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Ausbildung in Zeiten von Corona – Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung: Wenn das Zimmer zum Homeoffice wird

Der Technik sei Dank: Trotz Corona hat Kürsat Nart (23) seine Ausbildung zum Fachinformatiker der Fachrichtung Anwendungsentwicklung fortgesetzt – allerdings nicht im Büro, sondern daheim.

Zwei Balkone von unten fotografiert (Foto: Verena Westernacher)

Die Wohnung der Familie Nart ist aktuell Campus, Ausbildungsbetrieb und Schule zugleich: Kürsat Nart (23) macht eine Ausbildung zum Fachinformatiker der Fachrichtung Anwendungsentwicklung bei der Stadt München, ist aber meist im Homeoffice. Sein Bruder und seine Schwester studieren und verbringen ebenfalls viel Zeit daheim vor ihren Rechnern. Ein weiterer Bruder macht gerade Abitur. „Es war schon eine große Erleichterung, als die Abschlussklassen wieder in die Schule durften“, erzählt Kürsat Nart. Nach einem Jahr leben mit der Pandemie hat sich alles ein wenig eingespielt. „Am Anfang war das natürlich erst einmal etwas chaotisch. Wir haben ausprobiert, wer wann die Küche oder das Zimmer belegt, damit alle irgendwie arbeiten und lernen konnten... Zur Not auf dem Balkon.“

Porträt von Kürsat Nart (Foto: privat) Porträt von Kürsat Nart (Foto: privat)

Kürsat Nart

Wenn der Auszubildende morgens um kurz vor acht sein Firmen-Notebook hochfährt, wählt er sich mit einem Token, der einen Zahlencode generiert, ins Firmennetzwerk ein. Ein externer Bildschirm, den ihm die Stadt München zur Verfügung stellt, erlaubt ihm ein einigermaßen ergonomisches Arbeiten. Die Hardware sei kein Problem, sagt er, die Internetverbindung dagegen manchmal schon: „Nach einem Anbieterwechsel läuft es einigermaßen. Aber wenn die Leitung hakt, nervt das ganz schön. Aber solange man vorankommt, ist alles gut.“

Meeting am Küchentisch

Für Besprechungen und Meetings zieht er sich in die Küche zurück – und davon gibt es reichlich. Sein Team arbeitet nach einer Methode des agilen Projektmanagements: „Scrum ist eine Methode, mit der sich Softwareprojekte super gut strukturieren lassen“, erklärt er. Jeden Tag um 9 Uhr gibt es ein kurzes Meeting: „Jeder im Team erzählt kurz, was er oder sie gemacht hat und was ansteht“, erklärt der angehende Fachinformatiker, der dabei wie ein volles Teammitglied agiert. Dann arbeiten alle zwei bis drei Stunden für sich und laden ihren Beitrag hoch. Ein Leadprogrammierer ist für fachliche Rückfragen von Kürsat Nart jederzeit da: „Das ist eine Art Mentor, der immer ein offenes Ohr hat“, schildert er.

Neben dem täglichen Meeting gibt es ein wöchentliches, in dem die Softwarelösung mit den Anwender*innen, also mit den städtischen Angestellten besprochen wird. Passt die Software oder muss etwas geändert werden? Einmal im Monat stimmt sich das Team außerdem darüber ab, was gut gelaufen ist, was erreicht wurde und was zu tun ist. In Gruppenmeetings lässt Kürsat Nart die Kamera aus, bei Präsentationen oder Einzelgesprächen ist sie an. Je nach Situation sitzt er dann in einer Bibliothek, mal am Strand oder in einem Rathaus – dank Hintergrundbildern im Meetingtool.

Angefangen hat Kürsat Nart seine Ausbildung 2018, sodass er Kolleg*innen und die Räumlichkeiten vor Ort persönlich kennt. Dank der ständigen Absprachen und dank seines Ausbilders fühlt er sich bestens betreut. Dass diese ebenfalls von zu Hause arbeiten, spielt keine Rolle.

Abstecher zur Corona-Hotline

Kürsat Nart hat die Option, ins Büro zu fahren: „Wir müssen das vorab anmelden, vor Ort Abstand halten und sicherstellen, dass wir allein im Büro sind“, schildert er. Im ersten Lockdown war er zwei bis drei Mal in der Woche im Büro, nach dem Sommerurlaub nicht mehr: „Bei uns hat sich die Arbeit einfach sehr gut eingespielt“, betont er. Was er allerdings dennoch vermisst, ist die Büroatmosphäre und die Kolleg*innen. Einfach mal kurz hinüberrollen und etwas besprechen, das fehlt.

In der Berufsschule fehlen ihm genauso die Kontakte. Es gibt derzeit keinen Präsenzunterricht. Statt Blockunterricht mit mehreren Wochen am Stück wurden die Klassen zunächst geteilt und Wechselunterricht abgehalten. Seit Oktober 2020 ist er nur noch im Homeschooling. „Online-Unterricht ist wesentlich anstrengender als Arbeiten, weil man konzentriert zuhören muss“, schildert er.

Das musste Kürsat Nart auch schon bei einer Sonderaufgabe im ersten Lockdown: Alle städtischen Azubis wurden von der Personalabteilung gefragt, ob sie bei der Corona-Hotline helfen könnten. „Da war ich knapp einen Monat dabei und habe am Telefon Fragen beantwortet. Das war mal eine ganz andere Erfahrung, Menschen zu helfen, die stark verunsichert waren“, erinnert er sich. Alles in allem kommt er trotz der Pandemie in der Ausbildung gut zurecht. Er hat das Glück, dass er sich mit seinen Geschwistern gut versteht und so die Familie vieles auffangen kann, sagt er.

Video: Fachinformatiker/in für Anwendungsentwicklung

Der Artikel enthält ein Video mit weiteren Informationen.