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Ausbildung in Zeiten von Corona: Lernen trotz Lockdown

Corona hat den Ausbildungsmarkt durcheinandergewirbelt. Doch längst nicht alle Branchen sind gleich stark betroffen. Während die Industrie nach wie vor händeringend nach Fachkräften sucht, müssen sich einige Dienstleistungen neu erfinden. Was heißt das für Abiturient*innen, die einen Ausbildungsplatz suchen? abi» gibt einen Überblick.

Eine Packung mit Op-Masken in Nahaufnahme (Foto: Winfried Rothermel)

„Als ich mich im Juli um einen Ausbildungsplatz zur Pflegefachfrau beworben hatte, waren bereits viele Plätze vergeben“, erzählt Clara Waininger (19). Beim Klinikum Nürnberg klappte es dann doch. Das Vorstellungsgespräch konnte aufgrund der damals niedrigen Inzidenzzahlen vor Ort durchgeführt werden. In einem großen Raum, mit Maske und Abstand, hörte sie mit weiteren sechs Bewerber*innen einen Vortrag über das Klinikum. Während die einen dann ein Einzelgespräch mit Lehrenden führten, nahmen die anderen an einem schriftlichen Test teil: „Bei dem Vier-Augen-Gespräch fiel natürlich wegen der Maske die Mimik weg“, erinnert sich Clara Waininger, aber „gemenschelt“ habe es trotzdem.

Porträt von Clara Waininger (Foto: Privat) Porträt von Clara Waininger (Foto: Privat)

Clara Waininger

Ihre Zusage kam gleich Anfang August. Kurz darauf startete der Unterricht in der hauseigenen Berufsfachschule, dem Centrum für Pflegeberufe. Theorie und Praxis wechseln sich in einem etwa sechswöchigen Turnus ab. „Das Hygienekonzept an der Schule hat funktioniert, wir haben im Unterricht Masken getragen, Abstand gehalten und regelmäßig Hände desinfiziert. Fälle gab es keine“, berichtet Clara Waininger. Als die Inzidenzzahlen stiegen, wechselten die Schüler*innen ins Homeschooling: „Über mebis und Zoom lief der digitale Unterricht einigermaßen reibungslos“, erzählt sie. Die Schulaufgaben wurden auf mündliche Abfragen reduziert.

Kaum Austausch unter Azubis

Die sonst üblichen Kennenlerntage mussten ausfallen, ebenso wie Arbeitsgruppen an der Berufsfachschule – Chor, Band, Theater: „Das ist schade, das hätte mich wirklich interessiert“, sagt die 19-Jährige. Auch in den Praxiseinheiten vermisst sie das soziale Leben: „Ich habe mich auf der allgemeinen Chirurgie wirklich sehr gut mit den Kolleginnen verstanden, aber eine Weihnachtsfeier war leider nicht möglich.“ Selbst gemeinsame Pausen waren aufgrund der Maßnahmen nicht drin.

Ihre generalistische Ausbildung deckt praktische Einsätze in Krankenhäusern, in Pflegeeinrichtungen und ambulanten Einrichtungen ab: „Ob Altenheim oder Klinikum, Hygienemaßnahmen sind bei uns berufsbedingt ein großes Thema“, erzählt Clara Waininger. Ein Impfangebot habe sie schon erhalten, da sie aktuell in der Langzeitpflege tätig ist: „Das ist sehr wichtig, denn auf Distanz gehen ist in der Pflege ohnehin nur bedingt möglich. Das gilt in normalen Zeiten ebenso wie in der Pandemie.“

Ausbildung findet trotzdem statt

Porträt von Andrea van der Schüür (Foto: Maik Grundmann) Porträt von Andrea van der Schüür (Foto: Maik Grundmann)

Andrea van der Schüür

Mit all dem hatte Clara Waininger Glück, denn Betriebspraktika zur beruflichen Orientierung fanden im vergangenen Jahr nur eingeschränkt statt. Betrieben und potenziellen Azubis fiel es besonders schwer, zueinander zu finden, bestätigt Andrea van der Schüür, eine von zehn Ausbildungsberater*innen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Münster: „Mit virtuellen Formaten der Berufsorientierung, Ausbildungsbotschaftern und Webinaren oder digitalen Azubi-Speed-Datings versuchen Betriebe, IHKs und die Agenturen für Arbeit gegenzusteuern. Aber natürlich stößt das an Grenzen“, so ihre Erfahrung. Damit habe sich eine Situation verschärft, die schon vor der Krise problematisch gewesen sei: Auf der einen Seite Bewerber*innen, die keinen Ausbildungsplatz finden. Auf der anderen Seite Betriebe, die nicht genügend Bewerbungen bekommen.

Wenn Andrea van der Schüür eine Botschaft absetzen möchte, dann die: „Ausbildung findet statt – wenn auch unter anderen Vorzeichen. Viele Unternehmen sind sehr kreativ, ermöglichen zum Beispiel ganz unkonventionell ein Azubi-Sharing, sprich, wenn Teile in ihrem Betrieb nicht ausgebildet werden können, lernen die Azubis dies in anderen Betrieben.“ So geht ein*e Köch*in etwa leihweise zum Caterer.

Nicht nur Pandemie sorgt für weniger Stellen

Laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) fand im Sommer 2020 die Ausbildung in drei von vier Unternehmen überwiegend im Betrieb statt. Schichtpläne wurden geändert, damit weniger Azubis zur selben Zeit an einer Maschine lernten. Rund jedes dritte Unternehmen bildete zeitweise im Homeoffice aus. „Insolvenzlinge“ hingegen, also Azubis, die ihre Ausbildungsstelle verloren haben, weil der Ausbildungsbetrieb schließen musste, gebe es nur vereinzelt: „Und die konnten wir schnell weitervermitteln“, betont Andrea van der Schüür.

Viele Betriebe seien generell durch die Einschränkungen der Pandemie verunsichert, was sich deutlich in den Ausbildungsplatzangeboten widerspiegele: „Einen Rückgang sehen wir in Ausbildungsberufen in den Wirtschaftszweigen, die vom Lockdown besonders betroffen sind, darunter Friseur*innen und Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufe. Aber für Kfz-Mechatroniker*innen oder Industriemechaniker*innen gibt es ebenfalls weniger Angebote“, sagt Claudia Suttner vom Team Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit. „Hier dürften sich neben der Pandemie Veränderungsprozesse vor allem in der Kfz-Branche niederschlagen.“

Fachkräfteengpass bleibt

Deutlich weniger Ausbildungsstellen wurden zudem für Fachinformatiker*innen sowie für Bankkauf- und Industriekaufleute registriert. Ob sich die gesteigerte Nachfrage etwa nach Lebensmitteln, Drogerieprodukten und Baumarktartikeln auf den Bedarf an Azubis ausgewirkt hat, könne sie nicht sagen: „Zwar gibt es in den Verkaufsberufen eine leichte Zunahme, aber noch ist es zu früh, um das Ausbildungsplatzangebot abschließend bewerten zu können.“ Für Bauberufe hingegen ist das Angebot genauso hoch wie im Vorjahr.

Die Zahlen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Fachkräftemangel nach wie vor eine große Herausforderung für die Wirtschaft darstellt. Denn die Zahl der Bewerber*innen für Ausbildungsplätze ist 2020/21 gleichfalls gesunken. Laut einer DIHK-Umfrage nannten 38 Prozent der Betriebe Fachkräfteengpässe als Risiko für die eigene wirtschaftliche Entwicklung. Das sind weniger als noch vor einem Jahr, aber für Ausbildungsberaterin Andrea van der Schüür ist das ein klares Signal: „Die Betriebe wissen sehr gut, dass sie sich mit ihrem Ausbildungsangebot Fachkräfte für morgen sichern.“ Wer also einen bestimmten Beruf ergreifen möchte und einen Ausbildungsplatz sucht, sollte sich von Corona nicht einbremsen lassen. Gute Fachkräfte werden immer gebraucht.

Video: Ausbildung in Zeiten von Corona

Der Artikel enthält ein Video mit weiteren Informationen.

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Beschreibungen in Text und Bild
berufenet.arbeitsagentur.de

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Das BIBB beschäftigt sich mit den möglichen Auswirkungen der Corona-Krise auf die berufliche Bildung sowie auf die Arbeits- und Ausbildungsmarktentwicklung.
www.bibb.de

Jobsuche der Bundesagentur für Arbeit

arbeitsagentur.de/jobsuche

Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK)

Direktlink zum Dossier „Ausbildung in der Corona-Pandemie“
www.dihk.de

Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)

Wichtige Infos für das Handwerk zum Thema Corona
www.zdh.de

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)

Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“
www.bmas.de

Deutscher Hotel- und Gaststättenverband e. V. (DEHOGA)

www.dehoga-bundesverband.de

Allianz für Aus- und Weiterbildung

Allianz aus Bundesregierung, Bundesagentur für Arbeit und Wirtschaftsverbänden zum Abfedern der Corona-Auswirkungen auf die duale Ausbildung
www.aus-und-weiterbildungsallianz.de