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„Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“

Monitor mit Codezeilen
Experten gehen davon aus, dass die Blockchain-Technologie neue Karrierechancen in ganz unterschiedlichen Branchen ermöglicht.
Foto: Axel Jusseit
Thema der Woche

Die Blockchain studieren - Interview

„Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“

Dr. Nina-Luisa Siedler ist Rechtsanwältin für Finanzrecht und spezialisiert auf Fragen rund um die Blockchain-Technologie. Sie ist Partnerin bei der DWF Germany Rechtsanwaltsgesellschaft mbH in Berlin, Gründungsmitglied des Blockchain Bundesverbandes sowie im Vorstand der Interplanetary Database Foundation und des thinkBLOCKtank. Im Interview mit abi>> geht sie auf Chancen und berufliche Möglichkeiten durch die Blockchain-Technologie ein.

abi>> Inwiefern ist die Blockchain-Technologie revolutionär?

Dr. Nina-Luisa Siedler: Sie verfolgt eine andere Idee, als wir sie bisher in der Wirtschaft gesehen haben. Die Blockchain wurde entwickelt, um der starken Monopolisierung in bestimmten Bereichen entgegenzuwirken. Es ist eine Gegenbewegung gegen die großen Wirtschafts- und Internetunternehmen wie Amazon und Facebook, die große Mengen an Daten sammeln und auswerten – und so ihre Positionen immer weiter ausbauen konnten. Mit der Blockchain-Technologie sollen Daten nicht mehr zentral gespeichert und von einem Unternehmen (Anm. d. Red.: etwa einer Bank) „besessen“ werden. Die Idealvorstellung ist, dass die Daten von denjenigen verwaltet werden können, die sie kreieren, nämlich den Nutzern, und dass diese bestimmen können, wer diese Daten nutzen darf.

abi>> Welche neuen Möglichkeiten eröffnet diese Technologie?

Ein Porträt-Foto von Dr. Nina-Luisa Siedler

Dr. Nina-Luisa Siedler

Foto: Aliki Nassoufis

Dr. Nina-Luisa Siedler: Bisher hat zum Beispiel Amazon eine große Masse an Daten über seine Käufer und deren Kaufverhalten und kann diese damit gezielt ansprechen. Außerdem haben diese Unternehmen damit eine große Macht auf die Wertschöpfungskette und können kleinere Unternehmen und den Mittelstand immer weiter in die Ecke drängen, indem sie Regeln vorgeben. Wenn man aber mit dezentralen Systemen arbeitet, kann man gegen diese Monopolisierung angehen, weil jeder die gleichen Chancen bekommt, Daten zu nutzen und damit Geschäftsmodelle aufzubauen.

abi>> Welche Risiken oder Probleme birgt die Blockchain-Technologie?

Dr. Nina-Luisa Siedler: Das bekannteste Beispiel dieser Technologie ist der Bitcoin. Kritisiert wird hierbei die Möglichkeit der Geldwäsche, weil es ein pseudonymisiertes Verfahren darstellt, bei dem anstelle von Klarnamen Pseudonyme in Form von Buchstaben- und Zahlenkombinationen verwendet werden. Außerdem wird der hohe Energieverbrauch durch den sogenannten Konsensmechnismus wie proof-of-work kritisiert (siehe Glossar „Blockchains, Coins & Co.“). Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass alle Beteiligten immer den gleichen Stand haben, was wiederum große Rechenleistungen und damit einen hohen Energieverbrauch erfordert.

abi>> Welche Branchen wird die Technologie aus Ihrer Sicht am meisten betreffen und verändern?

Dr. Nina-Luisa Siedler: Alles, was sich digitalisieren lässt, wird davon betroffen sein. Da sind der Fantasie grundsätzlich keine Grenzen gesetzt. Die Blockchain-Technologie bietet sich immer dann an, wenn viele verschiedene Parteien in Vorgänge involviert sind. Die Finanzbranche etwa wird sich auf alle Fälle damit auseinandersetzen müssen, auch im Bereich Supply-Chain sind viele Parteien involviert. Weitere Themen sind die digitale Gesundheitsakte sowie der Bereich Provenienz, also etwa der Herkunftsnachweis für Medikamente oder Lebensmittel, so dass einfacher nachverfolgt werden kann, welche Zutaten verwendet und unter welchen Bedingungen etwas produziert, gelagert und transportiert wurde. Weitere Beispiele sind spezielle Industrie-Netzwerke, wie die Energy Web Foundation, die ein Netz speziell für die Energieindustrie aufbaut.

abi>> Wie weit sind deutsche Start-ups, Unternehmen und Privatleute in Sachen Blockchains?

Dr. Nina-Luisa Siedler: Die Verbraucher sind da noch relativ wenig involviert. Die Technologie hat sich innerhalb der Tech-Community entwickelt, weshalb auf Nutzerfreundlichkeit bisher wenig Rücksicht genommen wurde. Wer wenig technologieaffin ist, tut sich noch schwer mitzumachen. Das trifft auch viele Unternehmen, weil die oft auch kein eigenes Know-how in diesem Bereich haben. Das Thema Nutzerfreundlichkeit ist im vergangenen Jahr aber deutlich in den Fokus gerückt. Deswegen gehe ich davon aus, dass wir demnächst Apps haben werden, bei denen die Nutzer gar nicht wissen, dass dahinter eine Blockchain steht.

abi>> Was tut sich in puncto Blockchain-Technologie im Ausland?

Dr. Nina-Luisa Siedler: Berlin hat eine sehr starke Blockchain-Community. Es gibt viele Unternehmen aus dem Ausland, die hierherkommen, weil sie hier Experten finden. Natürlich gibt es aber auch rund um den Globus Blockchain-Entwicklungen. Asien und die USA sind relativ stark involviert. In Europa ist wiederum die Europäische Kommission sehr weit und baut eine Europa-Chain auf, die von den Mitgliedsstaaten betrieben werden soll. Außerdem gibt es mit dem „EU Blockchain Observatory and Forum“ eine Plattform, über die sich die EU mit der Blockchain-Community verbinden will. Auf deren Website gibt es beispielsweise eine Landkarte, in die sich Blockchain-Projekte eintragen können und über die man sich über solche Projekte informieren kann.

abi>> Welche beruflichen Möglichkeiten rund um Blockchains bieten sich heutigen Abiturienten in Deutschland?

Dr. Nina-Luisa Siedler: Blockchain ist eine Grundlagen-Technologie, was bedeutet, dass wir Spezialisten aus allen Fachbereichen brauchen. Man braucht Software-Spezialisten, aber auch welche aus den Bereichen Wirtschaft, Politik und Recht – vom Gesellschaftsrecht, Datenschutz über Immobilienrecht bis hin zum Finanzaufsichtsrecht. Wenn man sich für das Thema interessiert, kann man also aus einer breiten Spanne an Studienmöglichkeiten und späteren Berufsfeldern wählen. Darüber hinaus gibt es noch eine Menge Forschungsbedarf, auch das sind denkbare Einsatzmöglichkeiten.

abi>> 15.04.2019

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