Wenn ein Handicap zur Chance wird

Das Foto zeigt einen Blindenhund im Einsatz.
Egal, welche Behinderung dich einschränkt, mit der richtigen Unterstützung wirst du eine Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt meistern.
Foto: Martin Rehm

Ausbildung mit Behinderungen – Hintergrund

Wenn ein Handicap zur Chance wird

Wer das Abitur trotz einer Einschränkung geschafft hat, dem stehen alle Wege offen – auch der in eine duale oder schulische Ausbildung. Damit dies gehörlosen Menschen wie Stefanie Ziegler reibungslos gelingt, gibt es Unterstützung und Hilfen auf vielen Ebenen.

Stefanie Ziegler (36) arbeitet als Hörakustikerin. Nach einem beidseitigen Hörsturz ist sie mittlerweile taub und hat einen Schwerbehindertenausweis. Den Weg in ihren Beruf hat sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Beeinträchtigung gefunden: „Ich habe jahrelang Hörgeräte getragen und wurde dann mit Cochlea Implantaten (CI) versorgt. So bin ich selbst als Kundin mit vielen unterschiedlichen Technologien und Unternehmen in Berührung gekommen und habe unterschiedliche Erfahrungen in der Versorgung und Beratung sammeln können.“

Porträtfoto Stefanie Ziegler

Stefanie Ziegler

Foto: Ann-Kathrin Oesterle

Genau das war ihr Vorteil beim Bewerbungsgespräch für einen Ausbildungsplatz (>>mehr dazu im Erfahrungsbericht) bei Fielmann. „Durch meine langjährige Erfahrung als Hörgerät- und CI-Trägerin verlief dieses Gespräch teilweise auf fachlicher Ebene. Die Meisterin war sehr aufgeschlossen mir und meiner Situation gegenüber, da es für die Kunden  unterstützend sein kann, von selbst betroffenen Akustikern beraten zu werden“, erinnert sie sich.

Gute Aussichten auf eine Ausbildung

Für Stefanie Ziegler war ihre Hörbeeinträchtigung bei der Bewerbung also ein Pluspunkt und kein Hindernis. Aber auch für andere Abiturienten mit Einschränkungen stehen die Chancen gut, einen Ausbildungsplatz auf dem sogenannten ersten, also regulären Arbeitsmarkt zu bekommen – und nicht etwa in einer speziellen Werkstätte. „Die Angebote und die Bereitschaft, Auszubildende mit Einschränkungen zu beschäftigen, sind deutlich gestiegen. Gerade mit Abitur ist die Perspektive auf dem Arbeitsmarkt mittlerweile  vielversprechend“, sagt Matthias Goda, Berufsberater aus dem Team Berufliche Rehabilitation und Teilhabe der Agentur für Arbeit Osnabrück.

Porträtfoto Matthias Goda

Matthias Goda

Foto: Volkmar Lenzen

„Das liegt zum einen daran, dass es momentan generell viele offene Ausbildungsstellen gibt. Zum anderen merkt man, dass die öffentliche Debatte zum Thema Inklusion mehr Betriebe dazu veranlasst,  Mitarbeitende und Auszubildende mit Behinderungen einzustellen. Außerdem hat das für einen Betrieb Vorteile: Der Arbeitgeber bekommt Zuschüsse und muss eventuell keine Ausgleichsabgabe zahlen“, analysiert er und verweist darauf, dass Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern verpflichtet sind, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen.

Uneingeschränkte Ausbildungsplatzsuche

Nach Artikel 3 des Grundgesetzes darf niemand aufgrund seiner Behinderungen benachteiligt werden. Demnach kann und sollen sich Abiturienten mit Handicap auf jeden Ausbildungsplatz oder die schulische Ausbildung, der ihn oder sie interessiert, bewerben. Für die Suche rät der Berater, sich über die gängigen Portale, wie die JOBBÖRSE oder KURSNET der Bundesagentur für Arbeit, einen ersten Überblick über das Angebot zu verschaffen. „Auch Empfehlungen von Freunden oder der Familie helfen weiter. Immer sinnvoll ist eine Beratung im Reha-Team der Agentur für Arbeit vor Ort. Wir haben ein Portfolio an Betrieben, die Erfahrungen haben. Ein sehr guter Weg ist, ein Praktikum zu absolvieren. Dort kann man nicht nur dem Betrieb seine Stärken zeigen, sondern auch testen, ob der Beruf zu einem passt.“

Die Bewerbung auf einen Ausbildungsplatz unterscheidet sich kaum von der anderer Bewerberinnen und Bewerber: „Es gibt keine Verpflichtung, die Einschränkungen in den Unterlagen zu erwähnen“, erklärt der Experte. „In manchen Bereichen, wie im öffentlichen Dienst, hat die Angabe jedoch sogar Vorteile“, sagt er, da Menschen mit einem Schwerbehindertenausweis bei gleicher Eignung dort Vorrang haben. „Erwähnt der Ausbildungsbetrieb auf seiner Homepage, dass er sich in Sachen Inklusion engagiert, ist eine Erwähnung ebenfalls durchaus sinnvoll. Eine andere Strategie kann sein, die Einschränkung im Bewerbungsgespräch anzusprechen und zu erklären, mit welchen Hilfen die Arbeitsleistung trotzdem erbracht werden kann.“

Unterstützung im Azubialltag

Damit die Ausbildung trotz Einschränkungen gelingt, hat der Gesetzgeber einige Rahmenbedingungen geschaffen. So können Azubis mit Behinderungen ihre Ausbildung inhaltlich oder zeitlich anders gliedern. In Prüfungen haben sie, wenn nötig, länger Zeit, mehr Pausen, bekommen Unterlagen in einer anderen Schriftgröße oder einen separaten Raum; um in der Lage zu sein, die fachliche Leistung alleine zu erbringen. Sie können außerdem besondere Hilfsmittel beantragen. All das ist im Berufsbildungsgesetz und in der Handwerksordnung geregelt und wird Nachteilsausgleich genannt.

Der Nachteilsausgleich muss bei der zuständigen Stelle, wie der Industrie- und Handelskammer oder Handwerkskammer, beantragt werden. Er gilt bei Azubis mit Schwerbehindertenausweis genauso wie bei psychischen Erkrankungen oder Einschränkungen durch Legasthenie (Lese- und Rechtschreibstörung) oder Dyskalkulie (Rechenschwäche). Über all das informieren die Reha-Teams der örtlichen Agenturen für Arbeit, die auch bei der Wiedereingliederung nach einem Unfall oder einer langen Krankheit helfen.

Technische und finanzielle Hilfen

„Die Agentur für Arbeit finanziert unter anderem berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen, einen Ausbildungszuschuss oder Beförderungskosten“, zählt Matthias Goda auf. „Wenn eine spezielle Ausstattung im Betrieb, wie eine Rampe für Rollstuhlfahrer oder eine Anpassung von Computersystemen, ein Headset oder spezielle Schuhe, ein Headset oder spezielle Schuhe nötig sind, übernehmen wir die Kosten“, sagt er und erklärt, dass über die Maßnahmen für jeden individuell entschieden wird. „Außerdem leisten wir umfangreiche Aufklärungsarbeit in den Betrieben, um ihnen zu vermitteln, welche Hilfen sie überhaupt in Anspruch nehmen können.“ Beratung und Unterstützung (>>mehr dazu in der Checkliste) bieten außerdem die Integrationsfachdienste und- ämter vor Ort.

Integration ins Team

Wer schließlich in seine Ausbildung gestartet ist, sollte mit seiner Beeinträchtigung offen umgehen, rät der Berufsberater: „Wenn der Betrieb Auszubildende eingestellt hat, ist er auch bereit, deren Bedürfnisse zu berücksichtigen. Das geht aber nur, wenn sie geäußert werden und das Team eine Chance hat, sich entsprechend darauf einzustellen. Da können schon kleine Veränderungen helfen. So hatte ich den Fall eines Autisten, der in einer Maschinenbaufirma am Band nicht in der Mitte stehen konnte. Am Rand konnte er seiner Arbeit jedoch nachgehen.“
Hörakustikerin Stefanie Ziegler erledigt ihre Arbeit ohne Einschränkungen – mittlerweile besucht sie einen Meisterkurs und freut sich darüber, ihrer Kunden ein lebendiges Beispiel dafür zu sein, dass man auch oder gerade mit einer Beeinträchtigung bestens beraten kann.

Weitere Informationen

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung

berufsfeld-info.de

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Beschreibungen in Text und Bild
berufenet.arbeitsagentur.de/berufe

BERUFE.TV

Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit mit mehr als 300 Filmen über Ausbildungs- und Studienberufe

berufe.tv

KURSNET

Das Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Berufsausbildungen suchen.

kursnet-finden.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

jobboerse.arbeitsagentur.de

Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit

entgeltatlas.arbeitsagentur.de

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

www.bibb.de

Bundesagentur für Arbeit

Hier sind die Beratungs- und Unterstützungsangebote der Bundesagentur für Arbeit für Menschen mit Behinderungen zusammengefasst:

arbeitsagentur.de/menschen-mit-behinderungen

REHADAT Bildung

Portal des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zur Berufsausbildung mit Behinderungen mit zahlreichen Informationen von der Berufsorientierung bis zu Unterstürzungsmöglichkeiten

www.rehadat-bildung.de

MyHandicap.de

Seite der Stiftung MyHandicap mit Jobbörse und Tipps zu Bewerbung und Förderung der Ausbildung

www.myhandicap.de

einfach teilhaben

Portal des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales

www.einfach-teilhaben.de

Integrationsämter

Hier findest du Infos zu finanziellen Förderungen und die Adressen der Integrationsfachdienste

www.integrationsaemter.de

Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V.

www.bvl-legasthenie.de

 

Ausbildung im Rollstuhl

Rein ins Berufsleben

Für Lea Voitel (22) war von Anfang an klar: Trotz Rollstuhl und Sprachhandicap wollte sie nach der Schule im sogenannten ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen. Als es erst einmal „nur“ mit einer Ausbildung in einem Berufsbildungswerk klappt, ist sie zunächst enttäuscht. Heute – mit einem Arbeitsvertrag einer Kulturstiftung in der Tasche – sagt sie: „Das war die beste Entscheidung meines Lebens.“

Lea Voitel ist zufrieden. Vor kurzem hat die 22-Jährige ihre Ausbildung zur Kauffrau für Tourismus und Freizeit im Berufsbildungswerk Oberlin in Potsdam abgeschlossen und ist direkt ins Berufsleben gestartet. „In ein Berufsbildungswerk wollte ich eigentlich nicht, denn damit verfehlte ich schließlich die Ausbildung auf dem regulären Arbeitsmarkt. Schlussendlich entschied ich mich dann doch dafür“, erzählt die junge Frau aus der Lutherstadt Eisleben.

Porträt von Lea Voitel

Lea Voitel

Foto: privat

„Reisen ist in meinem Freundes- und Verwandtenkreis schon immer ein großes Thema gewesen“, erzählt sie. „Da ich Rollstuhlfahrerin bin, benötige bei fast allem fremde Hilfe“, schildert sie. Lea Voitel kann durch eine Spastik Arme und Beine nicht uneingeschränkt bewegen. „Trotzdem bin ich mit 16 Jahren das erste Mal ohne meine Eltern vereist, nur mit meinen Freunden und meinem damaligen Freund über Silvester nach Berlin. All das machte ein Reisebüro möglich. Die Reisegruppe war sehr angenehm und die Assistenz, die jeder von uns mehr oder weniger benötigte, wurde von jungen Studierenden oder Auszubildenden übernommen. Da wurde mir bewusst, wie wichtig selbstbestimmtes Reisen und barrierefreier Tourismus sind. So war der Berufswunsch geboren“, erinnert sich die 22-Jährige.

Ausbildungsplatzsuche über Umwege

Nach der Fachhochschulreife machte sich Lea Voitel also gezielt auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz im Tourismus. „Ich habe zahlreiche Bewerbungen geschrieben und wurde auch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen“, berichtet sie. „Trotz eines guten Zeugnisses und guten Ergebnissen bei den Einstellungstests hatten viele Arbeitgeber Vorurteile und Barrieren im Kopf und so kam es nicht zum Ausbildungsvertrag in einem Betrieb“, schildert sie rückblickend. „Meine Reha-Beraterin der Agentur für Arbeit empfahl mir das Berufsbildungswerk in Potsdam mit Unterbringung im Internat. Das habe ich angenommen – wahrscheinlich die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.“

Während einer Ausbildung in einem Berufsbildungswerk (BBW) erhalten Azubis ein Ausbildungsgeld von der Agentur für Arbeit. Inhaltich unterteilte sich ihre Ausbildung zur Kauffrau für Tourismus und Freizeit im BBW, ähnlich wie bei einer dualen Ausbildung im Betrieb, in drei Tage praktischer Arbeit und zwei Tage Berufsschule. „Einziger Unterschied: Die Klassenstärke im Berufsbildungswerk war wesentlich geringer, wir waren sogar nur drei Leute in der Klasse. Mit meiner Klasse, meinen Lehrern, Ausbildern, den Physiotherapeuten und den tollen Mitarbeitern im Internat hatte ich meist ein sehr gutes Verhältnis und war eher mittendrin, als irgendwie am Rande“, berichtet sie. Klar, dass sich Lea Voitel im Berufsbildungswerk schnell wohl fühlte.

Spannende Öffentlichkeitsarbeit

An den Praxistagen arbeiteten die Azubis zunächst mit fiktiven Aufträgen zu Themen wie Öffentlichkeitsarbeit, Produktentwicklung oder Marketing im Berufsbildungswerk. Im zweiten Jahr folgte ein Langzeitpraktikum in einem Unternehmen. Für Lea Voitel war klar, dass dies unbedingt auf dem ersten Arbeitsmarkt sein musste – und inhaltlich interessant. „Das Praktikum bei der Stiftung Garnisonkirche Potsdam habe ich mir mit einem Artikel in der Märkischen Allgemeinen Zeitung erkämpft, in dem ich über die aktuelle Arbeitsplatzsituation für Menschen mit Behinderungen aufkläre“, sagt sie selbstbewusst. „Anfangs gab es zwar Unsicherheiten von beiden Seiten. Nachdem aber ein wenig Zeit vergangen war, war ich ein geschätztes Mitglied im Team und durfte verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen.“

Die Stiftung Garnisonkirche setzt sich für den Wiederaufbau der in der DDR gesprengten Garnisonkirche als Kultur- und Baudenkmal ein. Ein Vorhaben, das nicht unumstritten ist. „Während meines Praktikums arbeitete ich vor allem im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Ich übernahm Aufgaben wie die Gestaltung von Flyern, Verfassen von Artikeln sowie Planung und Durchführung von Veranstaltungen.“ Genau Lea Voitels Ding, wie sie heute weiß. „Hier habe ich meine Stärken fürs Schreiben von Artikeln und für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit entdeckt“, sagt sie. Später möchte sie vielleicht noch ein Studium im Journalismus absolvieren. „Statt dem eigentlich sechsmonatigen Praktikum bin ich zwei Jahre geblieben.“ Ein weiteres vierwöchiges Praktikum absolvierte sie über Erasmus+ in Graz.

Dank Selbstständigkeit mehr Selbstvertrauen

Mit Blick zurück auf ihre Ausbildung sieht Lea Voitel einen entscheidenden Pluspunkt: „Für mich war der Internatsplatz eine unwahrscheinliche Unterstützung, da mich das Personal im Internat und auch die neu gewonnenen Freiheiten in meiner Selbständigkeit und in meinem Selbstbewusstsein gestärkt haben. Da alles auf einem Campus war, entfiel die große Anstrengung durch lange Fahrtwege zur Ausbildungsstätte. Außerdem gab es Freizeitangebote, Physiotherapie oder einen medizinischen Dienst, den man nutzen konnte.“

Das alles hat ihr den Weg in die Anstellung geebnet. „Unmittelbar nach Beendigung meiner Ausbildung habe ich von der Stiftung Garnisonkirche Potsdam einen projektbezogenen Arbeitsvertrag im Bereich Ausstellungsplanung bekommen. Er läuft erstmal über drei Jahre und ja, ich bin zufrieden mit meiner Wahl!“

 

Beruf trotz Hörverlust – Erfahrungsbericht

Aus eigener Erfahrung wissen, worauf es ankommt

Stefanie Ziegler (36) arbeitet als Hörakustikerin. Nach einem beidseitigen Hörsturz ist sie taub und hat einen Schwerbehindertenausweis. Den Weg in den Beruf hat sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Beeinträchtigung gefunden. Ein Erfahrungsbericht.

Ich bin 36 Jahre alt, war bis 2005 normalhörend. Dann bekam ich einen beidseitigen Hörsturz. 2006 habe ich angefangen Hörgeräte zu tragen, doch mein Hören verschlechterte sich. Mittlerweile bin ich vollständig ertaubt und im Besitz eines Behindertenausweises mit einem Grad der Behinderung (GdB) von 80. Seit 2016 habe ich auf beiden Seiten ein Cochlea-Implantat (CI). Ein CI ist eine Art Hörprothese, die unter anderem den Hörnerv stimuliert. Über die Implantate höre und verstehe ich sehr gut, viel besser als mit Hörgeräten – auch dank Unterstützung durch Therapeuten in einer Rehaklinik.

Als Selbstbetroffene bestens informiert

Zu dieser Zeit war ich bei Fielmann noch in der Optik tätig. Aufgrund meiner eigenen Beeinträchtigung und meiner Probleme mit den unterschiedlichen Hörgeräten beschäftigte ich mich privat immer intensiver mit dem Hören und weiteren möglichen technischen Hilfsmitteln. Schließlich entschloss ich mich dazu, noch eine Ausbildung im Akustik-Bereich zu machen.

Porträtfoto Stefanie Ziegler

Stefanie Ziegler

Ann-Kathrin Oesterle

Ich habe eine ganz normale Bewerbung an die ausschreibende Fielmann-Niederlassung geschickt, worin ich auf meine eigene Hörschädigung hingewiesen habe. Schnell wurde ich zu einem persönlichen Gespräch mit der zuständigen Meisterin eingeladen. Durch meine, zu diesem Zeitpunkt bereits elfjährige Erfahrung als Hörgeräte- und mittlerweile CI-Trägerin, verlief dieses Gespräch teilweise bereits auf einem hohen fachlichen Niveau. Die Meisterin war sofort sehr aufgeschlossen. Schließlich kann es für die Kunden sehr unterstützend sein, von selbstbetroffenen Akustikern beraten zu werden.

Mit gutem Beispiel voran

Ich bekam die Stelle. In der Ausbildung war es unglaublich spannend, Sachverhalte im Detail zu erfahren, Dinge zu lernen und zu verstehen, die einen selbst betreffen: beispielsweise die Funktionen des Gehörs, die Auswirkungen von Hörschädigung auf sich selbst und das soziale Umfeld. Das hilft, die eigene Situation differenzierter und von einer anderen Seite zu betrachten. Dabei wuchs in mir der Wunsch, meine Kundinnen und Kunden zukünftig besonders gut zu beraten und ihnen viel besser zu helfen, als mir nach dem Hörsturz geholfen wurde.

Nach der Ausbildung wurde ich übernommen. Auch, weil mein Beispiel verdeutlicht, dass Hörschädigung nichts mit dem Alter zu tun. Wenn es mir gelingt, meiner Kundschaft das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht alleine sind, ist es für mich immer wieder schön. Darauf möchte ich aufbauen. Inzwischen besuche ich den Meisterkurs zur Hörakustikerin an der Akademie für Hörakustik in Lübeck. Im Arbeitsalltag und im Unterricht helfen mir technische Geräte: Um dem Unterricht folgen zu können, benutze ich eine FM-Anlage, bei der alle in der Klasse spezielle Mikrofone haben.

Mit technischen Hilfsmitteln zum Meister

Im Betrieb nutze ich die Telefonspule zum Telefonieren und ein externes Mikrofon zum Abhören der Kundenhörgeräte. Das Mikrofon wurde mir vom Integrationsamt bezahlt. Bei Prüfungen bekomme einen Nachteilsausgleich in Form von Zeitverlängerung. Weitere Unterschiede zwischen mir und meinen Kollegen gibt es nicht.

 

Ausbildung mit Behinderungen – Checkliste

Technische und persönliche Unterstützung auf einen Blick

Von technischen Hilfsmitteln bis zur Assistenz – für Auszubildende mit Behinderungen gibt es zahlreiche Unterstützungsmöglichkeiten. Das gilt für die Arbeit im Betrieb genauso wie für den Unterricht in der Berufsschule. abi» hat einige wichtige im Überblick zusammengestellt und verrät dir, an wen du dich wenden musst.

Beratung und Infos

Welcher Beruf ist für mich der richtige? Die Antwort auf diese Frage ist nicht immer einfach und eindeutig. Um Hilfe bei der beruflichen Orientierung und Informationen zu möglichen Unterstützungsangeboten für Menschen mit Behinderungen zu erhalten, sind die Berater des Reha-Fachteams der Agentur für Arbeit vor Ort der richtige Ansprechpartner für dich. Eine Agentur in deiner Nähe, bei der du einen Beratungstermin vereinbaren kannst, findest du unter www.arbeitsagentur.de. Integrationsfachdienste vor Ort beraten schwerbehinderte Menschen grundsätzlich zur Teilhabe am Arbeitsleben. Deinen Integrationsfachdienst vor Ort findest du über die Seite der Integrationsämter.

Einstiegsqualifizierung

Hast du Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden, kann ein Praktikum in einem Betrieb eine Möglichkeit sein, den Arbeitgeber von deinen Stärken zu überzeugen und zu testen, ob der von dir gewählte Beruf zu dir passt. Die Bundesagentur für Arbeit bietet geförderte Praktika als Einstiegsqualifizierung (EQ) an. Die Einstiegsqualifizierung kann sechs bis zwölf Monate dauern und dient der Vermittlung von Grundkenntnissen und Grundfertigkeiten in einem Betrieb. Fragen zu dieser Qualifizierung beantwortet dir gern das Reha-Team der Agentur für Arbeit.

Nachteilsausgleich

Nach dem Gesetz haben Azubis mit Behinderungen einen Anspruch auf Nachteilsausgleich, um dem Unterricht folgen und die Prüfungen meistern zu können. Das können Regelungen, wie längere Prüfungszeiten, mehr Pausen oder die Zulassung von technischen Hilfsmitteln sein. Ausführliche Informationen zum Nachteilsausgleich bietet das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Beantragt wird der Nachteilsausgleich bei der zuständigen Kammer.

Technische Arbeitshilfen

Um Beeinträchtigungen auszugleichen, fördert die Bundesagentur für Arbeit für Auszubildende mit Behinderungen außerdem technische Arbeitshilfen, die am Arbeitsplatz installiert werden. Das können Rampen oder Treppenlifte für barrierefreien Zugang, spezielle Computerprogramme oder Sitzhilfen sein. Darüber informieren die Reha-Berater deiner örtlichen Agentur für Arbeit. Basisinformationen findest du unter www.rehadat-hilfsmittel.de.

Arbeitsassistenz

Bei einer schweren Einschränkung, etwa einer Sinneseinschränkung, kann eine Arbeitsassistenz erforderlich sein. Das können beispielsweise Gebärdendolmetscher oder Vorleser sein. Die Assistenten führen Hilfstätigkeiten aus, um Auszubildenden ihre fachliche Arbeit zu ermöglichen. Den Antrag auf Arbeitsassistenz stellst du bei deinem zuständigen Integrationsamt vor Ort, das die Leistung prüft und bezahlt.

Begleitete Ausbildung

Brauchst du grundsätzlich Unterstützung, bietet die Bundesagentur für Arbeit die begleitete betriebliche Ausbildung (bbA) an. Dein Ausbildungsbetrieb und du erhalten kostenlose Beratung, Nachhilfe und Begleitung während der gesamten Ausbildungszeit.

Ausbildungsbegleitende Hilfen

Bei Problemen in der Ausbildung, wie Schwierigkeiten mit dem Lernstoff, schlechten Noten oder Ärger mit dem Ausbilder unterstützen die ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH) der Bundesagentur für Arbeit. Bevor es zum Ausbildungsabbruch kommt, findest du hier kostenlose Hilfe bei der Prüfungsvorbereitung, Nachhilfe oder sozialpädagogische Unterstützung zur Vermittlung bei Gesprächen.

Zuschüsse für den Arbeitgeber

Die Bundesagentur für Arbeit kann Arbeitgebern Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung während der gesamten Ausbildungszeit zahlen, wenn die Ausbildung sonst nicht möglich ist. Die Höhe des Zuschusses ist abhängig von Art und Schwere der Behinderungen. Wenn die Ausbildung bereits abgeschlossen wurde, kann, sofern der Azubi vom Betrieb übernommen wird, für ein Jahr ein Eingliederungszuschuss genehmigt werden.

Berufsbildungswerke

Ist es für dich trotz der Hilfen nicht möglich, eine Erstausbildung in einem Betrieb zu absolvieren, können ganze oder Teile der Ausbildungsqualifikation in einem Berufsbildungswerk (BBW) erworben werden. Hier gibt es für die verschiedenen Beeinträchtigungen geschultes Personal und entsprechende Fachdienste. Finanziert werden die Berufsbildungswerke hauptsächlich durch die Bundesagentur für Arbeit.


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Stand: 26.02.2020