Breit aufgestellt an der Schnittstelle

Junger Mann misst Leistungsparameter eines Solarmoduls mit dem Multimeter
Durch vielfältige Projekte mit Kunden aus verschiedenen Branchen gleicht bei Wirtschaftsingenieuren kein Tag dem anderen. Im Fokus steht die Projektoptimierung.
Foto: Nicole Schwab

Wirtschaftsingenieure

Breit aufgestellt an der Schnittstelle

Wirtschaftsingenieure vermitteln an der Schnittstelle zwischen Technik und Wirtschaft. Schließlich genügt es in Zeiten des globalen Wettbewerbs nicht, ein gutes Produkt herzustellen – es muss auch richtig am Markt platziert werden. Hierbei sind die interdisziplinär denkenden Experten gefragt.

Fragt man Franziska Klemme (25), was ihr an ihrem Beruf besonders gefällt, überlegt sie nicht lange: „Die Vielseitigkeit. Als Wirtschaftsingenieurin verfüge ich über ein breites Wissen und das kommt mir gerade für meine Arbeit als Unternehmensberaterin sehr zugute.“ Nach einem internationalen Bachelorabschluss in Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Bremen mit Auslandserfahrungen in Chile und Spanien sowie einem Master mit Schwerpunkt Systementwicklung und Innovationsmanagement, ist die 25-Jährige seit November 2018 bei der Hamburger Unternehmensberatung Lischke Consulting tätig. Dort wird sie als Junior Consultant bei Projekten namhafter Industrieunternehmen eingesetzt.

Beim Kunden und im Hamburger Büro

Lischke Consulting ist spezialisiert auf die Umsetzung komplexer Veränderungsprozesse. „Ich arbeite immer projektbezogen. In der Regel bin ich drei bis vier Tage pro Woche bei unseren Kunden vor Ort im Einsatz. Freitags sind alle Berater in unserem Hamburger Büro und wir können uns zu aktuellen Themen austauschen, an internen Themen weiterarbeiten oder neue Konzepte ausarbeiten.“

Ein Porträt-Foto von Franziska Klemme

Franziska Klemme

Foto: privat

Aufgrund der vielfältigen Projekte und der verschiedenen Kunden aus unterschiedlichen Branchen, bei denen Franziska Klemme eingesetzt ist, gleicht kein Arbeitstag dem anderen. So hält die Wirtschaftsingenieurin zum Beispiel bei Kunde A ein Methoden-Training zur effizienten Gestaltung der Wertschöpfungskette, während sie bei Kunde B in einem Workshop gemeinsam mit den Mitarbeitern der Firma aktuelle Prozesse analysiert und Verbesserungspotenziale aufzeigt. „Je nach Umfang und Art des Projekts bin ich mehrere Tage am Stück bei einem Kunden oder nur tageweise vor Ort im Einsatz“, erzählt sie.

Quasi Vollbeschäftigung

So wie Franziska Klemme waren 2018 bundesweit etwa 160.000 Wirtschaftsingenieure sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Zuwachs von 2,9 Prozent. „Gerade die Verbindung von technischem Know-how und betriebswirtschaftlichem Sachverstand, die kennzeichnend ist für diese Berufsgruppe, hat an Stellenwert gewonnen“, erklärt Claudia Suttner vom Team Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.

Neben Unternehmensberatungen stehen bei vielen Hochschulabsolventen gleichermaßen produzierende Unternehmen hoch im Kurs – dabei sind vor allem die Bereiche Controlling, Vertrieb und Projektmanagement beliebt. „Diese hochqualifizierten Technik-Experten zählen zu den gefragten Fachkräften am deutschen Arbeitsmarkt“, sagt Claudia Suttner. Das belegen die Zahlen der Arbeitsmarktstatistik: 2018 war die Arbeitslosigkeit mit etwa 4.260 gemeldeten Arbeitslosen in diesem Bereich sehr gering und hat im

Vergleich zu 2017 und 2016 weiter abgenommen.

Ein Porträt-Foto von Axel Haas

Axel Haas

Foto: privat

Diese positive Entwicklung bestätigt auch Axel Haas, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Wirtschaftsingenieure (VWI). „In der Branche herrscht quasi Vollbeschäftigung. Wir haben uns im Verband mal genauer angeschaut, wie viele Bewerbungen im Durchschnitt ein Wirtschaftsingenieur schreiben muss und festgestellt, dass wir bei lediglich zwei bis drei Bewerbungen liegen.“ Oft gelingt der nahtlose Jobeinstieg durch gute Kontakte, die bereits während des Studiums mit Unternehmen geknüpft wurden, oder durch den Wechsel von der Unternehmensberatung zu einem Kunden, den man bisher betreute. „Letzteres ist ziemlicher Standard. Ich kenne viele Wirtschaftsingenieure, die so in der Pharma- oder Automobilbranche gelandet sind“, fügt der Verbandssprecher hinzu.

Mehr Frauen und mehr Studierende

Der Anteil der weiblichen Wirtschaftsingenieure zeigt, dass immer noch deutlich mehr Männer als Frauen in diesem Bereich arbeiten. Dennoch gab es hier in den letzten Jahren einen Zuwachs zu verzeichnen: Von den rund 160.000 gemeldeten Wirtschaftsingenieuren im Jahr 2018 waren etwa 21.000 weiblich – das ist im Vergleich zu 2016 ein Zuwachs von 15,1 Prozent.

Wohl auch aufgrund der attraktiven Arbeitsbedingungen für Wirtschaftsingenieure, erfreut sich der Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen bei Abiturienten immer größerer Beliebtheit. Im Wintersemester 2017/2018 waren insgesamt 106.173 Studierende an einer deutschen Hochschule in das Fach eingeschrieben. Ein Jahr zuvor waren es noch 827 weniger.

Weitere Informationen

BERUFENET
Das Netzwerk der Bundesagentur für Arbeit für Berufe mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwort: Wirtschaftsingenieur/in).
berufenet.arbeitsagentur.de

 

studienwahl.de
Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen (Suchwort: Wirtschaftsingenieurwesen).
studienwahl.de

 

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit
jobboerse.arbeitsagentur.de

 

BERUFETV
Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit
berufe.tv

 

Verband Deutscher Wirtschaftsingenieure e.V.
Bundesweiter Zusammenschluss aller Wirtschaftsingenieure. Mit über 6.000 Mitgliedern, über 20 Regionalgruppen und über 40 Hochschulgruppen
www.vwi.org

 

Technischer Projektmanager

Projektmanagement zwischen Wirtschaft und Technik

Langweilig wird es Florian Schwarzkopf bei seiner Arbeit nie: Egal, ob er wichtige Regularien für die Produktion ausarbeitet, Schulungen hält oder Arbeitsplätze optimiert. Der 29-jährige Wirtschaftsingenieur schätzt die vielseitigen Aufgaben bei der Richard Wolf GmbH im baden-württembergischen Knittlingen.

Seit Mai 2018 unterstützt Florian Schwarzkopf seinen Arbeitgeber als Wirtschaftsingenieur in der Stabsstelle Verbesserungsorganisation. Das Unternehmen ist einer der Weltmarktführer im Bereich medizinische Produkte und Systemlösungen. „Wir sind eine kleine Abteilung, die sich mit Prozessoptimierung und Projektmanagement beschäftigt. Unser führendes Team besteht aus drei Leuten und wird je nach Projekt durch Mitarbeiter der entsprechenden Fachabteilungen ergänzt“, erzählt er. Die Arbeit von Florian Schwarzkopf und seinen Kollegen ist meist projektbezogen und daher äußerst abwechslungsreich. „Bei mir gleicht kein Tag dem anderen und das macht meinen Job besonders spannend“, erklärt der 29-Jährige.

Er kümmert sich zum Beispiel seit mehr als einem halben Jahr um die Einhaltung von speziellen Regularien der Medizinprodukteverordnung (MDR). „Dafür baue ich eine Prozesslandschaft für die Fertigung auf und schaffe damit zunächst die theoretische Grundlage, wie unsere Produkte zu fertigen sind, um dies anschließend auch praktisch nachweisen zu können. So halten wir die Anforderungen der MDR ein und stellen sicher, dass wir unsere Produkte ohne erhöhtes Patientenrisiko herstellen können. Es handelt sich dabei um ein großes und aufwendiges Projekt, das viel Qualitätsmanagement beinhaltet“, führt Florian Schwarzkopf aus. Ein anderes Projekt, um das sich der 29-Jährige zuvor kümmerte, war der Umzug einer Fertigungsabteilung von einem Gebäude in ein anderes auf dem Firmencampus. „Dabei haben wir neben ökonomischen Verbesserungen auch die Ergonomie beachtet und beispielsweise neue Tische für die Mitarbeiter angeschafft.“

Produktionstechnik und -management als Schwerpunkt

Den Grundstein für seine Arbeit legte der Wirtschaftsingenieur im Studium. „Nach meinem Bachelorabschluss in BWL – Industrie stand für mich fest, dass ich meinen Horizont unbedingt noch erweitern muss. Am liebsten im Bereich Technik, denn das hat mich schon immer interessiert“, erklärt Florian Schwarzkopf. Und so schrieb er sich für den Masterstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Mannheim ein. Als Vertiefungsfach wählte er Produktionstechnik und -management. „Das Besondere war, dass mir meine Kenntnisse in Betriebswirtschaftslehre anerkannt wurden und ich so in drei Semestern nur ingenieurwissenschaftliche Module hatte.“

„Mit Rückschlägen klarkommen“

Den typischen Arbeitstag gibt es für Florian Schwarzkopf nicht. „Ich bin regelmäßig in Gesprächen mit den Fachverantwortlichen, um Informationen für meine Projektarbeit zu beschaffen und zusammenzutragen", beschreibt er dennoch eine typische Tätigkeit. Zu den wichtigsten Arbeitstools des Wirtschaftsingenieurs zählen die Programme Excel für die Tabellenkalkulation und SAP für die Abwicklung von Geschäftsprozessen. Da der 29-Jährige in seinem Masterstudium als Vertiefungsfach Produktionstechnik gewählt hatte, wurde er perfekt auf seine späteren Aufgaben bei Richard Wolf vorbereitet.

Wer Wirtschaftsingenieur werden möchte, sollte seiner Meinung nach ein breites Wissen und Neugier für Technik mitbringen, Kommunikationsfähigkeit besitzen und gern im Team arbeiten. „Aber auch Beharrlichkeit ist in meinem Job sehr wichtig, denn viele Dinge müssen immer wieder aufs Neue wiederholt werden. Und gerade in der Projektarbeit muss man mit Rückschlägen klarkommen.“

 

Wirtschaftsingenieure – Interview

„Soziale Nachhaltigkeit wird immer wichtiger!“

Wirtschaftsingenieure bauen wichtige Brücken zwischen Technik und Management. Axel Haas vom Verband Deutscher Wirtschaftsingenieure (VWI) erklärt im abi» Interview wie der Berufseinstieg gelingt und welche Herausforderungen und Chancen künftig auf Wirtschaftsingenieure warten.

abi>> Herr Haas, welcher Berufseinstieg ist bei Wirtschaftsingenieuren besonders beliebt?

Axel Haas: Etwa 40 Prozent der Absolventen streben einen Einstieg in die Unternehmensberatung an. Wer einen stärkeren Finanzhintergrund hat, etwa durch eine Bankausbildung oder eine entsprechende Fachvertiefung im Studium, bewirbt sich gerne bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Sehr beliebt sind außerdem Traineestellen, da man so alle Bereiche eines Unternehmens kennenlernen kann.

abi>> Wie hat sich das Berufsfeld in den letzten fünf bis zehn Jahren entwickelt?

Ein Porträt-Foto von Axel Haas

Axel Haas

Foto: privat

Axel Haas: Seit jeher ist die Ausbildung zum Wirtschaftsingenieur speziell für Führungskräfte attraktiv, da man beispielsweise bei der Logistikplanung immer sowohl die technische als auch die betriebswirtschaftliche Seite im Blick haben muss. Aktuell sind vor allem die Bereiche Projektmanagement, Vertrieb sowie Einkauf und Controlling sehr beliebt.
Doch das gesellschaftliche Umfeld prägt ebenso den Wirtschaftsingenieur. Hieß es bisher, die ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit im Blick zu haben, ist nun die soziale Nachhaltigkeit – also die Technik-Folgen-Abschätzung – immer wichtiger.

abi>> Welche Branchen bieten besonders gute Arbeitsmöglichkeiten?

Axel Haas: Sehr gefragt ist die Automobilindustrie, denn gerade diese Branche hat einen unheimlichen Bedarf an interdisziplinär denkenden Studierenden. Ebenfalls in kleineren Maschinenbaubetrieben, also beispielsweise bei Zulieferern im Automobilbereich, sind viele Wirtschaftsingenieure zu finden. Ein typischer Einstieg sind Unternehmensberatungen, in denen man häufig zwei bis drei Jahre tätig ist und im Anschluss daran zu einem Mandanten wechselt.

abi>> Wie hoch sind die Einstiegsgehälter üblicherweise?

Axel Haas: Da ist sehr viel passiert. Früher lagen die Einstiegsgehälter nach dem Studium zwischen 30.000 bis 40.000 Euro. Heutzutage erhält die Mehrheit 40.000 bis 50.000 Euro – und ein kleiner Teil von etwa 15 Prozent sogar über 60.000 Euro.

abi>> Welche besonderen Soft Skills und Anforderungen sind gefragt?

Axel Haas: Personaler legen viel Wert auf Kommunikationsfähigkeit und Empathie. Das technische beziehungsweise das spezifische Wissen für das Unternehmen lernen die Leute im Job. Klassische Anforderungen sind daneben analytisches Denken, Durchhaltevermögen und – ganz besonders wichtig – Frustrationstoleranz. Denn gerade bei sehr komplexen Projekten läuft nicht immer alles glatt.

abi>> Welche speziellen Tipps haben Sie für den Berufseinstieg nach dem Studium?

Axel Haas: Besonders wichtig sind Auslandserfahrungen. Große Unternehmensberatungen zum Beispiel legen viel Wert auf Auslandssemester, auch wenn diese kein fester Bestandteil des Studiums sind. Die Argumentation dahinter: Unternehmensberatungen möchten, dass sich die Leute direkt vor Ort interkulturell weiterbilden. Aber natürlich darüber hinaus auch die damit erworbenen Sprachkenntnisse sehr von Vorteil.

 

Wirtschaftsingenieure - Infografiken

Arbeitsmarkt Wirtschaftsingenieure

Wie viele Studienanfänger gab es in den letzten Jahren bei den Wirtschaftsingenieuren? Wie viele Studierende bestanden die Abschlussprüfungen? Und wie hoch sind die Arbeitslosenzahlen? Verschaffe dir mit den abi» Infografiken einen Überblick.


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Stand: 26.01.2020