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„Von Anfang an nah am Patienten“

Junge Frau spritzt jemanden
Im Medizinstudium lernen die Studierenden auch den richtigen Umgang mit Patienten.
Foto: Martin Rehm

Interview

„Von Anfang an nah am Patienten“

Derzeit bieten acht staatliche Universitäten und zwei private Hochschulen Modellstudiengänge in Humanmedizin an. Was dahinter steckt und welche Vor- und Nachteile sich für Studierende ergeben, erläutert Dr. Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentags der Bundesrepublik Deutschland e.V.

abi>> Herr Wissing, warum wurde die Möglichkeit geschaffen, mit neuen Lehr- und Lernansätzen zu experimentieren?

Frank Wissing: Das Medizinstudium ist stark durch den Staat reguliert und gilt daher als sehr verschult. Insbesondere die Trennung zwischen der eher theoretisch ausgerichteten Vorklinik in den ersten vier Semestern und den klinisch ausgerichteten höheren Semestern führte immer wieder zu dem Vorwurf, dass den Studierenden kein ausreichender Praxisbezug vermittelt würde.

abi>> Worin unterscheiden sich die neuen Modell- von den etablierten Regelstudiengängen?

Ein Porträt-Foto von Frank Wissing

Frank Wissing

Foto: privat

Frank Wissing: Im Wesentlichen in der Aufhebung der Trennung zwischen vorklinischem und klinischem Studienteil, sodass es unter anderem früh zu ersten Patientenkontakten kommt. In der Regel wird die sonst nach vier Semestern gemäß Approbationsordnung übliche M1-Prüfung* durch alternative Zwischenprüfungen ersetzt. Einige Standorte verknüpfen Theorie und Praxis eher über praktische Fragestellungen, Stichwort „Problemorientiertes Lernen“. Andere Inhalte werden eher thematisch zusammengefasst: Die Studierenden lernen hier zum Beispiel mehr organ- oder funktionsbezogen. Das machen mittlerweile auch viele Regelstudiengänge so.

abi>> Gibt es neben dem Vorteil „früher Praxisbezug“ auch Nachteile?

Frank Wissing: Ja, denn die patientenbezogene Lehre ist sehr aufwändig zu organisieren, längst nicht jeder Patient macht dies gern mit. Für die Studierenden kommt hinzu, dass die große Vielfalt – wann man welche Studieninhalte lernt – es erheblich erschwert, während des Studiums den Standort zu wechseln und die bisherige Studienleistung anerkannt zu bekommen.

abi>> Wie wird sich das Studium in den nächsten Jahren entwickeln?

Frank Wissing: Aktuell läuft die Diskussion, die Inhalte des Studiums noch stärker entlang der Kompetenzen eines praktizierenden Arztes zu bündeln. In einem nationalen Lernzielkatalog haben wir die erforderlichen Kompetenzen und das dazugehörige Wissen neu zusammengefasst. Mit der Übertragung auf die Lehrpläne an den deutschen Medizinfakultäten werden Theorie und Praxis noch stärker zusammengeführt. Diese Entwicklung greift auch die Politik im Masterplan „Medizinstudium 2020" auf. Wir hoffen, dass er darüber hinaus auch die starke Verschulung des Studiums zurücknimmt und Studierende wieder mehr Freiräume und Wahlmöglichkeiten haben, wie es für ein wissenschaftliches Studium erforderlich ist.

* Erster Abschnitt der Ärztlichen Prüfung

abi>> 03.10.2016

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