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Berufsreportage Uhrmacher

Am Puls der Zeit

Bis Ferdinand Jackus (30) eine defekte Uhr wieder instandgesetzt hat, kann schon einmal ein Tag vergehen. So komplex sind die Uhrwerke, die er als Uhrmachermeister für einen Schweizer Luxusgüterkonzern in München repariert.

Nahaufnahme eines Uhrwerks.

Uhrwerke sind komplexe Gebilde, die technisches Verständinis und Geschicklichkeit erfordern.

Für seine Arbeit braucht Ferdinand Jackus volle Konzentration und eine ruhige Hand – und das viele Stunden am Stück. „Wer nicht lange stillsitzen kann, für den ist der Beruf nichts“, sagt der Uhrmachermeister, der in München bei einem Schweizer Luxusgüterkonzern arbeitet. Dort ist er für die Reparatur von Uhren einer unternehmenseigenen Markenlinie zuständig. Im Schnitt repariert er zwei bis drei Uhren am Tag. Manchmal dauert eine Instandsetzung aber auch einen oder mehrere Tage. „Dabei handelt es sich schon eher um eine Restauration.“ Während er mit Pinzette und Schraubendreher hantiert, trägt der Uhrmachermeister die ganze Zeit eine Lupe im Auge, da viele Uhrenbestandteile winzig klein und mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind. „Am Ende halte ich das Ergebnis meiner Arbeit in der Hand, das gefällt mir am Uhrmacherhandwerk“, sagt Ferdinand Jackus.

Neben einem guten mathematischen und technischen Verständnis und räumlichen Vorstellungsvermögen braucht er gute Materialkenntnis, denn die Materialien, aus denen die Uhren gefertigt sind, sind von ganz unterschiedlicher Beschaffenheit.

Auf Fehlersuche im Innern der Uhr

Ein Porträtfoto von Ferdinand Jackus.

Ferdinand Jackus

In Aufbau und Funktionsweise ähneln sich Kleinuhren wie Armband- und Taschenuhren, große Uhren wie Wanduhren oder Wecker in vielen Punkten. „Hat man einmal das Prinzip verstanden, nach dem eine mechanische Uhr funktioniert, kann man fast alle Modelle und Marken reparieren“, sagt Ferdinand Jackus. Um die Ursache eines Defekts herauszufinden, baut er die komplette Uhr auseinander und begibt sich auf Fehlersuche. Mal ist ein Zapfen im Innern der Uhr gebrochen, weil sie ihrem Träger heruntergefallen ist, mal ist Schmutz ins Werk gedrungen, sodass die Zahnräder nicht mehr sauber laufen. Wird ein Ersatzteil benötigt, fertigt der Uhrmachermeister dieses häufig selbst an der Drehmaschine an. Hat er den Defekt behoben, werden die Lager des Uhrwerks geölt und gefettet. Anschließend baut er alle Bestandteile wieder zusammen. „Der schönste Moment ist der, wenn ich sehe, wie sich das Uhrwerk wieder in Bewegung setzt.“

Bevor die Uhr an ihre*n Besitzer*in zurückgeht, testet der Uhrmachermeister bis zu einer Woche lang, ob sie anstandslos läuft. Anders als bei elektrischen Uhren, die maschinell gefertigt werden können, kann die Arbeit von Ferdinand Jackus nicht von einer Maschine übernommen werden. „Keine Maschine kann so präzise arbeiten, außerdem helfen mir meine Erfahrung und mein Gefühl beim Aufspüren eines Defekts.“

Abgeworben vom Headhunter

Nach dem Abitur hatte sich Ferdinand Jackus zunächst für einen Ingenieurstudiengang entschieden. „Nach einem Jahr stand für mich fest, dass weder das Fach noch ein Studium das Richtige für mich ist.“ Nachdem er in der Zeitung ein Porträt über den Beruf des Uhrmachers gelesen hatte, informierte er sich bei der bayerischen Uhrmacherinnung und beim Zentralverband für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik, dem Berufsverband für Uhrmacher, über Ausbildungsmöglichkeiten. Dann ging alles sehr schnell: Der Verband stellte den Kontakt zu seinem Ausbildungsbetrieb her, Ferdinand Jackus absolvierte die dreijährige Ausbildung, arbeitete zwei Jahre lang als Uhrmacher und besuchte dann erfolgreich einen achtmonatigen Meisterkurs in Vollzeit in Würzburg und München. Seine jetzige Stelle vermittelte ein Headhunter. „Das ist in diesem Beruf nichts Ungewöhnliches, da der Bedarf an Nachwuchskräften groß ist.“

Während Ferdinand Jackus als Geselle noch Kund*innen beriet, ist er heute ausschließlich in der Werkstatt tätig. „Ich wollte mich mehr auf das Handwerk konzentrieren, darum habe ich gewechselt“, berichtet der Uhrmachermeister. „Ich lerne gerne Neues und bin froh, dass mir mein Job immer wieder diese Möglichkeit bietet – allein durch die große Anzahl verschiedener Uhrenhersteller und Modelle. Früher habe ich auch Gehäuse und Uhrenarmbänder aufgearbeitet und poliert, jetzt kümmere ich mich ausschließlich um Uhrwerke.“

Dass mechanische Uhren irgendwann aus der Mode kommen, glaubt er nicht. „Sie haben nicht nur den Zweck der Zeitanzeige, sondern sind für die meisten Menschen auch ein Schmuckstück, mit dem man etwas ausdrücken möchte.“

Video

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abi» 12.10.2020

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