Kleine, aber feine Studienheimat

Eine Dozentin erklärt vier Studenten ein Thema.
Kleine Lerngruppen, der direkte Kontakt zu den Dozenten und häufig spezialisierte, seltene Studiengänge: Hochschulen in ländlichen Gegenden bieten andere, aber nicht weniger interessante Vorzüge als solche in den Großstädten.
Foto: Socher

Stadtflucht: Studieren auf dem Land

Kleine, aber feine Studienheimat

Günstige Mieten, kurze Wege, guter Kontakt zu den Dozenten: Studierende finden an Hochschulen in ländlichen Regionen oft angenehmere Bedingungen vor als in den Metropolen. Zudem besetzen kleine Hochschulen meist interessante fachliche Nischen, um sich von der Masse abzuheben.

Knapp 22.000 Einwohner, keine zehn Kilometer bis zum Nordseestrand, dafür aber rund 80 Kilometer bis zur nächsten Großstadt: Das ist Heide in Schleswig-Holstein. Hier, im sehr ländlichen Umfeld, steht die Fachhochschule Westküste. Eine von nur rund 2.000 Studierenden der FH ist Laura Nissen.

Ein Porträt-Foto von Laura Nissen.

Laura Nissen

Foto: Bosse Wulff

Die 21-Jährige studiert im zweiten Semester „International Tourism Management“. Nach dem Abi durchlief sie ein viertägiges Schnupperstudium in Heide, was sie derart überzeugte, dass sie sich anschließend direkt dort einschrieb. „Ich komme aus Norderstedt nördlich von Hamburg, bin also die Nähe zur Großstadt gewohnt. Am Anfang war ich überrascht, wie klein Heide und die Hochschule tatsächlich sind“, räumt sie ein. „Aber das hat auch viele Vorteile: Es ist sehr familiär und bei Fragen findet man immer einen Ansprechpartner direkt auf dem Campus.“ Daneben bietet ihr Studiengang ein Praxissemester im Ausland und setzt Schwerpunkte wie Reiseveranstalter-, Destinations- und Hotelmanagement.

Hamburg wäre für Laura Nissen der näherliegende Studienort gewesen, doch Uni und Stadt sind ihr zu groß, zu voll, zu laut – „von der Wohnungssuche ganz zu schweigen!“ In Heide konnte sie nach kurzer Suche den Mietvertrag für ihr WG-Zimmer unterschreiben und sich auf ihr Wunschstudium konzentrieren.

Für jeden maximal 59 Kilometer zur nächsten Hochschule

Studieren kann man mittlerweile überall in Deutschland: Es gibt Fachhochschulen und Universitäten mit Blick aufs Meer, auf die Alpen oder auf Weinberge. Verantwortlich dafür sind insbesondere viele Neugründungen von Fachhochschulen: „Mehr als ein Drittel aller Standorte, die zwischen 1990 und 2016 entstanden sind, befinden sich in Kreisen oder kreisfreien Städten, in denen es zuvor kein Hochschulangebot gab“, erklärt Professor Frank Ziegele, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Eine Analyse des CHE zeigt eine nahezu flächendeckende Versorgung mit akademischen Angeboten: In Deutschland finden Studieninteressierte in maximal 59 Kilometern Luftlinie zu ihrem Heimatort eine Hochschule vor.

Zwölf Prozent der Hochschulstandorte, die im CHE-Ranking erfasst werden, befinden sich in Kleinstädten mit weniger als 20.000 Einwohnern, mehr als 50 Prozent in mittelgroßen Städten mit bis zu 100.000 Einwohnern. Übrigens: Fast acht Prozent studieren in Städten mit weniger als 50.000 Einwohnern, betont Frank Ziegele.

Günstige Lebenshaltungskosten, spezialisiertes Studium

Die Dozenten persönlich kennen, statt Warteschlange bei der Wohnungsbesichtigung eine Bleibe für 220 Euro im Monat finden, mit dem Fahrrad alles erreichen können und auf dem Campus auf bekannte Gesichter treffen – trügt diese Idylle oder sind das handfeste Argumente für ein Studium in Kleinstädten?

Für Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk ist es definitiv Letzteres: „Kleinere Hochschulen auf dem Land sind überschaubar und es gibt kurze Wege. Außerdem sind die Lebenshaltungskosten meist niedriger.“ Der Lebensraum sei nicht nur günstiger – es gibt überhaupt ausreichend Wohnraum. „Wer nicht das Großstadtgefühl braucht, dem kann ich ein Studium auf dem Land oder in einer Kleinstadt nur empfehlen. Gerade diejenigen, die sich an einer Massenuni nicht wohlfühlen, finden attraktive Studienbedingungen vor“, meint er.

Durch eine klar erkennbare Profilierung heben sich kleine Hochschulstandorte von großen Unistädten ab. Beispiele sind die Hochschule Eberswalde in Brandenburg mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit oder die Technische Universität Ilmenau in Thüringen mit dem Fokus auf Medien (Vom Studiengang Medientechnik an der TU Ilmenau erfährst du in „Von Köln in die thüringische Kleinstadt“, vom auf Sprachen spezialisierten Campus der Uni Mainz in Germersheim in „Großer Sprachenkosmos auf kleinem Raum“).

Das spiegelt sich auch bei den Studiengängen wider, denn neben generalistischen Angeboten besetzen kleine Hochschulen oft fachliche Nischen: „Wer etwa durch ein Praktikum eine klare Vorstellung von seinem Wunschstudium hat, für den kann die Entscheidung für ein spezialisiertes Angebot das Richtige sein“, sagt Stefan Grob. Deshalb gilt es, sich bei der Suche nach einem geeigneten Studium umfassend zu informieren – vielleicht wartet der passende, spezialisierte Studiengang auf dem Land. 

Fachkräfte für die regionale Wirtschaft

Hochschulgründungen folgen einer Strategie: „Sie sind Investitionen in die Zukunftsfähigkeit einer Region. Gerade Fachhochschulen kooperieren eng mit der lokalen Wirtschaft und sorgen für Nachwuchsfachkräfte. Durch die enge Vernetzung mit kleinen und mittelständischen Unternehmen vor Ort ergeben sich zudem angewandte Forschungsprojekte“, berichtet der Experte vom Deutschen Studentenwerk. Manchmal werden auch Hochschulstandorte geschaffen, um gezielt Impulse in strukturschwachen Regionen zu setzen.

Doch nicht immer wird eine Hochschule komplett neu gegründet: „Oft gibt es Außenstellen, die bestimmte Studiengänge anbieten“, erklärt Professor Frank Ziegele. Solche Modelle finden sich vor allem in Bayern. Die FH Rosenheim etwa bietet in Mühldorf, einer Kleinstadt mit weniger als 20.000 Einwohnern, die Studiengänge Pädagogik der Kindheit und Jugend, Pflege sowie Soziale Arbeit an (Vom Studium an einer Außenstelle der Hochschule Heilbronn liest du in „Wunschstudium lockt ins Provinz-Idyll“).

Stadt oder Land? Typfrage!

Neben Studienschwerpunkten ist es letztlich eine Typfrage, ob man ein überschaubares oder ein urbanes Umfeld möchte: „In großen Städten trifft man nicht unbedingt die Kommilitonen einfach zufällig in der Stadt. Das ist in kleineren Hochschulstädten anders, deren Stadtleben oft sehr von der Hochschule geprägt ist“, betont Studien- und Berufsberaterin Maria Altenbuchinger-Dick von der Agentur für Arbeit Freising. „Andere hingegen suchen die Anonymität und möchten lieber ständig neue Leute kennenlernen.“

Auch Faktoren wie Sympathie für eine Stadt, Wohnungssituation, Freizeit- und Kulturangebot der Region sowie Heimatnähe sind wichtige Entscheidungskriterien. Auf jeden Fall sollte man sich nicht an einer Hochschule einschreiben, ohne vor Ort gewesen zu sein, empfiehlt die Beraterin: „Einmal durch die Stadt laufen und mit Studierenden auf dem Campus sprechen, ist sicherlich hilfreich, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob man die kommenden Jahre hier verbringen möchte.“

Du möchtest die deutsche Hochschullandschaft besser kennenlernen? Mehr Informationen bietet dir das abi>> Hochschulpanorama.

Info

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.
www.berufenet.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

CHE-Hochschulranking

Deutschlands größtest Hochschulranking informiert über Qualität von und Fakten zu Hochschulen, Studiengängen sowie Hochschulstädten; Kooperation mit der Wochenzeitung Die Zeit
www.ranking.zeit.de

Deutsches Studentenwerk (DSW)

Allgemeine Infos für Studierende zum Thema Wohnen, zu Versicherungen, Ausbildungsförderung etc.
www.studentenwerke.de

 

„Sprache, Kultur, Translation“ in Germersheim

Großer Sprachenkosmos auf kleinem Raum

Julia Baur studiert „Sprache, Kultur, Translation“ in Germersheim, einem Standort der Uni Mainz. Für das Studium hat es die 20-Jährige in die Kleinstadt zwischen Speyer, Karlsruhe und Mannheim verschlagen.

Wo liegt denn Germersheim? Julia Baur hörte zum ersten Mal von der Kleinstadt, als sie sich überlegte, was sie studieren könnte. Etwas mit Sprachen sollte es sein. Der in Germersheim ansässige Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK), der zur Universität Mainz gehört, ist mit seinen zwölf angebotenen Sprachen eine renommierte Adresse für angehende Dolmetscher und Übersetzer. Julia Baurs Mutter hatte davon gehört und gab den Anstoß, dass sich ihre Tochter über das Studium dort informierte.

Germersheim ist kein Stadtteil von Mainz, sondern liegt etwa 110 Kilometer südlich in der Nähe von Speyer. Das der Fachbereich sich dort befindet, hat historische Gründe: Im Januar 1947 wurde in der damaligen französischen Besatzungszone eine Dolmetscherhochschule gegründet, die seit 1949 Teil der Universität Mainz ist.

Regionale Unterschiede heraushören

Ein Porträtbild von Julia Baur

Julia Baur

Foto: Tobias Giller

„Ich komme aus der Umgebung von Mainz, etwa eine Stunde Autofahrt von Germersheim entfernt. In Mainz habe ich die Schnuppertage der Uni besucht und mir Amerikanistik angeschaut. Aber die Beschäftigung mit literarischen Texten, etwa Gedichtanalysen oder Textinterpretationen, interessierte mich nicht so sehr“, erklärt sie. Im Studiengang „Sprache, Kultur, Translation“ geht es hingegen um den Umgang mit Sprache, um den kulturellen Kontext. „Das fand ich spannend. Ich lerne zum Beispiel, genauer zuzuhören oder aus dem Sprachgebrauch eines Menschen regionale Unterschiede herauszufiltern“, erzählt sie. Julia Baur studiert auf Englisch, aber auch Französisch und Spanisch sind mögliche Fremdsprachen.

Im Studienverlauf kann sie sich zudem auf ein Fachgebiet – Recht, Wirtschaft, Medizin oder Technik – spezialisieren und entsprechende Übersetzungsübungen besuchen. Diejenigen, die Dolmetscher werden wollen, können dies in den sogenannten „Freitagskonferenzen“ üben. Die Studierenden sitzen dabei in Dolmetscherkabinen und übersetzen den Vortrag eines Referenten simultan, also parallel zum Sprecher.

Italienisch, Französisch, Russisch, Türkisch, Englisch: Wenn Julia Baur mittags die Mensa besucht, hört sie einen bunten Singsang aus Sprachen. Obwohl nur rund 2.000 Studierende in der Kleinstadt am Rhein studieren, ist der Grad an Internationalisierung hoch: Etwa 800 Studierende kommen aus dem Ausland.

Freizeitprogramm selbst gestalten

Der Campus ist klein. Es gibt zwei Gebäude, einen Neubau und einen schönen, geschichtsträchtigen Altbau: „Das ist eine alte Festung, die heute die Uni beherbergt. Der Neubau ist modern, hell und großzügig“, beschreibt Julia Baur ihre Alma Mater. Hinter den Gebäuden gibt es eine Wiese, „ab und zu organisiert der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) hier Lagerfeuer.“

Da sie selbst aus einem kleinen Ort kommt, vermisst sie das Großstadtleben nicht: „Ich habe das nicht erwartet und bin auch nicht der Typ, der urbanes Leben sucht.“ Dafür wohnt sie zentral, nur zwei Minuten zu Fuß vom Campus entfernt. Viele ihrer Freunde leben im Wohnheim ganz in der Nähe. „In der Stadt gibt es außerdem Cafés, Kneipen und zweimal in der Woche findet ein Markt statt.“ Das hört sich nach wenig an, heißt aber nicht, dass hier kein Studentenleben existiert, betont die Studentin: „Man kann viel machen, muss das aber selbst organisieren.“

Wiedersehen auf dem Campus

Da es wenig Ablenkung gibt, dreht sich alles um das Studium: „Wenn ich keine Veranstaltungen habe, gehe ich in die Bibliothek oder treffe mich mit Kommilitonen zum Lernen.“ Leute kennenzulernen, ist einfach in Germersheim: „Es gibt in der Erstiwoche eine Kneipentour mit Stadtrallye. Und auf dem Campus trifft man sich immer wieder“, erzählt Julia Baur.

Auch Jobben ist in der Region möglich. In der Nähe ist ein großer Automobilhersteller angesiedelt, ansonsten bieten sich typische Studi-Jobs, etwa in Restaurants. Doch die Studentin weiß: „Da viele suchen, sind die guten Jobs auch schnell weg.“

 

Betriebswirtschaft in Schwäbisch Hall

Wunschstudium lockt ins Provinz-Idyll

Tobias Hensel (24) wollte BWL mit Schwerpunkt Beschaffungswirtschaft studieren. Auf dem Campus in Schwäbisch Hall, der zur Hochschule Heilbronn gehört, wurde er fündig. Nun genießt er sein Bachelorstudium in der gemütlichen Kleinstadt.

Wenn Tobias Hensel über Schwäbisch Hall oder kurz Hall redet, kommt er ins Schwärmen – über das Tal, durch das sich der Kocher schlängelt, die Insel, auf der ein Biergarten zum Verweilen einlädt, und die gemütliche, kleine Altstadt mit ihren malerischen Fassaden. „Wenn man am Samstag durch die Stadt läuft, trifft man hundertprozentig jemanden, den man kennt“, weiß der Bachelorstudent aus Erfahrung.

Ein Porträt-Foto von Tobias Hensel.

Tobias Hensel

Foto: privat

Bei 38.000 Einwohnern und rund 1.000 Studierenden ist das auf jeden Fall wahrscheinlicher als in Berlin, München oder Hamburg. „Es gibt viele sympathische Läden, Cafés und Bars, in denen man auch schnell einen Draht zu den Inhabern bekommt. Bis in Stuttgart ein Barkeeper die Gesichter seiner Stammgäste registriert, dauert es sicher länger“, sagt Tobias Hensel augenzwinkernd.

Statt U-Bahn und Musikszene gibt es in Schwäbisch Hall ein paar Clubs, auch mal Livekonzerte, ein kleines Open Air und ein Elektrofestival, alte Bauernhöfe mit Käsemarkt und Freilichttheater. „Außerdem kann man alles mit dem Rad erreichen und es gibt im Umland wunderschöne Motorradstrecken“, erzählt er. Er selbst kommt ganz aus der Nähe, aus einer ähnlich großen Kleinstadt bei Stuttgart: „Das Umfeld bei mir daheim ist aber industrieller und beengter. Alles weit weniger gemütlich.“

Hauptargument: Studienfach

So sehr er die Kleinstadtidylle auch genießt, für die Hochschule hat er sich wegen des Studiengangs entschieden: Management und Beschaffungswirtschaft. „Nach meinem Abitur habe ich eine Ausbildung zum Automobilkaufmann absolviert und als Motorradverkäufer gearbeitet. Im Studium wollte ich unbedingt die andere Seite des Verhandlungstisches kennenlernen, sprich die Beschaffungswirtschaft.“

BWL-Studiengänge mit diesem Schwerpunkt gibt es unter anderem an der Hochschule Pforzheim und am Campus Schwäbisch Hall. Der Campus ist eine von drei Außenstellen der Hochschule Heilbronn. Derzeit werden dort sechs Bachelorstudiengänge und ein Masterstudiengang angeboten. „Ich habe Hall vor meinem Studium nicht gekannt. Aber nachdem ich an den Schnuppertagen den Campus besucht hatte, stand meine Entscheidung fest: Hier möchte ich studieren“, erinnert sich Tobias Hensel.

Offen und familiär

Die familiäre Atmosphäre der Stadt gilt erst recht für den Campus: „Man kennt sich, auch fachübergreifend. Die Dozierenden grüßen auf den Gängen, sprechen uns auch mit Namen an.“ Generell herrscht eine Kultur der offenen Tür. Die beiden Gebäudekomplexe, in denen die Veranstaltungen stattfinden, liegen zentral in der Nähe eines bekannten Bausparunternehmens, das die Hochschule unterstützt. So können die Studierenden für wenig Geld die Kantine nutzen: „Das Essen ist um Längen besser als gängiges Mensaessen“, ist sich der Student sicher.

Dass man sich in Schwäbisch Hall wohlfühlen kann, wissen nicht nur die Studierenden: „Der Ort ist ein touristisches Aushängeschild in der Region.“ Daher sind die Mieten trotz des ländlichen Raums nicht zu Schnäppchenpreisen zu haben. „Es ist zwar nicht vergleichbar mit München oder Hamburg, aber man muss schon intensiv nach günstigen Wohnungen oder Zimmern suchen“, betont er. Seine erste Einzimmerwohnung lag außerhalb, kostete warm ohne Internet 450 Euro. Hinzu kamen die Kosten für ein Auto. „Über Mundpropaganda habe ich dann ein WG-Zimmer gefunden. 350 Euro, zentral gelegen, so dass alles zu Fuß zu erreichen ist.“

Mittlerweile ist Tobias Hensel im sechsten Semester und bedauert schon jetzt, dass er nach seinem Abschluss weggehen wird: „Dann steht erst einmal der Job an erster Stelle und da ich gerne in die Automobilbranche möchte, werde ich wohl eher in den größeren Städten eine Stelle finden.“ Aber wer weiß, langfristig kann er sich ein Leben im ländlich geprägten Raum gut vorstellen.

 

Medientechnik in Ilmenau

Von Köln in die thüringische Kleinstadt

Häufig verbindet man mit einer Universität einen Großbetrieb, in dem alles anonymer und weitläufiger erscheint als an einer Fachhochschule. Bei Jonas Brückner war es umgekehrt: Er hat seinen Bachelor in Medientechnik an der großen Technischen Hochschule (TH) Köln absolviert und ist für den Master an die kleine Technische Universität (TU) Ilmenau gewechselt.

Die TH Köln ist mit mehr als 25.000 Studierenden die größte staatliche Fachhochschule, ansässig in der viertgrößten Stadt Deutschlands. Mit der Wahl des Bachelorstudiums in Medientechnik an der TH entschied sich Jonas Brückner also fürs Großstadtgetümmel. Doch für den Master wechselte er an die TU Ilmenau, einer Universität in einer thüringischen Kleinstadt mit gerade mal 6.000 Studierenden. „Für mein Masterstudium wollte ich an eine andere Hochschule – gerne auch an eine Universität. Bei meiner Suche nach einem passenden Masterstudiengang habe ich mich allerdings weniger damit befasst, wo die Universitäten liegen, sondern mich auf die Studieninhalte konzentriert“, erzählt Jonas Brückner.

Ein Porträt-Foto von Jonas Brückner.

Jonas Brückner

Foto: Katharina Vähning

Und so landete die TU Ilmenau auf seiner Prioritätenliste ganz weit oben: „Die TU hat einen sehr guten Ruf und Medien zählt zu den Schwerpunkten.“ Ein weiterer Pluspunkt war, dass dort das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie ansässig ist. „Inhaltlich wollte ich im Master gerne die Themen Signalverarbeitung und Videotechnik intensivieren und die TU bietet entsprechende Module an, etwa Principles of Signal Processing. Nicht nur das Thema ist spannend, die Vorlesung fand auf Englisch statt und war eine gute Vorbereitung für mein Auslandssemester in Schweden“, erzählt der 27-Jährige. Mittlerweile schreibt er an seiner Masterarbeit.

Studentische Vereine beleben den Campus

Seine Freude über die Studienplatzzusage war groß – dann warf er einen Blick auf die Landkarte. Von Köln aus sind es dreieinhalb Stunden Autofahrt bis nach Ilmenau. „Eine annehmbare Zugverbindung gibt es zwar nicht, aber über Mitfahrgelegenheiten kann man Ilmenau ganz gut erreichen“, erzählt Jonas Brückner.

Als er das erste Mal dort ankam, war er schon erstaunt, wie ländlich Ilmenau tatsächlich ist. Die 25.000-Einwohner-Stadt befindet sich am Rande des Thüringer Waldes, umgeben von Bergen. Ilmenau ist ein beliebtes Ziel für Wintersportler – und auch für die 6.000 Studierenden. Jeder vierte Einwohner der Kleinstadt ist damit Studierender.

Kleinstadt und Campus haben wenige Berührungspunkte. Das liegt daran, dass sich das Studentenleben auf dem Hauptcampus östlich des Stadtkerns abspielt. „Die Freizeitgestaltung funktioniert ganz anders als in Köln“, hat Jonas Brückner festgestellt. Statt sich wie in der Rheinmetropole mit ein paar Freunden in der Stadt zu treffen, läuft hier alles über studentische Vereine, in denen sich die Studierenden organisieren – ob fürs Kino, für Sport oder Partys. Er selbst hat sich im Hochschulfilmclub engagiert: „Über die Vereine und Gremien lernt man gleich zu Beginn Leute kennen, auch aus anderen Studiengängen. Das hat sich in Köln zum Beispiel so nicht ergeben.“

„Ilmenau ist das, was man selbst draus macht“

Stadt oder Land – für Jonas Brückner hat beides seine Vor- und Nachteile. Er schätzt an Ilmenau etwa, dass hier die Wege kurz sind – ob von der Veranstaltung bis zur Mensa oder zum Supermarkt. Das macht das Leben sehr entspannt. Und man kann sich auf das Studium konzentrieren.“

Auch die Mieten sind bezahlbar: „Wenn man aus Köln kommt, ist das eine positive Überraschung.“ Während er in der Großstadt für ein WG-Zimmer 450 Euro und mehr bezahlen musste, kann der 24-Jährige hier für 200 bis 250 Euro wohnen: „Und zwar in Campusnähe, so dass ich alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen kann.“ Ilmenau, so sein Fazit, ist letztlich das, was man selbst draus macht.

 

Stadtflucht: Studieren auf dem Land – Übersicht

Das ABC zum Studium auf dem Land

Warum sollte man im Studium auf das Leben in einer aufregenden Großstadt verzichten? abi>> zählt einige Vorteile von Hochschulen in Kleinstädten auf.

A wie Anschluss finden

„In Massenstudiengängen an großen Hochschulen ist das Knüpfen von Kontakten sicherlich schwieriger für jene, die nicht so gerne auf andere Menschen aktiv zugehen“, gibt etwa Studien- und Berufsberaterin Maria Altenbuchinger-Dick von der Agentur für Arbeit Freising zu bedenken. „In der Masse kann man schnell untergehen. Erstsemester- und Tutorenprogramme für Studienanfänger, bei denen man Kommilitonen unkompliziert kennenlernen kann, gibt es zwar überall. Aber man läuft in großen Städten nicht unbedingt den neuen Kommilitonen wieder zufällig über den Weg. Das passiert vielmehr an kleineren Hochschulstandorten, an denen auch das Stadtleben stark von den Studierenden geprägt ist.“

D wie Draht zu den Lehrenden

Habe ich genügend Ansprechpartner zur Verfügung, wenn ich ein Problem habe? Nur jeder dritte Uni-Studierende, aber fast jeder zweite Studierende einer Fachhochschule haben diese Frage in der Langzeitstudie „Studierendensurvey – Studiensituation und studentische Orientierungen“ 2016 mit Ja beantwortet. „Eine gute Beziehung zu Lehrenden zu haben“ bestätigen laut dem Studierendensurvey Studierende an Fachhochschulen (54 Prozent) weit häufiger als jene an Universitäten (33 Prozent). Gerade im ländlichen Raum dominieren die Fachhochschulen das Angebot. Viele wurden ausdrücklich mit dem Ziel gegründet, die regionale Wirtschaft mit Nachwuchsfachkräften zu stärken.

F wie Freizeit

Jede Menge Partys, Straßenbahnen, die auch nachts fahren, Remmidemmi rund um die Uhr und dabei anonym bleiben – das ist in Kleinstädten sicherlich nicht gegeben. Aber das Image der langweiligen Provinz lässt sich keineswegs generalisieren. Zum einen können auch Kleinstädte Clubs, Fitness-Studios oder Kinos vorweisen, zum anderen bauen die Studierenden aufgrund des kleinen Angebots oft eine eigene Freizeit-Infrastruktur auf mit studentischen Vereinen, Campus-Clubs und mehr.

G wie Größe der Veranstaltungen

Überfüllte Lehrveranstaltungen waren und sind laut dem Studierendensurvey vor allem an Universitäten ein Problem, wobei sich die Situation in den vergangenen Jahren deutlich verbessert hat. 18 Prozent der Studierenden gaben bei der Befragung „überfüllte Veranstaltungen“ als starkes Kennzeichen ihres Faches an. An Fachhochschulen waren es nur 8 Prozent.

K wie kurze Wege

Greifswald, Ilmenau, Amberg oder Vechta: Je kleiner ein Ort, umso besser lassen sich alle Wege mit dem Fahrrad bewältigen. Zwar gibt es in größeren Städten Studententickets für den öffentlichen Nahverkehr, sodass der Kostenfaktor überschaubar bleibt. Aber wer kurze Wege schätzt und sich gerne die verbummelte Zeit im Auto, in Bus oder Bahn spart, ist in kleineren Städten besser aufgehoben.

L wie Lebenshaltungskosten

Auf die Miete entfällt etwa ein Drittel der Lebenshaltungskosten. Laut der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks geben deutsche Studierende im Schnitt 323 von 819 Euro im Monat für die Miete samt Nebenkosten aus. In den westdeutschen Groß- und klassischen Universitätsstädten ist die Wohnungssituation sehr angespannt. Während man in München, Köln, Frankfurt, Hamburg, Berlin und Düsseldorf monatlich etwa 370 Euro aufwärts für eine Bleibe ausgeben muss – so man denn überhaupt eine bekommt –, sieht es in Greifswald oder Amberg ganz anders aus. Wer sich für kleinere Hochschulstandorte entscheidet, muss nicht die Samstage in der Warteschlange im Treppenhaus verbringen, um eine Wohnung zu besichtigen und zu ergattern.

Doch auch hier gibt es Ausnahmen: Konstanz am Bodensee hat keine 100.000 Einwohner, gehört aber zu den Unistädten mit den teuersten Mieten. Hingegen kann man in den Großstädten Jena, Dresden und Leipzig bereits ab etwa 250 Euro monatlich schön wohnen.

S wie Spezialisierung

Industriearchäologie an der TU Freiberg, Umweltsicherung an der HS Weihenstephan-Triesdorf oder Gerontologie in Vechta: Um sich von den Hochschulen in den Metropolen abzuheben, setzen viele kleine Hochschulen auf spezialisierte Studiengänge. Wer schon früh genaue Vorstellungen davon hat, was ihn für das Bachelorstudium interessiert oder welche Themen er im Master vertiefen möchte, findet auf dem Land ein vielseitiges Angebot vor.


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Stand: 21.09.2019