Der Gesellschaft auf der Spur

Viele Menschen laufen an einem Busbahnhof zu ihren Bussen.
Wie ticken Gesellschaften? Warum entscheidet sich ein Mensch in einer gewissen Situation auf eine bestimmte Art und Weise? Derlei Fragen geht die Soziologie auf den Grund.
Foto: Martin Rehm

Soziologie

Der Gesellschaft auf der Spur

Ob als Wissenschaftler, als Referent für Öffentlichkeitsarbeit oder Analyst in der Markt- und Meinungsforschung – die Tätigkeitsbereiche von Soziologen sind äußerst vielfältig. Aufgrund einer sich rasant verändernden Welt ist ihre Arbeit heute wichtiger denn je.

Warum herrscht in manchen Ländern Krieg, während in anderen Friedensabkommen geschlossen werden? Warum verdienen Frauen immer noch weniger als Männer? Wie sehen heute die Lebensbedingungen von Kindern aus? Diesen und vielen weiteren gesellschaftsbezogenen Fragen gehen Soziologen auf den Grund. „Die Soziologie bildet den Kern der Sozialwissenschaften. Sie erforscht das soziale Zusammenleben von Individuen in der Gesellschaft“, erklärt Jens Homburg von der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven.

Dagegen würden Politik- oder Wirtschaftswissenschaften nur besondere Aspekte der Sozialwissenschaften behandeln, betont der Berufsberater. Außerdem: „Ein deutlicher Trennstrich muss zwischen Soziologie und Sozialer Arbeit gezogen werden. Das Studium der Sozialen Arbeit vermittelt Handlungskompetenz, um Menschen in prekären Lebenssituationen Hilfe zu bieten. Die Soziologie vermittelt hierfür lediglich eine wissenschaftliche Grundlage.“

Künftige Trends im Bereich Soziologie

Porträtbild von Jens Homburg

Jens Homburg

Foto: privat

In einer sich ständig wandelnden Gesellschaft ist die Frage, was die Zukunft bringen wird, allgegenwärtig. Typische Fragstellungen: Wie werden die Menschen künftig kommunizieren? Was wäre, wenn morgen Bundestagswahl wäre? Welche Waren und Dienstleistungen wünschen sich die Verbraucher in Zukunft?

„Hier können Soziologen gute Beiträge leisten“, bestätigt Jens Homberg. „Sie können aber auch Ursachenforschung betreiben, wenn sich in der Gesellschaft Sorgen und Befürchtungen entwickeln: Wie entwickelt sich die Integration von zugewanderten Menschen? Wie wird die Alterung unsere Gesellschaft verändern? In diesem Zusammenhang wird die Soziologie als ‚Erkenntnislieferant‘ an Bedeutung gewinnen.“

Spannende Studienmöglichkeiten

Wer Interesse am Studium der Soziologie hat, sollte sich auf jeden Fall für gesellschaftliche Phänomene interessieren und sich nicht davor scheuen, ihnen mit wissenschaftlichen Methoden auf den Grund zu gehen. „Typische Module im Bachelorstudium sind beispielsweise Methoden der empirischen Sozialforschung, Mikrosoziologie (Individuum), Makrosoziologie (Gesellschaft) und Demografie sowie Sozialstrukturen im Vergleich“, zählt Jens Homburg auf. Das Studienfach wird entweder einzeln oder im Zwei-Fach-Bachelor, ausschließlich an Universitäten studiert. Soziologie als Fach im Lehramtsstudium ist nur an den Universitäten Göttingen, Potsdam und Osnabrück möglich.

Im meist konsekutiven, also weiterführenden Masterstudium werden Themen aus dem Bachelorstudium aufgegriffen und vertieft. „Infrage kommen zum Beispiel Gender Studies oder Verzahnungen mit anderen sozialwissenschaftlichen Richtungen wie den Politik- oder Kulturwissenschaften“, sagt der Experte. Zusätzlich gibt es auch die Möglichkeit der Promotion.

Anforderungen frühzeitig kennen

Wer die Jobbörse der Agentur für Arbeit nach Stellenangeboten für Soziologen durchsucht, wird auf eine große Vielfalt an Arbeitgebern stoßen – von Hochschulen und Ministerien über Werbeagenturen, Landes- und Bundesbehörden bis hin zu Bildungseinrichtungen. „Auffällig ist, dass viele Angebote nicht nur Soziologen vorbehalten sind, sondern auch andere Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler ansprechen. Eine Vorgehensweise im Sinne von ‚Ich mache mal meinen Abschluss und schaue dann, wer mich gebrauchen kann‘ bietet sich deshalb nicht an“, warnt Berufsberater Jens Homburg.

Er rät daher: „Studierende der Soziologie sollten regelmäßig den Arbeitsmarkt für ihren Studiengang auswerten und sich spätestens bis zum Bachelor darüber Gedanken machen, für welche Arbeitgeber sie einmal tätig werden wollen.“ Wichtig ist zudem, die jeweiligen Anforderungen zu kennen und die gegebenenfalls fehlenden Kompetenzen noch zu erwerben. Dies kann im Studium, aber auch zum Beispiel in Praktika geschehen.

Mehr Infos

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild. (Suchworte: Soziologie, Soziologe/Soziologin)

www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen. (Suchwort: Soziologie)

www.studienwahl.de

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung. Informationen zu passenden Studiengängen und -berufen findest du im Teilberufsfeld „Gesellschaftswissenschaften“.

www.berufsfeld-info.de/abi

Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen

www.bds-soz.de

Deutsche Gesellschaft für Soziologie

www.soziologie.de

 

Soziologe

Arbeitswelten verstehen

Wie verändern digitale Technologien die Arbeitswelt? Mit solchen und weiteren gesellschaftlichen Fragen beschäftigt sich der Soziologe Christoph Müller (28), der als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg arbeitet.

Seit April 2018 arbeitet Christoph Müller als wissenschaftlicher Mitarbeiter am IAB im Fachbereich „Bildung, Qualifizierung und Erwerbsverläufe“. Im Rahmen eines Forschungsnetzwerks wirkt er bei der Studie „Nationales Bildungspanel – Bildung im Erwachsenenalter und lebenslanges Lernen“, kurz NEPS-SC6, mit. Diese wird einmal im Jahr durchgeführt.

„Zusammen mit meinen Kollegen entwickle ich dafür ein entsprechendes Modul mit speziellen Fragen, die einer Gruppe von Teilnehmern im Alter von 33 bis 75 Jahren gestellt werden.“ Die Teilnehmer sollen zum Beispiel angeben, wie sich digitale Technologien auf ihre Arbeit auswirken und ob sie sich dadurch manchmal fremdbestimmt, gar überfordert fühlen. Ein externes Institut führt die Befragung für das IAB durch. „Ich arbeite vor allem im Hintergrund und überprüfe anschließend wie die Befragung funktioniert hat.“ Und da jedes Jahr dieselben Menschen befragt werden, gehört auch die allgemeine Kommunikation mit den Befragten zu den Aufgaben von Christoph Müller.

Kein Arbeitstag gleicht dem anderen

Porträtbild von Christoph Müller

Christoph Müller

Foto: privat

Einen typischen Arbeitstag zu beschreiben, fällt dem Soziologen schwer. „Die meiste Zeit verbringe ich am PC. Darüber hinaus bespreche ich mit Kollegen vor Ort in Meetings den aktuellen Stand der Studie. Und da einige meiner Partner und Kollegen in Bamberg, Berlin und Bonn sitzen, verbringe ich auch Zeit am Telefon oder bin regelmäßig auf Dienstreisen.“ Auch ist sein Arbeitspensum unterschiedlich hoch. Wenn etwa der Feldstart der NEPS-Studie ansteht, hat Christoph Müller sehr viel zu tun. „Wenn alles vorbei ist, kehren wieder ruhigere Phasen ein.“

Dann bleibt wieder mehr Zeit für seine Promotion, an der er parallel zu seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter schreibt. Sein Thema: Technologischer Wandel und das Bildungsverhalten von Erwachsenen. „Für meine Dissertation und die Mitarbeit an der NEPS-Studie ist es von Vorteil, dass ich mich schnell in neue Themen einarbeiten und diese kritisch hinterfragen kann. Gerade das lernt man im Soziologiestudium.“ Die Kenntnis über verschiedene Themengebiete der Soziologie, zum Beispiel, wie Menschen Sprache verstehen, helfe sehr bei der Entwicklung von Fragenkatalogen. „Auch ist es wichtig, seine Aufgaben eigenverantwortlich und selbständig erledigen zu können“, findet der 28-Jährige.

Gesellschaft und Wirtschaft im Blick

Christoph Müller hat sich schon früh für gesellschaftliche Themen interessiert. „Die Frage ‚Wie kann Gesellschaft funktionieren?’ beschäftigte mich bereits in meiner Schulzeit“, erzählt er. Nach dem Abitur schrieb er sich deshalb für das Zwei-Fach-Bachelorstudium „Soziologie und Ökonomie“ an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen ein. „Die Kombination des breitgefächerten Fachs Soziologie mit der eher konkret gefassten Ökonomie hat mir besonders gut gefallen.“

Um noch mehr über die Gesellschaft und ihr Zusammenwirken zu lernen, wählte der 28-Jährige im Anschluss das Masterstudium Soziologie – ebenfalls an der Universität in Erlangen.

Tipps für den Einstieg

Schon während seines Masterstudiums war er als wissenschaftliche Hilfskraft am IAB tätig war. „Zusätzlich habe ich an meiner Hochschule am Lehrstuhl für empirische Sozialforschung gearbeitet. Durch diese beiden Tätigkeiten habe ich viel Praxiswissen erworben, was mir jetzt sehr zugute kommt.“

Für den Berufseinstieg hat ihm sein Netzwerk aus dem Studium sehr geholfen. „Vor allem der Kontakt zu meiner Dozentin am Lehrstuhl und den Mitarbeitern am IAB hat mir den Einstieg sehr erleichtert und mir Orientierung gegeben.“ Christoph Müller rät deshalb, sich frühzeitig damit auseinander zusetzen, wo man hin möchte und welche Themen einen interessieren. „Das muss nicht sofort im ersten oder zweiten Semester sein. Aber gegen Ende des Studiums macht es Sinn, zu wissen ‚Wo will ich hin?’. So kann man entsprechend Kontakt zu Dozenten und potenziellen Arbeitgebern suchen.“

 

Soziologie

Neue Perspektiven über das Zusammenleben

Philosophie, Germanistik oder doch lieber Soziologie? Hannah Kesselmeyer (23) hatte die Qual der Wahl und entschied sich letztlich für den Bachelor in Soziologie an der Universität Bielefeld – und erfährt nun mehr darüber, wie Gesellschaften ticken.

„Bei Soziologie geht es um die Frage, warum Menschen etwas tun und wie das Zusammenleben in der Gesellschaft funktioniert“ – mit dieser simplen Aussage hatte Hannah Kesselmeyers Onkel die damalige Schülerin überzeugt. „Das war, was ich schon immer machen wollte. Bereits als Kind tat ich nichts lieber, als das Verhalten anderer Menschen zu beobachten“, erzählt die 23-Jährige schmunzelnd.

Vermittlung von Praxis und Theorie

Um zum Bachelorstudiengang zugelassen zu werden, musste Hannah Kesselmeyer einen Zulassungsantrag stellen und sich mit ihrem Abiturzeugnis und einigen anderen Unterlagen einschreiben. „Zusätzlich habe ich etwa den Nachweis über mein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Seniorenheim im israelischen Haifa beigefügt.“

Porträtbild von Hannah Kesselmeyer

Hannah Kesselmeyer

Foto: privat

In den ersten Semestern wurden die 23-Jährige und ihre Kommilitonen in die Grundlagen der Soziologie eingeführt. Dabei standen die großen soziologischen Theorien genauso auf dem Lehrplan wie qualitative und quantitative Methoden. „Am besten gefällt mir die qualitative Methodik. Da gibt es zum Beispiel Interviewformen, bei denen die Forschenden einfach nur zuhören, ohne Fragen zu stellen. Man bittet die Befragten, einfach zu erzählen.“ Das erlaubt einen weitaus offeneren Zugang zu einem Forschungsthema, als dies in der quantitativen Methodik etwa mit einem festen Fragenkatalog für eine große Gruppe an Teilnehmern tut, ist aber auch entsprechend aufwendiger.

In verschiedenen Übungen und Seminaren haben die Studierenden schließlich die Möglichkeit, das Gelernte anzuwenden, Essays zu verfassen oder das richtige Zitieren zu erlernen. Nicht zu vergessen sind die sehr praxisorientierten Seminare: „In einem haben wir zum Beispiel geübt, einzelne Informationen aus großen Datensätzen mithilfe von speziellen Programmen herauszufiltern und zu bearbeiten“, erzählt die Studentin.

Fokus voll auf die Soziologie

Mittlerweile befindet sich Hannah Kesselmeyer im siebten Semester ihres Bachelorstudiengangs. Zuerst war sie für die beiden Studienfächer Soziologie und Philosophie eingeschrieben, wechselte dann aber nach einem Jahr auf den Ein-Fach-Bachelor Soziologie. „Mir gefällt vor allem die große Bandbreite des Fachs. Es gibt nichts, womit man sich in Soziologie nicht beschäftigen könnte – von Medien über Politik bis hin zu Arbeitsmarkt oder Familie.“

Auch schätzt sie die vielen unterschiedlichen Methoden, Theorien und Perspektiven, mit denen sich gesellschaftliche Phänomene betrachten lassen. „Seitdem ich Soziologie studiere, gehe ich mit einem ganz anderen Blick durchs Leben. Zum Beispiel habe ich mal mit einem Kommilitonen ein Konzert besucht. Am Ende haben wir nicht nur einfach applaudiert. Nein, wir haben den Applaus als Kommunikation und die Dynamik dahinter beobachtet und reflektiert“, beschreibt sie.

Wissensvertiefung und Praxisphase

Eigene Schwerpunkte im Studium können Hannah Kesselmeyer und ihre Kommilitonen durch ihre Wahl von Fachmodulen setzen. Die Studentin entschied sich etwa für „Organisation“, „Arbeit, Wirtschaft, Sozialpolitik“, „Recht und Regulierung“ sowie „Transnationalisierung, Migration und Entwicklung“. Und eine Besonderheit in Bielefeld gefällt ihr persönlich ganz besonders: „Damit wir angehenden Soziologen mal über den Tellerrand hinausschauen, sollen wir auch fachfremde Veranstaltungen aus einem anderen Fachbereich besuchen. Ich habe in die Geschichtswissenschaft, vor allem die Wissenschaftsgeschichte reingeschnuppert – das hat mir viele neue Denkanstöße gegeben. Außerdem habe ich noch vor, mich der Rechtswissenschaft zuzuwenden, um mich auf die Rechtssoziologie vorzubereiten.“

Studienleistungen werden im Fach Soziologie meist über Hausarbeiten erbracht. Nur die Inhalte der Vorlesungen Statistik, Qualitative Methoden und Strukturanalysen werden in Klausuren abgeprüft. „Ein weiterer wichtiger Teil ist die Praktikumsphase. Sie umfasst 240 Stunden und soll außerhalb der Uni geleistet werden. In einem Unternehmen etwa oder einem Forschungsinstitut“, schildert sie. Diese Praktika können entweder stundenweise parallel zum Semester oder auch am Block absolviert werden. Hannah Kesselmeyer könnte sich ein Praktikum in der Personalabteilung eines Unternehmens oder in einem Ministerium vorstellen. Der wichtigste Leistungsnachweis erfolgt jedoch über die Bachelorarbeit.

Wünsche für die Zukunft

Und was möchte sie später mal mit ihrem Soziologieabschluss anfangen? Da braucht die 23-Jährige nicht lange zu überlegen: „Die Arbeit in einer Personalabteilung fände ich spannend. Dort würde ich gerne Arbeit für andere gut gestalten. Aber ich könnte mir auch vorstellen, als Wissenschaftlerin an der Uni zu arbeiten.“ So oder so möchte Hannah Kesselmeyer an der Universität Bielefeld bleiben und ihren weiterführenden Master in Soziologie machen.


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Stand: 28.01.2020