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„Man ist nicht behindert, sondern man wird behindert“

Junger Mann schiebt einen gehbehinderten Jugendlichen in einem Rollstuhl
Wenn Kinder und ihre Eltern früh mit Inklusion in Berührung kommen, wird sie zur Selbstverständlichkeit.
Foto: Julien Fertl

Inklusion studieren - Interview

„Man ist nicht behindert, sondern man wird behindert“

Christina Marx ist Bereichsleiterin Aufklärung bei der Initiative „Aktion Mensch e. V.“. Mit abi» spricht sie über Barrierefreiheit und Inklusion und wie es um beides in Deutschland steht.

abi»: Wie viele Menschen mit Behinderung leben in Deutschland?

Christina Marx: Nach klassischem medizinischen Begriff haben 9,4 Prozent der Menschen, die in Deutschland leben, eine Behinderung. Es gibt aber ein neues Verständnis des Begriffes: Die UN-Behindertenrechtskonvention zählt zu „Menschen mit Behinderungen“ auch Personen, die nicht als schwerbehindert anerkannt sind, etwa Menschen mit langfristigen chronischen Erkrankungen beziehungsweise psychischen oder anderen Beeinträchtigungen, die auf gesellschaftliche Barrieren stoßen und deren Teilhabechancen dadurch eingeschränkt sind. Das neue Verständnis von Behinderung lautet also: Man ist nicht behindert, sondern man wird behindert. Behinderungen entstehen aus fehlender Unterstützung, aus verzögerter Rehabilitation, aus der Versagung geeigneter Hilfsmittel, aus dem fehlenden Zugang zu Informationen oder aus baulichen Barrieren. Wird dieses Verständnis von Behinderung zugrunde gelegt, erhöht sich der Anteil an Menschen mit Behinderungen an der Gesamtbevölkerung auf bis zu 25 Prozent.

abi»: Was genau bedeutet Barrierefreiheit?

Ein Porträt-Foto von Christina Marx

Christina Marx

Foto: privat

Christina Marx: Barrierefreiheit ist eine wichtige Grundlage für Teilhabe, für das Einbezogensein in alle Bereiche der Gesellschaft. Dabei geht es nicht nur um Gebäude, auch kommunikative Freiheit spielt eine Rolle. Braucht jemand Leichte Sprache oder ist eine Computersoftware barrierefrei ausgestattet? Von Barrierefreiheit profitieren am Ende alle. Wenn der Aufzug funktioniert, ist das nicht nur für Menschen mit Behinderung angenehm.

abi»: Wo steht Deutschland bei der Umsetzung von Inklusion?

Christina Marx: Seit 2009 ist viel passiert. Im öffentlichen Raum sind Behörden-Websites weitestgehend barrierefrei zugänglich. Mit dem Bundesteilhabegesetz wurde das Sozial- und Rehabilitationsrecht reformiert. Auch im Bereich Bildung hat sich viel bewegt, obschon die Umsetzung von Inklusion von Bundesland zu Bundesland verschieden ist. In Bremen ist Inklusion so weit umgesetzt, dass es nur noch eine einzige Förderschule gibt. In anderen Ländern gibt es Schwerpunktschulen. Dort kann man aber nicht mit jeder Behinderung jede Schule besuchen, zum Beispiel bei Gehörlosigkeit oder Blindheit. Große Wohneinrichtungen, Förderschulen und Werkstätten sorgen heute aber immer noch dafür, dass viele Menschen nach wie vor in Sonderwelten leben – und das oft nicht selbstbestimmt. Am Abbau der Barrieren in den Köpfen der Menschen müssen wir weiterhin arbeiten. Häufig finden zu wenige Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung statt und daraus erfolgt eine Verunsicherung.

abi»: Was ist der Vorteil von inklusiven Schulen?

Christina Marx: Wenn Kinder und ihre Eltern schon in der Schule Berührung mit Inklusion haben, ist die Akzeptanz von Menschen, die anders sind, viel höher. Inklusion kommt also der Persönlichkeitsentwicklung sehr entgegen. Und wenn mehr Individualität vorhanden und erlaubt ist, profitieren alle Kinder davon. Denn grundsätzlich hat jedes Kind ein anderes Lerntempo und braucht mehr oder weniger Unterstützung.

abi»: Inklusiv studieren - ist das überhaupt möglich?

Christina Marx: Die Möglichkeit, inklusiv zu studieren, ist abhängig von den einzelnen Universitäten. Die Hochschule Ludwigshafen hat zum Beispiel einen Behindertenbeauftragten. Nach außen signalisiert das, dass Menschen mit Behinderung gewollt sind. Auch die Hochschule Darmstadt macht nach außen deutlich, dass sie das Thema Inklusion sehr ernst nimmt. Universitäten haben immer die Möglichkeit, Vorlesungen über das Internet zugänglich zu machen. Die Digitalisierung bringt da einen enormen Fortschritt und es ist nicht besonders schwierig, das umzusetzen.

abi»: Was hat sich in der Arbeitswelt in der letzten Zeit verändert?

Christina Marx: 2016 hat das Bundesministerium für Arbeit das Bundesteilhabegesetz erlassen. Es ist nicht unumstritten, aber ein wegweisendes Gesetz, das Menschen mit Behinderung in den Fokus nimmt. Teil des Gesetzes ist das Budget für Arbeit. Menschen mit Behinderungen erhalten dadurch zum Beispiel einen Lohnkostenzuschuss, um einen Assistenten zu bezahlen, der sie am Arbeitsplatz unterstützt. Dies soll ihnen auf dem Weg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung helfen. Außerdem gibt es die „Unabhängige Teilhabeberatung“, die außerhalb von Verbandsstrukturen erfolgt und nach dem Prinzip des „Peer Counseling“ erfolgt: Viele Berater haben selbst eine Behinderung oder sind Angehörige von Menschen mit Behinderungen. Ziel der Beratungen ist immer, dass Menschen mit Behinderung selbstbestimmt ihre Rechte wahrnehmen können.

abi>> 05.08.2019

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