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Digitale Nomaden – Hintergrund

Die Welt als Zuhause

Arbeiten, wo andere Urlaub machen, jede Woche an einem anderen Ort sein. Das Leben von digitalen Nomaden klingt aufregend. Aber: Zahlreiche Stolpersteine lauern auf diesem Weg. Bevor du ihn beschreitest, solltest du eingehende individuelle Recherchen betreiben. Zusammen mit Berufsberaterin Sabine Najib von der Agentur für Arbeit in Osnabrück geben wir dir einen Überblick, worauf du mindestens achten solltest.

Ein Strand auf Kuba

Am Strand sitzen und dabei arbeiten: Ganz so einfach ist das Leben als digitaler Nomade dann doch nicht – Verantwortung gehört auch dazu.

Vor allem auf sich selbst bezogene Menschen seien es, die sich zum digitalen Nomaden eignen, sagt Sabine Najib – Menschen, die viel Mut und Selbstvertrauen daraus ziehen, dass sie denken, sich schon irgendwie durchsetzen zu können. „Sie sind sehr offen und können sehr schnell Kontakte knüpfen“, erklärt die Berufsberaterin der Agentur für Arbeit in Osnabrück. Eine Eigenschaft, die ihrer Meinung nach über mögliche Gefühle der Einsamkeit hinweghelfen könnte, denn Familie und Freunde sind für digitale Nomaden meist fern.

Tätigkeiten, die am Laptop möglich sind

Ein Foto von Sabine Najib

Sabine Najib

Wer ernsthaft darüber nachdenkt, diesen Weg einzuschlagen, sollte sich zuerst fragen, womit er Geld verdienen will. „Geeignet sind generell Tätigkeiten im Dienstleistungsbereich, die sich dazu eignen, auch online ausgeführt zu werden“, sagt Sabine Najib. Sie verweist auf klassische IT-Tätigkeiten wie das Programmieren, die Suchmaschinenoptimierung und schreibende Tätigkeiten wie den Journalismus. Auch für die Video- und Fotobearbeitung ist meist nicht mehr als ein Laptop nötig. Eine längere Vorlaufzeit braucht, wer einen eigenen Blog betreiben oder Videos auf YouTube hochladen, sprich: auf Werbeeinnahmen setzen will – hier gilt es, zunächst ein Publikum aufzubauen. „Außerdem eignen sich sprachbezogene Berufe wie beispielsweise Übersetzungstätigkeiten, und auch manche wirtschaftliche Berufe können ausgeübt werden, wie der Aktienhandel oder das Betreiben eines Online-Shops.“

Entweder man arbeitet als Angestellter, indem man einen der seltenen, aber vorhandenen Jobs für digitale Nomaden ergattert – diese werden derzeit vor allem von amerikanischen Unternehmen angeboten. Oder man wird Freelancer in einem der genannten Bereiche. Im letzteren Fall ist ein Gewerbeschein notwendig, den das hiesige Gewerbeamt gegen einmalige Gebühr ausstellt.

Bürokratische Fragen klären

Dann sollte man sich mit bürokratischen Fragen auseinandersetzen. Sabine Najib: „Welches Visum benötige ich, wie ist es mit der Krankenversicherung im Ausland? Wie kann ich meine Bankgeschäfte tätigen?“ Das Internet ist voll mit entsprechenden Tipps und Erfahrungsberichten, aber auch Krankenversicherungen und Banken selbst stehen hier beratend zur Seite. Mittlerweile gibt es sogar eine Krankenversicherung speziell für digitale Nomaden („World Nomads Travel Insurance“).

Schon bevor man für den ersten Kunden arbeitet, sollte man sich Wissen über Buchhaltung und Steuern aneignen. Für das Sammeln von Belegen, Ausstellen von Rechnungen und andere wichtige Geschäftsaufgaben gibt es mittlerweile Online-Tools, mit denen man einige Aufgaben in diesem Bereich selbst erledigen kann. Das spart Geld, das man sonst an einen Experten (Steuerberater) zahlen müsste. Ein separates Konto für die Geschäftstätigkeit ist sinnvoll, da man so seine privaten und geschäftlichen Vorgänge trennen kann. Bei der Auswahl eines Kontos sollte darauf geachtet werden, dass die Bankgebühren bei Bargeldabhebungen im Ausland nicht zu hoch sind.

Als digitaler Nomade kann man sich ganz aus Deutschland abmelden, was jedoch einige Nachteile mit sich bringt: Beispielsweise wird es schwieriger, ein Bankkonto zu eröffnen, und einen neuen Ausweis bekommt man nicht mehr bei der Stadtverwaltung sondern beim Konsulat einer Botschaft.
Bleibt man in Deutschland gemeldet, wird man auch weiterhin Briefe erhalten. Wer keine Meldeadresse bei Familie oder Freunden hat, sollte seine Post an einen Anbieter weiterleiten, der sie einscannt und online zur Verfügung stellt.

Als positiven Aspekt am digitalen Nomadenleben sieht Sabine Najib das globale Zusammenwachsen von Menschen. „Der kulturelle Austausch schafft Toleranz und Offenheit und hilft, Vorurteile aus dem Weg zu räumen“, sagt sie. „Gleichzeitig sehe ich den großen Nachteil, dass hier ein neuer Individualismus gelebt wird, der teilweise mit einem gewissen Egoismus einhergeht.“

Arbeit und Freizeit konsequent trennen

Letztlich muss sich, wer Digitaler Nomade werden will, auch Gedanken um die Technik machen. Jemand, der mit YouTube-Videos – also Videobearbeitung – sein Geld verdienen will, braucht einen Laptop mit ganz anderen Spezifikationen als jemand, der als Fotograf arbeitet, oder jemand, der gar nur Texte schreiben will. Unabhängig davon zählen Speicherplatz, ein langes Batterieleben und, je nach genutztem Gepäck, die Abmessungen. Auch die Internetverbindung wird zum Muss: Schnell sollte sie sein und vor allem zuverlässig. Das Reisen an Orte ohne Internet ist praktisch unmöglich.
Die Arbeit an Orten, an denen andere Urlaub machen, sollte dann auch eine solche sein: Arbeit statt Freizeit. Man sollte Zeiten festlegen, in denen man nur arbeitet und eben nicht baden geht. Es gibt zudem Software, mit der man sich selbst den Zugriff auf Ablenkungen wie soziale Netzwerke sperren kann, damit man sich nicht ablenken lässt. Als digitaler Nomade arbeiten kann man nur mit Disziplin.

Wie jeder Selbständige sollte man auch Rücklagen bilden, um finanzielle Engpässe überbrücken zu können. Vor allem in der Existenzgründungsphase sollte man mehrere Monate einplanen, in denen man kaum Einnahmen hat.
Im Notfall hilft die Grundsicherung

Und wenn man feststellt, dass die Entscheidung für ein Leben als digitaler Nomade falsch war? Zunächst sollte man versuchen, sich wieder einen festen Job zu suchen oder weiterhin selbständig arbeiten, nur eben nicht in der Ferne. Funktioniert beides nicht, bleibt nach der Rückkehr nach Deutschland der Gang zur örtlichen Arbeitsagentur: „Für diese Fälle gibt es immer Leistungen nach dem SGB II, also die Grundsicherung“, sagt Sabine Najib. Grundsicherung werde als Auffangleistung auf jeden Fall gewährt, da in Deutschland jeder sich hier rechtmäßig Aufhaltende einen Anspruch auf Unterstützung für den Lebensunterhalt hat. „Im JobCenter würde man gemeinsam mit dem Rückkehrer schauen, welche Qualifikationen er hat oder noch braucht und ihn gegebenenfalls in Form von Weiterbildungen und Umschulungen unterstützen, um wieder auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können.“

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild
berufenet.arbeitsagentur.de

JOBSUCHE der Bundesagentur für Arbeit

arbeitsagentur.de/jobsuche

Selbstständigkeit als Ausgangsbasis

Informationen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie rund um das Thema Existenzgründung
existenzgruender.de

DNX Festival 2020

Offizielle Webseite des Digitale-Nomaden-Festivals am Samstag und Sonntag, 23. und 24. Mai, in Berlin
dnxfestival.de

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abi» 06.03.2020

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