Große Herausforderung und Chance zugleich

Werkzeug, Hammer und Kelle
Ein Handwerk erlernen und gleichzeitig das Abitur machen, das geht derzeit in sieben Bundesländern.
Foto: Martin Rehm

BerufsAbitur – Interview

Große Herausforderung und Chance zugleich

Schluss mit Entweder-oder: Schülerinnen und Schüler mit einem mittleren Schulabschluss können zukünftig während ihrer dualen Handwerksausbildung gleichzeitig das Abitur machen. Aktuell laufen mehrere Projekte zur Gestaltung der Doppelqualifikation, genannt BerufsAbitur. Im Interview stellt Dr. Mirko Pollmer vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) das neue Modell vor.

abi» Herr Dr. Pollmer, in welchen Bundesländern gibt es das BerufsAbitur bereits?

Porträtbild von Dr. Mirko Pollmer

Dr. Mirko Pollmer

Foto: ZDH

Dr. Mirko Pollmer: Derzeit sind sieben Bundesländer dabei: Im Schuljahr 2017/18 haben Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen mit dem BerufsAbitur gestartet. In diesem Schuljahr kam Berlin dazu, im nächsten folgen Hessen und Rheinland-Pfalz. In manchen Bundesländern gibt es das BerufsAbitur flächendeckend, das heißt für alle handwerklichen Berufe, in anderen als Modellprojekt für einen Beruf. Wie beispielsweise in Berlin: Dort wird das BerufsAbitur derzeit ausschließlich für Auszubildende zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik angeboten.

abi» Warum und für wen wurde das Angebot entwickelt?

Dr. Mirko Pollmer: Die Initiative wurde vom ZDH gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz (KMK) ins Leben gerufen, um berufliche Bildungs- und Karrierewege im Handwerk aufzuzeigen und weiterzuentwickeln und so mehr junge Menschen für das Handwerk zu gewinnen. Jugendliche, die das Ziel haben, das Abitur zu erreichen, hatten Handwerksberufe bislang nicht im Blick. Ihnen wird mit dem BerufsAbitur ermöglicht, einen Beruf zu erlernen und gleichzeitig das Abitur zu machen. Dieser sogenannte doppeltqualifizierende Bildungsgang ist eine attraktive Perspektive und soll auch die Fachkräftesicherung erleichtern. Das Modell wirbt aber auch allgemein für die Berufsbildung. Langfristiges Ziel ist, das BerufsAbitur bundesweit als Regelangebot für alle Wirtschaftszweige zu etablieren.

abi» Auch vor dem BerufsAbitur gab es bereits Wege, die allgemeine Hochschulreife während der oder im Anschluss an die Berufsausbildung zu erlangen. Was ist der Vorteil von diesem Modell?

Dr. Mirko Pollmer: Bei anderen Wegen muss man mindestens fünf Jahre investieren, um beides – Berufsabschluss und Abitur – in der Tasche zu haben. Beim BerufsAbitur braucht man nur vier Jahre. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern des ZDH und der KMK hat das Modell so entwickelt, dass die unterschiedlichen Lernorte, also Betrieb, Berufsschule und Fachober- beziehungsweise Berufsoberschule optimal miteinander verknüpft werden. Die Lehrpläne und Stundentafeln beispielsweise wurden so entwickelt, dass es keine inhaltlichen Doppelungen etwa im Fach Deutsch oder Wirtschaftskunde gibt.

abi» Was muss ich tun, wenn ich mich für das BerufsAbitur interessiere?

Dr. Mirko Pollmer: Am besten einen Beratungstermin bei der zuständigen Handwerkskammer vereinbaren. Dort erhalten die Jugendlichen ausführliche Informationen zu den Angeboten in ihrer Gegend und zum Ablauf. Aufgrund der föderativen Struktur in Deutschland hat jedes Bundesland sein eigenes Bildungssystem, was sich auch auf die Ausgestaltung des Modells auswirkt. Ein Beispiel: In manchen Ländern wird die Ausbildung auf vier Jahre gestreckt und man macht das Abi parallel. Das bedeutet, dass man nach der Berufsschule beispielsweise noch den Unterricht für die zweite Fremdsprache besucht oder am Wochenende in die Schule geht. In anderen Bundesländern absolviert man erst die Ausbildung, dann folgt ein vollzeitschulisches Jahr.

abi» Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen?

Dr. Mirko Pollmer: Teilnehmen können alle mit einem mittleren Schulabschluss. Beide Abschlüsse zeitgleich zu machen ist natürlich eine Herausforderung, man braucht Disziplin. Aber es ist auch eine große Chance. Als Belohnung winken sowohl der Gesellenbrief wie auch die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Danach kann man im Beruf bleiben, die Meisterqualifikation erlangen und auch einen eigenen Betrieb gründen oder übernehmen. Oder man kann ein Studium anschließen und später eventuell in den Beruf zurückkehren. Den Absolventen stehen also alle Karrierewege offen.

abi»Tipp

BerufsAbitur in einem anderen Bundesland

Wer in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen oder auch Schleswig-Holstein derzeit lebt und sich für das BerufsAbitur interessiert, sucht sich am besten einen Ausbildungsplatz in einem der sieben Bundesländer, in denen das Modell bereits angeboten wird. Aber Achtung: Nicht jeder Arbeitgeber kennt oder unterstützt das Modell.

Mehr Infos zu den unterschiedlichen Schulabschlüssen und Abitur-Modellen in den einzelnen Bundesländern

Weitere Informationen

berufsfeld-info.de

Die Berufsfeld-Information der Bundesagentur für Arbeit. Der Wegweiser mit über 1.500 Reportagen unter anderem zu Aus- und Weiterbildung. Informationen zu Ausbildungsberufen im Handwerk findest du unter dem Suchbegriff „Handwerk“.

berufsfeld-info.de/planet-beruf.de

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Beschreibungen in Text und Bild, etwa über das Stichwort „Handwerk“.

http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe

KURSNET

Das Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Berufsausbildungen suchen(Suchbegriff z. B. Handwerk).

https://kursnet-finden.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

http://jobboerse.arbeitsagentur.de

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB

International anerkannte Einrichtung zur Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Hier findest du unter anderem Statistiken zu den Ausbildungsberufen, aber auch Ausbildungsrahmenpläne.

www.bibb.de

Zentralverband des Deutschen Handwerks e.V. (ZDH)

Der ZDH vertritt die Interessen von einer Million Handwerksbetrieben in Deutschland mit mehr als 5,4 Millionen Beschäftigten und rund 360.000 Auszubildenden.

www.zdh.de

Infos zum BerufsAbitur

Informationen des Zentralverband des Deutschen Handwerks über das BerufsAbitur.

www.zdh.de/fachbereiche/bildung/berufsabitur/.de

handwerk.de

Kampagnen-Internetseite des Deutschen Handwerkskammertag (DHKT) mit zahlreichen Infos rund ums Handwerk mit u.a. Berufsprofilen, Berufe-Checker und Lehrstellenradar.

www.handwerk.de 

Kultusministerkonferenz (KMK)

In der Kultusministerkonferenz arbeiten die für Bildung und Erziehung, Hochschulen und Forschung sowie kulturelle Angelegenheiten zuständigen Minister bzw. Senatoren der Länder zusammen. Damit sorgen sie für das notwendige Maß an Gemeinsamkeit in Bildung, Wissenschaft und Kultur über Ländergrenzen hinweg.

www.kmk.org

 

BerufsAbitur – Erfahrungsbericht

Von der Baustelle zum Abi

Ein Handwerk erlernen und gleichzeitig das Abitur machen: Das ist mit dem sogenannten BerufsAbitur möglich. Valentina Baumgartner hat sich für diesen ambitionierten Weg entschieden. Die 20-Jährige macht in Oberbayern eine Ausbildung zur Schreinerin und büffelt nach Feierabend noch für ihre Fachhochschulreife. Für abi» berichtet sie von den Herausforderungen und den Chancen, die das Modell eröffnet.

Mein Ziel ist es, zu studieren, aber ich wollte immer auch einen Beruf erlernen – zur Sicherheit, damit ich, falls mir ein Studium nicht zusagt, etwas in der Hand habe, damit ich arbeiten und Geld verdienen kann und das am liebsten in einem handwerklichen Beruf. Das Modell BerufsAbitur passt also sehr gut zu meinen Plänen. Ich hatte zunächst versucht, das Abitur am Gymnasium zu machen, habe aber die Mathe-Klausur und auch die Nachprüfung nicht geschafft. Ich habe ziemlich viel Prüfungsangst, zudem liegt mir Mathe nicht so sehr.

Freitagnachmittags in die Schule

Ich bin jetzt im zweiten Jahr meiner Ausbildung zur Schreinerin, die ich in einem Betrieb in Teisendorf im Berchtesgadener Land mache. Daneben besuche ich – wie bei jeder dualen Ausbildung üblich – einmal in der Woche die Berufsschule. Das Besondere: Freitagnachmittags habe ich nochmal Unterricht. Von 14.45 Uhr bis 19.30 Uhr werden wir auf die Fachhochschulreife vorbereitet. Auf dem Stundenplan stehen Deutsch, Englisch und Mathe als Hauptfächer. Nebenfächer sind Gesellschaftswissenschaften im ersten Jahr, danach Technik. Hätten wir eine zweite Fremdsprache, könnten wir auch die allgemeine Hochschulreife erlangen.

Porträtbild von Valentina Baumgartner

Valentina Baumgartner

Foto: privat

Wir, das sind zirka 20 Auszubildende aus verschiedenen Berufsfeldern. Zukünftige Steuerfachangestellte, Kraftfahrzeugmechatroniker und Bürokaufleute sind zum Beispiel dabei. Anfangs war die Klasse größer, aber nicht alle wollten nach dem ersten halben Jahr, das extra zum Schnuppern gedacht ist, weitermachen. Einige haben sich dagegen entschieden, weil es ihnen zu viel war. Es ist auch wirklich anstrengend. Schließlich gehen wir in die Schule, nachdem wir vorher schon den ganzen Tag gearbeitet haben.

Geduld, Ehrgeiz und Disziplin

Einmal im Monat haben wir zudem samstags Unterricht. Das ist schon hart, schließlich ist ja eigentlich Wochenende. Und man muss nach der Arbeit noch lernen – manchmal auch dann, wenn man erst abends von einer Baustelle nach Hause kommt. Aber mein Chef unterstützt mich beim BerufsAbitur. Er achtet zum Beispiel darauf, dass ich freitags zeitig zur Schule komme, auch, wenn es eigentlich noch etwas zu tun gibt. Und falls wir mal an einem Samstag zur Baustelle müssen, fragt er immer erst nach, ob ich kann.

Anfangs dachte ich noch: „Ich mach das Abi mal eben nebenbei.“ Das funktioniert so natürlich nicht … Man braucht auf jeden Fall Ehrgeiz, Disziplin und Geduld mit sich selbst. Der große Vorteil ist die kleine Klasse, vor allem in Mathe. Hier sind wir nochmal aufgeteilt in eine technische und eine nichttechnische Gruppe. So hat unser Lehrer viel Zeit, um einzeln auf uns einzugehen. Wir können viele Fragen stellen und er erklärt uns alles sehr genau. Und das klappt super: In der letzten Arbeit hatte ich eine Zwei!

Viele Zukunftswege

Nach drei Ausbildungsjahren erhalte ich, wenn alle Prüfungen bestanden sind, meinen Gesellenbrief und meine Bescheinigung über den Erwerb der Fachhochschulreife. Danach hat man mehrere Möglichkeiten: Man kann in seinem Beruf arbeiten und die Meisterprüfung machen, oder man studiert an einer Fachhochschule. Mein Traum wäre es, Design oder Architektur zu studieren. Was ich ebenfalls spannend finde ist Holztechnik mit dem Abschluss Berufsschullehramt. Und wer weiß: Vielleicht unterrichte ich dann ja auch irgendwann mal BerufsAbiturienten.


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Stand: 29.02.2020