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„Ein Beruf, der viel zurückgibt“

Ein Schulgebäude von außen
Die Schule: Manche möchten sie nach dem Abitur nicht wiedersehen, andere finden es reizvoll, nach dem Studium an sie zurückzukehren.
Foto: Thomas Lohnes

Lehrer/in werden – Interview

„Ein Beruf, der viel zurückgibt“

Als Beamter eine sichere Anstellung auf Lebenszeit, Unterricht nach Plan, freie Nachmittage und lange Ferien: Das Lehramt hört sich verlockend an. Doch in der Realität kämpfen Lehrer mit vielen Herausforderungen, sagt Udo Beckmann. Der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) räumt für abi» mit falschen Vorstellungen auf – und erklärt, was den Lehrerberuf dennoch reizvoll macht.

abi» Herr Beckmann, was macht aus Ihrer Sicht eine gute Lehrerin, einen guten Lehrer aus?

Udo Beckmann: Wesentlich ist, dass es ihnen ein inneres Anliegen ist, jede Schülerin und jeden Schüler bestmöglich zu fördern. Wenn ich in Schülerinnen und Schülern zuvorderst ihr individuelles Potenzial sehe und ich mich auch selbst dauerhaft weiterentwickeln möchte, kann ich neuen Anforderungen gerecht werden. Dann werde ich auch das nötige Handwerkzeug erlernen, welches eine gute Lehrkraft beherrschen sollte.

abi» Sie sind selbst Lehrer, Ihre Berufswahl liegt nun allerdings schon einige Jahre zurück. Würden Sie auch heute noch Lehrer werden wollen?

Ein Porträt-Foto von Udo Beckmann

Udo Beckmann

Foto: Ostermann

Udo Beckmann: Jungen Menschen etwas mit auf den Weg zu geben, was sie für ihr zukünftiges Leben prägt, ist ein toller Beruf! Man kann sehr viel zurückgeben, weil man mit Menschen zu tun hat, die einem sofort Rückmeldung geben – trotz aller derzeitiger Probleme und Herausforderungen. Mit Letzterem meine ich, dass Lehrerinnen und Lehrer viele zusätzliche Aufgaben erfüllen müssen, aber viele Schulen weder personell noch sachlich hinreichend dafür ausgestattet sind. Und dennoch gehen 91 Prozent der Lehrkräfte in Deutschland laut einer repräsentativen Studie, die der VBE in Auftrag gegeben hat, gerne bis sehr gerne zur Arbeit. Das unterstreicht, wieviel wiederum dieser Beruf zurückgibt.

abi» Welche Aufgaben meinen Sie konkret?

Udo Beckmann: Die Schulen haben ja den Auftrag, die Kinder auf die Zukunft vorzubereiten, also unter anderem auf die Digitalisierung. Aber wie kann Digitalkompetenz vermittelt werden, wenn die Schulen dafür nicht ausreichend ausgestattet sind? Es gibt meist kaum WLAN, nicht die notwendige Hard- und Software. Außerdem wird das Thema noch viel zu wenig in der Lehreraus- und -fortbildung berücksichtigt. Wie binde ich die Technologien didaktisch-methodisch in den Unterreicht ein? Wie erreiche ich, dass meine Schülerinnen und Schüler verantwortlich handeln, nicht zu viel von sich preisgeben und den Wahrheitsgehalt einer Info auch hinterfragen lernen? Das sind Fragen, die in der Lehrerausbildung verankert werden müssen.

Ein anderes großes Thema, das Lehrkräfte bewegt, ist die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung, also die Inklusion. Auch da mangelt es an der pädagogischen Vorbereitung, an der räumlichen Ausstattung sowie an sonderpädagogischem Personal. Und Schulen entwickeln sich zunehmend zu Ganztagseinrichtungen mit einem umfangreichen Erziehungsauftrag, auch für mehr Chancengleichheit für Kinder aus benachteiligten Familien. Lehrerinnen und Lehrer müssten hier zum Beispiel umfänglich durch Schulpsychologen, Sozialarbeiter und Krankenpfleger unterstützt werden.

abi» Schreckt das Studieninteressierte ab?

Udo Beckmann: Der Lehrermangel liegt aus Sicht unseres Verbandes vor allem daran, dass es zu wenige Studienplätze gab beziehungsweise gibt. Viele Bundesländer haben in den vergangenen Jahren nur für ihren eigenen Bedarf ausgebildet. Wir haben schon jetzt flächendeckend zu wenige Grundschullehrkräfte. Es gibt Prognosen, die davon ausgehen, dass wir 2025 mehr als 35.000 Grundschullehrer zu wenig haben werden – und das wird sich weiterschieben in die Sekundarstufe I. Die Notlösung sind Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, die die Lücken rasch füllen müssen.

abi» Warum sind sie nur eine Notlösung?

Udo Beckmann: Ich kritisiere nicht, dass man in der jetzigen Notlage Fachleute, die das machen wollen, in die Schulen holt. Ich kritisiere, dass man die Menschen nicht gut genug auf ihre pädagogischen Aufgaben vorbereitet.

abi» Das klingt nach sehr viel Mehrarbeit für die Lehrerschaft. Also doch lieber nicht Lehrerin oder Lehrer werden?

Udo Beckmann: Bitte nicht abschrecken lassen! Wir brauchen engagierte Lehrerinnen und Lehrer. All diese zusätzlichen Aufgaben sind ja auch reizvoll und erfüllend. Aber Achtung: Man soll und darf für seinen Beruf brennen, aber nicht ausbrennen.

abi>> 25.03.2019