Studieren nach Strich und Faden

Eine junge Frau sitzt an einer Nähmaschine und näht zwei magentafarbene Stoffteile zusammen.
Gestalterisch, technisch, wirtschaftlich, pädagogisch: Wer sich später beruflich mit Textilien beschäftigen will, hat gleich mehrere Wege zur Auswahl. Dazu zählt auch die Wahl, nach dem Abitur eine Ausbildung, ein Studium oder die Kombination des dualen Studiums zu wählen.
Foto: Julien Fertl

Zukunfts-„Stoff“: Studieren rund um Textil

Studieren nach Strich und Faden

Mode designen, Stoffe herstellen, innovative Textilien entwickeln oder den Handel managen – es gibt viele Möglichkeiten, sich beruflich mit Textilien zu beschäftigen. Ebenso facettenreich sind die Studiengänge und Ausbildungen, die Abiturienten in die Branche führen.

Das neue Lieblings-Shirt ist gerade einmal drei Wochen getragen, da weckt eine Modebloggerin bei Instagram neue Begehrlichkeiten. Auf geht’s ins Modegeschäft oder in den Online-Shop, wieder wird der neueste Trend eingekauft. „Durch die Globalisierung und soziale Medien werden die Modezyklen immer kürzer. Trotzdem soll Kleidung meist so günstig wie möglich sein. Das ist nicht nur schlecht für die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern und für die Umwelt, sondern auch für einen selbst“, findet Masterstudentin Tamara Laupichler: „Wir genießen nicht mehr, wir konsumieren nur.“

In ihrem Studiengang „Multichannel Trade Management in Textile Business“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg beschäftigt sich die 25-Jährige unter anderem damit, wie die Modewelt nachhaltiger werden kann.

Wirtschaft, Herstellung, Recht

Ein Porträt-Foto von Tamara Laupichler.

Tamara Laupichler

Foto: privat

Der Schwerpunkt des Masterstudiengangs liegt auf den Wirtschaftswissenschaften. Kenntnisse aus den Fächern Betriebswirtschaft, Controlling, Einkauf, Marketing, Produktmanagement und Intercultural Management werden dabei immer in Bezug zur Modebranche gesetzt: „Wir bewerteten etwa am Beispiel Hugo Boss, wie sich das Unternehmen am Markt positioniert und die eigene Marke stärkt“, erklärt die Studentin, die bereits im dritten und letzten Mastersemester ist. Hinzu kommen Fächer im Bereich Textil und Fertigung sowie Recht.

In Projektarbeiten wenden die Studierenden die Theorie an. Tamara Laupichler entwickelte etwa zusammen mit Kommilitonen ein Konzept für eine reale Firma, wie alte Kollektionen rentabel vermarktet werden können.

Verschiedene Einsatzfelder stehen offen

Das Thema Nachhaltigkeit kommt in verschiedenen Fächern zur Sprache. Damit hatte sich Tamara Laupichler bereits in ihrer Abschlussarbeit im Bachelorstudiengang Mode- und Designmanagement an der privaten Akademie Mode & Design in Hamburg beschäftigt: „Ich stellte die Frage, ob Entschleunigung in der Modewelt möglich ist, und untersuchte, wie die Branche fairer werden kann.“ Aufklärung der Kunden einerseits und ein Umdenken der Modeunternehmen andererseits könnten der Schlüssel sein, lautete ihr Fazit.

Auch beruflich fände es Tamara Laupichler spannend, zum Beispiel in der Nachhaltigkeitsabteilung eines großen Modeunternehmens zu arbeiten. Ebenso reizen sie das Produktmanagement mit Kontakt zu Lieferanten und dem Tüfteln an Produkten sowie der Vertrieb. In letzterem Bereich arbeitet sie derzeit neben ihrem Masterstudium beim Modehersteller Lascana, eine Marke des Handelskonzerns Otto. Dort wird sie auch ihre Masterarbeit verfassen – und dann mal sehen. „Egal in welchem Bereich ich später tätig sein werde, eines ist sicher: Die Branche ist unfassbar facettenreich.“

Gestalterisch, wirtschaftlich, technisch oder pädagogisch

Ein Porträtbild von Martina Hannesen

Martina Hannesen

Foto: Michael Becker

Diese Vielseitigkeit spiegelt sich auch im Angebot der Hochschulen wider, betont Martina Hannesen, Berufsberaterin der Agentur für Arbeit Krefeld. Je nach Neigung kommen verschiedene Studiengänge rund um Textil infrage: „Interessiere ich mich für den Handel oder kaufmännische Aspekte, wäre ein wirtschaftlicher Studiengang wie Textilmanagement möglich. Sind Naturwissenschaften mein Ding, bin ich im technischen Bereich gut aufgehoben, zum Beispiel in der Textil- und Bekleidungstechnik. Und bin ich gerne kreativ, könnte die gestalterische Richtung, klassischerweise Modedesign, ideal sein.“

Dass Internationalität in dieser Branche eine große Rolle spielt, zeigen Studiengänge wie „Textile and Clothing Management“ der Hochschule Niederrhein: „Nicht nur wird dieser Bachelor komplett auf Englisch gelehrt, sondern es besteht auch die Möglichkeit eines Doppelabschlusses in Kooperation mit der chinesischen Tianjin Polytechnical University“, zeigt die Expertin auf. (Mehr zu Studienmöglichkeiten und in welche Berufsfelder diese führen, erfährst du in „Textilien herstellen, verarbeiten, vermarkten, erforschen“. Einen künstlerischen Studiengang lernst du zudem in „Fantastische Welten auf der Bühne erschaffen“ kennen.) 

Eine weitere Option ist das Lehramt: „Einzigartig in Deutschland ist das Textiltechnik-Studium auf Lehramt an Berufskollegs, den die Rheinisch-Westfälische Hochschule (RWTH) Aachen anbietet“, erzählt Martina Hannesen. (Mehr über dieses Studienfach erfährst du in „Von der Faser bis zum Textil“.) Außerdem ist es an einigen Hochschulen möglich, im Lehramtsstudium für Grundschulen oder die Sekundarstufe I das Fach „Textilgestaltung“ zu wählen.

Attraktiv für praktisch veranlagte Abiturienten, die trotzdem gerne studieren möchten, ist das duale Studium. Hier schließt man entweder neben einem Bachelorstudium eine Ausbildung im Unternehmen ab (ausbildungsintegriert), zum Beispiel die zum Produktionsmechaniker Textil, oder verbringt parallel zum Studium längere Praxisphasen im Betrieb (praxisintegriert).

Über eine Ausbildung zum Ziel

Ein Porträtbild von Christine Schneider

Christine Schneider

Foto: Südwesttextil e.V.

Alternativ können Abiturienten mit einem Faible für Textilien eine duale Berufsausbildung absolvieren, erklärt Christine Schneider, Leiterin Fachkräfte und Märkte beim Arbeitgeberverband Südwesttextil und nennt einige Beispiele: „Textil- und Modeschneider etwa sind gestalterisch tätig. Produktveredler Textil kümmern sich um chemische Aspekte, färben etwa Stoffe ein oder beschichten sie. Und Textillaboranten untersuchen und analysieren die chemischen und physikalischen Eigenschaften von Textilien.“ Für Abiturienten interessant ist zudem die doppelt qualifizierende Ausbildung zum Betriebswirt Textil, die mit einer kaufmännischen Ausbildung sowie dem Textilbetriebswirt abschließt.

Laut der Verbandsexpertin sind gerade bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen Fachkräfte heißbegehrt, die ihren Beruf und die Branche durch eine Ausbildung von der Pike auf gelernt haben und sich parallel oder im Anschluss weiterbilden – durch ein Studium oder eine Weiterbildung zum Meister oder Techniker: „Solche jungen Fachkräfte werden händeringend gesucht“, versichert sie.

Gute Berufsaussichten gerade im technischen Bereich

Egal welcher Bildungsweg, Absolventen fänden einen aufnahmefähigen Arbeitsmarkt vor, betont Berufsberaterin Martina Hannesen: „An der in Krefeld und Mönchengladbach ansässigen Hochschule Niederrhein zum Beispiel ergattern rund 60 Prozent der Bachelorabsolventen des Fachbereichs Textil innerhalb von drei Monaten eine Stelle.“ Ein Großteil der freien Stellen betreffe technische Berufe, etwa als Ingenieur in der Textil- und Bekleidungsindustrie. Die deutsche Textilbranche sei zudem stark forschungsorientiert. (Mehr über Forschung mit Textilien erfährst du in „Stoffen zu neuen Funktionen verhelfen“.)

Das kann auch Christine Schneider von Südwesttextil bestätigen: „Insbesondere im Bereich der technischen Textilien stehen Absolventen alle Türen offen. Es ist immer wieder verblüffend, wie und wo überall Textilien zum Einsatz kommen: Die Außenhaut der Boeing 787 ‚Dreamliner‘ ist zum Beispiel nicht aus Metall gebaut, sondern besteht hauptsächlich aus Carbon-Gelegen.“ Carbon oder Kohlenstofffasern zeichnen sich durch ein optimales Verhältnis zwischen Belastbarkeit und niedrigem Gewicht aus – ideal für den Leichtbau. „Dank der vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten sind Fachleute für Textilien nicht nur klassisch in der Textil- und Bekleidungsindustrie stark gefragt, sondern in vielen weiteren Branchen wie der Luft- und Raumfahrt, der Automobilindustrie, im Baubereich oder der Medizintechnik.“

Klassische Arbeitgeber sind Textil- und Bekleidungshersteller, Webereien und Spinnereien, aber auch Zulieferer wie Maschinenhersteller oder Firmen für Textilchemie.

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild. (Suchwort: Textil)
www.berufenet.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen. (Suchwort: Textil)
www.studienwahl.de

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit mit einem Überblick und Reportagen zu verschiedenen Berufswelten. (Suchwort: Textil; Berufswelten: z.B. Textilien; Handel, Verkauf und Vertrieb; Maschinen- und Anlagenbau)
www.berufsfeld-info.de

Gesamtverband textil+mode

www.textil-mode.de

Go Textile!

Kampagne des Gesamtverbands textil+mode zum Werben um Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten in der Branche
www.go-textile.de

 

Zukunfts-„Stoff“: Studieren rund um Textil – Übersicht

Textilien herstellen, verarbeiten, vermarkten, erforschen

Mit Textilien lässt sich Allerhand gestalten und herstellen. abi>> listet einige Studienmöglichkeiten auf, die sich auf unterschiedliche Art Stoffen widmen.

Textil- und Bekleidungstechnik

Studierende erhalten Kenntnisse in Textil- und Konfektionstechnologie, textilen Produkten, IT, Wirtschaftswissenschaften sowie Mathematik und Technischem Zeichnen. Sie sind dadurch später in der Lage, alle Prozesse, Maschinen und Anlagen rund um die Textil- und Bekleidungsherstellung zu steuern, zu überwachen und zu verbessern.

Mögliche Studiengänge: Bekleidung (Technik und Management), Bekleidungstechnik/Konfektion, Design-Ingenieur, Innovative Textilien, Textile and Clothing Management, Textile Strukturen und Technologien, Textiltechnik, Textiltechnologie/Textilmanagement, Textil- und Bekleidungstechnik

Mögliche Arbeitgeber: Hersteller für Maschinen für das Textil- und Bekleidungsgewerbe, Forschungsinstitute für Textiltechnik; speziell Textiltechnik: Betriebe der Textilindustrie wie Spinnereien, Webereien oder Textilveredelungsbetriebe, Kfz-Zuliefererbetriebe wie Hersteller von Sitzbezügen und Sicherheitsgurten, Gewerbeaufsichtsämter; speziell Bekleidungstechnik: Bekleidungshersteller, Ateliers für Textildesign

Mehr zum grundständigen Studiengang „Textil- und Bekleidungstechnik“ auf BERUFENET >>

Textildesign

Angehende Textildesigner lernen die Grundlagen in Entwurf, Gestaltung und Marketing, sowohl digital als auch analog. Aus ihren Entwürfen werden Textilien hergestellt.

Mögliche Studiengänge: Modedesign Studienrichtung Textil, Textil-/Modedesign, Textildesign, Textil- und Flächendesign

Mögliche Arbeitgeber: Ateliers für Mode- und Textildesign, Mode- und Fachverlage, Betriebe der Textilherstellung und -veredelung, Hochschulen

Mehr zum grundständigen Studiengang „Textildesign“ auf BERUFENET >>

Modedesign

In diesem Studiengang werden künstlerische und gestalterische Grundlagen in der Mode einerseits sowie Unternehmensgründung und -führung, Trendanalyse, Management und Marketing andererseits gelehrt. Modedesigner liefern die Entwürfe, um Textilien zu Kleidung weiterzuverarbeiten.

Mögliche Studiengänge: Accessoire Design, Fashion Design, Mode-/Textil-/Kostümdesign, Modedesign, Modedesign-Styliste, Mode-Textil-Design, Mode-und Designmanagement

Mögliche Arbeitgeber: Bekleidungshersteller, Ateliers für Mode- und Textildesign, Einzel- und Versandhandel, Mode- und Fachverlage, Hochschulen

Mehr zum grundständigen Studiengang „Modedesign“ auf BERUFENET >>

Textilmanagement

Betriebswirtschaft maßgeschneidert für die Textil- und Bekleidungsbranche: Studierende erfahren mehr über Marketing, Qualitäts- und Umweltmanagement, Produkt- und Modeentwicklung, Textiltechnologie sowie E-Commerce.

Mögliche Studiengänge: Textilmanagement, Textile Produkte, International Fashion Retail, Multichannel Trade Management in Textile Business, Management of Textile Trade and Technology, Textil- und Bekleidungsmanagement, E-Commerce

Mögliche Arbeitgeber: Betriebe der Textil- und Bekleidungsindustrie, Mode- und Bekleidungshandel

Mehr zum Studienangebot im Bereich „Textilmanagement“ auf studienwahl.de >>

Materielle Kultur

Welche Bedeutung haben Textilien und Mode zu unterschiedlichen Perioden der Menschheitsgeschichte? Dieser Frage widmen sich Studierende dieser Fachrichtung aus kultureller, soziologischer und technischer Perspektive.

Mögliche Studiengänge: Materielle Kultur: Textil, Museologie und materielle Kultur, Kulturantrophologie des Textilen

Mögliche Arbeitgeber: Museen, Museumsgesellschaften und -vereine, öffentliche Verwaltung wie Ämter für Denkmalpflege oder Schlösserverwaltungen, Hochschulen

Mehr zum Studienangebot im Bereich „Materielle Kultur“ auf studienwahl.de >>

 

Bühnen- und Kostümbild

Fantastische Welten auf der Bühne erschaffen

Neben dem Regisseur sind es unter anderem die Bühnen- und Kostümbildner, die ein Theaterstück oder eine Oper künstlerisch prägen. Im Diplomstudiengang „Bühnen- und Kostümbild“ an der Akademie für Bildende Künste Stuttgart wird Christian Blechschmidt (31) in beiden Fachbereichen ausgebildet.

Das Kostüm engt den Schauspieler ein, er bewegt sich mühevoll über die Bühne. Zudem hängt der Bühnenboden schräg, sodass er abzurutschen droht. Das Publikum spürt diese Beklommenheit und ist in die Gefühlswelt der Figur versetzt. „Das ist eines von tausenden Beispielen, doch es zeigt das Ziel des Bühnen- und Kostümbildners auf: Er muss das Theaterwerk verstehen, herausfiltern, welche Inhalte und Gefühle wichtig sind, und diese dann bildlich auf die Bühne übertragen“, erklärt Christian Blechschmidt.

Das Handwerkszeug für diese kreative Tätigkeit lernt der 31-Jährige seit sieben Semestern im Diplomstudiengang „Bühnen- und Kostümbild“ an der Akademie für Bildende Künste (ABK) in Stuttgart. Noch drei Semester hat er vor sich, bevor er in seiner Diplomarbeit eigenständig – also ohne Ratschläge seiner Dozierenden – ein Stück durch ein Bühnen- und Kostümbild interpretieren wird.

Richtungswechsel aus Leidenschaft

Ein Porträt-Foto von Christian Blechschmidt.

Christian Blechschmidt

Foto: Jan Hottmann

Doch bis dahin war und ist es ein weiter Weg: „Die ersten beiden Semester verbringen alle Studierenden der Fachrichtung Bildenden Künste gemeinsam in einer Grundklasse. Dadurch schaut man über den fachlichen Tellerrand und knüpft Kontakte mit anderen bildenden Künstlern“, beschreibt Christian Blechschmidt. „Wir erlernten zudem in Workshops handwerkliche Grundlagen für Modellbau, Theatertechnik oder Kostümschneidern. Außerdem wurden wir in die Theatergeschichte eingeführt.“

Letztere war dem Studenten bereits gut bekannt: Vor seinem jetzigen Studium hatte er einen Magister in Theaterwissenschaften und Musikpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München absolviert. „Schon als Kind, als mich mein Großvater immer wieder in das Staatstheater Nürnberg mitnahm, war ich fasziniert von Bühnenbildern. Mit 26 Jahren, nach meinem Magister, wollte ich es also doch noch wagen und bewarb mich um einen der wenigen Studienplätze an der ABK“, erinnert er sich.

Seine Mappe mit Fotostudien, Gemälden sowie Bühnen- und Kostümbildentwürfen brachten ihm eine Einladung zur Eignungsprüfung ein. Vor Ort in Stuttgart musste er sein Können, etwa durch das Zeichnen eines Storyboards, unter Beweis stellen und sich außerdem in einem Gespräch präsentieren – sein Traum ging in Erfüllung, er erhielt die Zusage.

Wie stellt man absolutes Scheitern dar?

Ab dem dritten Semester trennte sich die Grundklasse in die einzelnen Studiengänge auf, um das jeweilige Fachgebiet zu vertiefen. „Im Bühnen- und Kostümbild widmeten wir uns nun sogenannten Tischarbeiten. Dabei wird zunächst ein Theaterstück oder eine Oper ‚am Tisch‘ durchgearbeitet, um es inhaltlich und emotional zu durchdringen. Dann überlegt jeder Studierende für sich, welche Aspekte ihn interessieren und wie er diese darstellen möchte.“

Derzeit beschäftigt sich Christian Blechschmidt beispielsweise mit der altgriechischen Tragödie „Medea“ von Euripides. Die Königstochter Medea wird von ihrem Ehemann Jason für eine andere Prinzessin verlassen und verstoßen, nachdem sie für ihn ihren Bruder umgebracht und ihre Heimat zurückgelassen hatte. Rasend vor Rachegelüsten und doch mit berechnender List tötet Medea die Prinzessin, deren Vater und schließlich ihre eigenen, mit Jason gezeugten Söhne. „Wie also dieses absolute Scheitern und diese Figur darstellen, die alle soziale Normen sprengt?“, fragte sich der Student – und entschied: „Ich möchte einen riesigen, ebenso die Normen sprengenden Bühnenraum mit wechselnden Bildern schaffen, in dem sich die Figur verliert.“

Mit dem Kostüm der Hauptfigur haderte er lange, doch nun schwebt ihm Medea in einem Pelzmantel vor, „um bei ihr das Barbarische und Wilde sowie die Verbundenheit zur Natur nach außen zu kehren“. Für das Tüfteln am richtigen Material kam ihm die Kooperation seiner Hochschule mit der Akademie für Darstellende Kunst (ADK) im nahen Ludwigsburg zugute. „Immer wieder arbeiten wir mit den dortigen Regie-Studierenden zusammen, insbesondere in den letzten drei Semestern. Außerdem können wir die tolle Kostümwerkstatt der ADK nutzen und eigene Kostümentwürfe versuchsweise umsetzen“, freut sich der 31-Jährige.

Kontakte erleichtern den Berufseinstieg

Zur Aufführung kommen die Tischarbeiten nicht, „sie dienen dazu, sich auszuprobieren und sich zu einem eigenständigen Künstler zu entwickeln“, erklärt Christian Blechschmidt. Anders sieht es jedoch mit Projekten neben dem Studium aus: Im Rahmen der Kooperation mit der ADK arbeitete er mit der damaligen Regie-Studentin Anna-Elisabeth Frick zusammen, die ihn nach ihrem Abschluss in ihre Aufträge einband. „Zusammen haben wir für das Stück ‚Die Unerhörte‘ 2016 den Nachwuchspreis ‚Junge Regie‘ der Körber-Stiftung erhalten“, erzählt er stolz.

Auch in Wien und Luxemburg konnte er bereits dank Kontakten, die er während des Studiums knüpfte, eigenständige Theaterarbeiten realisieren. „Ich hoffe, dass mir dadurch der Berufseinstieg später leichter gelingen wird. Es braucht etwas Glück, aber als freier Bühnen- und Kostümbildner zu arbeiten, ist mein Traum“, sagt Christian Blechschmidt.

 

Textiltechnik

Von der Faser bis zum Textil

Die Zeiten des hölzernen Webstuhls sind passé, stattdessen produzieren hochtechnologische Maschinen Textilien aus unterschiedlichen Materialien. Wie diese funktionieren und verbessert werden können, lernt Amrei Becker (25) in ihrem Masterstudium Textiltechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

Denkt Amrei Becker an Textilien, sprudeln deren Einsatzmöglichkeiten nur so aus ihr heraus: „Klar, jedem fällt erst einmal Kleidung ein – aber es gibt noch so viel mehr! Reifencord zum Beispiel ist ein Gewebe, das Auto- oder Fahrradreifen verstärkt. Ski oder auch Bauteile für Flugzeuge werden aus Glas- und Carbonfasern hergestellt. Künstliche Kreuzbänder aus Textil ersetzen körpereigene Sehnen. Und Geotextile geben beispielsweise Deichen Halt.“ Diese riesige Bandbreite ist es, die die 25-Jährige am Masterstudiengang Textiltechnik an der RWTH Aachen begeistert.

Spezialisierung des Maschinenbaus

Ein Porträt-Foto von Amrei Becker.

Amrei Becker

Foto: privat

In ihrem Studienfach dreht sich alles um die Herstellung – von der Faser über das Garn bis zum fertigen Produkt – sowie den Einsatz von Textilien. „Textiltechnik ist eine Spezialisierung des Maschinenbaus. Das Studium ist daher technisch und forschungsorientiert“, erklärt Amrei Becker. Die Studierenden lernen im Hörsaal, im Technikum und im Labor, wie etwa Maschinen zur Textilherstellung funktionieren, welche Werkstoffe es gibt und wie sie verarbeitet werden. Gelehrt wird auch, wie die Qualität des Textils überprüft wird.

„Daneben gibt es Wahlbereiche wie Medizintechnik, Faserverbundwerkstoffe oder Mess- und Prüfverfahren. Jetzt, im ersten Mastersemester, schreibe ich über ein Projekt im Bereich Chemiefasertechnik – vielleicht wähle ich in den letzten beiden Semestern aber noch mal ganz andere Themen“, zeigt sich die Studentin experimentierfreudig. Denn egal welcher Bereich: „Die Textiltechnik ist genau mein Ding.“

Angst vor technischem Studium ist unbegründet

Dabei führte ein Umweg zu ihrem Wunschstudium. „Ein Praktikum in der 9. Klasse an der Oper in Düsseldorf weckte in mir zunächst den Wunsch, Kostümdesignerin zu werden.“ Nach dem Abitur reiste Amrei Becker nach Irland. „In Dublin belegte ich dann einen Modedesign-Kurs an der Grafton Academy of Fashion Design und konnte mich dort beim Gestalten von Schnittmustern und Kleidung kreativ austoben. Ich zog den zweieinhalbjährigen Kurs mit Freude durch, merkte aber, dass mir die Mathematik fehlte“, erzählt sie.

Zurück in Deutschland stieß sie dann auf den Lehramts-Bachelor Textiltechnik an der RWTH, der die Studierenden zu Lehrern für Berufskollegs ausbildet. „Textilien und Technik hörte sich nach der perfekten Kombination an. Doch ich hatte Angst vor Fächern wie Mathe, Mechanik oder Regelungstechnik – völlig unbegründet, wie sich dann herausstellte. Mit der richtigen Lerngruppe und Motivation für den Studiengang sind sie gut zu meistern“, macht Amrei Becker Mut.

Biologisch abbaubare Textilien zum Schutz der Umwelt entwickeln

Es folgte für sie noch eine kleine Weichenstellung, denn Lehrerin wird Amrei Becker nun doch nicht. Im weiterführenden Studium wollte sie sich allein auf die Textiltechnik konzentrieren. Daher absolviert sie nun den reinen Master Textiltechnik – und geht völlig in ihrem Fachbereich auf: „Neben dem Studium arbeite ich als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut, außerdem nehme ich an vielen Exkursionen des Textilinstituts teil und möchte noch ein freiwilliges Praktikum machen, um ein Unternehmen genauer kennenzulernen.“ Im Auftrag des Gesamtverbands der deutschen Textil- und Modeindustrie warb sie zudem eineinhalb Jahre lang im Team „Go Textile!“ für die vielseitigen Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten der Branche.

Für ihren Einstieg ins Berufsleben reizt die Studentin die Wissenschaft: „In meiner Bachelorarbeit forschte ich an biologisch abbaubaren Textilien, die etwa als Fischernetze zum Einsatz kommen und die Verschmutzung der Meere verringern könnten – das war sehr spannend“, berichtet sie. „Ich kann mir daher gut vorstellen, später in der Entwicklungsabteilung eines Textilunternehmens zu arbeiten oder zunächst zu promovieren.“

 

Wissenschaftlerin im Bereich Textilforschung

Stoffen zu neuen Funktionen verhelfen

Ein Sport-Shirt, das nach einer harten Trainingseinheit kaum nach Schweiß riecht, oder Bettwäsche für Krankenhäuser, an der sich Bakterien und Co. nur schwerlich festsetzen können – Chemikerin Lisa Koch (30) entwickelt am Deutschen Textilforschungsinstitut Nord-West (DTNW) Textilien, die mehr können.

Am Anfang stehen ganz normale Stoffe, zum Beispiel solche aus Baumwolle, Polyester oder Vlies. „Wir verändern ihre Oberfläche, sodass sie neue oder bessere Eigenschaften erhalten“, erklärt Lisa Koch. Die Chemikerin forscht als wissenschaftliche Mitarbeiterin am DTNW etwa an Beschichtungen, die Textilien antimikrobiell und antiadhäsiv machen. Ersteres bedeutet, dass Mikroorganismen wie Bakterien oder Pilze auf dieser Oberfläche nicht wachsen können; Letzteres, dass sie daran gar nicht erst anhaften. Das macht diese Stoffe besonders hygienisch und damit zum Beispiel für den medizinischen Sektor, aber auch für Heimtextilien oder Sportbekleidung interessant.

„Unsere Auftraggeber sind teilweise Firmen, zum großen Teil aber öffentliche Träger, die Forschungsprojekte ausschreiben. Auf diese kann sich das Institut um die Ausführung und die Fördermittel bewerben“, schildert sie. Meist sind diese Projekte auf zwei Jahre ausgelegt. Die 30-Jährige ist daher befristet angestellt, wie die meisten ihrer Kollegen. „Das ist für mich aber in Ordnung. Ich arbeite seit April 2014 für das DTNW und promoviere hier nebenher. Meine Doktorarbeit möchte ich bis Sommer 2018 abschließen.“

Experimentieren und prüfen

Ein Porträt-Foto von Lisa Koch.

Lisa Koch

Foto: privat

Aktuell arbeitet Lisa Koch an einem Projekt, das das DTNW im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie bis Ende 2019 umsetzt. „Hierfür entwickeln wir geruchsmindernde Textilien, die etwa als Gardinen in der Küche oder als hygienische Bettwäsche im Krankenhaus zum Einsatz kommen könnten“, beschreibt sie. Zunächst wurden verschiedene Materialien ausgewählt, die später mit neuen Funktionen „ausgerüstet werden sollen“, wie es in der Fachsprache heißt. Danach untersuchte die Wissenschaftlerin im Labor chemische Stoffe, in diesem Fall Polymere, die die gewünschten antimikrobiellen und antiadhäsiven Eigenschaften mitbringen. „Im nächsten Schritt beschichte ich maschinell das Textil mit dem Polymer“, erklärt sie.

Dann geht es ans Prüfen: Bleibt das Polymer auch nach einem Waschgang haften? Sind die textilen Eigenschaften noch vorhanden? „Denn ein Baumwollstoff soll sich später immer noch nach Baumwolle anfühlen und weiß sein“, betont Lisa Koch. Und die wichtigste Frage: Hat der Stoff nun die gewünschten neuen Funktionen? Um das zu testen, trägt sie beispielweise E.coli-Bakterien auf die Probe auf und überwacht, ob diese wachsen.

„Gerade diese frühe Projektphase im Labor ist knifflig und ich muss viel herumprobieren. Dafür ist Durchhaltevermögen gefragt. Wissenschaftler müssen auch mit frustrierenden Ergebnissen umgehen können und Lösungen finden“, betont sie.

Projekte von Anfang bis Ende betreuen

Ist die Laborarbeit abgeschlossen, wertet Lisa Koch die Ergebnisse aus, recherchiert passende Forschungsliteratur und verfasst daraus einen Bericht. „Dieser wird dem projektbegleitenden Ausschuss vorgestellt. In ihm sitzen Unternehmen, für die unsere Forschung relevant sein könnte. Gerade kleine und mittelständische Firmen ohne eigene Forschungsabteilung haben ein großes Interesse an solchen öffentlichen Projekten. Sie kommen dann mit ihren Materialien auf uns zu und wir optimieren unsere bisherigen Ergebnisse für diese spezifischen Anwendungsfälle“, erklärt sie.

Ein Projekt so eng von Anfang bis Ende zu betreuen, ist für die junge Forscherin der große Reiz an ihrer Arbeit: „In anderen Instituten sind Wissenschaftler oft spezialisiert und bearbeiten nur einen Teil des Prozesses. Ich bin sehr froh, hier die ganze Bandbreite kennenzulernen.“ Ebenfalls positiv findet sie, dass sie als Mutter einer zweijährigen Tochter Beruf und Familie gut vereinbaren kann. „Ich arbeite 30 Stunden die Woche und kann mir die Zeit auch mal flexibel einteilen, wenn etwa meine Tochter krank ist. Da sind alle im Institut zum Glück sehr entgegenkommend“, freut sie sich.

„Wie kann ich Produkte verbessern?“

Eine Balance zwischen Theorie und Praxis war Lisa Koch bereits für ihr Studium wichtig: Nach dem Abitur 2007 entschied sie sich für das duale Bachelorstudium „Chemie- und Biotechnologie“ an der Hochschule Niederrhein, das auch eine Ausbildung zur Chemielaborantin beinhaltete. Dem schloss sie den Master „Angewandte Chemie“ an. Nach einem kurzen Intermezzo als Produktentwicklerin für einen Kosmetikhersteller ergatterte sie ihre Stelle am DTNW samt der Möglichkeit, zu promovieren.

Hat die 30-Jährige ihre Doktorwürde erlangt und ihr aktuelles Forschungsprojekt abgeschlossen, wäre sie offen für einen Wechsel: „Mich interessiert, was Produkte können und wie ich sie verbessern kann. Für die Zukunft könnte ich mir daher gut vorstellen, in der Industrie im Bereich Anwendungstechnik zu arbeiten.“


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Stand: 17.09.2019