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„Die pädagogische Herausforderung ist größer geworden“

Junge Lehrerin unterstreicht etwas mit einem Lineal an einer Tafel.
Lehrer sollten sich sowohl für ihre Fächer, als auch für ihre Schüler begeistern.
Foto: Martin Rehm

Lehramt studieren: Interview

„Die pädagogische Herausforderung ist größer geworden“

Im Interview mit abi» spricht Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, darüber, was gute Lehrer mitbringen sollten und welche Herausforderungen auf künftige Lehrer zukommen.

abi>> Herr Kraus, was macht gute Lehrer heutzutage aus?

Josef Kraus: Zum einen brauchen sie eine Begeisterung für ihre Unterrichtsfächer, denen sie sich mit Leidenschaft, Neugierde und Wissbegierde widmen sollten. Wenn sie das tun, strahlt das auch auf ihre Schüler aus. Und sie sollten gerne mit jungen Leuten arbeiten. Sicherlich schadet es auch nicht, wenn Lehrer ein Stück weit extrovertiert sind und ein stabiles Nervenkostüm haben.

abi>> Woran sollte man sich bei der Wahl der Schulform orientieren?

Josef Kraus: Wer zum Beispiel eine Leidenschaft für Physik oder Mathematik mitbringt und den Schwerpunkt auf das Fachliche legen will, dem würde ich eher zum Gymnasiallehramt raten. Wer gerne jüngere Kinder anleitet, ist wiederum in der Grundschule gut aufgehoben. Häufig außer Acht gelassen wird die Berufsschule, dabei bestreiten zwei Drittel aller jungen Leute den Weg der beruflichen Bildung.

abi>> Vor kurzem wurde eine Diskussion darüber angestoßen, inwieweit die Schule auf das Alltagsleben vorbereitet. Eine Kölner Schülerin beklagte auf Twitter, sie habe keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen. Fehlt hier etwas in den Stundenplänen?

Josef Kraus: Ich glaube nicht, dass Schule das leisten muss. In diesem Fall sehe ich vor allem die Eltern in der Pflicht. Künftige Herausforderungen sehe ich in anderen Bereichen.

abi>> Wo zum Beispiel?

Ein Porträt-Foto von Josef Kraus

Josef Kraus

Foto: Privat

Josef Kraus: Die Schülerschaft wird immer heterogener, was beispielsweise die Nationalität angeht. Lehrer müssen künftig besser über die kulturellen und religiösen Hintergründe ihrer Schüler Bescheid wissen. Ich würde mir außerdem wünschen, dass wir mehr nicht-deutschstämmige Lehramtsanwärter hätten. Darüber hinaus muss der Bereich der neuen Medien künftig stärker in den Unterricht miteinbezogen werden.

abi>> Worauf müssen sich angehende Lehrer einstellen?

Josef Kraus: Durchhaltevermögen und Konzentrationsfähigkeit der Schüler lassen immer mehr nach, die pädagogische Herausforderung ist größer geworden. Und nicht nur die Kinder, auch die Eltern rücken verstärkt in den Fokus. Viele Kinder aus bildungsfernen Familien erhalten zu Hause wenig Unterstützung. Auf der anderen Seite gibt es die sogenannten Helikopter-Eltern, die unglaubliche Ansprüche an Schulen und Kinder stellen.

abi>> Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Josef Kraus: Eine intensivere Betreuung der angehenden Lehrer im Studium und während der Praktika. Das wäre auch der Punkt, an dem Dozenten den Anwärtern, die sich nicht für den Beruf eignen, den Spiegel vorhalten könnten. Immer noch entscheiden sich viele junge Leute für den Beruf, weil sie Sprüchen Glauben schenken wie „Lehrer ist der beste Halbtagsjob der Welt“ oder „Lehrer haben vormittags Recht und nachmittags frei“. Wer mit dieser Einstellung in den Beruf geht, der wird irgendwann Schiffbruch erleiden.

Ein Gymnasiallehrer mit den Fächern Deutsch und Englisch unterrichtet im Schnitt sechs bis sieben Klassen, das macht rund 200 Schüler. Aufs Jahr gesehen bedeutet das: 1.000 Stunden Aufsätze und Schulaufgaben korrigieren – zusätzlich zu den 25 Stunden Unterricht pro Woche. Meiner Ansicht nach wäre es auch Aufgabe der Studienberatungen und Praktikumslehrer, den Lehramtsanwärtern dies zu vergegenwärtigen.

abi>> 09.11.2015