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Visionen für den Stadtverkehr der Zukunft

Detailaufnahme von einem Decomo-Tisch.
Deutschlands Städte und ihr Verkehrsaufskommen werden von Jahr zu Jahr größer. Experten aus dem Bereich urbane Mobilität versuchen, die dadurch entstandenen Probleme zu lösen.
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Studiengänge rund um urbane Mobilität – Hintergrund Trends

Visionen für den Stadtverkehr der Zukunft

Ob mit dem Rad, dem Bus oder dem Auto – es gibt verschiedene Möglichkeit und Kombinationen, um von A nach B zu kommen. Doch immer wieder steht man im Stau oder muss am Bahnhof beim Umsteigen warten. Experten auf dem Gebiet der urbanen Mobilität sorgen dafür, dass der Verkehr künftig flüssiger und idealerweise auch umweltfreundlicher laufen kann.

Viele Städter kennen das Gefühl: Eigentlich will man nur zum Einkaufen oder zur Arbeit fahren – und steht stattdessen mit dem Auto im Stau oder verpasst gerade den Anschlusszug. Einer Studie des Verkehrsdatenanbieters Inrix zufolge landete Deutschland drei Jahre lang in Folge auf Platz drei der verkehrsreichsten Länder Europas. Autofahrer standen demnach 2015 rund 38 Stunden im Stau. Vier deutsche Städte gehören laut der Studie sogar zu den Top 10 der verkehrsreichsten europäischen Städte. Einen Negativrekord stellte dabei Stuttgart auf: Dort verbrachten Fahrer im Jahr 2015 rund 73 Stunden im städtischen Stau.

Und die Situation wird sich tendenziell verschlechtern, denn in Zukunft werden immer mehr Menschen in Städten wohnen: Einer UN-Studie zufolge könnten bis zur Mitte des Jahrhunderts sogar rund zwei Drittel der Menschen in urbanen Gebieten leben – in Deutschland sind es bereits 75 Prozent.

Unterschiedliche Aspekte beachten

Das bringt erwartungsgemäß viele Herausforderungen mit sich, auch für die Stadt- und Verkehrsplaner. Denn wenn jeder mit dem Auto fährt, geht auf den Straßen bald nichts mehr. Doch auch das öffentliche Nahverkehrssystem und die Radwege müssen ausgebaut und weitere Alternativen geschaffen werden. Wie aber genau? Damit beschäftigen sich Experten aus dem Bereich „urbane Mobilität“.

Ein Porträt-Foto von Mirko Goletz

Mirko Goletz

Foto: privat

„Wir haben für die Zukunft viele spannende Fragen zu klären“, erklärt Mirko Goletz vom Institut für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Etwa, wie Flächen besser genutzt werden, Verkehrsprojekte finanziert oder auch nachhaltig gestaltet werden können. Denn: „Wir verzeichnen derzeit zwar einen starken Zuzug in Städte, doch Anpassungen im Verkehrssystem gehen langsamer voran“, sagt der Experte – neue Projekte und ihre Umsetzung brauchen ihre Zeit.

Carsharing, Mieträder, ÖPNV

Stadtplaner haben laut Mirko Goletz dabei verschiedene Möglichkeiten, die Situation zu steuern. Etwa über eine Kombination aus Verboten und Anreizen. So könnten Anwohnerparkzonen nahe Einkaufsstraßen oder Umweltzonen im Innenstadtbereich die Lust aufs eigene Auto senken, während Angebote wie Carsharing oder Mietrad-Stationen und die Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) mehr Menschen von gemeinschaftlich genutzten Verkehrsmitteln überzeugen.

Beim Carsharing können registrierte Nutzer ein Auto auch für sehr kurze Strecken oder Zeiträume mieten und zahlen neben einer Grundgebühr meist einen Zeit-, einen Kilometertarif oder eine Mischung daraus. Der Bundesverband Carsharing stellte in einer Studie fest, dass Menschen, die dieses Angebot nutzen, oft ganz auf ein eigenes Auto verzichten. „Ein Carsharing-Fahrzeug ersetzt bis zu 20 private Pkw und macht so umgerechnet bis zu 99 Meter zugeparkte Straßenkante frei“, fand der Bundesverband heraus.

Einfach das Auto stehen lassen und stattdessen nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, stellt jedoch keine alleinige Lösung dar. Stattdessen sprechen Experten wie Mirko Goletz von „Multimodalität“ und „Intermodalität“: Wer an verschiedenen Tagen unterschiedliche Verkehrsmittel nutzt, weil es gerade für den jeweiligen Zweck das Richtige ist, bewegt sich multimodal. Intermodalität bedeutet hingegen, dass man für einen Weg mehrere Transportmittel nutzt, beispielsweise mit dem Rad zur U-Bahn fährt und später noch in einen Bus umsteigt.

„Die Vision für die Zukunft ist, dass wir alle flexibler werden und situativ verschiedene Verkehrsmittel nutzen, also mal das Auto, mal den Bus nehmen“, sagt Mirko Goletz. Dann könne, so die Hoffnung, die Zahl der privaten Autos in den Städten sinken.

Angebot verbessern, Nutzung erhöhen

„Das Problem ist heute aber, dass man mit einem öffentlichen Verkehrsmittel allein oft nicht schnell genug ans Ziel kommt“, erklärt Mirko Goletz. Stattdessen verliere man viel Zeit beim Warten und Umsteigen. „Das Ziel ist deswegen, das Angebot so zu verbessern, dass Anschlüsse von Bus und Bahn besser aufeinander abgestimmt sind oder man für die ‚letzte Meile‘ einfach auf Leihräder oder E-Roller umsteigen kann.“

Außerdem sollte es seiner Ansicht nach einfacher werden, ein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr zu kaufen, bei dem die ergänzenden Verkehrsmittel gleich mit dabei sind. Das Bundesverkehrsministerium unterstützt etwa die Einführung von elektronischen Tickets, die über Apps gekauft werden können und die in einigen Jahren die Papierfahrkarten ablösen sollen.

Ein weiterer Ansatz steht beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt im Mittelpunkt: Mirko Goletz ist dort am Projekt „Urbane Mobilität“ beteiligt, das seit 2015 läuft. „Wir forschen hier vor allem zur Intermodalität und wollen prüfen, wie man Umsteigepunkte verbessern kann.“ So könnten zum Beispiel Bahnhöfe so gestaltet werden, dass man einen Mehrnutzen hat, wenn man dort warten muss. Wer in der nahe gelegenen Drogerie noch schnell ein paar Einkäufe erledigen kann, stört sich weniger daran, dass er umsteigen muss, als jemand, der zehn Minuten nur an der Haltestelle herumsteht.

Ansätze für betriebliche Veränderungen

In den Bereich rund um urbane Mobilität gehören außerdem Ideen zum betrieblichen Mobilitätsmanagement, also die Arbeits- und Dienstwege betreffend. Dazu zählen Dienstfahrräder, Fahrgemeinschaften von Mitarbeitern eines Betriebes, Treffpunkte an Großparkplätzen sowie das Vermeiden von Geschäftsreisen, indem man zum Beispiel mehr durch Telefon- oder Videokonferenzen als bei Vor-Ort-Terminen regelt. Zu diesem Teilbereich bestehen bereits einige Projekte von Städten und Kommunen sowie der Bundesregierung: „Mobil gewinnt“ etwa ist eine kürzlich gestartete Initiative des Bundesverkehrsministeriums und des Bundesumweltministeriums. Betriebe sollen hier Unterstützung finden, um unter ihren Mitarbeitern die Nutzung von Autos effizienter zu gestalten oder Anreize für den Umstieg auf Fahrrad, Bus und Bahn zu schaffen.

abi>> 23.10.2017

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