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In einer Fremdsprache studieren – ja oder nein?

Eine angehende Dolmetscherin übt mit einer französischen Tageszeitung.
Ein Studiengang in einer Fremdsprache kann helfen, sicher in der globalisierten Welt zu kommunizieren. Allerdings fällt das Lernen schwerer als in der Muttersprache.
Foto: Axel Jusseit

Studieren in einer fremden Sprache – Pro und Contra

In einer Fremdsprache studieren – ja oder nein?

Immer mehr Studiengänge in Deutschland vermitteln Inhalte in Englisch oder anderen Fremdsprachen. Doch ist es sinnvoll, in einer fremden Sprache zu studieren? abi>> hat beim Soziolinguisten Professor Dr. Ulrich Ammon und bei Professor Dr. Ralph Mocikat vom Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS) nachgefragt.

Ulrich Ammon: Sicher kommunizieren in einer globalisierten Welt

Ein Porträt-Foto von Ulrich Ammon

Ulrich Ammon

Foto: privat

Ob bereits ein Bachelorstudium in einer Fremdsprache Sinn macht, lässt sich nicht so leicht beantworten. Es kommt ganz darauf an, welches Fach man wählt und was die beruflichen Ziele sind. Wer auf lange Sicht zum Beispiel naturwissenschaftlich forschen möchte, eine Tätigkeit im Ausland oder einen Beruf mit internationalem Bezug wie im Tourismus oder Handel anstrebt, für den kann ein Studium in Englisch sehr sinnvoll sein.

Wir leben in einer globalisierten Welt und wer sich nicht auf einem hohen Niveau mit Forschern oder Geschäftspartnern weltweit austauschen oder in dieser Sprache publizieren kann, der wird Schwierigkeiten bekommen. Wir Deutschen sind da klar im Nachteil im Vergleich zu Menschen aus englischsprachigen Ländern.

Das bringt mich zum Aber: Es muss jedem, der ein Studium in einer fremden Sprache in Erwägung zieht, klar sein, dass dies eine Doppelbelastung ist. Neben den fachlichen Fragen muss man sich intensiv mit der Sprache befassen. Zudem ist es auch nicht erstrebenswert, sein Fachgebiet nur in einer Fremdsprache zu beherrschen. Man sollte durchaus in der Lage sein, seinem direkten Umfeld in der eigenen Sprache zu vermitteln, woran man arbeitet. In einer Geistes- oder Sozialwissenschaft, in der kulturelle Aspekte eine große Rolle spielen, ist auch in der Wissenschaftswelt nach wie vor die Herkunftssprache, also in unserem Fall Deutsch entscheidend. Auch lassen sich viele zentrale Termini nicht eindeutig in eine Fremdsprache übersetzen.

Am zweckmäßigsten ist es aus meiner Sicht für die meisten Studierenden in Deutschland, zweisprachig zu studieren: in Deutsch und in Englisch.

Ralph Mocikat: Das Lehrniveau sinkt

Ein Porträt-Foto von Ralf Mocikat

Ralf Mocikat

Foto: A. Geishauser

Hochschulen bieten englischsprachige Studiengänge an, weil man die Schwelle für internationale Studierende so niedrig wie möglich halten will. Man glaubt, ihnen das Erlernen einer Fremdsprache nicht zumuten zu können, vergisst dabei aber, dass Englisch auch für die meisten ausländischen Studierenden eine Fremdsprache ist. „English only“ engt meiner Meinung nach den Blick auf das Denken, die Kultur und die Wissenschaftstraditionen des anglophonen Sprachraums ein. Es besteht also die Gefahr, dass interkulturelles Verständnis dadurch eher behindert wird.

Es kann ohnehin nicht die einzige Aufgabe der deutschen Hochschulen sein, internationale Eliten auszubilden. Stattdessen haben sie vom Steuerzahler insbesondere den Auftrag, Nachwuchs für den deutschen Arbeitsmarkt hervorzubringen. Empirische Studien zeigen, dass Studienabsolventen, die nicht Deutsch gelernt haben, bei uns geringere Chancen haben. Gerade in den Naturwissenschaften und im Ingenieurwesen steuern wir aber auf einen Fachkräftemangel zu. In mittelständischen Unternehmen oder in Behörden werden Leute gebraucht, die ihre Fachterminologie auf Deutsch beherrschen.

Zudem sinkt das Lehrniveau – und das Lernniveau gleich mit. Studien belegen, dass sich Studierende an den Stoff fremdsprachiger Vorlesungen schlechter erinnern. Das liegt auch daran, dass die wenigsten Dozenten englische Muttersprachler sind. Die Nuancen, die in einer Wissenschaft so wichtig sind, gehen verloren. Noch ein Effekt: Wissenschaftler können ihre Erkenntnisse nicht mehr in ihrer Muttersprache und damit einer breiten Öffentlichkeit vermitteln – das spaltet die Gesellschaft.

Selbstverständlich sollte jeder Absolvent auf einem akademischen Niveau Englisch lesen und schreiben können. Auch wir vom Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache wollen Internationalisierung. Aber Internationalisierung heißt eben nicht nur Englisch, sondern Mehrsprachigkeit. Dazu sollten verpflichtende Sprachmodule in die Lehrpläne aufgenommen werden. Man sollte sich darauf besinnen, den Studierenden eine solide fachliche Bildung mit auf den Weg zu geben.

Auf den Punkt gebracht: Ich empfehle ein Grundstudium in der Muttersprache unter Einbeziehung englischsprachiger Literatur und in weiterführenden Studiengängen ergänzend mehrsprachige Elemente – und zwar nicht nur auf Englisch.

abi>> 01.10.2018