„Jeder Schüler profitiert von Inklusion“

Eine Lehrerin vor einer Schulklasse.
Große Schrift für Sehbehinderte, leichtere Übungen für Schüler mit verzögerter Sprachentwicklung: Lehrkräfte in Sonderschulen gehen auf alle Bedürfnisse der Schüler ein.
Foto: Martin Rehm

Lehrerin an Förderschulen

„Jeder Schüler profitiert von Inklusion“

Reina Bohle arbeitet als Lehrerin für Sonderpädagogik an einer Berliner Gemeinschaftsschule. Aufgrund des unterschiedlichen Förderbedarfs ihrer Schülerinnen und Schüler kann es sein, dass sie für ein Thema bis zu sieben Unterrichtsangebote vorbereiten muss.

Jan ist sehbehindert, deswegen muss die Schrift auf seinen Arbeitsblättern größer sein. Svea hat eine Lernschwäche – für sie müssen die Aufgaben leichter sein. Da Noahs Sprachentwicklung verzögert ist, kann er das Referat nicht halten und benötigt eine andere Aufgabe. Yamira und Fabian haben Probleme, sich zu konzentrieren und müssen immer wieder dazu motiviert werden, bei der Sache zu bleiben.

So könnten Reina Bohles Überlegungen für eine Unterrichtsstunde aussehen. Es sind fiktive Beispiele, die verdeutlichen, wie differenziert die Lehrerin für Sonderpädagogik und ihre Kollegen an der Friedenauer Gemeinschaftsschule in Berlin nicht nur Wissen vermitteln, sondern vor allem individuell fördern. 2019 erhielt die Schule den Jakob-Muth-Preis für beispielhafte Umsetzung inklusiver Bildung.

Sieben verschiedene Angebote

Ein Foto von Reina Bohle

Reina Bohle

Foto: privat

Sechs der 24 Kinder in Reina Bohles Klasse haben einen Förderbedarf im Bereich Lernen, Sprache, Sehen und/oder emotionale und soziale Entwicklung. Sie befinden sich in der 7., 8. oder 9. Klasse, da die drei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden. „Da kommt es vor, dass man zu einem Thema sieben Unterrichtsangebote macht“, erklärt die 35-Jährige: Für die einzelnen Jahrgänge, für die Kinder, die ihrem Bedarf angepasste Materialien benötigen und für jene, die andere Lernziele verfolgen als ihre gleichaltrigen Mitschüler. Besonders effektiv sei der inklusive Unterricht dann, wenn er „doppelgesteckt“ sei. Das bedeutet, dass zwei Lehrkräfte die Klasse betreuen – die Fach- und eine Lehrkraft für Sonderpädagogik, die sich besonders den Schülern mit Förderbedarf widmet, aber auch allen anderen zur Seite steht, die gerade zusätzliche Unterstützung benötigen. Drei Mal in der Woche betreut Reina Bohle zudem Lerngruppen, in denen Schülerinnen und Schüler mit Förderstatus aus allen Klassen zusammenkommen. „So kann ich die Kinder intensiv fördern. Zudem lerne ich sie besser kennen und kann eine engere Beziehung zu ihnen aufbauen.“ Das ist auch wichtig für die Förderpläne, die sie für jeden einzeln erstellt.

Spiegel der Gesellschaft

Seit einem Praktikum in der neunten Klasse in einem Wohnheim für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung stand Reina Bohles Berufswunsch fest. Nach dem Erwerb der Fachhochschulreife studierte sie Soziale Arbeit. Mit dem Bachelor erwarb sie zugleich die allgemeine Hochschulreife und studierte an der Berliner Humboldt-Uni Rehabilitationspädagogik mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung und Lernen sowie dem Fach Geschichte. Nebenbei arbeitete sie als Einzelfallhelferin für ein Mädchen mit Trisomie 21, das jene Regelschule besuchte, an der sie später auch ihr Referendariat machte. Und beispielsweise die Herausforderung meisterte, der Klasse die historischen Hintergründe des Zweiten Weltkriegs zu vermitteln und der geistig behinderten Mitschülerin niederschwellig einen Eindruck davon zu vermitteln, was Krieg und Frieden überhaupt ist. Etwa, indem sie ihr Fotos von zerstörten und wiederaufgebauten Häusern zeigte – die wiederum die anderen Schüler ebenfalls beeindruckten.

„Ich sehe jeden Tag, wie jeder Schüler von der Inklusion profitiert“, sagt Reina Bohle. Durch die „Doppelsteckung“, durch Materialien, die andere Lernkanäle ansprechen, durch die Heterogenität der Klasse, die die Vielfältigkeit der Gesellschaft widerspiegelt. Für die Zukunft wünscht sie sich bessere Lehrbedingungen – mehr Personal, weniger verpflichtende Unterrichtsstunden, um das Förderangebot intensiver vorbereiten zu können und (digitale) Hilfsmittel. Tablets etwa würden die Arbeit erleichtern: Sie ermöglichen eine unkomplizierte Schriftvergrößerung für Sehbehinderte oder das Abspielen von Lernvideos. Und auch dabei gelte: „Solche Investitionen kämen allen Schülern zugute.“

 

Lehramt Sonderpädagogik

„Problemlösungskompetenz ist sehr wichtig“

Lucas Schrader (20) studiert im fünften Semester Lehramt an Förderschulen an der Uni Halle-Wittenberg. Während eines Praktikums sammelt er erste Erfahrungen in Schulklassen und ist sich der Verantwortung bewusst, die er dabei trägt.

Zwei Stunden pro Woche steht Lucas Schrader vor Siebtklässlern in einer besonderen Klasse aus Jugendlichen, die den Förderschwerpunkt Lernen haben. Zu sagen, er unterrichtet sie, würde seine Aufgabe zwar korrekt, aber weniger gut beschreiben als: Er betreut sie. Denn er ist hier für viel mehr zuständig, als „nur“ für Wissensvermittlung. „Wir müssen sehr breit aufgestellt sein“, sagt der 20-Jährige, der im fünften Semester Lehramt an Förderschulen an der Uni Halle-Wittenberg studiert.

Bei seinem Praktikum sammelt er erste Berufserfahrung, plant Unterricht und führt ihn durch – unterstützt von einer Lehrerin als Mentorin. Als Beobachter hatte er bereits während eines Orientierungspraktikums im zweiten Semester Förderschul-Unterricht kennengelernt, studierte damals aber noch Lehramt an Sekundarschulen. Die Praktikumserfahrung motivierte ihn, zur Förderschul-Ausrichtung zu wechseln. „Die Klassen sind sehr klein, was es ermöglicht, einen intensiveren und persönlicheren Kontakt zu jedem einzelnen Schüler aufzunehmen“, erklärt er und ergänzt: „Man trägt sehr viel Verantwortung, muss erziehen, zuhören, motivieren. Und immer wieder unvorhersehbare Situationen und Probleme auf unterschiedlichen Ebenen lösen, zumal viele Schüler aus Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status kommen.“

Hoher Pädagogikanteil

Problemlösungskompetenz sei demnach essentiell. Oft begleite man die Jugendlichen zudem über die Schule hinaus und unterstütze sie etwa bei der beruflichen Integration – eine Thematik, die auch in seinem Studium aufgegriffen wird.

Der Pädagogik-Anteil in Lucas Schraders Studium ist sehr hoch. Rehabilitations- und Integrationspädagogik sowie inklusive Pädagogik stehen unter anderem auf seinem Stundenplan. Inhaltlich geht es dabei zum Beispiel um die Diskriminierung von behinderten Menschen oder die Entstehung von und den Umgang mit Behinderung.

Zudem entscheidet man sich neben zwei Grundschulfächern oder einem Sekundarschulfach – Lucas Schrader hat Ethik gewählt – für zwei förderpädagogische Fachrichtungen. Lucas Schrader hat Lernbehinderten- und Verhaltensgestörten-Pädagogik belegt, da die beiden Bedarfe sich häufig wechselseitig bedingen: „Kinder mit einem Förderbedarf im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung etwa haben häufig auch Lernschwierigkeiten.“

Hohe Verantwortung

Beim Förderschwerpunkt Lernbehindertenpädagogik belegt er auch Module, in denen es um den Schriftspracherwerb geht und darum, wie man Mathe im Anfangsunterricht vermittelt. Das ist auch deswegen wichtig, weil es aufgrund des Lehrermangels an Sonderschulen passieren könnte, dass er – bis auf Ausnahmen wie Ethik, Sport und Chemie – auch fachfremd beispielsweise Deutsch oder Mathe unterrichten muss. Außerdem lernt Lucas Schrader, wie Gefühls- und Verhaltensstörungen diagnostiziert und klassifiziert werden.

Das Erstellen von sonderpädagogischen Gutachten und die darauf aufbauende individuelle Förderplanung gehört später ebenfalls zu seinen Aufgaben. Während eines förderdiagnostischen Praktikums wird er entsprechende Feststellungsverfahren begleiten. Vor der Diagnostik habe er Respekt, meint der 20-Jährige: „Damit entscheidet man schließlich über das Schicksal eines Kindes mit.“

Neun Semester dauert das Studium in der Regel, es schließt mit dem Ersten Staatsexamen ab. Nach dem Referendariat möchte Lucas Schrader weiter an einer Förderschule unterrichten. Er befürwortet die Bestrebungen zu mehr Inklusion, ist aber auch davon überzeugt, dass es Kinder und Jugendliche gibt, die den geschützten Raum, die Aufmerksamkeit und den sehr persönlichen Bezug benötigen, die Förderschulen ihnen bieten.

 

Lehramt Sonderpädagogik

Pioniere der Sonderpädagogik gesucht

Lehrkräfte für Sonderpädagogik haben die Chance, das Schulsystem der Zukunft mitzugestalten – da sind sich David Scheer vom Verband Sonderpädagogik und Professorin Conny Melzer von der Universität zu Köln einig. Sie geben Tipps, wie man den passenden Studiengang findet.

Das Schulsystem befindet sich im Umbruch“, sagt Conny Melzer, Professorin für sonderpädagogische Grundlagen an der Universität zu Köln. Bundesweit nehmen die Bestrebungen zu, Kinder und Jugendliche mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf inklusiv zu unterrichten. Das bedeute aber nicht, dass Sonder- und Förderschulen komplett abgeschafft würden, so die promovierte Humanwissenschaftlerin: „Das wäre aus fachlicher Sicht auch kontraproduktiv.“ Doch die Inklusionsquote steige immer weiter.

Viele Förderschwerpunkte

Ein Foto von Conny Melzer

Conny Melzer

Foto: Annette Bohn

Wer sich für ein Lehramtsstudium im Bereich der Sonderpädagogik entscheidet, sollte zunächst herausfinden, in welchem Bereich er tätig werden will. Die Förderschwerpunkte, die gewählt werden können, sind so individuell wie die Bedürfnisse jedes Schülers: Lernen, Sprache, emotionale und soziale Entwicklung, Sehen, Hören, geistige Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung, Unterricht kranker Schüler, Erziehung und Unterricht von Kindern im Autismus-Spektrum. Es sei sinnvoll, zunächst durch ein Praktikum herauszufinden, mit welchen Kindern man arbeiten will: „Es ist ein großer Unterschied, ob man mit jemanden umgeht, der aufgrund einer kognitiven Beeinträchtigung Lernschwierigkeiten hat oder mit einem blinden Menschen ohne andere Einschränkungen“, sagt Conny Melzer.

Studienangebote sondieren

Auch sollte man sich eingehend mit den Angeboten der Unis beschäftigen. Aufbau und Inhalt des Studiums unterscheiden sich je nach Bundesland und Hochschule erheblich. An manchen Standorten studieren im Bachelor alle Lehramtsstudierenden gemeinsam und spezialisieren sich erst im Master. In anderen wählt man sofort ein oder zwei Unterrichtsfächer sowie seine Förderschwerpunkte – zwei oder mehr, wobei nicht jede Hochschule jeden anbietet. Auf jeden Fall sollten Interessierte das Beratungsangebot der Universitäten nutzen und die Modulhandbücher anschauen.

Ein Foto von David Scheer

David Scheer

Foto: Peter Wachtel

Auch die Frage, ob man an einer Förderschule oder inklusiv arbeiten will, kann für die Wahl wichtig sein. „Gerade wer inklusiv arbeiten will, muss sich bewusst sein, dass er seine Schwerpunkte exemplarisch studiert und lernt, wie er sich in andere Bereiche einarbeiten kann“, sagt Dr. David Scheer, Pressereferent des Verbands Sonderpädagogik. Das Referendariat kann je nach Bundesland an einer Förderschule oder ganz oder teilweise an einer allgemeinen Schule mit entsprechendem Inklusionskonzept gemacht werden. David Scheer weist darauf hin, dass das Studium nicht zwangsläufig in die Schule führen muss. Weitere Tätigkeitsfelder sind etwa Beratungsstellen, Kitas oder Forschungseinrichtungen. Zudem berechtigt das Studium zur Ausbildung zum Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.

Konstruktive Fehlerkultur

Offenheit, Kooperationsbereitschaft und Freude an der Zusammenarbeit mit Menschen müsse man als Lehrer und insbesondere als Sonderpädagoge mitbringen, sagen die Experten. Man beschäftige sich ganzheitlich mit den Schülern, sei also über den Unterricht hinaus für sie zuständig: Man erstellt Diagnosen und Förderpläne, ist „Problemlöser“, spricht mit  Angehörigen und unterstützt in jedem Bereich – was gerade bei Kindern mit körperlichen Einschränkungen bedeuten kann, beim Anziehen, Essen und auf der Toilette zu helfen oder pflegerisch tätig zu werden. Essentiell sei aber vor allem eine konstruktive Fehlerkultur, weiß Conny Melzer: „Man muss erkennen, dass Fehler helfen – und herausfinden, wie sie für die individuelle Weiterentwicklung genutzt werden können.“

Weitere Informationen

studienwahl.de
Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen (Suchwörter u.a. Sonderpädagogik, Förderschwerpunkt,  Förderpädagogik)
studienwahl.de

 

BERUFENET
Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwörter u.a. Rehabilitations-, Sonderpädagogik, Förderlehrer/in, Lehramt Sonder-/Fördersch./Sonderpäd.)
berufenet.arbeitsagentur.de

 

berufsfeld-info.de
Das Informationsportal der Bundesagentur für Arbeit zeigt Berufswelten im Überblick.
berufsfeld-info.de/abi/bildung-erziehung

 

Verband Sonderpädagogik
Seit 1898 bestehender Verband, dessen Arbeit alle Aspekte der pädagogischen Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Menschen beinhaltet
verband-sonderpaedagogik.de

 

vds-Bildungsakademie
Die vds-Bildungsakademie ist die Fort- und Weiterbildungseinrichtung des Verbands Sonderpädagogik (vds) mit Qualifizierungsangeboten an Kollegen aller Schulformen sowie an alle sonstigen Interessierten. Auf der Internetseite findet man unter anderem auch ein Positionspapier zum Berufsbild der Sonderpädagogen im inklusiven Kontext.
vds-bildungsakademie.de

 

Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik
Die dgs ist ein Fachverband von für die Sprachheilarbeit qualifizierten Personen. Sie setzt sich ein für die Interessen der von Sprachbehinderung bedrohten oder betroffenen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen in den Bereichen Frühförderung, schulische, ambulante und/oder stationäre Rehabilitation sowie Nachsorge.
dgs-ev.de

 

Praxis Förderdiagnostik
Blog zum Thema Förderdiagnostik mit fachwissenschaftlichen Inhalten für Pädagogen, Psychologen, Eltern und Erziehende
praxis-foerderdiagnostik.de


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Stand: 07.04.2020