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Traut euch in das MINT-Studium, Mädels!

Eine junge Frau schreibt eine mathematische Formel an eine Tafel.
Frauen unter sich: In Deutschland bestehen sechs, bald sieben Frauenstudiengänge zum Beispiel in Informatik, Wirtschafsingenieurwesen oder Elektrotechnik, in denen die Studentinnen unter sich lernen. Ohne den Druck der männlichen Konkurrenz sollen sich so mehr junge Frauen in diesen MINT-Bereich trauen.
Foto: Karmann

Frauenstudiengänge

Traut euch in das MINT-Studium, Mädels!

Seit 1997 sind deutschlandweit sechs Frauenstudiengänge in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern entstanden. In diesen wird ein Teil oder das komplette Studium monoedukativ gestaltet: Frauen studieren dort nur zusammen mit anderen Frauen. Das soll Hemmschwellen vor der männlichen Konkurrenz senken und der Wirtschaft das Potenzial weiblicher Fachkräfte eröffnen.

Die Wilhelmshavener sind Pioniere in Sachen Frauenstudiengänge. Als erste deutsche Hochschule richtete die Jade Hochschule Wilhelmshaven 1997 das Bachelorstudium „Wirtschaftsingenieurwesen für Frauen“ ein. „Damals beschäftigte man sich zunehmend mit der Rolle von Frauen in den mathematischen, ingenieurwissenschaftlichen, naturwissenschaftlichen, und technischen Studiengängen, den sogenannten MINT-Fächern“, berichtet Ulrike Schleier, Professorin für Mathematik und Statistik sowie Beauftragte für den Frauenstudiengang an der Hochschule.

Man hatte einerseits festgestellt, dass der Frauenanteil dort sehr niedrig war – „bei uns lag er damals beispielsweise in Wirtschaftsingenieurwesen bei unter fünf Prozent“. Andererseits suchten die Unternehmen nach Absolventen dieser Fächer, männlichen wie weiblichen. „Unser übergeordnetes Ziel war und ist es also, den Frauenanteil in diesem Studiengang zu erhöhen“, sagt die Professorin. Jetzt, zwanzig Jahre später, zeigt sich der Erfolg: Der Anteil der Studentinnen ist tatsächlich gestiegen und das nicht nur in dem Frauenstudiengang selbst, sondern auch im gemischten – koedukativen – Zweig, der parallel dazu läuft.

Sicheres Studienumfeld für Frauen

Porträtbild von Ulrike Schleier

Ulrike Schleier

Foto: Marie Czubinzki

Der Bachelorstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen für Frauen umfasst sieben Semester. Das letzte absolvieren die Studentinnen als Praxisphase in einem Unternehmen, um dort ihre Bachelorarbeit zu schreiben. An der Jade Hochschule sind allerdings – im Gegensatz etwa zum Frauenstudiengang „Informatik und Wirtschaft für Frauen“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin – nur die ersten drei Semester monoedukativ. „Das hört sich wenig an, ist aber für die Studentinnen sehr bedeutsam“, sagt Ulrike Schleier.

Sie erklärt die Vorteile dieses Systems: „Wir wissen aus den USA und aus Frankreich, dass junge Frauen in reinen Frauenhochschulen zufriedener und selbstbewusster sind, weil sie die ungeteilte Aufmerksamkeit der Lehrkräfte erhalten. Außerdem können wir in einer Frauengruppe männliche und weibliche Rollenbilder aus dem Lehr- und Lernprozess heraushalten.“ So können gewisse Situationen vermieden werden – etwa, dass ein Student seiner Kommilitonin ungefragt seine Hilfe im Praktikum aufdrängt oder umgekehrt, dass sich junge Frauen auf die Hilfe von Männern verlassen.

In den sechs Frauenstudiengängen sollen zudem das Arbeiten in kleinen Gruppen, verstärkt kommunikative Veranstaltungen, Mentoring-Programme, Kooperationen mit der Wirtschaft und Kinderbetreuungsangebote ein sicheres akademisches und soziales Umfeld bilden. (In „Selbstbewusste Fachfrau für die IT-Branche“ erzählt eine Studentin, wie sie die Vorteile des Frauenstudiengangs erlebt hat.)

Gleiche Bedingungen für alle

Ulrike Schleier unterstreicht dabei, dass im Frauenstudiengang in Wilhelmshaven die gleichen Inhalte gelehrt werden wie im koedukativen Studiengang. „Manchmal wird unterstellt, wir würden die Anforderungen dort senken, um Frauen einen Abschluss zu ermöglichen. Das ist falsch.“

Auch die Anforderungen an Studienanfänger sind bei beiden Zweigen gleich, nämlich „Neugier, Lernbereitschaft und ein gutes Schulwissen in den relevanten Fächern. Wir erwarten weder technisch noch wirtschaftlich besondere Vorkenntnisse, sondern fangen bei Null an“, erklärt die Professorin.

„Kein Angriff auf die Gleichberechtigung“

Der Frauenstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der Jade Hochschule hat in den vergangenen zwanzig Jahren viele Absolventinnen hervorgebracht, die gut ins Berufsleben gestartet sind (Erfahre mehr über einen erfolgreichen Berufseinstieg in „Leichter Berufseinstieg dank Frauenstudiengang“.) Das macht die Organisatoren selbstbewusst.

Es gibt aber auch Kritik an dem Konzept: „Viele Menschen sehen es berechtigterweise als Fortschritt für die Gleichberechtigung, dass – anders als in früheren Jahrhunderten – heutzutage beide Geschlechter gemeinsam lernen“, räumt Ulrike Schleier ein, fügt aber an: „Manche setzen sich jedoch nicht damit auseinander, dass geschlechtergetrenntes Lernen trotzdem in einigen Situationen sinnvoll sein kann. Sie empfinden Monoedukation fälschlich als Angriff auf die Gleichberechtigung, weil sie ihrer Meinung nach Frauen als schutzbedürftig dastehen lässt.“

Ein weiterer Vorwurf ist, dass Frauenstudiengänge Männer diskriminieren würden – ist das Angebot überhaupt rechtmäßig? „Darauf gibt es keine rechtssichere Antwort“, meint die Wilhelmshavener Professorin. Dies wäre erst dann der Fall, wenn dazu ein Gerichtsurteil ergangen wäre. Aus ihrer Sicht seien Frauenstudiengänge zulässig, weil sie die freie Berufswahl der Männer nicht einschränken: „Es existieren ja parallel Studiengänge derselben Fachrichtung auch für Männer. Mit den Frauenstudiengängen nehmen die Hochschulen den Männern also nichts weg, sondern sie bieten zusätzlich etwas für Frauen an.“

Unterstützung aus der Wirtschaft

Rückendeckung für die Hochschulen mit Frauenstudiengängen kommt auch aus der Wirtschaft, etwa vom größten Branchenverband der digitalen Wirtschaft, Bitkom. Dieser untersuchte 2016 in einer Studie, wie sinnvoll das monoedukative Modell ist. Natalie Barkei, Bitkom-Projektmanagerin Smart School/Digital Women, betont aus diesen Erkenntnissen heraus, wie wichtig Frauenstudiengänge sein können: „Vielen jungen Frauen fehlt der Mut, sich zum Beispiel für ein Informatikstudium zu entscheiden. Sie denken, dass man technische Vorkenntnisse mitbringen müsse, oder sie unterschätzen ihre Fähigkeiten. Daher kann ein Studium speziell für Frauen ein sinnvoller Ansatz sein.“

Natalie Barkei ist überzeugt, dass weibliche Absolventen in der IT-Branche die gleichen Chancen haben wie männliche, wenn sie dieselben Abschlüsse mitbringen. „Es fehlen deutschlandweit rund 50 000 Fachkräfte in dieser Branche – gute Aussichten also für Männer wie Frauen.“

Bald sieben Frauenstudiengänge

Neben der Jade Hochschule Wilhelmshaven bieten in Deutschland derzeit noch fünf weitere Hochschulen Frauenstudiengänge an. Dies sind die Fachhochschule Stralsund mit „Wirtschaftsingenieurwesen“, die Hochschule Bremen mit dem „Internationalen Frauenstudiengang Informatik“, die Hochschule Furtwangen mit „Wirtschaftsnetze/eBusiness“, die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin mit „Informatik und Wirtschaft für Frauen“ und die Ernst-Abbe-Hochschule Jena mit „Elektrotechnik/Informationstechnik“ (Mehr zu den Angeboten erfährst du in „Zahlen und Fakten zu Frauenstudiengängen in Deutschland“.).

Ein weiteres Angebot steht in den Startlöchern: Die Hochschule Ruhr West wird ihren bestehenden Studiengang Maschinenbau ab dem Wintersemester 2018/19 auch im monoedukativen Modell anbieten.

Mehr Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.

www.berufenet.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.

www.studienwahl.de

Bitkom

Deutscher Branchenverband der digitalen Wirtschaft, der sich für innovative Wirtschaftspolitik, die Modernisierung des Bildungssystems und eine zukunftsorientierte Netzpolitik einsetzt.

www.bitkom.org

Bitkom-Studie zu Frauenstudiengängen (PDF)

www.bitkom.org/noindex/Publikationen/2016/Sonstiges/MINT-Frauenstudiengaenge-in-Deutschland/160419-MINT-Frauenstudiengaenge-Uebersicht.pdf

Scientifica

Portal für Frauen in Wissenschaft und Technik in Baden-Württemberg mit Informationen rund um Frauenstudiengänge

www.scientifica.de/bildungsangebote/frauenstudiengaenge

abi>> 13.04.2018