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Sozialarbeiter – Schwerpunkt Migration

„Viele bemühen sich redlich um Integration“

Seit November 2019 ist Martin Haus bei Refugio München als Sozialarbeiter beschäftigt. Dies ist sein erster Job nach dem Master. Der 26-Jährige unterstützt in der Landshuter Außenstelle des Vereins Geflüchtete bei der Klärung von Fragen zum Asylverfahren oder bei der Beantragung von Sozialleistungen.

Das Gebäude von Refugio München.

In diesem Haus sitzt Refugio München, wo Martin Haus als Sozialarbeiter arbeitet.

Ein Schreiben einer Behörde kann fast jeden in Stress versetzen. Erst recht, wenn man in permanenter Angst vor Abschiebung lebt und aufgrund eingeschränkter Sprachkenntnisse das Behördendeutsch nicht versteht. „Vor allem Geflüchtete mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus kommen zu Refugio München“, berichtet Martin Haus. Sie alle haben Schlimmes erlebt. Im Verein unterstützen Therapeuten Geflüchtete bei der Verarbeitung ihrer Traumata. Sozialarbeiter wie Martin Haus helfen bei der Klärung der behördlichen und anwaltlichen Angelegenheiten und geben Orientierung im System.

Ein Foto von Martin Haus.

Martin Haus

Auf die Herausforderungen im Berufsleben fühlt sich Martin Haus durch sein Bachelorstudium an der Frankfurt University of Applied Sciences gut vorbereitet. Er hat dort den vierjährigen Bachelorstudiengang „Transnationale soziale Arbeit“ absolviert. „Allerdings“, erklärt der Sozialarbeiter: „im Asylbereich gibt es fast wöchentlich Veränderungen.“ Im Bachelorstudium hatte er zwar Vorlesungen zum Aufenthalts- und Asylrecht – nach vier Jahren hat sich jedoch schon wieder viel geändert. „Mein Arbeitgeber ist zum Glück sehr gut an Fachkreise angebunden und wir erhalten daher regelmäßig umfangreiche E-Mails über die neuesten Urteile.“

Anliegen sind strukturelle Verbesserungen

Anders als viele andere Studiengänge im Bereich Soziale Arbeit dauert der Studiengang ‚Transnationale soziale Arbeit‘ nicht drei, sondern vier Jahre. Neben dem Anerkennungsjahr sind zwei Auslandsaufenthalte verpflichtender Teil dieses Studiengangs. Einer im Rahmen des Erasmus+-Programms. Der zweite Auslandsaufenthalt muss im außereuropäischen Ausland stattfinden.
Martin Haus zog es nach Indien, wo er sich vor allem im Bundesland Bihar in die strukturelle Verbesserung des Bildungssystems einbrachte. „In Indien sind heute Charity-Aktionen in Form von Patenschaften üblich. Dadurch schaffen es einige unterprivilegierte Kinder auf eine der Privatschulen. Das löst jedoch das strukturelle Problem nicht“, erklärt Martin Haus.

Seit 2015 engagiert er sich ehrenamtlich im Verein „Nitya Bal Vikas Deutschland“. Dort ist er bis heute im Vorstand tätig und setzt sich für mehr Bildungsgerechtigkeit und bessere staatliche Grundschulen in Bihar ein. Diesen strukturellen Ansatz hat Martin Haus im Rahmen seines Masterstudiums an der Eliteuniversität „London School of Economics“ mit dem Studiengang „Development Studies“ vertieft und ist danach auf die Suche nach einem passenden Einstiegsjob gegangen. „Bei Refugio München hat mir von Anfang an der Ansatz gefallen. Ich bin auch begeistert von den sehr gut ausgebildeten Kollegen“, sagt er. Die internationale Orientierung seines Studiums und seine interkulturellen Erfahrungen in Indien helfen ihm bei seiner jetzigen Tätigkeit.

Psychohygiene durch Supervision

Der Sozialarbeiter ist sich bewusst, dass die häufig dramatischen Einzelschicksale in der täglichen Arbeit nicht spurlos an ihm vorbei gehen: „Viele der Geflüchteten bemühen sich redlich um Integration, engagieren sich in Sportvereinen, sind bei der Freiwilligen Feuerwehr, suchen aktiv nach Arbeit, wollen Deutsch lernen, eine Ausbildung machen und halten sich an die Regeln in unserer Gesellschaft. Es ist schwierig zu erklären, warum sie dennoch abgeschoben werden sollen.“

Gleichzeitig muss er professionell bleiben, den Geflüchteten Halt geben und die Sachlage klären, weitere mögliche Schritte aufzeigen und dabei trotz vieler Unsicherheiten auch die längerfristige Perspektive im Auge behalten. Im Team tauschen sich die Kolleginnen und Kollegen aus. Supervisionsangebote helfen den Sozialarbeitern, das richtige Nähe-Distanz-Verhältnis aufrechtzuerhalten.

Seinen Arbeitsalltag erlebt Martin Haus als sinnstiftend, auch wenn die Gehaltsaussichten hinter anderen Bereichen zurückbleiben. Er sieht, wie den Menschen durch die Arbeit der Therapeuten und Sozialarbeiter ein Stück Eigenmacht zurückgegeben wird. „Empowerment“ nennt er das.

Video

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abi» 06.08.2020

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