„Ein gutes Netzwerk ist essentiell“

Eine Bewerbungsmappe mit einheitlichen, gold-schwarzen Fotografien.
Der erste Schritt an die Kunsthochschule erfolgt über eine Bewerbungsmappe mit eigenen künstlerischen Arbeiten.
Foto: Lukas Krüger

Bildende Kunst – Interview

„Ein gutes Netzwerk ist essentiell“

Wie man es schafft, einen Platz an einer Kunsthochschule zu ergattern und worauf selbstständige Künstler achten müssen, erklärt Marcel Noack, freischaffender Künstler und Fotograf mit dem Schwerpunkt Langzeitdokumentarfotografie. Er studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und sitzt im Bundesvorstand des Bundes Bildender Künstler und im Vorstand der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Künste.

abi» Herr Noack, welche Eigenschaften und Fähigkeiten braucht man, um als Bildender Künstler zu arbeiten?
Marcel Noack: Das Wichtigste ist sicherlich Talent, aber es gibt andere Punkte, die man nicht unterschätzen sollte, weil sie helfen, auf sich und seine Werke aufmerksam zu machen: Man sollte in der Lage sein, sich selbst zu vermarkten, indem man beispielsweise auf Kunstmessen präsent ist und Galeristen anspricht. Ein gutes Netzwerk ist essentiell. Außerdem sollte man bereit sein, sich auch mit Themen wie Steuern und Versicherungen auseinanderzusetzen – auch wenn das nicht gerade das ist, was man sich unter dem Leben eines Künstlers vorstellt. Und nicht zuletzt hilft eine große Prise Idealismus und ein gesundes Durchhaltevermögen, denn es ist gut möglich, dass man auch mal die eine oder andere Durststrecke überstehen muss. Nur wenige Künstler können vom ersten Tag an von ihrer Kunst leben und nur die allerwenigsten schaffen es zu Weltruhm.

Ein Portrait vom Fotografen Marcel Noack.

Marcel Noack

Foto: privat

abi» Bevor es soweit ist und man sich bemühen kann, sich als Künstler einen Namen zu machen, besucht man in der Regel eine Kunsthochschule oder eine Akademie. Wie schwierig ist es, einen Studienplatz bekommen?
Marcel Noack: Als ich mich damals für mein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig beworben habe, kamen auf rund 15 Plätze etwa 400 Bewerber. Das ist heute nicht mehr so stark ausgeprägt. Dennoch gibt es natürlich weitaus mehr Bewerber, als Studienplätze zur Verfügung stehen. Nur konkurrieren die Studienwilligen heute zusätzlich mit Bewerbern aus dem Ausland – aktuell vor allem aus Asien. Die Folge ist klar: Die Hochschulen müssen stark aussieben und nehmen vorzugsweise jene Bewerber, die auch dem eigenen Profil entsprechen. Daher ist es ratsam, sich bei der Hochschulauswahl vorab genau zu informieren und sich an mehreren Schulen zu bewerben.

abi» Wie kann ich mich auf die Bewerbung vorbereiten?
Marcel Noack: Ich empfehle den Besuch einer Mappenschule, also eines Kurses, in dem man mehrere Monate lang die Werke anfertigt, mit denen man sich später an der Hochschule seiner Wahl bewerben möchte. Dort lernt man, sein Auge zu schulen und Ideen zu entwickeln – und man bekommt einen ersten Einblick in die Tätigkeit eines Künstlers und merkt idealerweise schnell, ob das etwas für einen ist. Oft bieten die Hochschulen selbst sogar solche Kurse an. Für Schülerinnen und Schüler kann es auch spannend sein, ein Praktikum in einer Galerie zu machen, um einen Einblick in die Kunstwelt zu bekommen: Was will der Markt? Wie organisiert man eine Ausstellung?


abi» Angenommen, ich werde abgelehnt. Was tue ich?
Marcel Noack: Dann versuche ich es wieder! Wer einmal abgelehnt wurde, darf nicht denken, dass er talentlos ist. Manchmal passt man einfach nicht in die Mischung aus Studierenden, die der Professor haben möchte. Oder man erscheint den Lehrenden zu jung und unerfahren. Das wird dann auch häufig so im Ablehnungsschreiben kommuniziert. Dann heißt es: „Du bist gut, aber noch nicht reif genug. Versuch es im kommenden Jahr noch mal.“ Auch ich finde, dass eine gewisse Lebenserfahrung für einen Künstler wichtig ist, denn das macht seine Kunst erst interessant. Das heißt: Auch wer vorher schon eine andere Ausbildung gemacht hat, beispielsweise als Tischler, kann anschließend noch an die Kunsthochschule. Altersgrenzen gibt es keine. Der älteste Studienanfänger, den ich mal getroffen habe, war schon über 50 Jahre alt.

abi» Sie selbst arbeiten als selbstständiger Fotograf. Welche Alternativen zu der Tätigkeit als freier Künstler gibt es?
Marcel Noack: Die Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten ist groß: Viele ehemalige Kommilitonen sind in der Medienbranche tätig, manche arbeiten als Kunsterzieher in einer Schule. Mit den entsprechenden Weiterbildungen ist auch ein Quereinstieg in den Bereich Bühnenbild oder Kunsttherapie/-pädagogik möglich. Wer sich für eine wissenschaftliche Laufbahn entscheidet, kann promovieren und anschließend an der Hochschule forschen und lehren.

abi» Welchen Tipp haben Sie für angehende Künstler?
Marcel Noack: Schließt euch zusammen! Die gegenseitige Unterstützung und der gegenseitige Austausch sind Gold wert. Zudem ist es in der Gruppe oft leichter, an Fördergelder und Stipendien zu kommen.

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen.

berufenet.arbeitsagentur.de

berufsfeld-info.de

Das Informationsportal der Bundesagentur für Arbeit zeigt Berufswelten im Überblick.

berufsfeld-info.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Mit einer Suche nach Studiengängen in ganz Deutschland.

studienwahl.de

Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler

Der Bundesverband Bildender Künstler/innen ist eine der größten Vereinigungen freier Künstler Europas. Die Seite informiert über das Berufsbild sowie Veranstaltungen.

www.bbk-bundesverband.de

Internationale Gesellschaft der Bildenden Künste

Der Internetauftritt der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Künste informiert unter anderem über Förderprogramme und Ausschreibungen.

www.igbk.de

Deutscher Künstlerbund

Der Deutsche Künstlerbund wurde 1903 in Weimar gegründet und vereint heute rund 650 namhafte Künstler/innen aller Generationen aus ganz Deutschland.

www.kuenstlerbund.de

 

Freie Kunst

„Eine Art Zauberei“

Philipp Zörndlein (32) steht am Ende seines Studiums der Freien Kunst an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und hat sich damit einen lang gehegten Traum erfüllt. Derzeit bereitet er seine Abschluss-Ausstellung vor.

Wenn Philipp Zörndlein an seine Kindheit zurückdenkt, kommt ihm vor allem eines in den Sinn: das Atelier seines Großvaters, einem Lehrer und Hobbymaler: „Dort habe ich sehr viel Zeit verbracht“, erinnert sich der 32-Jährige. „Ich war fasziniert davon, wie man aus einer Leinwand und Farben, nur mit Hilfe von Pinsel und Spachtel, ein Bild schaffen kann – für mich als Kind hatte das etwas von Zauberei.“

Philipp Zörndlein spürte früh: Das ist sein Ding. Als er auf ein Internat kam, verstärkte sich sein Interesse, er zeichnete und malte viel, um seine Gedanken und Gefühle auf Papier festzuhalten.

Nach dem Abitur plante der in einer Lehrer-Familie Aufgewachsene, in die Fußstapfen der Eltern und Großeltern zu treten und Kunst auf Lehramt zu studieren, doch kurz bevor er sich einschrieb, überlegte er es sich anders: „Ich hatte den Wunsch, mich ganz intensiv mit der Kunst auseinanderzusetzen, ohne mein Augenmerk noch auf ein anderes Fach und die Pädagogik legen zu müssen.“ Philipp Zörndlein setzte alles auf eine Karte und bewarb sich an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste im Fach Freie Kunst.

Familiäre Verhältnisse in der Klasse

Ein Bild von Philipp Zörndlein.

Philipp Zörndlein

Foto: privat

In den Jahren zuvor hatte er sich häufiger in Lehrveranstaltungen gesetzt, sich Ausstellungen von Absolventen angesehen oder ist Einladungen von Professoren gefolgt, die sich die Mappen von potentiellen Bewerbern ansehen. „Dabei habe ich gemerkt, dass diese Hochschule zu mir passt.“ Philipp Zörndlein folgte bei der Auswahl der Ausbildungsstätte seinem Bauchgefühl – und rät jedem, es ihm gleich zu tun. „Die Klasse, in der man studiert, ist sehr klein: Es gibt vielleicht 25 Kommilitonen und einen Lehrenden, und so entsteht ein sehr enges, fast familiäres Verhältnis – da sollte es nicht nur fachlich, sondern auch zwischenmenschlich gut passen.“

Bevor man einen der begehrten Studienplätze ergattern kann, muss man eine Mappe mit rund 20 Bildern einreichen und sich einem Gespräch mit den Lehrenden stellen. Dabei müsse man aber nicht unbedingt mit fertigen Werken glänzen: „Es geht darum, zu zeigen, dass man sich als Künstler im Fluss befindet; dass sich etwas entwickelt und was noch alles kommen kann“, erklärt Philipp Zörndlein, der selbst jahrelang nebenberuflich als Dozent an einer Mappenschule arbeitete. „Man muss das Interesse der Professoren erwecken.“

Er selbst erhielt ein paar Wochen nach dem Vorstellungsgespräch den Brief mit der Zusage. Seit dem Wintersemester 2013 verbringt er seine Tage – und manchmal auch seine Abende – an der Akademie.

Disziplin und Eigenständigkeit sind gefragt

In der Einteilung ihrer Zeit sind die Studierenden vollkommen frei. Es gibt kaum feste Seminare; sie können an der Hochschule malen, wann immer sie den Wunsch danach verspüren. Nur einmal in der Woche treffen sich alle mit ihren Professoren, um über ihre Bilder zu sprechen. „Genau das liebe ich an der Ausbildung“, sagt er: Wer möchte, arbeitet komplett autark, aber man kann jederzeit zu einem der Lehrenden oder den Werkstattleitern gehen und sich dort Unterstützung holen, falls man Fragen zu Werkstoffen oder Techniken hat. „Diese Freiheit ist wichtig, denn sie bringt uns bei, diszipliniert und selbstständig zu arbeiten – Eigenschaften, die für einen Künstler essentiell sind.“

Philipp Zörndleins Bilder werden mittlerweile in Galerien ausgestellt und verkauft, 2016 wurde er Meisterschüler an der Akademie. Es läuft gut für den gebürtigen Bayern, trotzdem hat er in den vergangenen Monaten einen Plan B entwickelt: Nachdem er sich während der vergangenen Jahre so intensiv auf die Kunst konzentriert hat, hat er jetzt doch Interesse am Lehren entwickelt – vielleicht auch durch seine Arbeit an der Mappenschule von 2016 bis 2018. „Wer weiß, vielleicht schlummert doch das Lehrer-Gen in mir und es zieht mich nach meinem Abschluss noch an eine Schule“, sagt er. Vor wenigen Tagen hat er sein Zeugnis erhalten und bereitet nun seine Abschluss-Ausstellung vor.

 

Bildhauerin

„Manchmal anstrengend, aber immer wahnsinnig schön“

Als freie Bildhauerin kreiert Jenny Rempel (36) Installationen für öffentliche Einrichtungen. Wann immer sie Zeit findet, arbeitet sie in ihrem Atelier an ihren eigenen Kunstwerken.

Jenny Rempels Weg in den Künstlerberuf begann schon in ihrer Schulzeit. Ihre Mutter arbeitete an der Bauhaus-Universität in Weimar, und so kam die gebürtige Thüringerin früh in Kontakt mit Leuten aus der Branche. Sie war etwa 17 Jahre alt, als eine Bildhauerin das Skizzenbuch sah, in dem Jenny Rempel seit jeher Ideen und Malereien festhielt – und begeistert war: „Sie drückte mir wortwörtlich Hammer und Meißel in die Hand und schickte mich in den Steinbruch, in dem auch sie ihre Werke bearbeitete.“ Ein Erlebnis, das Jenny Rempels Leben nachhaltig beeinflussen sollte: Kurz nach dem Abitur bewarb sie sich an Kunsthochschulen in ganz Deutschland – unter anderem in Berlin und Stuttgart. „Insgeheim hoffte ich auf eine Zusage aus Sachsen-Anhalt, und tatsächlich klappte es bereits beim ersten Mal mit meinem Wunschstudium an der Burg Giebichenstein in Halle.“

Man muss die Ellbogen benutzen

Jenny Rempel studierte Bildhauerei mit dem Schwerpunkt Metall. Nach dem Diplomabschluss beschloss sie, den Schritt zu wagen und sich als freie Künstlerin selbstständig zu machen – die Leidenschaft für ihre Arbeit überwog die Zweifel: „Wenn man ehrlich ist, ist der Kunstmarkt eigentlich ziemlich unangenehm. Man muss lernen die Ellbogen auszufahren, man muss unheimlich diszipliniert sein und trotz allem Talent, Ehrgeiz und Einsatz schafft es am Ende nur ein kleiner Teil, groß rauszukommen.“

Jenny Rempel sitzt auf einem Stuhl vor einer Leinwand.

Jenny Rempel

Foto: privat

Vor einigen Jahren hat sich die 36-Jährige auf Kunst am Bau spezialisiert. Sie bewirbt sich auf öffentliche Ausschreibungen von Behörden und Ministerien, baut Installationen für Finanzämter und Hochschulen. „Das sind langfristige Projekte, die meist mehrere Monate Zeit in Anspruch nehmen, und sie garantieren eine bessere Bezahlung als der Verkauf meiner Werke an private Sammler oder Museen.“ Allerdings, räumt Jenny Rempel ein, sei die Konkurrenz auch in diesem Bereich sehr hoch: „Zusammen mit einem befreundeten Bildhauer habe ich dieses Jahr Ideen für vier Projekte eingeschickt, bei denen sich zum Teil mehrere hundert Künstler bewerben.“ Jenny Rempel und ihr Kollege konnten sich freuen: Am Ende bekamen sie eine Zusage und gestalten nun den Innenhof einer Kaserne auf dem Gelände einer Bundeswehruniversität am Starnberger See.

Optimismus überwiegt Existenzängste

Trotz des großen und intensiven Projekts versucht Jenny Rempel, die auch zweifache Mutter ist, so viel Zeit wie möglich in ihrem Atelier zu verbringen. Gerade arbeitet sie an einem Relief aus Betonplatten, auf dem sie Gedanken und Texte niedergeschrieben hat, die der Betrachter wie einen Comic lesen kann. Die Arbeit an ihren Objekten ist ihr sehr wichtig, denn in ihnen spiegeln sich ihre ganz persönlichen Empfindungen und Erfahrungen. „Und sie zeigen auch meine Ängste, die ich als freie Künstlerin ab und zu ausstehen muss: Kann ich von meiner Arbeit leben? Wie lange werde ich Erfolg haben?“ Am Ende, sagt sie, sei sie aber oft von ihrem eigenen Optimismus überrascht: „Wenn ich tief in mich rein höre, merke ich immer wieder. Ich bin zufrieden mit dem, was ich tue, denn ich habe den schönsten und abwechslungsreichsten Beruf der Welt.“


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Stand: 25.02.2020