Faszination Zukunft

Christian Klueß bedient eine Herz / Lungen Maschine waehrend einer Bypass Op.
Wie kann künstliche Intelligenz die Medizin verändern? Die Zukunftsforscherin Michaela Evers-Wölk beschäftigt sich mit solchen Fragen.
Foto: Thorsten Ulonska

Berufe mit Weitblick

Faszination Zukunft

Kneipenbesuch per Flugtaxi, Roboter als Kollegen. Wie wird sie bloß, die Zukunft? Diese Frage fasziniert schon seit Menschengedenken – nicht nur Fantasten wie Jules Verne oder Douglas Adams. Es gibt viele Menschen, die rein beruflich in die Zukunft blicken. Denn die Welt von morgen spielt eine viel größere Rolle in unserem täglichen Leben als die meisten denken.

Wir schreiben das Jahr 1969. Auf Millionen von Fernsehgeräten flimmert eine neue Raumschiff-Enterprise-Folge: „Captain Kirk an Lieutenant Uhura. Hier wird’s brenzlig. Sagen Sie Scotty, er soll mich hochbeamen. Jetzt!“. Auf dem Planeten Ardana klappt Captain Kirk seinen Kommunikator zu, während Lieutenant Uhura sich ans Ohr tippt und per Headset den Befehl an Chefingenieur Scotty weitergibt. Der gibt die Koordinaten von Kirk auf dem Touchscreen ein und beamt seinen Chef aus der giftigen Zenit-Mine hoch in die Sicherheit des Raumschiffs.

Von Fiktion und Wirklichkeit

Ein Porträt-Foto von Michaela Evers-Wölk.

Michaela Evers-Wölk

Foto: privat

Szenen wie diese begeistern Michaela Evers-Wölk vom IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Die Zukunftsforscherin findet es spannend, dass Fiktion und Realität manchmal nur ein paar Jahre auseinander liegen. „Das Klapphandy, das Wireless-Headset, der Touchscreen, die GPS-Ortung, die Videotelefonie, all das haben wir heute, weil sich das die Macher von Raumschiff Enterprise in den1960er Jahren so ausgedacht haben“, lacht sie, „nur das mit dem Beamen wird wohl nie funktionieren, da stoßen wir einfach an unsere physikalischen Grenzen.“

Sie findet es ganz selbstverständlich, dass sich Erfinder, Entwickler und Tüftler von phantastischen Science-Fiction-Ideen inspirieren lassen. „Das ist ja nicht verwunderlich. Wenn sich ein Mensch so etwas ausgedacht hat, dann gibt es offensichtlich einen Wunsch, einen Bedarf an dieser Technologie“, erklärt sie. Als weiteres Beispiel nennt sie Erfindungen an der sogenannten Mensch-Maschine-Schnittstelle. „Sprachsteuerung mit Alexa, Siri und Co., Gestensteuerung, der Diagnose-Scanner vom Star-Trek-Doc Dr. Pille, all diese Dingen kennt man aus Film und Fernsehen und sie wurden Realität“, erklärt die technikaffine Zukunftsforscherin.

Zwischen Vision und Albtraum

Allerdings sei nicht alles, was technisch machbar ist, auch wünschenswert. Dies zeige die Vergangenheit. „Die Hiroshima-Bombe war eine Zäsur. Man könnte sagen, sie war die Geburtsstunde der Zukunftsforschung. Beim Anblick der grausamen Bilder begann man sich systematisch damit auseinanderzusetzen, welche zunächst nicht beabsichtigten Effekte Technologien haben können und fragte sich, wie man sie steuern und flankieren kann“, erklärt sie den Kern ihrer eigenen Disziplin. Es gehe eben nicht nur darum, in die Zukunft zu blicken und Wahrscheinlichkeiten zu prognostizieren, sondern auch darum, herauszufinden, wohin sich die Gesellschaft entwickeln möchte.

Die Zukunftsforscherin leitet derzeit eine IZT-Forschungsgruppe, die unter anderem untersucht, wie die Künstliche Intelligenz das Gesundheitssystem in Deutschland verändern wird. „Zunächst überlegen wir uns Befragungsmethoden, um herauszufinden, welche Experten seriöse Einschätzungen liefern können. Dann fragen wir deren Wissen systematisch ab und untersuchen im Anschluss, welche Personengruppen – zum Beispiel Patienten, Ärzte und Pfleger – von der technischen Entwicklung berührt werden und erfassen deren Wünsche und Bedürfnisse“, erläutert sie ihre Arbeit. Diese Daten fließen dann in Modelle für mögliche, wahrscheinliche und wünschenswerte Zukunftsszenarien ein.

Die Zukunft liegt im Trend

Aber nicht nur Zukunftsforscher wie Michaela Evers-Wölk beschäftigen sich mit der Welt von morgen. Meteorologen sagen das Wetter voraus – und wir lassen am nächsten Morgen unseren Regenschirm zuhause. Trendscouts spüren Impulse für die Mode der übernächsten Saison auf und wir kaufen in zwei Jahren nur noch T-Shirts in Pastelltönen. Innovationsmanager stoßen wirtschaftlich erfolgsversprechende Entwicklungen an und wir werden Teil des Internets der Dinge (siehe hierzu auch die Reportage „Was müssen wir heute tun, um morgen erfolgreich zu sein?“). Auch Versicherungsbeiträge basieren auf statistischen Wahrscheinlichkeiten, genauso wie neue Geschäftsmodelle und Standorte von Windparks (siehe hierzu die Berufsreportage über einen Energiemeteorologen „Wissen, wo der Wind weht“).

„Unternehmen möchten gerne wissen, welche Dienstleistungen und Produkte in den nächsten Jahren nachgefragt werden, Parteien möchten wissen, wie die nächsten Wahlen ausgehen und für Milliarden von Menschen ist es von Bedeutung, wie das Klima sich auf unserem Planeten verändert und welchen Einfluss dies auf ihre Existenz haben wird“, bringt Berufsberater Jens Homberg von der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven den Wissensbedarf auf den Punkt. Forschungseinrichtungen wie das IZT oder diverse Fraunhofer Institute aber auch Trendagenturen, Unternehmensberater und Markt- sowie Meinungsforschungsinstitute würden die Antworten liefern.

Viele Disziplinen – eine Herangehensweise

Was die meisten gemein haben ist, dass sie sich empirischer Methoden bedienen. „Natürlich kann man sich ‚Trendscout‘ nennen, wenn man meint, über einen guten Riecher für Trends zu verfügen. Doch wer sich fundiert mit der Zukunft befassen will, sollte in der Regel studiert haben. Die Richtung ergibt sich aus dem Fachgebiet, in welchem man sich mit zukünftigen Entwicklungen befassen will“, sagt Jens Homberg. Der Berater merkt aber an, dass sich auch diverse Ausbildungsberufe zum Beispiel im Bereich Medien, Marketing oder Kommunikation mit Marktentwicklungen beschäftigen.

Zunächst müsse man sich also überlegen, ob man beispielsweise als Manager, Politologe, Geophysiker oder als Ingenieur einen Blick in die Zukunft werfen möchte. „Einen hohen Stellenwert haben sicherlich auch die Sozialwissenschaften, da sich diese mit ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Aspekten befassen“, klärt er auf. Im IZT-Zukunftsforschungsteam sind nahezu alle wissenschaftlichen Disziplinen vertreten, auch Naturwissenschaftler, Philosophen, Kulturwissenschaftler und Pädagogen, sowie Absolventen des relativ neuen weiterführenden Masterstudiengangs „Zukunftsforschung“ an der Freien Universität Berlin (siehe hierzu auch die Reportage „Nichts ist vorherbestimmt. Alles ist möglich“).

Nur wenige spezifische Studiengänge

„Studiengänge, die sich ganz spezifisch mit Trends oder der Zukunft befassen, gibt es bislang in Deutschland nur wenige“, sagt Jens Homberg. Neben dem Masterstudiengang „Urbane Zukunft“ an der Fachhochschule Potsdam zählt er als Beispiele den Masterstudiengang Sporttourismus- und Erholungsmanagement an der Deutschen Sporthochschule in Köln mit den Schwerpunkten „Zukunftsmarkt Erlebnis und Erholung“ und „Zukunftsorientierte Angebots- und Produktentwicklung“ und das berufsbegleitende MBA-Programm „Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement“ an der Hochschule in Nürtingen auf. Auch bieten diverse Hochschulen Innovationsmanagement als grund- beziehungsweise weiterführendes Studium an. Die private Brand Academy in Hamburg bietet den Bachelorstudiengang „Brand Management“ mit dem möglichen Schwerpunkt „Markt- und Trendforschung“ an. Bei den Angeboten privater Hochschulen müsse man allerdings mit hohen Studiengebühren rechnen.

Das Geschäft mit der Zukunft boomt, findet Michaela Evers-Wölk. „Technologien verändern sich derzeit rasant. Alle Lebensbereiche sind mittlerweile technologisch durchdrungen oder werden es bald sein. Das treibt alle um, insbesondere Wirtschaftsunternehmen“, sagt sie. „Genau diese wirtschaftliche Bedeutung spricht für einen Beruf mit Weitblick“, sagt Jens Homberg. „Die Nachfrage nach Menschen mit entsprechenden Qualifikationen wird in Zukunft sicherlich nicht schwinden – und das ist keineswegs eine gewagte Prognose.“

Angehenden Berufsprognostikern gibt er auf den Weg: „Neugierde ist wichtig und man sollte mit Zahlen und der Mathematik nicht auf Kriegsfuß stehen. In der Regel müssen große Datenmengen gewonnen und mit statistischen Methoden bearbeitet werden“, sagt er. Für noch wichtiger hält Michaela Evers-Wölk Offenheit, eine ganzheitliche Denkweise und Interesse am interdisziplinären Austausch. „Alle Risiken und alle Chancen im Blick zu haben, darum geht’s uns Zukunftsforschern.“

Info

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.
www.berufenet.arbeitsagentur.de

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit mit einem Überblick und Reportagen zu verschiedenen Berufswelten.
www.berufsfeld-info.de

studienwahl.de

Infoportal der Bundesländer in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung

www.izt.de

Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

www.isi.fraunhofer.de

Fraunhofer Institut für Windenergiesysteme (IWES)

www.iwes.fraunhofer.de

Zentrum für Windenergieforschung der Universität Oldenburg

www.forwind.de

Masterstudiengang Zukunftsforschung an der FU Berlin

http://www.ewi-psy.fu-berlin.de/v/master-zukunftsforschung/

Wirtschaftsingenieurwesen auf der Hochschule Ulm

https://studium.hs-ulm.de/de/Seiten/Studiengang_WI.aspx

 

Zukunftsforschung

„Die eine Zukunft gibt es nicht“

Nicht passiv der Zukunft entgegentaumeln, sondern sie aktiv vorantreiben: Das möchte Aileen Moeck. Die 27-Jährige studiert im weiterbildenden Masterstudiengang „Zukunftsforschung“ an der Freien Universität Berlin im vierten Semester. Dort erlernt sie Methoden zur Erforschung, Konstruktion und Reflexion von Zukunftsvorstellungen in Gesellschaft, Technik, Politik und Wirtschaft.

2015, das ist das Jahr, in dem der Hollywood-Kultfilm „Zurück in die Zukunft II“ spielt – und das Jahr, in dem sich Aileen Moeck überlegte, was sie nach ihrem BWL-Bachelor im brandenburgischen Wildau machen möchte. „Der selbstschnürende Turnschuh, der in dem Film aus den 1980er Jahren vorkommt, wurde von Nike tatsächlich entwickelt. Das hat mich fasziniert und ich habe angefangen darüber nachzudenken, warum manche fiktionalen Ideen Wirklichkeit werden und andere pure Fantasie bleiben“, erinnert sich die heute 27-Jährige.

Schon während des Bachelors hatte sie sich mit der Entwicklung neuer Geschäftsideen, mit Trendanalysen und Innovationstreibern beschäftigt. Anschließend jobbte sie bei einem E-Commerce-Unternehmen. „Der rein wirtschaftliche Blickwinkel mit der Betrachtung von Kunden- und Marktbedürfnissen war mir aber nicht genug. Ich wollte ein umfassenderes Bild bekommen: Woher kommt das Neue? Was hat mein Handeln von heute für Auswirkungen auf die Zukunft? Welche politischen Weichen haben welche Auswirkungen auf die Gesellschaft? Mit solchen Fragen wollte ich mich intensiver beschäftigen.“

Interdisziplinärer Studiengang

Ein Porträt-Foto von Aileen Moeck

Aileen Moeck

Foto: privat

Sie recherchierte im Internet und entdeckte den zweijährigen Masterstudiengang „Zukunftsforschung“ an der Freien Universität Berlin. Er setzt ein berufsqualifizierendes Studium und mindestens ein Jahr Berufserfahrung voraus, egal in welchem Bereich. Der Minijob nach dem Studium wurde angerechnet. „Die Lehre ist interdisziplinär ausgerichtet. Es gibt Professoren aus ganz unterschiedlichen Bereichen, auch wenn der Studiengang organisatorisch bei den Erziehungswissenschaften beheimatet ist“, erklärt die angehende Zukunftsforscherin. Sie bewarb sich mit einem leidenschaftlichen Motivationsschreiben und berappte 2.600 Euro bei der Einschreibung. Insgesamt kostet das Studium 5.200 Euro.

„Das ist und war es mir wert. In meinem Semester sind Ingenieure, Mediziner, Geisteswissenschaftler und ein paar wenige BWLer. Alt und Jung, ganz bunt, aus allen Ecken, aber alle total engagiert, diskussionsfreudig, kritisch, zielstrebig“, schildert sie ihre ersten Eindrücke. „Am Anfang war ich relativ schockiert, wie unterschiedlich die Disziplinen ticken, zum Beispiel, dass es den Geisteswissenschaftlern gar nicht darum geht, ein eindeutiges Ergebnis zu erzielen. Für sie ist klar, dass es die eine Wahrheit nicht gibt.“

Zwischen Erkenntnistheorie und Kreativtechnik

Zunächst lernen die Studierenden die zentralen Einsatzfelder der Zukunftsforschung in Wirtschaft, Technik, Politik und Gesellschaft kennen und bekommen einen Einblick in verschiedene Konzepte, Erkenntnis-Theorien, Berechnungsmodelle, Evaluationsmethoden und Befragungstechniken. Als Fachhochschulabsolventin war Aileen Moeck das universitäre, wissenschaftliche Arbeiten nicht vertraut. „Vieles war völlig neu, in anderen praxisorientierten Sachen hatte ich aber Vorteile“, sagt sie. Besonders fasziniert ist sie von den Kreativ- und Denktechniken, die helfen sollen, Experten zum Sinnieren über unterschiedliche Zukunftsmodelle zu animieren. „Die eine Zukunft gibt es ja nicht. Es ist ja nichts vorherbestimmt. Alles ist möglich. Man schaut sich aber an, was passieren könnte, wenn man in der Gegenwart an einer bestimmten Stellschraube dreht“, erläutert sie das Prinzip der Zukunftsforschung, das sie in ihrem weiteren Studium auch praktisch anwendet – mithilfe von Simulationssoftware.

„Man modelliert am Rechner verschiedene Szenarien und versucht herauszufinden, was man tun muss, damit die Zukunft eintritt, die ich mir wünsche“, ergänzt sie. Dass starke Interessengruppen auch konträre Wunschvorstellungen haben können, macht ihr keine Angst. „Wenn ich weiß, dass man die Zukunft beliebig jeden Tag umschreiben kann, dann macht mir das Mut – auch in unsicheren Zeiten“, sagt sie.

Eigene Zukunft im Consulting

Ihre Masterarbeit schreibt die 27-Jährige über ein Schulprojekt, das Zukunftsdenken und -orientierung im Unterricht zu vermitteln versucht. Die Weichen für ihre eigene, persönliche Zukunft hat sie auch schon gestellt. Sie arbeite derzeit schon nebenberuflich für eine Consultingfirma, die Behörden und Unternehmen in strategischen Entscheidungen unterstützt und in deren Auftrag Vorschauen für Fokusthemen erstellt. „Hier möchte ich erstmal bleiben und meine Ideen, Impulse und Denkanstöße einbringen.“

 

Energiemeteorologe

Wissen, wo der Wind weht

Deutschland arbeitet derzeit verstärkt an der Energiewende. Statt Kohle und Atomkraft sollen zukünftig Sonne, Wind und andere erneuerbare Ressourcen den Strombedarf decken. Doch wo weht ausreichend Wind? Wo scheint die Sonne am häufigsten? Energiemeteorologen wie Dr. Martin Dörenkämper (31) treffen Vorhersagen darüber, wo es sinnvoll ist Windparks, Photovoltaikanlagen und Co. zu installieren.

Wir Energiemeteorologen schließen die Lücke zwischen den Meteorologen und den Klimaforschern“, erklärt Dr. Martin Dörenkämper. „Während die Meteorologen kurzfristige Wettervorhersagen machen und die Klimaforscher sehr weit in die Zukunft blicken, treffen wir Aussagen für einen Zeithorizont von 20 bis 30 Jahren.“ Der 31-Jährige arbeitet am Fraunhofer Institut für Windenergiesysteme (IWES) in Oldenburg. Sein Spezialgebiet ist die Analyse und Berechnung des zukünftigen Windaufkommens auf hoher See.

„Fraunhofer Institute betreiben anwendungsnahe Forschung und greifen konkrete Aufgabenstellungen der Industrie auf. Meine Prognosen müssen die gesamte Lebensdauer eines Offshore-Windparks abdecken, denn Betreiber und Investoren möchten wissen, ob sich eine Anlage an Ort und Stelle für sie wirtschaftlich lohnt“, sagt er. Genau das findet er besonders reizvoll. „Ich bin ganz nah dran an der Umsetzung. Ich kann erleben, ob meine Prognosen tatsächlich so eintreten. Das finde ich sehr spannend“, sagt der Energiemeteorologe.

Die meiste Zeit am Rechner

Ein Porträt-Foto von Dr. Martin Dörenkämper.

Dr. Martin Dörenkämper

Foto: privat

Die Kraft des Offshore-Winds auf der eigenen Haut bekommt Martin Dörenkämper allerdings äußerst selten zu spüren. Die meiste Arbeitszeit verbringt er am Computer. „Ich habe schon einmal bei einer Besichtigung an einem zukünftigen Standort von Windenergieanlagen gestanden, ja. Das kommt aber sehr selten vor. Man kann sagen, ich sitze fast ausschließlich am Rechner. Ich entwickle Simulationsprogramme, passe sie an konkrete Anwendungsfälle an und führe Berechnungen durch“, schildert er den Kern seines Arbeitsalltags. Die riesigen Datensätze, die er für seine Berechnungen benötigt, etwa zum historischen Windvorkommen vor Ort oder zu weiteren relevanten physikalischen Parametern stellen ihm die Meteorologen von Wetterdiensten zur Verfügung. „Messungen führe ich selber keine durch. Meine Aufgabe ist es aber, zu verstehen und zu analysieren, welche Daten und Parameter für meine Prognose wichtig sein könnten“, erklärt er.

Große Freiheit bei der Arbeitsgestaltung

Neben den Vorhersagen für die Industrie arbeitet Martin Dörenkämper auch an größeren Forschungsprojekten mit. Derzeit erstellt er mit Kollegen aus ganz Europa einen umfassenden Neuen Europäischen Windatlas (NEWA). „Diese Mischung finde ich gut: Auf der einen Seite das große Ganze, der Austausch mit Kollegen rund um den Globus. Auf der anderen Seite, die konkreten industriellen Aufträge“, sagt er. Bei der Gestaltung seiner Arbeitszeit ist der Energiemeteorologe weitgehend frei. „Klar, mein Chef teilt mir die Aufgaben zu und ich muss Projektpläne und Absprachen beachten, aber ansonsten bin ich flexibel“, sagt der 31-Jährige, der seinen Beruf liebt – auch wenn er sich seinen Arbeitsalltag ursprünglich ganz anders vorgestellt hatte.

„Viel draußen sein, die Wolken beobachten, die Naturgewalten spüren, den Wind in den Haaren, die Sonne auf der Haut. Sowas hatten viele Kommilitonen im Hinterkopf“, erinnert sich Martin Dörenkämper an den Beginn seines Studiums der Meteorologie in Hamburg. „Mir war aber schnell klar, dass das nur ein ganz kleiner Teil sein wird. Denn bald ging es fast ausschließlich um Physik, Mathe und ums Programmieren“, sagt er und schiebt nach: „Man sollte in jedem Fall Verständnis für physikalische Phänomene, Interesse an Mathe, Geographie und keine Angst vor Computern haben.“

Studium der Meteorologie

Nach dem Bachelor schloss Martin Dörenkämper einen Master in Meteorologie an, ebenfalls in Hamburg. „Im Master hatte ich mich bereits auf die Windenergie spezialisiert. Energiemeteorologie speziell konnte man und kann man auch heute noch nicht in Deutschland studieren“, erklärt der Wissenschaftler, der im Master auch ein halbes Jahr in Oklahoma war. Für seine Doktorarbeit wechselte er dann 2011 ans Zentrum für Windenergieforschung (ForWind) an der Universität Oldenburg. Seit zwei Jahren arbeitet er nun beim Fraunhofer IWES.

„Ich fühle mich wohl hier, schätze die Arbeit in einem kleinen Team und kann mich inhaltlich weiterentwickeln. Langfristig könnte ich mir schon eine Teamleitung vorstellen. Den Bezug zu den konkreten Projekten und Aufgabenstellungen möchte ich aber nicht verlieren“, merkt der Energiemeteorologe an. Eine reine Managementposition käme für ihn deshalb nicht in Frage. „Das Fraunhofer fördert seine Mitarbeiter sehr. Es gibt umfassende Weiterbildungsprogramme. Das finde ich gut“, sagt er zufrieden. Und die Sehnsucht nach dem Wind auf der Haut? „Nicht so schlimm“, lacht er. „Zum Glück gibt es ja auch noch die Zeit nach Feierabend. Da kann ich so viel draußen sein, wie ich möchte.“

 

Berufe mit Weitblick – Berufsübersicht

Wer in die Zukunft schaut …

Es gibt eine Vielzahl an beruflichen Tätigkeiten, die mit Prognosen arbeiten oder selber welche erstellen. Wer macht dabei was? abi» hat eine beispielhafte Übersicht zusammengetragen.

Demografen

Demografen beschreiben und analysieren die Bevölkerungsentwicklung. Dabei nutzen sie zentrale Kennziffern wie Geburten-, Sterbe- und Migrationsraten oder die durchschnittliche Lebenserwartung und berücksichtigen für ihre Vorhersagen ökonomische, politische, soziale und ökologische Rahmenbedingungen. Demografen arbeiten in sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituten, bei Beratungsfirmen, in Statistikämtern und in der Markt- und Meinungsforschung. Der Zugang zum Beruf gelingt über ein Studium, beispielsweise Soziologie, Statistik oder Sozialwissenschaften.

Idea- und Innovationsmanager

Idea- und Innovations-Manager unterstützen den Innovationsprozess innerhalb eines Unternehmens. Sie erneuern oder verbessern Prozesse, Produkte oder Dienstleistungen. Idea- und Innovationmanager arbeiten vor allem in großen Technologieunternehmen und bei Beratungsfirmen. Voraussetzung für diese Tätigkeit ist ein Studium, etwa Innovationsmanagement, Produktentwicklung oder Technologiemanagement

Konjunkturforscher

Konjunkturforscher analysieren volkswirtschaftliche Erscheinungen, prognostizieren deren weitere Entwicklung und geben wirtschaftspolitische Empfehlungen. Dazu entwickeln sie Fragebogen und werten sie aus. Konjunkturforscher finden Beschäftigung bei Wirtschaftsforschungsinstituten und Verbänden sowie in Marktforschungsunternehmen. In den Beruf führt beispielsweise ein Studium der Markt- und Kommunikationsforschung, Sozialökonomie oder Volkswirtschaftslehre.

Marktforscher

Marktforscher führen Markt- und Wettbewerbsanalysen durch. Anhand ihrer Ergebnisse beraten und unterstützen sie zum Beispiel Unternehmen der Konsumgüterindustrie, die neue Produkte einführen, ihre Produktpalette umgestalten sowie neue Marktanteile gewinnen wollen. Marktforscher arbeiten in Marktforschungsunternehmen oder bei Beratungsfirmen. Wer Marktforscher werden möchte, kann beispielsweise Soziologie, Werbung/Marketingkommunikation, Datenwissenschaft/Data Science oder Wirtschaftspsychologie studieren.

Meteorologen

Meteorologen erforschen Klimaprozesse und beobachten, messen und prognostizieren Wetterentwicklungen. Sie erarbeiten Modelle für Wettervorhersagen, entwickeln Messinstrumente, sammeln meteorologische Daten und erstellen Statistiken sowie Datenbanken. Meteorologen haben Meteorologie studiert und arbeiten an Hochschulen, in der öffentlichen Verwaltung, bei Versicherungen, bei Funk und Fernsehen sowie bei privatwirtschaftlichen Wetterdiensten.

Ökonometriker

Ökonometriker haben beispielsweise ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, Mathematik, Volkswirtschaftslehre oder Statistik absolviert. Sie erstellen mithilfe mathematischer Verfahren Prognosen über wirtschaftliche Entwicklungen. Beispielsweise überprüfen sie inwieweit eine Steuersenkung neue Arbeitsplätze schaffen kann. Ökonometriker arbeiten in wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstituten, in Statistikämtern, in Konsumforschungsagenturen und großen Wirtschaftsunternehmen.

Produktentwickler (Mode)

Produktentwickler (Mode) beobachten aufmerksam kulturelle und gesellschaftliche Trends und entwerfen basierend darauf neue Designs, die den Geschmack der Menschen im darauffolgenden Jahr treffen sollen. Dabei arbeiten sie oft mit Trendscouts zusammen. Produktentwickler (Mode/Design) sind in der Modebranche und Designabteilungen von Unternehmen beschäftigt. In den Beruf führen eine Ausbildung (zum Beispiel zum Maßschneider, Designer oder zum Textil- und Modeschneider) sowie eine anschließende Weiterbildung.

Rating-Analysten

Rating-Analysten untersuchen, wie finanzkräftig, markt- und zukunftsfähig ein Unternehmen oder eine Institution ist, prüfen Jahres- beziehungsweise Haushaltsabschlüsse und bewerten Faktoren, die die künftige finanzielle Entwicklung beeinflussen können. Rating-Analysten finden Beschäftigung bei Rating-Agenturen, in Unternehmensberatungen und bei Kreditinstituten. Wer Rating-Analyst werden möchte, kann über ein Studium im Bereich Bank- und Finanzdienstleistung einsteigen, eine Weiterbildung zum Wirtschaftsprüfer absolvieren (Voraussetzung dafür ist ein Studienabschluss) oder nach abgeschlossener kaufmännischer Ausbildung eine Weiterbildung zum Betriebswirt – Bank beziehungsweise Fachwirt – Finanzierung und Leasing aufnehmen.

Risikoanalytiker

Risikoanalytiker identifizieren Schwachstellen von versicherten Unternehmen. Sie berechnen beispielsweise mithilfe von Statistiken und Computersimulationen wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Naturkatastrophe, eines Terroranschlags oder eines Betriebsunfalls ist. Risikoanalytiker arbeiten bei Versicherungsgesellschaften. In den Beruf führen unterschiedliche Wege: Möglich ist ein Studium in Finanz- und Wirtschaftsmathematik, Risikomanagement oder Versicherungsbetriebswirtschaft oder eine Weiterbildung zum Aktuar (Voraussetzung hierfür ist ein Studienabschluss). Auch eine Weiterbildung zum Fachwirt – Versicherungen und Finanzen nach abgeschlossener kaufmännischer Ausbildung kommt infrage.

 

Innovationsmanager

Die Verpackung der Zukunft

Damit Unternehmen den Anschluss an neue Technologien nicht verpassen, beschäftigen sie Innovationsmanager wie Timo Kalefe. Der 28-Jährige behält für den Technologiekonzern Voith in Heidenheim die weltweite Forschung und Entwicklung im Auge und analysiert, ob neue Erkenntnisse wirtschaftlich interessant werden könnten.

„Wir setzen uns zurzeit intensiv mit der Frage auseinander, wie die Verpackung der Zukunft aussehen muss und welche Technologien dafür erforderlich sind“, sagt Timo Kalefe mit Blick auf den immer weiter zunehmenden Online-Handel. „Für uns sind etwa künftige umweltfreundliche Papierverpackungen interessant, die Eigenschaften besitzen, die heute Plastikverpackungen zugeschrieben werden“, ergänzt er.

Der 28-Jährige arbeitet seit zwei Jahren als Innovationsmanager bei Voith. Im Konzernbereich „Paper“ produziert das Unternehmen unter anderem Anlagen zur Herstellung von Papier. „Der Verpackungsbereich ist aktuell der größte und relevanteste Markt für die Papierindustrie“, erklärt er und kommt zur Kernaufgabe seines Berufs: Neue Trend- und Technologieentwicklungen aufspüren, sie auf Anwendungsmöglichkeiten in der Papierindustrie „abklopfen“ und analysieren, ob sich daraus Geschäftspotenzial für Voith ergibt.

Schnittstelle zwischen Strategie und Entwicklung

Ein Porträt-Foto von Timo Kalefe.

Timo Kalefe

Foto: privat

„Für mich endet das Thema mit der Potenzialanalyse, die eine technologische oder technische Bewertung wie auch eine Darstellung von klassischen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen enthält. Diese präsentiere ich dem Management, das dann entscheidet, ob das Thema weiterverfolgt wird. Wenn ja, übergebe ich das Zepter an die Kollegen in der Entwicklungsabteilung“, erläutert er. Etwa fünf solcher Themen bearbeitet er im Jahr. Derzeit treibt Unternehmen vor allem die Digitalisierung um. „Neue digitale Technologien wie Virtual Reality aber auch neue Fertigungsverfahren wie der 3D-Druck sind disruptive Technologien, die einen Markt komplett verändern können“, führt er aus (disruptive Technologien sind Innovationen, die bestehende Produkte, Dienstleistungen et cetera ersetzen und gegebenenfalls vom Markt verdrängen).

In Timo Kalefes Arbeitsalltag spielt die digitale Vernetzung eine große Rolle. Er nutzt ein Big-Data-Tool, um wissenschaftliche Datenbanken nach neuen Erkenntnissen zu durchforsten. „Wir haben außerdem eine Innovationsplattform eingeführt, auf der alle Mitarbeiter ähnlich wie in den sozialen Netzwerken neue Ideen teilen und gemeinsam diskutieren können“, erzählt er. Den ständigen Austausch hält der Innovationsmanager generell für immens wichtig in seinem Job. „Allein kann man diese Vielfalt an Themen gar nicht greifen. Ich bin auf die Einschätzung von Experten und Anwendern angewiesen“, erklärt er. Er reist deshalb auch regelmäßig zu Konferenzen und hält Vorträge auf Tagungen. „Man kann schon sagen, dass ich ein Netzwerker bin“, bestätigt er und betont, wie wichtig es ist, andere für innovative Themen zu begeistern.

„Ich bin studierter Wirtschaftsingenieur“

Genau diese Begeisterung hat Timo Kalefe schon früh gepackt. Nach dem Abi entschied er sich für ein Wirtschaftsingenieurwesen-Studium mit dem Schwerpunkt Technologie- und Innovationsmanagement an der Universität Ulm. Erst der Bachelor, dann der Master, wo er einen technischen Schwerpunkt im Bereich Wirtschaftsingenieurwesen setzte. Seine Abschlussarbeit schrieb er über ein Modell zur Technologievorausschau bei seinem heutigen Arbeitgeber. Nicht nur das hat ihm den Weg in seine jetzige Position geebnet. „Die Kombination aus wirtschaftlicher und technologischer Denkweise ist von Vorteil, wobei man sich in meine Aufgaben auch aus anderen Disziplinen kommend reinarbeiten kann. Ich habe zum Beispiel einen Kollegen, der ist Maschinenbauer, ein anderer ist Wirtschaftsphysiker“, betont er.

Für viel wichtiger als die Fachdisziplin hält er Offenheit, Neugierde, strategisches Denken und den Blick über den Tellerrand. „Der ganzheitliche Blick reizt mich besonders. Ich lerne ungemein viele, unterschiedliche Ansätze kennen und ich blicke in die Zukunft einer ganzen Branche. Das ist spannend“, schildert er begeistert. Für seine eigene Zukunft schwebt ihm eine Managementkarriere mit Führungsverantwortung vor.


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Stand: 08.12.2019