beruf & karriere

Konferenzdolmetscher

Konzentration auf kleinem Raum

Konferenzdolmetscher Matthias Haldimann (35) ermöglicht Verständigung bei mehrsprachigen Veranstaltungen. Um in diesem Beruf erfolgreich zu sein, braucht man nicht nur Sprachkenntnisse, sondern muss sich auch ein gutes Netzwerk aufbauen.

Aufnahme eines Dolmetscherpults. Davor liegt ein Spiralblock mit einigen Zeichnungen.

Das Dolmetscherpult ist die wichtige Schaltzentrale. Über das angeschlossene Headset erhalten die Dolmetscher ihr Tonsignal und sprechen ihre Übersetzung ein.

Die Augen des Publikums sind auf den Redner auf der Bühne gerichtet, die meisten jedoch lauschen nicht dessen Stimme. Durch Kopfhörer hören viele stattdessen Matthias Haldimann zu, der in einer Kabine hinter ihnen sitzt und umso konzentrierter verfolgt, was der Redner sagt – auf Englisch. Das übersetzt Matthias Haldimann simultan in die deutsche Sprache. Meist tut er das allein, und wenn ihm mal ein Wort nicht einfällt, hilft ihm ein Kollege neben ihm. Knapp zweieinhalb Quadratmeter ist die Kabine groß: „Es ist wirklich nicht viel Platz“, sagt der 35-Jährige über den Arbeitsplatz, den sich in der Regel zwei Personen teilen.

Arbeiten in einem Netzwerkberuf

Porträtaufnahme eines jungen Mannes mit Brille. Er trägt ein hellblaues Hemd, ein dunkelblaues Sacko und lächelt in die Kamera.

Konferenzdolmetscher Matthias Haldimann

Seit seinem Masterabschluss in Konferenzdolmetschen im Jahr 2012 an der Universität Heidelberg arbeitet der gebürtige Berner als freier Konferenzdolmetscher und Übersetzer in Mannheim. Nach dem Abschluss dauerte es fünf Jahre, bis er sich einen ausreichend großen Kundenstamm aufgebaut hatte, um von seinem Beruf gut leben zu können. Deshalb empfiehlt er, sich frühzeitig ein Netzwerk aufzubauen. „Ich bin Mitglied in mehreren Berufsverbänden geworden und habe an verschiedenen dort angebotenen Aktivitäten teilgenommen. Viele meiner ersten Aufträge kamen über dieses Netzwerk.“ Zusätzlich seien ehemalige Kommilitonen und Dozenten wichtige Kontakte für erste Aufträge.

Mittlerweile betreibt Matthias Haldimann gemeinsam mit seiner Frau ein Dolmetschbüro in Mannheim. Er dolmetscht für die Sprachen Englisch und Japanisch, wobei er Englisch in beide Richtungen überträgt, Japanisch nur ins Deutsche und das meist auch nur schriftlich. Die meisten seiner Aufträge stammen von Unternehmen aus der Privatwirtschaft. „Ich freue mich aber immer, wenn ich bei einer kirchlichen oder zivilgesellschaftlichen Veranstaltung dolmetsche“, sagt er. „So etwa bei einer interreligiösen Tagung gegen Atomkraft oder beim Referat eines amerikanischen Professors, der als Einleitung zu einer Podiumsdiskussion an der Universität Bern zum Thema Diversität in der Lehre referierte.“

Beratung und Organisation

Wird der Konferenzdolmetscher für einen Auftrag gebucht, ist der Ablauf oft ähnlich: Zunächst berät er den Veranstalter, wie die Verständigung zwischen den anderssprachigen Parteien stattfinden kann. Sie ermitteln den Bedarf an Dolmetschern und welche Technik benötigt wird. Anschließend wählt er die Kollegen aus, die ihn beim Auftrag unterstützen. Die Teams müssen sehr gut harmonieren, um sich in der Kabine optimal zu unterstützen.

Konferenzdolmetscher sind auf einen sehr guten Ton ohne Störgeräusche angewiesen, schließlich erwarten die Zuhörer eine einwandfreie Übertragung. „Der Dolmetscher, der gerade nicht an der Reihe ist, kann etwaige Störungen melden und beseitigen lassen“, sagt Matthias Haldimann. Auch wenn er sich bei dem Sinn eines Satzes unsicher ist, kann er sich kurz bei Kollegen rückversichern. Ist mal ein Wort nicht präsent, startet er mit einem Oberbegriff, bis ihm das konkrete Wort einfällt. Schließlich spricht der Redner ja weiter. „Für Kopf könnte man zum Beispiel erst einmal Körperteil verwenden.“ Bei Nichtverstehen sei es auch in Ordnung, erst aus dem Kontext eine Annahme zu treffen und diese später im Satz zu korrigieren.

Damit diese Situationen möglichst nicht passieren, bereitet sich der Konferenzdolmetscher auf jeden Einsatz intensiv vor. Er studiert die Präsentationen, liest den Lebenslauf der Redner und sieht sich, sofern vorhanden, Online-Videos der Vortragenden an. „So bekomme ich einen Eindruck davon, wie sie sprechen.“ Darüber hinaus erstellt er ein Glossar für die Veranstaltung, sammelt wichtige Begriffe, sucht passende Vokabeln heraus und lernt diese.

Unternehmerisches Denken gefragt

Neben hervorragenden Sprachkenntnissen müssen Konferenzdolmetscher aber auch weitere Fähigkeiten mitbringen. „Man sollte eine gute Auffassungsgabe haben, sehr aufmerksam und natürlich immer freundlich sein“, fasst Matthias Haldimann zusammen. Die größte Herausforderung sei aber das Verkaufen der eigenen Leistung sowie unternehmerisches Denken, schließlich arbeiten die meisten Dolmetscher freiberuflich. „Wir haben ein Studium der Translationswissenschaft absolviert. Da bekommt man nichts mit von Betriebswirtschaftslehre, Verkaufen und Buchhaltung.“ Das muss man sich selbst aneignen, beispielsweise über Weiterbildungsangebote der Berufsverbände. „Meine Dienstleistung attraktiv über einen starken Mehrwert zu verkaufen, war für mich die größte Herausforderung.

abi» 24.04.2020

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