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Studium Digitale - Statements: Was Lehrende über die digitale Lehre denken

Seit über einem Jahr findet das Studium in Deutschland ausschließlich digital statt – für viele Hochschulen ist das eine große Herausforderung und Chance zugleich. Wie erleben aber die Lehrenden die digitale Lehre? Das beantworten zwei Dozenten unterschiedlicher Hochschulen.

Eine Frau mit Brille liegt auf einem Sofa und blickt auf ein Tablet. (Foto: Julien Fertl)

Marco Schendel, Dozent für Politikwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen und der Georg-August-Universität in Göttingen

Ein Porträtfoto von Marco Sch. (Foto: privat) Ein Porträtfoto von Marco Sch. (Foto: privat)

Marco Schendel

„Für mich ist die digitale Lehre definitiv aufwendiger in der Vorbereitung. Didaktisch musste ich mir viel mehr Gedanken machen, wie ich das Seminar in Gang halte, denn im Digitalen können sich die Studierenden hinter der ausgeschalteten Kamera leicht verstecken. Als interaktive Elemente habe ich unter anderem das Abstimmungstool „Mentimeter“ genutzt. Damit kann man offene und geschlossene Fragen stellen, die Antworten ranken lassen und die Ergebnisse visuell darstellen. So konnte man das Stimmungsbild im Kurs abbilden und eine Diskussion in Gang bringen. Das fanden die Studierenden echt gut. Ansonsten ersetzten z.B. ‚Breakout Rooms‘ bei ‚Zoom‘ die klassischen Gruppenarbeiten.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es nach der Pandemie mehr digitale Lehre geben wird. Vermutlich wird es auch zu einem Kompromiss kommen, dass Hochschulen Hybridseminare anbieten, die zum Teil in Präsenz und zum Teil online stattfinden. Das wäre natürlich bequemer, weil viele Dozenten aus anderen Städten pendeln müssen. Gleiches gilt auch für Seminarteilnehmer oder internationale Experten, die sich zu den Vorlesungen aus aller Welt zuschalten könnten.

Ich bin allerdings skeptisch, ob ein digitales Studium die gleichen Potenziale entfalten kann wie ein Studium in Präsenz. Gerade die Themen, die ich in der politischen Theorie und Ideengeschichte behandle, sind sehr diskussionsintensiv. Ein physisch geteilter Raum lässt da eine durchaus verbindlichere Gesprächskultur entstehen. Das kann man nicht in gleicher Weise unter digitalen Bedingungen herstellen.

Ich würde mir daher wünschen, dass der Schwerpunkt weiterhin auch auf der Präsenzlehre liegt und dem Digitalen zwar ein bestimmter aber begrenzter Platz eingeräumt wird.“

Dr. Michael Jetter, Physik-Dozent an der Universität Stuttgart am Institut für Halbleiteroptik und Funktionelle Grenzflächen

Ein Porträtfoto von Dr. Michael J. (Foto: privat) Ein Porträtfoto von Dr. Michael J. (Foto: privat)

Dr. Michael Jetter

„In der Experimentalphysik haben wir früh angefangen, digitale Anteile ins Studium zu integrieren. So musste ich meine Plattform, die ich in Präsenz nutze, nur um ein paar Videos und Erklärungen erweitern. Meine großen Vorlesungen habe ich in kleine Themenblöcke unterteilt und auf Video aufgezeichnet. Unterstützt wird das Ganze einmal pro Woche durch ein Online-Präsenz-Meeting. Dabei werden nicht nur die Inhalte zusammengefasst, sondern auch kleine Verständnisfragen eingebaut. Die Interaktion und das Feedback während der Vorlesung funktionieren über ein ‚Audience Response System‘. So kann ich gezielt auf Verständnisprobleme der Studierenden eingehen.

Positiv finden die Studierenden, dass es kleinere Portionen an Wissen gibt als sonst in den eineinhalbstündigen Vorlesungen. Es gibt dafür aber nicht mehr die klassische Trennung, dass man sich die Vorlesung anhört, dann wieder nach Hause geht und sich dann kurz vor der Klausur vorbereitet. Jetzt ist das alles im Block. Ein weiteres Manko ist auch der fehlende Austausch unter den Studierenden. Sie können sich nicht in Lerngruppen zur Klausurenvorbereitung zusammenfinden. Das gilt auch für Informationen zum Studium, die sich an der Uni normalerweise von Mund zu Mund verbreitet haben.

Der größte Knackpunkt für die Dozenten ist auch, dass man nicht die Reaktion der Studierenden vor Ort sieht. Das liegt daran, dass wir in der Physik sehr viele Experimente durchführen und es ein himmelweiter Unterschied ist, ob man ein Experiment im Hörsaal ansieht – mit allem, was dabei schief gehen kann – oder ein perfekt inszeniertes Experiment im Video. Die Spontanität und Spannung gehen dabei verloren.

Ein rein digitales Studium halte ich für problematisch, weil es für Studierende sehr wichtig ist, reale Kontakte mit Dozierenden und Kommilitonen zu knüpfen. Die Lerninhalte digital und in Präsenz zu verknüpfen, halte ich wiederum für sehr sinnvoll.“