneration üblich. So werden Reparaturen von begrenzten Knorpeldefekten mit körpereigenen Gewebezellen bereits routinemäßig durchgeführt. Möglich sind sie seit 1994.

abi>> Was genau passiert bei solchen Behandlungen?

Ein Porträt-Foto von Jochen Ringe

Jochen Ringe

Foto: Privat

Jochen Ringe: Inzwischen gibt es dafür drei verschiedene Ansätze; zwei davon hat unsere Gruppe mitentwickelt – zum Beispiel ganz aktuell das „in situ Tissue Engineering“. Bei diesem Ansatz werden außerhalb des Körpers Biomaterialien mit Zelllockstoffen kombiniert. In den Defekt implantiert, locken diese Substanzen dann Körperzellen in das Implantat, die den Knorpel regenerieren. Der Vorteil gegenüber den anderen zwei Ansätzen ist dabei, dass Zellen nicht mehr vorab isoliert und vermehrt werden müssen.

abi>> Welche Anwendungen haben sich noch in der Praxis bewährt?

Jochen Ringe: Es ist auch bereits möglich, patienteneigene Knochenvorläuferzellen außerhalb des Körpers mit Biomaterialien zu kombinieren. Diese Zellen lassen sich dann zum Aufbau des Kieferknochens in den Kiefer transplantieren. Eine Herausforderung sind dagegen noch größere, nicht von selbst heilende Knochendefekte. Bei Transplantationen in Röhrenknochen wie im Oberschenkel, Schienbein oder der Wade ist beispielsweise die erforderliche Versorgung des Gewebes mit Blutgefäßen noch problematisch.

abi>> Wie sieht es mit Anwendungen in anderen Organen oder Geweben aus?

Jochen Ringe: Anwendungen, die über den Bereich Knorpel und Knochen hinausgehen, beschränken sich bislang meist auf begrenzte klinische Studien. Es werden beispielsweise Muskel- oder Stammzellen von Patienten oder Spendern zur Therapie von Herzpatienten transplantiert. Auch neue und sehr vielversprechende Ansätze der Immunzell-Therapie, die unter anderem bei Krebserkrankungen zum Einsatz kommen, werden bereits angewendet.

abi>> Und was zeichnet sich für die Zukunft ab?

Jochen Ringe: Der Trend geht etwa dahin, sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen für das Tissue Engineering zu nutzen. Diese lassen sich aus den Zellen des Patienten herstellen, vermehren sich gut und können sich zu allen Arten von Gewebezellen entwickeln. Damit könnte man also von der Iris am Auge bis zum Knorpel an den Gelenkflächen alles behandeln. Diese Vielseitigkeit führt gerade zu einem regelrechten Hype um dieses Thema. Hier sind jedoch unter anderem noch Sicherheitsaspekte zu klären, um beispielsweise zu gewährleisten, dass die Differenzierung dieser Zellen kontrolliert erfolgt.

abi>> Welche Studiengänge und Schwerpunkte werden in diesem Bereich künftig wohl gefragt sein?

Jochen Ringe: Tissue Engineering gibt es bisher nicht als eigenen Studiengang, es lässt sich aber als Schwerpunkt setzen. Viele aus unserer Gruppe haben Biotechnologie studiert, wobei sich als Schwerpunkte medizinische Biotechnologie und Zellkulturtechnologie anbieten. In Frage kommen außerdem Studiengänge wie Biologie oder Biochemie mit Schwerpunkten in den Bereichen Grundlagenforschung, Zellbiologie, Molekularbiologie und Immunologie. Oder Medizin, vor allem, um je nach Fachgebiet wie Orthopädie, Rheumatologie, Immunologie oder Kardiologie, die Wissenschaftler und Ingenieure in Studien zu unterstützen.

abi>> Was sollten Interessierte besonders beachten?

Jochen Ringe: Aufgrund der Interdisziplinarität ist ein feldübergreifendes Wissen und Denken in diesem Forschungsbereich sehr wichtig. Zu bedenken ist auch, dass es im Tissue Engineering derzeit erst wenige Stellen in Forschung und Industrie gibt und die Zukunft dieses Felds offen ist. Deshalb sollte man eher ein Studium wählen, das noch weitere interessante Berufswege ermöglicht – vor allem die Alternative, in der Industrie eine Stelle zu finden.

abi>> 22.02.2016

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