beruf & karriere

Arbeiten in London

Ohne Small Talk läuft nichts

Lockerer Umgangston und Anti-Brexit-Demos: Vor fünf Jahren zog Vera Lützelschwab (30) fürs Studium nach Großbritannien, heute ist sie bei einem Technologieunternehmen in London angestellt. abi» berichtet sie, worin sich das britische vom deutschen Arbeiten unterscheidet und welche Gedanken sie sich über den Brexit macht.

Foto von Vera Lützelschwab

Vera Lützelschwab fühlt sich wohl in London.

Eine Anstellung im Vereinigten Königreich (VK) zu finden, ist unkomplizierter als in Deutschland, so die Erfahrung von Vera Lützelschwab – zumindest, wenn man es mit den aufwendigen Bewerbungsverfahren hierzulande vergleicht. „Ich habe meinen Lebenslauf per Mail verschickt, ein paar Gespräche geführt und schon hatte ich den Job“, berichtet die 30-Jährige. Doch genauso schnell könnte sie arbeitslos werden, denn Kündigungen gehen getreu der „Hire and Fire“-Personalpolitik ebenso unkompliziert vonstatten.

„Deutschsprachige Mitarbeiter sind hier sehr gefragt“, berichtet Vera Lützelschwab von ihren Erfahrungen. Seit Anfang 2019 ist sie im Londoner Büro der Connexity Europe GmbH, ein Technologieunternehmen für Online-Marketing-Lösungen mit Hauptsitz in Los Angeles und einem Standort in Karlsruhe. Sie wirbt um Kunden und Partner, und zwar hauptsächlich in ihrem Heimatland. Denn in Deutschland funktionieren Geschäftsbeziehungen deutlich besser, wenn man die Landessprache beherrscht.

Den Chef beim Vornamen nennen

2015 zog Vera Lützelschwab nach Großbritannien, um an der Universität Liverpool ihren Master in Marketing zu erwerben. Ihren Bachelor in Soziologie und Zivilrecht hatte sie in Frankfurt am Main gemacht, außerdem lag ein Studiums- und Arbeitsaufenthalt in Shanghai hinter ihr. Im Vereinigten Königreich arbeitete sie zunächst bei einem ebenfalls in der englischen Hauptstadt ansässigen Finanzdienstleister, bevor sie zu ihrem jetzigen Arbeitgeber wechselte.

Woran sich Vera Lützelschwab im Arbeitsleben erst gewöhnen musste, ist der lockere Umgangston. „Alle sprechen sich mit Vornamen an, auch in Mails schreibt man ,Hi Bill' – selbst wenn es der Chef ist“, sagt sie. Ebenfalls gewöhnungsbedürftig sei der obligatorische Small Talk, mit dem jedes Gespräch, beruflich wie privat, beginne: „Deutsche kommunizieren ja gern direkt – das funktioniert hier nicht. Hier redet man immer erstmal übers Wetter, bevor man zur Sache kommt.“

Brexit ist Thema unter Kollegen

Natürlich werde im Kollegenkreis immer wieder über den sogenannten Brexit gesprochen, den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU) am 31. Januar 2020. Auch ihre Freunde, die aus der EU, Südafrika, den USA und Kanada zum Arbeiten hierher kamen, beschäftigt das Thema. In London seien quasi alle gegen den Brexit, mit Freunden und Kollegen war Vera Lützelschwab auf vielen Demos.

In letzter Zeit aber meide man das Thema: „Keiner hat Lust zu spekulieren; niemand weiß, wie es nach der Übergangsphase weitergeht.“ Sie fände es schade, wenn es nicht mehr oder nur mit viel bürokratischem Aufwand und unter bestimmten Voraussetzungen möglich sei, zum Arbeiten ins Vereinigte Königreich zu kommen.

Personalabteilung macht Hoffnung

Für sie selbst war es ganz einfach: Als EU-Bürgerin konnte sie einfach einreisen, studieren, bleiben und arbeiten. Krankenversichert ist sie automatisch über den National Health Service. „Das einzige, was ich beantragen musste, war die National Insurance Number, eine Art Steuernummer.“

Wenn es Neuigkeiten in Sachen Brexit gibt, werde sie von der Personalabteilung informiert. Von dort erhielt sie etwa den Hinweis, dass sie den „Settled Status“, eine Art Daueraufenthaltserlaubnis, beantragen könne, da sie seit fünf Jahren im Vereinigten Königreich lebt und arbeitet. Vera Lützelschwab möchte nämlich gern bleiben: „London ist mein zweites Zuhause, ich lebe und arbeite super gern hier.“

abi» 05.06.2020

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