Müll als Studienfach? Auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Wahl, doch nicht für Sabine Kühne. „Die Idee, Abfälle als Energieträger zu verwerten, hat mich seit dem ersten Semester meines Bachelorstudiums in Umweltingenieurwesen fasziniert“, erzählt die Studierende. Damals stellten während einer Einführungsvorlesung die einzelnen Fachbereiche des Studiengangs ihre aktuellen Projekte vor. Darunter fiel auch ein Biogas-Projekt in Südamerika. Wissenschaftler der Fakultät Umweltwissenschaft/Verfahrenstechnik der BTU Cottbus hatten dort neben einem Obst- und Gemüsemarkt eine Anlage für organische Abfälle gebaut. Der Grund: Die Bauern vor Ort können aus Kostengründen ihre Waren nicht wieder mit nach Hause nehmen und lassen das übrig gebliebene Obst und Gemüse auf dem Markt zurück. Die Wissenschaftler erzeugen in der Anlage aus Biomüll Biogas und ermöglichen für die Menschen vor Ort eine zusätzliche Stromquelle. Und die funktioniert so: In einem Vergärungsbehälter wird der organische Abfall vergoren und in einem Blockheizkraftwerk wird anschließend das entstandene Gas in Strom und Wärme verwandelt. „Die Einfachheit und gleichzeitige Effizienz des Projekts haben mich so stark beeindruckt, dass ich letztendlich diesen sehr speziellen Master gewählt habe“, erklärt Sabine Kühne, die auch ihre Bachelorarbeit über Biogasanlagen geschrieben hat. Für den Master bewarb sie sich direkt bei der BTU – und mit dem Studienplatz klappte es ohne Probleme.
Grünschnitt und Schlachtabfälle
Ein weiterer Pluspunkt dieser Technologie: Der Nachschub an nutzbarer Biomasse ist immer vorhanden, so eignen sich Grünschnitt, aber auch Schlachtabfälle oder abgelaufene Lebensmittel aus dem Supermarkt als ideale Grundlage. „Abfall gibt es immer und seine Entsorgung wird auch in Zukunft ein Thema bleiben, darum spricht man auch hier von einer erneuerbaren Energie“, erklärt Sabine Kühne.
Gleichzeitig sei die Energiegewinnung aus Biomasse absolut klimaneutral. Bei der Verbrennung werde nämlich nicht mehr Kohlenstoff freigesetzt als bei der natürlichen Photosynthese. Die Verwendung von anderen Abfällen ist zumindest ein Beitrag zum Umwelt- und Ressourcenschutz, da diese Abfälle hochwertig verwertet werden, nicht auf Deponien abgelagert oder einfach „nur“ verbrannt werden. Auch Bedenken um einen möglichen Gestank bei dem Prozess kann die Studierende zerstreuen: „Man will ja möglichst das gesamte Methangas aus den Silos abschöpfen, daher kommt es nur beim Nachfüllen zu einer geringen Geruchsentwicklung.“
Der Aufbau des Studiengangs zeigt, wie vielfältig die Möglichkeiten anschließend sind: Zu den Pflichtmodulen gehören die verschiedene Techniken der Aufbereitung und die biologischen Verfahren der Biomasse- und Abfallbehandlung. Die Studierenden lernen außerdem, welche Sicherheitsvorkehrungen in den Anlagen erforderlich sind und was es während des Energiegewinnungsprozesses zu beachten gilt. Auch Bioreaktionstechnik steht auf dem Stundenplan. Zudem muss ein Studienprojekt zum Thema „Alternative Energieträger“ absolviert werden. Zu den Wahlmodulen gehören Fächer wie Biotechnologie, Verfahrenstechnik oder die Erzeugung alternativer Energieträger. „Unsere Ausbildung ist sehr breit und wir können später eigentlich in fast allen Bereichen der Branche arbeiten“, erzählt Sabine Kühne. In einem Jahr wird sie ihren Master abschließen, Sorgen um einen Job macht sie sich bislang keine. „Derzeit arbeitet die Branche zum Beispiel an der Verbesserung der Gasqualität und damit auch der besseren Einspeisung in die normalen Gasnetze“, erzählt die Studentin.
Von der Forschung über die Planung bis zum Bau von Anlagen bringen die Absolventen das nötige Know-how mit und sind deshalb für Behörden, Wirtschaftsunternehmen und Beratungsagenturen gleichermaßen interessant. Ihr eigenes Interesse gilt vor allem der Mobilität. Denn: Nicht nur Strom oder Gas können aus Biomasse gewonnen werden, die Möglichkeiten sind noch vielfältiger. So lassen sich zum Beispiel auch Treibstoffe wie Ethanol und Biodiesel erzeugen. Grundsätzlich ein umweltfreundlicher Antriebstoff, der allerdings in letzter Zeit immer wieder auch für negative Schlagzeilen sorgte: So führt eine Massenproduktion von Biokraftstoffen beispielsweise in Brasilien dazu, dass Regenwald dauerhaft gerodet wird, um die entsprechenden Pflanzen anzubauen. „Sowohl Gas als auch Strom eignen sich als umweltfreundlicher Antrieb für Autos und andere Fahrzeuge. In diesem Bereich würde ich gerne forschen und vielleicht einen Beitrag zu einem Antrieb der Zukunft leisten“, erklärt Sabine Kühne.






