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Ausbildung in Teilzeit

Den Lebensumständen angepasst

Cindy Onken (25) hat intensive Jahre hinter sich. Mit drei kleinen Kindern absolvierte sie erfolgreich ihre Teilzeitausbildung zur Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen bei der Agentur für Arbeit in Hanau. Das gelang ihr mit Disziplin, einem großen privaten Netzwerk und einer verständnisvollen Arbeitgeberin.

Menschen an einem Tisch

Durch eine Teilzeitausbildung lassen sich Familien-, Privat- und Berufsleben besser miteinander vereinbaren.

Ihre Ausbildung begann Cindy Onken direkt nach ihrem Abitur 2014 – damals noch in Vollzeit. Dann kam die Familienphase dazwischen: „Im Herbst 2015 habe ich festgestellt, dass ich mit Zwillingen schwanger bin.“ Anfang 2016 folgten Mutterschutz, Elternzeit und eine weitere Schwangerschaft.“ Trotz der familiären Auszeit war der angehenden Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen klar, dass sie so schnell wie möglich wieder in die Ausbildung zurückkehren wollte – in Teilzeit. „Ich habe mir gedacht, wenn ich zu lange warte, habe ich bestimmt mehr Probleme, wieder den Einstieg zu finden.“

Teilzeitausbildung – bisher kaum genutzt

Seit 2005 können Ausbildungen in Teilzeit absolviert werden, dennoch wird diese Form kaum genutzt. Nach den Daten der Berufsbildungsstatistik der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder gab es im Jahr 2018 nur 2.289 neue Berufsausbildungsverträge in Teilzeit. „Das entspricht 0,4 Prozent aller Neuabschlüsse im gesamten Ausbildungsjahr“, sagt Sabine Schwarz, Leiterin des Stabes der Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Bundesagentur für Arbeit. Die überwiegende Mehrheit (etwa 90 Prozent) aller Auszubildenden in Teilzeit sind Frauen. Vermutlich auch deshalb, weil die Teilzeitausbildung bis 2019 nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich war. „Sie richtet sich hauptsächlich an Menschen, die keine Ausbildung in Vollzeit durchführen können“, so die Expertin. „Das sind zum Beispiel Alleinerziehende, Menschen mit Pflege- und Betreuungsaufgaben, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Behinderungen und auch Migrant*innen die zusätzlichen Unterstützungsbedarf, etwa durch Sprachkurse, benötigen.“ Mussten Auszubildende mit Teilzeitwunsch früher einen Nachweis erbringen, dass sie einen Anspruch auf diese Möglichkeit haben, ist die Teilzeitausbildung seit dem 1. Januar 2020 eine Gestaltungsoption für alle, sofern sie sich mit dem ausbildenden Betrieb einig werden.

Ein flexibles Modell

Porträt von Cindy Onken

Cindy Onken

Cindy Onken führte bereits während ihrer Elternzeit mit einer Kollegin im Ausbildungszentrum der Bundesagentur für Arbeit in Frankfurt ein Wiedereinstellungsgespräch. In dessen Verlauf entschied sich die junge Mutter für ein 25-Stunden-Modell: „Für mich war diese Lösung perfekt. Ich war flexibel mit den Stunden und konnte die Ausbildung gut mit der Betreuung meiner Kinder vereinbaren.“ Im September 2018 stieg sie wieder in die Ausbildung ein, zunächst für wenige Wochen ins erste Lehrjahr, dann wechselte sie ins zweite. „Einige Ausbildungsinhalte hatte ich inzwischen vergessen. So konnte ich mir innerhalb von zwei Monaten den Lernstoff wieder ins Gedächtnis rufen.“

In ihren Praktikumsphasen war sie in der Agentur für Arbeit in Hanau eingesetzt und lernte montags bis freitags von 8 bis 13 Uhr alle Arbeitsabläufe kennen, etwa die Berechnung von Arbeitslosengeld, wie die Arbeitsvermittlung funktioniert oder welche Lohnersatz- und Förderleistungen es gibt. „Ich hatte immer so ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich früher gehen musste als meine Kolleg*innen, auch wenn ich einen wichtigen Grund hatte und alle verständnisvoll waren. Es fühlt sich trotzdem komisch an“, erinnert sich die Mutter dreier Kinder an die Ausbildungsphase.

Eigeninitiative ist zwingend erforderlich

Weniger geleistet hat sie dennoch nicht. Ausbildungsinhalte, die sie nicht mit Kolleg*innen erlernen konnte, holte sie zu Hause nach. „Wer Vollzeit in der Praktikumsphase ist, lernt mit der Zeit alle Fälle im Kundenverkehr kennen“, so Cindy Onken. „Ich habe im Eingangsbereich zunächst nur Arbeitslos- und Arbeitssuchendmeldungen bearbeitet, um wieder in die Materie reinzukommen. Manche Dinge, zum Beispiel wie ich mit Kund*innen verfahren soll, die sich ortsabwesend melden wollen, wusste ich nicht mehr genau. Diese habe ich dann bei meinen Kolleg*innen erfragt, Antworten erhalten, für mich dokumentiert und zuhause geübt. Später übernahm ich diese Aufgaben natürlich auch im Eingangsbereich.“

Die Lernzeit begann für die 25-Jährige in den Abendstunden, wenn die Kinder im Bett waren oder am Wochenende. Das war nicht immer leicht. „Man muss einfach durchhalten und weitermachen, dann schafft man es auch“, resümiert sie. „Blöd ist nur, wenn man ein ganzes Lernmodul oder ein ganzes Praktikum verpasst und alles zu Hause nacharbeiten muss.“ Glücklicherweise hatte sie Kolleg*innen, die in den Veranstaltungen für sie mitschrieben, ihr das fehlende Material nachreichten oder verständnisvoll reagierten, wenn sie bedingt durch die Kinderbetreuung erst später zur Arbeit erscheinen konnte.

Berufsschulunterricht in Vollzeit

Die Praktikumsphasen wurden durch Lernmodule ergänzt, in denen die Auszubildenden ihr theoretisches Wissen vertiefen konnten. Diese Ausbildungsabschnitte, die zwischen zwei Tagen und zwei Wochen dauerten und teilweise auch an anderen Orten stattfanden, musste Cindy Onken in Vollzeit wahrnehmen. Die Beauftragte für Chancengleichheit Sabine Schwarz gibt zu bedenken: „Ähnlich wie der Berufsschulunterricht lassen sich die Unterrichtszeiten dieser Ausbildungseinheiten in der Regel nicht individuell gestalten und müssen bei allen Familienpflichten beachtet werden.“ In diesem Fall ist ein gutes soziales Netzwerk extrem wichtig. Cindy Onken erhielt nicht nur durch ihren Mann Unterstützung, auch die Oma der Kinder, weitere Familienmitglieder und Freunde halfen bei der Betreuung. „Bei den Lehrgängen außerhalb der Agenturen hätte ich sogar durch meinen Arbeitgeber eine Kinderbetreuung erhalten, aber das musste ich nicht in Anspruch nehmen.“

Teilzeitausbildung jetzt noch flexibler

Im Juni 2020 konnte Cindy Onken ihre dreijährige Ausbildung abschließen und arbeitet mittlerweile in der Familienkasse als Fachassistentin. Da bis Ende 2019 die Ausbildungsdauer bei Teilzeit- und Vollzeitberufsausbildungen in der Regel gleich lang war, profitierten vor allem leistungsstarke Auszubildende mit einem guten Netzwerk und einem hohen Maß Eigeninitiative von der Teilzeitlösung. Im Januar 2020 trat das Berufsbildungsmodernisierungsgesetz in Kraft, mit dem Ziel auch anderen Personen, die etwa eine Lernbeeinträchtigung oder aus anderen Gründen ein begrenztes Zeitkontingent zur Verfügung haben, die Teilzeitausbildung zu ermöglichen. So können Auszubildende und der Betrieb die Ausbildungsdauer um bis zu eineinhalb Jahre verlängern. Auch bieten inzwischen einige Berufsschulen Teilzeitklassen an, allerdings gibt es hier weiterhin keine gesetzliche Regelung.

 

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.

berufenet.arbeitsagentur.de

berufsfeld-Info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung

berufsfeld-info.de

Karriereportal der Bundesagentur für Arbeit

Informations- und Stellenportal zum Berufseinstieg bei der Bundesagentur für Arbeit, beispielsweise über eine Ausbildung oder ein duales Studium.

arbeitsagentur.de/karriere

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Zusammenfassung über die Regelungen zur Teilzeitberufsausbildung.

bibb.de

Netzwerk Teilzeitberufsausbildung

Der Verein verfolgt das Ziel, Teilzeitberufe bundesweit bekannter zu machen und zu etablieren.

netzwerk-teilzeitberufsausbildung.de

Deutscher Industrie- und Handelskammertag

dihk.de > Aus- und Weiterbildung > Das neue Berufsbildungsgesetz

Video

Weitere Filme findest du auf der abi» Videoübersicht.

abi» 10.09.2020

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