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„Nicht nur verstehen, sondern handeln“

Naturschutzgebiet Hainberg
Naturschutz ist auch Menschenschutz, deshalb ist laut Dr. Frank Glante höchste Zeit zum Handeln.
Foto: Meramo Studios

Landschaftsarchtiektur und -ökologie: Interview

„Nicht nur verstehen, sondern handeln“

Mensch und Natur zusammenbringen – das ermöglichen viele Berufe rund um Landschaftsarchitektur und -ökologie. Wo aktuelle und künftige Herausforderungen dabei liegen, erklärt Dr. Frank Glante. Der Biologe arbeitet seit 1991 beim Umweltbundesamt und leitet dort das Fachgebiet „Bodenzustand, Bodenmonitoring“.

abi>> Herr Dr. Glante, ist die Wertschätzung für die Natur in den vergangenen Jahren gestiegen?

Frank Glante: Viele interessieren sich für die Natur und den Naturschutz, sie kennen die Probleme der Umwelt. Aber der Sprung von Wissen und Verstehen zum Handeln ist nicht ausgeprägt. Ein Beispiel: Wenn Luft verschmutzt ist, stinkt sie und wir müssen husten. Wenn Wasser verschmutzt ist, gibt es Schaumkronen und die Fische schwimmen bauchoben. Den Boden aber muss man ins Labor tragen … 2015 war das Internationale Jahr des Bodens, das hat kaum jemand mitgekriegt – dabei sind 90 Prozent unserer Nahrung vom Boden abhängig.

abi>> Da sind wir schon bei der Zukunft von Natur- und Klimaschutz. Wie steht es darum?

Frank Glante: Wir haben mehrere Wenden vor uns. Wir brauchen die Klimawende und sie ist mehr als nur Energiewende. Wir brauchen die Agrarwende – nicht nur, weil wir Bio gut finden oder meinen, die Intensivlandwirtschaft belastet die Umwelt: Die Reserven für Mineraldünger, vor allem Phosphor, werden bald aufgebraucht sein. Da sind wir schnell bei Fragen der ökologischen Landwirtschaft.

abi>> Und was ist mit dem Artenschutz?

Ein Porträt-Foto von Frank Glante

Frank Glante

Foto: privat

Frank Glante: Er ist immer dann problematisch, wenn Tiere keinen „Kuschelfaktor“ haben. Dabei sind die Artenkenner, ausgenommen vielleicht Ornithologen und Orchideenfans, selbst bedroht: Wer sitzt heutzutage auf der Wiese und kann Gräser bestimmen oder holzzerstörende Käfer registrieren? Nicht nur eine Reihe von Tier- und Pflanzenarten sterben aus – auch die Experten, die diese erkennen, die Taxonomen. Dabei kann man mit Artenkenntnis auch beruflich ein Auskommen haben: Für alle Bauvorhaben sind Umweltverträglichkeitsprüfungen vorgeschrieben und es braucht Experten, die auflisten, welche Arten dort vorkommen, und aufzeigen, wie sie überleben können. Viele der darauf spezialisierten Ingenieurbüros stehen gerade vor einem Generationenwechsel.

abi>> Was können Landschaftsplaner und -ökologen denn beitragen, um die Vielfalt zu erhalten?

Frank Glante: Sie können uns helfen, neu zu denken. Zum Beispiel beim Flächenverbrauch, einem der wesentlichen Probleme in Deutschland. Wir „verbrauchen“ 70 Hektar pro Tag. Für Verkehrswege, Gewerbegebiete und für das so beliebte Einfamilienhaus. Etwa die Hälfte dieser Fläche ist versiegelt – der Boden darunter biologisch tot. Bis 2020 sollen es laut dem Ziel der Bundesregierung „nur“ noch 30 Hektar sein.

Dafür können Landschaftsplaner in Zusammenarbeit mit Architekten, Umweltingenieuren und anderen neue Konzepte entwickeln. In die Höhe bauen zum Beispiel, umweltgerecht und besser als bisher. Oder sie können in Städten, die Einwohner verlieren, den Rückbau steuern und die Natur zurück in die Stadt holen. Auch im ländlichen Raum sind sie gefragt, Stichwort Biotop-Vernetzung. Woran viele nicht denken: Auch in Stadt- und Gemeindeverwaltungen arbeiten Landschaftsarchitekten und -ökologen daran, dass die Kommunen lebenswerte, schönere Orte werden.

abi>> Denken Landschaftsplaner genügend an die Nachhaltigkeit?

Frank Glante: Das kommt darauf an, was sie studieren. An der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde bilden sich unter den Studierenden eigene Communities wie etwa die Fledermausgruppe heraus, die Interesse und Motivation mit beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten verbinden. Der Fledermaus-Experte ist später bundesweit gefragt. Ein zweites gutes Beispiel ist der Masterstudiengang „Boden, Gewässer, Altlasten“ in Osnabrück – eine in diesem Bereich bundesweit erste Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Universität, der sofort überlaufen war.

Wer sich für Studiengänge in dieser Richtung interessiert, sollte genau hinschauen: Oft ist Nachhaltigkeit nur eine Worthülse. Es kommt darauf an, wie diese Studiengänge die Nachhaltigkeit praktisch in ihren Studienplänen umsetzen.

abi>> Welche Fähigkeiten muss jemand mitbringen, der sein Interesse für die Natur zum Beruf machen möchte?

Frank Glante: Ganz wichtig ist zum Beispiel die Fähigkeit, die Arbeitsergebnisse zu dokumentieren. Dabei muss man mit geographischen Informationssystemen umgehen können und angewandte Statistik und ihre mehrdimensionalen Verfahren beherrschen. Am Ende sollte man die Ergebnisse auch verständlich präsentieren können. In diesem Beruf sind außerdem „Außenarbeiten“ zwingend notwendig. Aber das ist ja das Schöne, das Wechseln zwischen Schreibtisch und der Arbeit in der und für die Natur!

abi>> Welche neuen Berufe, denken Sie, werden sich in diesem Feld entwickeln?

Frank Glante: Das kann ich nicht vorhersagen. Zu den künftigen Anwendungsfeldern gehören sicherlich das Risikomanagement, das beispielsweise Gefahren des Klimawandels aufzeigt und abwendet, und die Verflechtung von urbanem und ländlichem Raum etwa in der „Urban Agriculture“. Es werden auch neue Anforderungen an die Züchtung von Pflanzen und Tieren und die Bodenbearbeitung gestellt werden, wobei das schon wieder nahe an den landwirtschaftlichen Berufen oder Studiengängen ist.

Auf jeden Fall wird die Digitalisierung in diesem Bereich zunehmen. Ich hoffe aber, dass es nach wie vor noch eine Menge „grüner Berufe“ geben wird, die sich mit der Natur nicht nur in Modellen oder vom Schreibtisch aus beschäftigen!

abi>> 24.10.2016

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