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"Universität muss ein geistiges Erlebnis sein"

Auf dem Foto ist eine Studentin von hinten zu sehen, die in einer Vorlesung sitzt. Sie blättert in einem Buch.
Wie kann die Lehre an deutschen Unis verbessert werden?
Foto: WillmyCC

Interview

"Universität muss ein geistiges Erlebnis sein"

abi>> sprach mit Walter Grünzweig, Professor für amerikanische Literatur an der Technischen Universität Dortmund, der im vergangenen Jahr mit dem begehrten Ars-legendi-Preis des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ausgezeichnet wurde. Geehrt werden seine Leistungen und Verdienste in der interkulturellen Lehre.

Walter Grünzweig trägt einen braunen Pullover und eine randlose Brille. Er steht vor einer Landkarte.

Walter Grünzweig ist Professor für amerikanische Literatur an der Technischen Universität Dortmund.

Foto: Jürgen Huhn

abi>>: Herr Professor Grünzweig, was ist gute Lehre?

Walter Grünzweig: Gute Lehre ist Dialog zwischen Studierenden und Lehrenden. Studierendenzentrierte Lehre ist Gespräch, Kommunikation, Interaktion, gemeinsame Arbeit. Deshalb sind Vorlesungen für mich nur in Ausnahmefällen gute Lehre. Vorlesungen können, wie es ja oft der Fall ist, in elektronischen Konserven existieren und konsumiert werden. Sie manifestieren sich in Skripten und oft leider auch in Büchern. Aber gute Lehre ist etwas, das einmalig ist, nie wiederholt werden kann, intellektuell und emotional. Darum ist sie nicht zu messen, kein Ding, das nach metrischen Kriterien beurteilt werden kann. Damit fahren viele Unternehmungen des Typs „Qualitätsmanagement Lehre“ in die Irre. Durch die zunehmend ökonomische Orientierung der Universitäten wird das Essentielle und Unverwechselbare an der Lehre unsichtbar. Bei guter Lehre passiert nämlich etwas zwischen den Beteiligten. Universität muss ein geistiges Erlebnis sein. Autoritätsgläubiges Management ist kein adäquater Führungsstil für Universitäten.

abi>>: Was ist das Besondere am prämierten Konzept des „Intercultural Classrooms“?

Walter Grünzweig: Das sind Seminare, die den Dialog mit Studierenden mit unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen betonen und daraus wissenschaftlichen und menschlichen Mehrwert generieren. Zu Themen wie „Der Ethno-Krimi in der deutschen und der amerikanischen Literatur“ oder „HipHop im transatlantischen Kontext“ erarbeiten sie gemeinsame Projekte. Die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Studierenden werden dabei nicht als Hemmnis für die universitäre Lehre gesehen, sondern bewusst als Bereicherung in die Lehrveranstaltungen integriert. Es geht um Prozesse der Kommunikation, nicht darum, Inhalte wie Waren zu vermitteln. Wir müssen der ungeplanten Entwicklung eines Gesprächs mehr Raum geben, dann wird jede Seminarstunde zu einem Unikat.

abi>>: Muss der Lehre an deutschen Universitäten insgesamt mehr Bedeutung beigemessen werden?

Walter Grünzweig: Positiv ist, dass es inzwischen einen deutschlandweiten Diskurs über die Bedeutung der Lehre gibt und dass dafür auch viel Geld zur Verfügung gestellt wird. Wichtig wäre, bei der Reparatur von „Bologna“ dort anzusetzen, wo Dinge verändert werden können. Wir haben das Glück, in Dortmund mit einem sehr kompetenten Hochschuldidaktischen Zentrum zusammenzuarbeiten; an anderen Universitäten existiert das leider nicht in der Form. Bei dem Wunsch, die Lehre zu verbessern, könnte man beispielsweise hier ansetzen.

abi>> 06.06.2011