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Studieren mit Behinderungen – Interview: „Sie haben ein Recht darauf“

Inklusive Hochschulen – dafür setzt sich die Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks ein. Leiterin Dr. Christiane Schindler spricht im abi>> Interview über theoretische Ansprüche und praktische Umsetzung.

Ein Porträtfoto von Christiane S. (Foto: Kay Herschelmann)

abi» Frau Schindler, warum sollten sich junge Menschen mit Behinderungen in jedem Fall ein Studium zutrauen?

Christiane Schindler: Ganz einfach: Weil sie ein Recht darauf haben. Es ist nicht ihre Aufgabe, sich dieses Recht zu erkämpfen oder es durchzusetzen. Es ist die Aufgabe der Hochschulen, ihnen die Teilhabe zu ermöglichen.

abi» Weil sie gesetzlich dazu verpflichtet sind?

Christiane Schindler: Genau. Nach der UN-Behindertenrechtskonvention ist ein diskriminierungsfreier und gleichberechtigter Zugang zur Hochschulbildung herzustellen. Das betrifft sowohl den Zugang zu Gebäuden, zu Kommunikation wie auch zu Lehre und Lernen.

abi» Wird das in der Praxis entsprechend umgesetzt?

Christiane Schindler: Das ist natürlich ein Prozess. Aber mittlerweile gibt es an fast allen Hochschulen Beauftragte für Studierende mit Behinderungen und es wurde viel in Barrierefreiheit investiert. Wo ein barrierefreier Zugang noch nicht möglich ist, bedarf es angemessener Vorkehrungen, um im Einzelfall Nachteile ausgleichen zu können. Und es ist wichtig, solche Studierenden zu berücksichtigen, deren Beeinträchtigung nicht auf den ersten Blick sichtbar ist.

abi» Betrifft das viele?

Christiane Schindler: Sogar die Mehrzahl. An deutschen Hochschulen haben rund elf Prozent der Studierenden eine studienerschwerende Beeinträchtigung. Gut die Hälfte davon hat eine psychische Erkrankung, etwa eine Depression, Angststörung oder Autismus-Spektrum-Störung. 20 Prozent haben eine chronische Erkrankung. Auch eine Legasthenie ist erstmal nicht sichtbar.

abi» Inwiefern ist das ein Problem?

Christiane Schindler: Diese Studierenden müssen häufig aktiv auf ihre Beeinträchtigung hinweisen – und das ist nicht immer einfach. Nicht jedem ist mit einer Rampe geholfen. Viele brauchen eine andere Art der Barrierefreiheit. Bei Krankheiten, wo sich Phasen von besserer und schlechterer Studierfähigkeit abwechseln, ist Flexibilität im Studium enorm wichtig. Etwa die Möglichkeit, Fristen zu verlängern; Praktika zu verschieben oder ein individueller Studienplan. Ebenso braucht es Räume, in die man sich spontan zurückziehen kann.

abi» Das heißt, die Schwierigkeiten und die Lösungen sind sehr individuell?

Christiane Schindler: Ja, es gibt keine Blaupause. Ein Studium ist für alle Abiturienten ein neuer Lebensabschnitt. Für Menschen mit Behinderungen ist es jedoch eine besondere Herausforderung. Eventuell brauchen sie Ärzte und Therapeuten vor Ort, Unterstützung im Studium – oder auch im Alltag. Auch eine geeignete Wohnung zu finden, ist deutlich schwerer.

abi» Wer kann dabei helfen, diese Schwierigkeiten zu meistern?

Christiane Schindler: Die Internetseite der Informationsstelle für Studium und Behinderung (IBS) ist ein guter erster Anlaufpunkt für allgemeine Informationen. Hier sind die Ansprechpartner der Hochschulen und Studentenwerke aufgelistet; die sollten Studieninteressierte auf jeden Fall kontaktieren. Sie beraten zu Fragen wie Nachteilsausgleich, Finanzierung oder helfen bei der Wohnungssuche und der Vermittlung von Studien- oder Alltagsassistenzen. Sie kennen die Gegebenheiten vor Ort und können einschätzen, wie barrierefrei die Hochschule und die Stadt für den Einzelnen tatsächlich sind. Selbst wenn es in Zeiten von Corona schwierig ist: Es ist immer gut, den Studienort vorher kennenzulernen oder Angebote wie ein Schnupperstudium wahrzunehmen.

abi» Apropos Corona: Kommt das digitale Lernen Studierenden mit Behinderungen entgegen?

Christiane Schindler: Für manche ist das zeit- und ortsunabhängige Lernen durchaus von Vorteil, für andere jedoch bedeutet es eine zusätzliche Form der Exklusion.

abi» Denken Sie, dass der Anteil von Studierenden mit Beeinträchtigungen weiter zunehmen wird?

Christiane Schindler: Ja, das hat die Entwicklung der vergangenen Jahre gezeigt. Die Schulen sind deutlich durchlässiger geworden, es werden immer mehr Hürden abgebaut. Und junge Menschen mit Beeinträchtigungen sind selbstbewusster. Darin kann ich sie nur bestärken. Auch darin, offen mit der Beeinträchtigung umzugehen.