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Der wichtige Blickwinkel des Exoten

Matthias Kirchhoff, 28, arbeitet als Gerontologe in Hamburg. Hier in der Einzelbetreuung mit einer Seniorin.
Gerontologie ist eines von 119 kleinen Fächern in Deutschland.
Foto: Sonja Brüggemann

Studiere lieber ungewöhnlich: Kleine Fächer

Der wichtige Blickwinkel des Exoten

Wer sich für ein kleines Fach entscheidet, sollte Eigeninitiative und Leidenschaft für sein Studium mitbringen. Der Blick über den Tellerrand zeichnet die Studienfächer wie auch ihre Absolventen aus.

„Wenn ich sage, was ich studiere, weiß zunächst keiner, was das ist. Dann finden es aber alle cool“, erzählt Paula Hackel. Die 20-Jährige aus Sachsen-Anhalt studiert mittlerweile im dritten Semester Gerontologie an der Universität Vechta. Von dem zulassungsfreien Bachelorstudiengang, der sich mit dem menschlichen Altern beschäftigt, erfuhr sie über Freunde.

Ein Porträt-Foto von Paula Hackel

Paula Hackel

Foto: Joachim Hackel

Die Studieninhalte in Gerontologie, das zu den sogenannten kleinen Fächern zählt, sind sehr breit gefächert: Neben den Pflichtmodulen wie zu Gesundheit und Pflege, Politik und Recht, Psychologie, BWL, Soziologie und Demografie gibt es auch frei wählbare Kurse wie „Altern und Geschlecht“ oder „Sport im Alter“. Die großen Wahlmöglichkeiten gefallen Paula Hackel besonders an ihrem Studiengang.

Ihr zehnwöchiges Pflichtpraktikum würde sie gerne in der Geriatrie-Abteilung eines Krankenhauses absolvieren. Praxiserfahrung sammelte sie bereits aus eigener Initiative heraus in der Tagespflege. „Durch Praktika werde ich mir klarer darüber, was ich genau machen will“, erläutert die Gerontologie-Studentin, deren Kommilitonen zum großen Teil zuvor eine Ausbildung als Krankenschwester oder Krankenpfleger abgeschlossen haben. Nach dem Bachelor in Gerontologie plant Paula Hackel, einen Master anzuschließen, in dem sie sich möglicherweise auf den Bereich Management spezialisieren will.

Was sind kleine Fächer?

Momentan gibt es 119 kleine Fächer an 80 deutschen Hochschulen. Die meisten sind in den Geistes- und Kulturwissenschaften – wie Tibetologie (siehe auch „Für die Verständigung der Völker“) oder Religionswissenschaften – zu finden, andere in den Natur- und Ingenieurwissenschaften – Bioinformatik oder Schiffstechnik etwa – sowie einige wenige in den Wirtschaftswissenschaften.

Ein Porträt-Foto von Katharina Bahlmann

Katharina Bahlmann

Foto: privat

„Entscheidend für die derzeitige Definition kleines Fach ist, mit wie vielen Professuren und an wie vielen deutschen Hochschulen es vertreten ist“, erklärt Dr. Katharina Bahlmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer. Wichtig sei aber auch das Selbstverständnis der Wissenschaftler: Handelt es sich überhaupt um ein Fach oder nur um einen vereinzelten Studiengang einer Hochschule? Gibt es eigene Professuren, eigene Fachgesellschaften und Fachzeitschriften?

Bisher wird ein kleines Fach also so definiert, dass es sich von großen Fächern, aber auch von Spezialgebieten oder bloßen Teildisziplinen abgrenzt – und bereits Studiengang vor dem Bologna-Prozess war. Die Mainzer Wissenschaftler überarbeiten allerdings gerade die Definition und die Kartierung kleiner Fächer. Denn mit der Umstellung auf das gestufte Bachelor- und Mastersystem sind neue Studiengänge, aber auch Fächer entstanden, das Studienangebot hat sich aufgesplittet. (siehe auch „Fokussierung bringt Vielfalt“)

Kleine Fächer zeichnen sich häufig durch Kooperationen über Fächer- und Universitätsgrenzen hinweg aus: Um ihre Wettbewerbsfähigkeiten zu erhalten, werden kleine, vor allem geisteswissenschaftliche Fächer thematisch gebündelt – so ist im Jahr 2006 beispielsweise das „Zentrum Östliches Europa“ in Gießen entstanden. Außerdem gibt es vom Bund Förderprojekte für Nachwuchswissenschaftler kleiner Fächer.

Hohe Relevanz und neue Perspektiven

Die Stärken kleiner Fächer liegen in ihrer fachübergreifenden Vernetzung und auch in ihrer Internationalität. „Für viele kleine Geisteswissenschaften liegt ihr Forschungsgegenstand in anderen Ländern. Das fördert den Austausch mit außerdeutschen Hochschulen ebenso wie der Fakt, dass die eigene Wissenschaftlergemeinschaft in Deutschland sehr klein ist“, erklärt Katharina Bahlmann. (siehe auch „Das Leben in der Stadt erforschen“) Eine hohe Relevanz bekämen die kleinen Fächer auch dadurch, dass sie zu einer Vielfalt an Perspektiven in der Wissenschaft beitrügen: „Der eurozentrische Blick der großen Fächer auf die großen europäischen Kulturen wird um den außereuropäischen Blick ergänzt.“

Kleine Fächer beschäftigten sich nicht mit weltfremder Forschung. „Sie haben viel Anwendungsbezug und Aktualität“, sagt die Mainzer Expertin und verweist zum Beispiel auf die Altertumswissenschaft, die die Zerstörung von Kulturgütern durch den Islamischen Staat untersucht. (siehe auch „Wichtige Expertise aus der Nische“) Auch beim Einwerben von Drittmitteln stehen die kleinen Fächer nicht schlechter da als die großen, haben Katharina Bahlmann und ihre Kollegen im Jahr 2016 in einer Studie festgestellt.

Berufsorientierung während des Studiums

Thomas Vielhauer, Koordinator des Teams Akademische Berufe der Agentur für Arbeit Hamburg, unterstützt Abiturienten in der Wahl eines kleinen Fachs, sofern diese überzeugt und hochmotiviert sind. Denn es sei auch keine gute Idee, sich dem Druck von Eltern oder Freunden zu beugen und beispielsweise statt Alte Geschichte lieber Geschichte auf Lehramt zu studieren: „Diese Leute erleiden relativ schnell Schiffbruch, spätestens in dem Teil, in dem es um Pädagogik und das praktische Unterrichten geht.“

Doch für ein kleines Fach sollte man auch die richtige Persönlichkeit mitbringen, betont Thomas Vielhauer: „Man entscheidet sich mit einem kleinen Fach zumeist für ein Studium und nicht für einen Beruf. Man trifft als Absolvent auf einen undefinierten, aber dadurch auch sehr offenen Arbeitsmarkt.“ Das ist ein Vorteil für diejenigen, die sich nach dem Abitur noch nicht auf einen Beruf festlegen, sondern erst einmal schauen wollen, was ihnen gefällt. „Doch wir machen auch immer klar, dass man sich seinen Arbeitsmarkt selbst schaffen muss. Man muss selbst Ziele, Perspektiven und Wünsche entwickeln – dafür braucht es schon eine gehörige Portion Eigeninitiative“, erläutert Thomas Vielhauer und ergänzt: „In der zweiten Hälfte des Studiums ist daher die Berufsorientierung eine ganz wichtige Aufgabe. Man kann seinen Fächerkanon erweitern, Praktika machen und Netzwerken, um sich so sein künftiges Arbeitsfeld zu erarbeiten.“

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „Finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

Hochschulkompass

Informationen über deutsche Hochschulen, deren Studienangebote, Ansprechpartner und internationale Kooperationen.
www.hochschulkompass.de

Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)

Das gemeinnützige CHE versteht sich als Projektpartner von Ministerien und Hochschulen und veröffentlicht unter anderem in regelmäßigen Abständen Hochschulrankings.
www.che.de

Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer

Hochschulpolitisch unabhängige Forschungseinrichtung, die die Situation kleiner Fächer in Deutschland untersucht
www.kleinefaecher.de

abi>> 27.03.2017

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