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Virtuelles Studium – Erfahrungsbericht: „Im Studium sollte man die Uni auch von innen sehen“

Nicht mehr schick machen für die Uni, kein Zusammensitzen in der Mensa, sondern digital pauken, streamen und chatten. Mit der Pandemie verlagerte sich der Studienalltag für Studierende in die eigenen vier Wände. Für Eva Bickel (22) eine völlig neue Erfahrung.

Ein leerer Hörsaal. (Foto: Christiane Zenkert)

„Ich bin immer sehr gerne in die Uni gegangen“, sagt Eva Bickel mit etwas Wehmut in der Stimme. Ihren Studienalltag vermisst die 22-Jährige sehr. „Nun habe ich die Uni schon seit über einem Jahr nicht mehr von innen gesehen.“ Dabei ist sie für ihren Bachelor in Soziologie und Politikwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität extra nach Erlangen gezogen. Unter der Woche hat sie studiert, Freunde getroffen und gefeiert. Am Wochenende besuchte sie meist ihre Familie. Mit Corona ist die soziale Interaktion im Studium völlig weggefallen und ihr Alltag hat sich wieder in die Heimat verlagert. Aktuell bleibt deshalb mehr Zeit – auch zum Lernen. „Nur der Ausgleich, bei dem man sich auch wieder die Motivation für die Uni holt, fehlt“, betont die Studentin.

Studieren mit Kamera heißt auch Privatsphäre teilen

Ein Porträtfoto von Eva B. (Foto: privat) Ein Porträtfoto von Eva B. (Foto: privat)

Eva Bickel

Den plötzlichen Übergang zur digitalen Lehre empfand Eva Bickel den Umständen entsprechend als gelungen: „Vorlesungen und Seminare über Zoom haben bis auf kleinere technische Probleme erstaunlicherweise gut geklappt.“ Nur dass einige ihrer Kommiliton*innen während der Online-Kurse die Kamera aus hatten, fand die Sechstsemestlerin schade. „Für die Studierenden daheim ist es ohne Kamera natürlich entspannt, weil man nebenbei noch viel machen kann. Dem Prof und auch den Kommilitonen gegenüber ist es aber blöd, weil man so die Reaktion der Studierenden nicht mitbekommt und stattdessen in schwarze Kacheln schaut.“ Die Kamera in den eigenen vier Wänden einzuschalten, heißt natürlich auch, ein Stück seiner Privatsphäre mit anderen zu teilen, weiß Eva Bickel. Für diesen Zweck hat sie ihren Arbeitsplatz sauber und neutral eingerichtet. „Außerdem gibt es auf Zoom auch die Möglichkeit, den Hintergrund zu verändern.“

Keine Pendlerwege, dafür internationale Gäste

An einige Aspekte des Online-Studiums hat sich Eva Bickel wiederum gewöhnt und sie zu schätzen gelernt: „Die örtliche Unabhängigkeit hat auch Vorteile. Die Pendlerwege fallen weg und wir können internationale Experten in die Seminare einladen.“ Online-Plattformen wie „StudOn“ erleichterten dabei den Studienalltag. Hier können sowohl Vorlesungsunterlagen, Literatur und Aufgaben hochgeladen als auch Klausuren geschrieben werden. Neu war für Eva auch, dass Vorlesungen nun als Video verfügbar waren. „So kann ich die Inhalte ansehen, wann, wo und vor allem so oft ich will, wenn ich etwas nicht gleich verstanden habe.“

Hausarbeiten statt Klausuren und Referate

In der digitalen Lehre wurden einige Klausuren und Referate – wie in der Präsenzlehre sonst üblich – durch regelmäßige schriftliche Abgaben ersetzt. „Es war sehr stressig, da man plötzlich gefühlt jede Woche etwas abgeben musste“, betont die junge Frau. Auf der anderen Seite konnte sich die Bachelor-Studentin so auch intensiver mit den Themen auseinandersetzen. Inhaltlich hat das Online-Studium für Eva bisher sehr gut funktioniert. „Nur die sozialen Kontakte, die so ein Studium überhaupt ausmachen, fehlen.“

Nostalgie nach Präsenzlehre überwiegt

Heute schwelgt die 22-Jährige mit ihren Studienfreunden oft in Nostalgie: „Häufig kommen Sätze wie: Weißt du noch damals in der Vorlesung?“ Einige Aspekte der digitalen Lehre würde Eva Bickel künftig zwar gerne beibehalten, für die überwiegende Zeit wünscht sie sich allerdings die Präsenzlehre zurück. Ihren Bachelor wird sie dieses Jahr noch nicht beenden. Durch Corona ist ihr geplantes Auslandssemester ausgefallen und auch das Pflichtpraktikum hat sich nach hinten verschoben. Außerdem möchte Eva die Uni nicht während der Pandemie verlassen. „Das würde sich unvollendet und unbefriedigend anfühlen.“ Deshalb will sie noch zwei Semester anhängen, um möglichst bald wieder eine Vorlesung im Hörsaal besuchen und anschließend mit ihren Freunden in der Mensa die Pause genießen zu können. „Das Studium ist so ein prägender Lebensabschnitt, da gehört es auch dazu, ihn in der Uni zu leben.“