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Wenn ein Handicap zur Chance wird

Das Foto zeigt einen Blindenhund im Einsatz.
Egal, welche Behinderung dich einschränkt, mit der richtigen Unterstützung wirst du eine Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt meistern.
Foto: Martin Rehm

Ausbildung mit Behinderungen – Hintergrund

Wenn ein Handicap zur Chance wird

Wer das Abitur trotz einer Einschränkung geschafft hat, dem stehen alle Wege offen – auch der in eine duale oder schulische Ausbildung. Damit dies gehörlosen Menschen wie Stefanie Ziegler reibungslos gelingt, gibt es Unterstützung und Hilfen auf vielen Ebenen.

Stefanie Ziegler (36) arbeitet als Hörakustikerin. Nach einem beidseitigen Hörsturz ist sie mittlerweile taub und hat einen Schwerbehindertenausweis. Den Weg in ihren Beruf hat sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Beeinträchtigung gefunden: „Ich habe jahrelang Hörgeräte getragen und wurde dann mit Cochlea Implantaten (CI) versorgt. So bin ich selbst als Kundin mit vielen unterschiedlichen Technologien und Unternehmen in Berührung gekommen und habe unterschiedliche Erfahrungen in der Versorgung und Beratung sammeln können.“

Porträtfoto Stefanie Ziegler

Stefanie Ziegler

Foto: Ann-Kathrin Oesterle

Genau das war ihr Vorteil beim Bewerbungsgespräch für einen Ausbildungsplatz (>>mehr dazu im Erfahrungsbericht) bei Fielmann. „Durch meine langjährige Erfahrung als Hörgerät- und CI-Trägerin verlief dieses Gespräch teilweise auf fachlicher Ebene. Die Meisterin war sehr aufgeschlossen mir und meiner Situation gegenüber, da es für die Kunden  unterstützend sein kann, von selbst betroffenen Akustikern beraten zu werden“, erinnert sie sich.

Gute Aussichten auf eine Ausbildung

Für Stefanie Ziegler war ihre Hörbeeinträchtigung bei der Bewerbung also ein Pluspunkt und kein Hindernis. Aber auch für andere Abiturienten mit Einschränkungen stehen die Chancen gut, einen Ausbildungsplatz auf dem sogenannten ersten, also regulären Arbeitsmarkt zu bekommen – und nicht etwa in einer speziellen Werkstätte. „Die Angebote und die Bereitschaft, Auszubildende mit Einschränkungen zu beschäftigen, sind deutlich gestiegen. Gerade mit Abitur ist die Perspektive auf dem Arbeitsmarkt mittlerweile  vielversprechend“, sagt Matthias Goda, Berufsberater aus dem Team Berufliche Rehabilitation und Teilhabe der Agentur für Arbeit Osnabrück.

Porträtfoto Matthias Goda

Matthias Goda

Foto: Volkmar Lenzen

„Das liegt zum einen daran, dass es momentan generell viele offene Ausbildungsstellen gibt. Zum anderen merkt man, dass die öffentliche Debatte zum Thema Inklusion mehr Betriebe dazu veranlasst,  Mitarbeitende und Auszubildende mit Behinderungen einzustellen. Außerdem hat das für einen Betrieb Vorteile: Der Arbeitgeber bekommt Zuschüsse und muss eventuell keine Ausgleichsabgabe zahlen“, analysiert er und verweist darauf, dass Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern verpflichtet sind, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen.

Uneingeschränkte Ausbildungsplatzsuche

Nach Artikel 3 des Grundgesetzes darf niemand aufgrund seiner Behinderungen benachteiligt werden. Demnach kann und sollen sich Abiturienten mit Handicap auf jeden Ausbildungsplatz oder die schulische Ausbildung, der ihn oder sie interessiert, bewerben. Für die Suche rät der Berater, sich über die gängigen Portale, wie die JOBBÖRSE oder KURSNET der Bundesagentur für Arbeit, einen ersten Überblick über das Angebot zu verschaffen. „Auch Empfehlungen von Freunden oder der Familie helfen weiter. Immer sinnvoll ist eine Beratung im Reha-Team der Agentur für Arbeit vor Ort. Wir haben ein Portfolio an Betrieben, die Erfahrungen haben. Ein sehr guter Weg ist, ein Praktikum zu absolvieren. Dort kann man nicht nur dem Betrieb seine Stärken zeigen, sondern auch testen, ob der Beruf zu einem passt.“

Die Bewerbung auf einen Ausbildungsplatz unterscheidet sich kaum von der anderer Bewerberinnen und Bewerber: „Es gibt keine Verpflichtung, die Einschränkungen in den Unterlagen zu erwähnen“, erklärt der Experte. „In manchen Bereichen, wie im öffentlichen Dienst, hat die Angabe jedoch sogar Vorteile“, sagt er, da Menschen mit einem Schwerbehindertenausweis bei gleicher Eignung dort Vorrang haben. „Erwähnt der Ausbildungsbetrieb auf seiner Homepage, dass er sich in Sachen Inklusion engagiert, ist eine Erwähnung ebenfalls durchaus sinnvoll. Eine andere Strategie kann sein, die Einschränkung im Bewerbungsgespräch anzusprechen und zu erklären, mit welchen Hilfen die Arbeitsleistung trotzdem erbracht werden kann.“

Unterstützung im Azubialltag

Damit die Ausbildung trotz Einschränkungen gelingt, hat der Gesetzgeber einige Rahmenbedingungen geschaffen. So können Azubis mit Behinderungen ihre Ausbildung inhaltlich oder zeitlich anders gliedern. In Prüfungen haben sie, wenn nötig, länger Zeit, mehr Pausen, bekommen Unterlagen in einer anderen Schriftgröße oder einen separaten Raum; um in der Lage zu sein, die fachliche Leistung alleine zu erbringen. Sie können außerdem besondere Hilfsmittel beantragen. All das ist im Berufsbildungsgesetz und in der Handwerksordnung geregelt und wird Nachteilsausgleich genannt.

Der Nachteilsausgleich muss bei der zuständigen Stelle, wie der Industrie- und Handelskammer oder Handwerkskammer, beantragt werden. Er gilt bei Azubis mit Schwerbehindertenausweis genauso wie bei psychischen Erkrankungen oder Einschränkungen durch Legasthenie (Lese- und Rechtschreibstörung) oder Dyskalkulie (Rechenschwäche). Über all das informieren die Reha-Teams der örtlichen Agenturen für Arbeit, die auch bei der Wiedereingliederung nach einem Unfall oder einer langen Krankheit helfen.

Technische und finanzielle Hilfen

„Die Agentur für Arbeit finanziert unter anderem berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen, einen Ausbildungszuschuss oder Beförderungskosten“, zählt Matthias Goda auf. „Wenn eine spezielle Ausstattung im Betrieb, wie eine Rampe für Rollstuhlfahrer oder eine Anpassung von Computersystemen, ein Headset oder spezielle Schuhe, ein Headset oder spezielle Schuhe nötig sind, übernehmen wir die Kosten“, sagt er und erklärt, dass über die Maßnahmen für jeden individuell entschieden wird. „Außerdem leisten wir umfangreiche Aufklärungsarbeit in den Betrieben, um ihnen zu vermitteln, welche Hilfen sie überhaupt in Anspruch nehmen können.“ Beratung und Unterstützung (>>mehr dazu in der Checkliste) bieten außerdem die Integrationsfachdienste und- ämter vor Ort.

Integration ins Team

Wer schließlich in seine Ausbildung gestartet ist, sollte mit seiner Beeinträchtigung offen umgehen, rät der Berufsberater: „Wenn der Betrieb Auszubildende eingestellt hat, ist er auch bereit, deren Bedürfnisse zu berücksichtigen. Das geht aber nur, wenn sie geäußert werden und das Team eine Chance hat, sich entsprechend darauf einzustellen. Da können schon kleine Veränderungen helfen. So hatte ich den Fall eines Autisten, der in einer Maschinenbaufirma am Band nicht in der Mitte stehen konnte. Am Rand konnte er seiner Arbeit jedoch nachgehen.“
Hörakustikerin Stefanie Ziegler erledigt ihre Arbeit ohne Einschränkungen – mittlerweile besucht sie einen Meisterkurs und freut sich darüber, ihrer Kunden ein lebendiges Beispiel dafür zu sein, dass man auch oder gerade mit einer Beeinträchtigung bestens beraten kann.

Weitere Informationen

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung

berufsfeld-info.de

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Beschreibungen in Text und Bild
berufenet.arbeitsagentur.de/berufe

BERUFE.TV

Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit mit mehr als 300 Filmen über Ausbildungs- und Studienberufe

berufe.tv

KURSNET

Das Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Berufsausbildungen suchen.

kursnet-finden.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

jobboerse.arbeitsagentur.de

Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit

entgeltatlas.arbeitsagentur.de

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

www.bibb.de

Bundesagentur für Arbeit

Hier sind die Beratungs- und Unterstützungsangebote der Bundesagentur für Arbeit für Menschen mit Behinderungen zusammengefasst:

arbeitsagentur.de/menschen-mit-behinderungen

REHADAT Bildung

Portal des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zur Berufsausbildung mit Behinderungen mit zahlreichen Informationen von der Berufsorientierung bis zu Unterstürzungsmöglichkeiten

www.rehadat-bildung.de

MyHandicap.de

Seite der Stiftung MyHandicap mit Jobbörse und Tipps zu Bewerbung und Förderung der Ausbildung

www.myhandicap.de

einfach teilhaben

Portal des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales

www.einfach-teilhaben.de

Integrationsämter

Hier findest du Infos zu finanziellen Förderungen und die Adressen der Integrationsfachdienste

www.integrationsaemter.de

Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V.

www.bvl-legasthenie.de

abi>> 11.10.2019

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