zum Inhalt

Kopfbereich

beruf & karriere

Hauptbereich

Lehrerin an einer Hauptschule

„Auch ein wenig Sozialarbeiter“

Anne-Kathrin Schröers hat sich ganz bewusst dazu entschieden, an einer Hauptschule zu unterrichten. Der Arbeitsalltag an der Ganztagsschule Achenbach in Siegen nimmt die 30-Jährige weit über den reinen Unterricht hinaus in Anspruch.

Eine junge Lehrerin steht mit einer Schülerin an einer Tafel und erklärt ihr etwas. Foto: Nicole Schwab

Hauptschullehrer*innen brauchen jede Menge Empathie, um Vertrauen zwischen den Schüler*innen und ihnen aufzubauen.

Eigentlich hätte Anne-Kathrin Schröers Klasse nach der Großen Pause Deutsch. Doch zwei Schüler haben sich heftig gestritten – und tun das auch noch im Klassenraum. Anne-Kathrin Schröers plant um: In dieser Stunde geht es nicht um Grammatik und Textverständnis, sondern um Konfliktbewältigung: Wie kann man einen Streit schlichten? Welche Strategien gibt es, ihn zu vermeiden? Wie lässt sich Kritik äußern, ohne sich anzuschreien?

„Kein Tag ist wie der andere“

Anne-Kathrin Schröers

„Vor allem an einer Hauptschule ist man als Lehrer immer auch ein wenig Sozialarbeiter“, sagt die 30-Jährige, die seit Juni 2019 an der Ganztagshauptschule Achenbach in Siegen unterrichtet. „Kein Tag ist hier wie der andere, immer passiert etwas Unerwartetes.“ Anne-Kathrin Schröers hat sich ganz bewusst für die Hauptschule als Lehrort entschieden: „Ich will etwas Sinnstiftendes in meinem Leben tun und Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, ihre Ressourcen und Stärken herauszuarbeiten und weiterzuentwickeln.“ Das Studium habe sie darauf und auf die Konsequenzen nicht wirklich vorbereitet. Sie hat in Siegen Geschichte, Sozialwissenschaften und Deutsch für Haupt-, Real- und Gesamtschullehramt studiert. „Die Uni bereitet fachlich gut vor. Aber was es heißt, an einer Hauptschule zu unterrichten, erfährt und lernt man erst im Referendariat oder bei der ersten Anstellung“, weiß sie aus Erfahrung.

Stabiles Vertrauensverhältnis

So sei es wichtig, sich in die Schüler*innen hineinversetzen zu können, empathisch zu sein, eine Beziehung und ein stabiles Vertrauensverhältnis aufzubauen. Die Betreuung gerade an dieser Schulform gehe weit über den Unterricht hinaus – und das bis zur ersten Anstellung der Schüler*innen. Schließlich sei ein Auftrag auch, die Abgänger*innen in ein Ausbildungsverhältnis zu bringen. Eine weitere Herausforderung: Die Hauptschule Achenbach wird auch von Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf besucht. „Wir haben derzeit nur eine Förderlehrerin, was definitiv zu wenig ist, um allen Schülern gerecht zu werden“, betont Anne-Kathrin Schröers. Sie plädiert nachdrücklich dafür, mehr Sonderpädagog*innen an Schulen einzusetzen, an denen inklusiv unterrichtet wird.

Kein Geld fürs Internet

Gerade für den Lernort Hauptschule, der von vielen Schüler*innen aus einem sozial schwachen Milieu besucht wird, sei die Corona-bedingte Schulschließung im vergangenen Halbjahr für alle Betroffenen eine riesige Herausforderung gewesen, berichtet die junge Lehrerin. Zwar wurde auch dort mit digitalen Angeboten gearbeitet – Wochenpläne konnten von der Website heruntergeladen und die Lern-App „Anton“ genutzt werden. Doch selbst wenn Schüler*innen Computer oder Tablet zur Verfügung stand – keine Selbstverständlichkeit – blieb das Problem des Internetzugangs. „Einmal rief mich ein Schüler an und sagte, er könne die App nicht nutzen, da die Familie kein Geld mehr habe fürs Internet.“ Anne-Kathrin Schröers hat daher so analog wie möglich mit ihren Schüler*innen Kontakt gehalten, hat Wochenpläne in Briefkästen geworfen und telefoniert. Seit sie wieder in die Schule kommen dürfen, versucht die 30-Jährige, so viel wie möglich nachzuholen und aufzufangen – und dennoch weiterhin flexibel auf die Bedürfnisse ihrer Schüler*innen zu reagieren.

abi» 17.11.2020

Diesen Artikel teilen