beruf & karriere

Psychologische Psychotherapeutin

Hinderliche Denkmuster bewältigen

Patient*innen aller Altersgruppen kommen zu Johanna Thünker (35), um in einer Verhaltenstherapie zu lernen, mit ihren Problemen umzugehen. Die Psychologische Psychotherapeutin arbeitet selbstständig in einer Gemeinschaftspraxis.

Häufig handelt es sich bei den Patient*innen um Essstörungen, Depressionen oder auch Ängste

In der Verhaltentherapie geht es um konkrete Bewältigungsstrategien, die in Rollenspiele umgesetzt und ausprobiert werden.

Mit den „blöden Gedanken“ zurechtkommen – daran arbeitet Johanna Thünker zurzeit in der Verhaltenstherapie mit einer 13-Jährigen. „Im Fachjargon handelt es sich um dysfunktionale Denkmuster“, erklärt die Psychotherapeutin, „doch bei Kindern und Jugendlichen sprechen wir von blöden Gedanken, damit es für sie greifbarer ist. In diesem Fall geht es zum Beispiel um Denkmuster wie ‚Ich schaffe nichts. Ich bin sowieso für alles zu blöd. Nichts gelingt mir.‘“ Die Schülerin ist an Diabetes erkrankt und kommt damit nicht so gut zurecht. „Sie hatte suizidale Gedanken und ist von zuhause abgehauen. Ein großes Problem ist, dass sie so schnell aufgibt.“ Die verzweifelten Eltern hatten daher nun professionelle Hilfe gesucht.

Realitätscheck und Rollenspiele

Ein Porträt-Foto von Dr. Johanna Thünker

Dr. Johanna Thünker

Mal ist es das Kuchenbacken, bei dem das Mädchen frustriert alles hinwirft, mal ist es die Mathearbeit, mal der Streit mit der Freundin. „Aufgeben ist in solchen Fällen ein wenig zielführendes Verhalten“, sagt Johanna Thünker. „Deshalb versuchen wir gemeinsam herauszufinden, warum diese Gedanken immer wieder auftauchen und was man dagegen tun kann. Wir haben aufgespürt, welche Denkmuster hinderlich sind und welche Interpretationen dahinterstecken – um dann in einem Faktencheck zu schauen, ob diese Gedanken überhaupt realistisch sind.“ So stellte sich unter anderem heraus, dass die junge Patientin gar nicht merkt, wenn etwas klappt, sondern häufig nur die Misserfolge sieht, dazu neigt, einzelne Misserfolge zu verallgemeinern. In der Verhaltenstherapie geht es dann darum, sich konkrete Bewältigungsstrategien auszudenken und zum Beispiel in Rollenspielen auszuprobieren. „Wir arbeiten unter anderem daran, die eigenen Emotionen durch veränderte Denkmuster auf positive Weise zu beeinflussen. Dann kann man sich auch anders verhalten.“

Die Psychologische Psychotherapeutin arbeitet selbstständig in einer verhaltenstherapeutischen Gemeinschaftspraxis mit insgesamt drei Therapeutinnen in Bottrop. „Es wenden sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene aller Altersgruppen an uns, die psychische Probleme oder Verhaltensprobleme haben“ Wie Johanna Thünker weiter erläutert, handelt es sich häufig um Depressionen und Ängste, aber auch um Essstörungen, Abhängigkeiten und vieles andere mehr. „Die Behandlung verläuft üblicherweise im Einzelgespräch, es können aber auch Gruppensitzungen durchgeführt werden. Besonders bei jungen Menschen arbeitet man nicht nur mit den Patientinnen und Patienten selbst, sondern auch mit den Angehörigen oder weiteren Personen oder Institutionen im Umfeld.“ Ziel ist es stets, gemeinsam neue Denk- und Verhaltensweisen zu erarbeiten, die helfen die vorhandenen Probleme zu lösen.

Hohe Anforderungen

Ihr insgesamt zehnsemestriges Psychologiestudium – damals noch auf Diplom – absolvierte Johanna Thünker an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Es entspricht dem heutigen Bachelor- und Master-Abschluss. „Ich war sehr froh, den Studienplatz zu bekommen, denn die Anforderungen sind hierbei sehr hoch.“ Anschließend durchlief sie die dreijährige Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin beim Ausbildungsinstitut für klinische Verhaltenstherapie (AFKV) in Gelsenkirchen. „Zusätzlich habe ich noch promoviert, also eine wissenschaftliche Arbeit verfasst und dadurch einen Doktortitel erlangt, das ist aber nicht notwendig, um als Psychotherapeutin arbeiten zu können.“ Um auch Menschen unter 18 Jahren behandeln zu können, machte sie am AFKV noch eine entsprechende Weiterbildung. Sie umfasste nochmal eine ganze Reihe Theoriestunden sowie Behandlungen unter Supervision.

Beim Beruf Psychologische*r Psychotherapeut*in entscheidet man sich bereits während des Studiums für einen Therapiebereich wie etwa Verhaltenstherapie, Psychoanalyse oder Systemische Psychotherapie. „In dem Verfahren erfolgt dann auch die dreijährige postgraduale Ausbildung“, erläutert Karin Hoffmann von der Arbeitsagentur Magdeburg. „Es ist dann auch möglich, weitere Ausbildungen zu machen, um auch weitere Therapiebereiche anbieten zu können. Als Arbeitsmöglichkeiten bieten sich eine Anstellung in Praxen oder Kliniken.“

Ein Nadelöhr bei der Selbstständigkeit ist, dass sich nicht beliebig viele Psychotherapeutinnen und -therapeuten niederlassen dürfen. Es gelten strenge Auflagen. „Auch schon für das Studium ist eine sehr hohe Qualifikation erforderlich“, ergänzt die Berufsberaterin, „oft ist ein Abiturnotenschnitt von 1,0 bis 1,3 nötig, um den Numerus Clausus zu erfüllen. Zudem haben die Hochschulen oft andere Auswahlkriterien. Die für den Umgang mit den Patienten nötige Empathie bei gleichzeitigem emotionalen Abstand erlangt man zum Beispiel in speziellen Coachings.“

abi» 21.09.2020

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