Aufstieg ohne Chefsessel?

Eine Gruppe bespricht sich
Fachkarriere bedeutet nicht, allein im stillen Kämmerlein zu arbeiten. Für viele Projekte ist Teamfähigkeit und Kommunikationsstärke gefragt.
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Fachkarriere

Aufstieg ohne Chefsessel?

Karriere und Chef – diese beiden Begriffe scheinen zusammenzugehören. Wer im Beruf vorankommt, findet sich oft in einer Position als Vorgesetzter wieder. Doch nicht jeder fühlt sich in dieser Rolle wohl und kann sie gut ausfüllen. Die Fachkarriere ist eine Alternative.

Noch ist die Fachkarriere eine Nische“, sagt Dr. Heiko Mell, der Unternehmen und Arbeitnehmer seit 45 Jahren zu Personal- und Karrierefragen berät. Seine Erfahrung: Immer mehr, vor allem größere Unternehmen bieten diese Möglichkeit, um guten und hoch spezialisierten Mitarbeitern Entwicklungsmöglichkeiten außerhalb des Managements zu eröffnen und sie so ans Unternehmen zu binden.

Was heißt das konkret? In der Industrie kann ein Ingenieur in einem technischen Gebiet in der Forschung oder Produktentwicklung in seinem Fachgebiet Karriere machen. Im IT-Sektor können sich Mitarbeiter auf die Kundenbetreuung spezialisieren, um Probleme in der Anwendung komplexer Software zu lösen. Wer Betriebswirtschaft oder Steuerrecht studiert hat, kann zum Beispiel in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft als Experte für spezielle Steuerfragen arbeiten.

Ein Fall für Spezialisten

Porträtbild von Heiko Mell

Heiko Mell

Foto: Heiko Mell Personalberatung

Das bedeutet Gehaltserhöhungen – und mehr. „Experten in der Fachkarriere haben der Führungskarriere vergleichbare Titel“, sagt Heiko Mell. Auch ein Dienstwagen und andere prestigeträchtige Annehmlichkeiten werden geboten. „Unternehmen, die Fachkarrieren bieten, haben eine klare Systematik, die die Positionen mit denen der Managementlaufbahn verknüpft“, beschreibt der Experte. „Aber“, schränkt er ein, „der Aufstieg lässt sich nicht beliebig fortsetzen. Die Unternehmensleitung rekrutiert sich aus der Führungslaufbahn, das liegt in der Natur der Sache.“ Ausnahmen bestätigen die Regel – aber auch im Regelfall kann man ein attraktives Gehalt erreichen.

Nichts wie ran an die Fachkarriere also? Ganz so einfach ist es nicht. Die Anforderungen sind hoch. Gefragt sind Experten in einem für das Unternehmen bedeutsamen Themenbereich und Leute, die ihr Wissen ständig erweitern und vertiefen wollen. Lebenslanges Lernen gehört unverzichtbar zur Fachkarriere und noch mehr: lebenslanges Entwickeln und Finden von Lösungen. „Gefragt ist ein hochkarätiger Spezialist, der Probleme löst“, sagt Heiko Mell.

Auch Experten müssen überzeugen

Ob man für eine Fachkarriere geeignet ist, lässt sich oft schon im Studium ablesen. Wer hohe Leistungen bringt, für seine Themen brennt und Freude an der Vertiefung und am Detail hat, der hat das Zeug zum Experten. In diesem Fall werden Managementaufgaben oft eher als belastende Ablenkung von den fachlichen Inhalten empfunden. Und es liegt auch nicht jedem, viel Zeit mit Budgetplanung und Mitarbeiterentwicklung zu verbringen.

Kommunikationsfähigkeit ist jedoch auch in der Fachkarriere gefragt: „Wer als Experte Karriere machen will, muss auch präsentieren können und andere von seinen Leistungen und Lösungen überzeugen“, betont Heiko Mell.
Innerhalb eines Unternehmes kann eine Fachkarriere ähnlich gute Entwicklungsoptionen wie eine Führungskarriere bieten. Ein Unternehmenswechsel kann sich jedoch schwieriger gestalten: „Die Fachkarriere wird angeboten, um Experten im eigenen Haus zu halten“, sagt Heiko Mell. Diese Bindung bedeutet auch geringere Flexibilität, „schließlich ist die Zahl vergleichbarer Positionen in anderen Unternehmen überschaubar und im Regelfall sind sie besetzt.“

Mehr Info

Bundesagentur für Arbeit

Informationen zum beruflichen Aufstieg

www.arbeitsagentur.de/karriere-und-weiterbildung/beruflich-aufsteigen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.

www.berufenet.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

Literaturtipps

Tomas Bohinc: Karriere machen, ohne Chef zu sein: Praxisratgeber für eine erfolgreiche Fachkarriere.
Gabal Verlag, 2008.

Gunnar C. Kunz: Fachkarriere oder Führungsposition: So stellen Sie die Weichen richtig. Campus Verlag, 2005.

 

Fachkarriere

Expertin für Datenschätze

Sarah Detzler fühlt sich bei der SAP SE gut aufgehoben, denn das Softwareunternehmen hält inhaltlich spannende Aufgaben für die Expertin in puncto künstlicher Intelligenz bereit. Bei SAP kann sie sich im Rahmen einer Fachkarriere beruflich gezielt weiterentwickeln.

Data Science and Machine Learning, so heißt der Aufgabenbereich der 31-Jährigen. Das klingt nach einsamer Arbeit am Rechner. „Ein kleiner Nerd bin ich schon“, sagt Sarah Detzler. „Es macht mir Spaß, mich ein paar Tage einzuschließen und Algorithmen zu entwickeln. Aber die meiste Zeit verbringe ich im Austausch mit Kunden.“ An vier von fünf Tagen, so schätzt sie, ist sie bei Unternehmen unterwegs, um deren Datenschatz zu heben. Das heißt, Daten analysieren, systematisch auswerten und nutzbar machen.

Das klingt abstrakt, aber die Anwendungsbeispiele sind greifbar und vielfältig. „Ein beliebter Anwendungsfall ist die rechnerische Vorhersage von Unternehmenskennzahlen“, erklärt Sarah Detzler. Das können etwa Bedarfsprognosen für Produkte auf der Basis bisheriger Kundenbestellungen sein, um die Herstellung zu steuern. Neben der Planung von Vertrieb und Produktion kann es aber auch darum gehen, das unternehmensinterne Controlling zu optimieren. Sarah Detzler setzt Algorithmen um, mit denen IT-Systeme Lösungen für solche Aufgaben finden und Prognoseprozesse automatisieren. Sie ist also mittendrin im Zukunftsthema Künstliche Intelligenz.

Maschinen und Menschen

Porträtbild von Sarah Detzler

Sarah Detzler

Foto: SAP SE

Damit Maschinen lernen, braucht es zunächst einmal intelligente Menschen mit sehr guter Ausbildung. Sarah Detzler gehört mit ihrem Masterstudium in Mathematik, dem Diplom in Physik und der Promotion in Angewandter Informatik zweifellos dazu. Aber mit ihrem Fachwissen allein käme sie nicht weit. Gefragt sind auch ihre kommunikativen Fähigkeiten, denn Anforderungen und Lösungen entwickelt sie im Dialog mit den Kunden. „Das ist ein Teamsport“, sagt sie. Systematisches und analytisches Arbeiten sind Voraussetzung, „aber ohne Kreativität und Neugier kommt man nicht weiter, denn häufig kennen die Unternehmen ihre Datenschätze gar nicht im Detail.“

An dieser Datenschatzsuche hat sie Spaß. „Eine reine Führungslaufbahn ohne inhaltliche Aufgabe käme für mich nicht in Frage“, sagt sie. Bei SAP hat sie schon während ihrer Promotion in der Programmierung gearbeitet. Ihre weitere Laufbahn entwickelt sie systematisch mit ihrem Vorgesetzten. Der nächste Schritt auf der Karriereleiter ist für sie die Zertifizierung zur Architektin mit dem Fokus auf Daten und Machine Learning getriebenen Architekturen. In ihrer neuen Rolle berät sie Kunden ganzheitlich zur datengetriebenen Architektur.

„Die Zukunft der Arbeit“

Fachkarriere und Managementlaufbahnen sind bei SAP gleichgestellt. Bei Gehalt und Ansehen gibt es keine Unterschiede. Ein Fremdwort ist Führung übrigens auch in Sarah Detzlers Berufsalltag als Expertin nicht. „Wir arbeiten immer wieder in virtuellen oder temporären Teams gemeinsam an Projekten“, berichtet sie. „Die Federführung hat dann, wer im Thema am kompetentesten ist.“ So arbeitet sie mit Kollegen in verschiedenen Projektteams und in wechselnden Führungsrollen.

„Das ist die Zukunft der Arbeit“, steht für Sarah Detzler fest. Nicht nur was ihre Aufgaben im Bereich Künstliche Intelligenz angeht, sondern auch mit Blick auf die flexible Organisation und Rollenverteilung. „Für die meisten meiner Industriekunden ist das noch Neuland“, sagt Sarah Detzler, „aber das Interesse ist groß.“

 

Checkliste: Fach- vs. Managerkarriere

Was sind meine Stärken?

Ob man eine Fach- oder eine Managementkarriere einschlägt, entscheidet sich meist zu Beginn der Berufstätigkeit. Schon im Studium kann man aber Weichen stellen und sich Gedanken über die eigenen fachlichen und persönlichen Stärken und Fähigkeiten machen. Diese Fragen sind ein Leitfaden.

Managementkarriere

  • Bin ich bereit, für meine Mitarbeiter Verantwortung zu übernehmen?
  • Habe ich Gespür für Menschen und kann ich im Team moderieren und vermitteln?
  • Kann ich Stärken und Schwächen von Mitarbeitern erkennen, sie entsprechend einsetzen und ihre Weiterentwicklung planen, kann ich fördern und fordern?
  • Kann ich Entscheidungen treffen?
  • Bin ich bereit, fachliche Verantwortung an andere abzugeben?
  • Liegt mir Planung und Organisation?
  • Ist strategisches Denken meine Stärke?
  • Bin ich durchsetzungsstark und fähig, meine Leistungen und Erfolge zu vertreten?

Fachkarriere

  • Bin ich bereit, mich zu spezialisieren und mein Wissen im Fachgebiet ständig zu vertiefen?
  • Habe ich Spaß an Detailarbeit und wachse an fachlichen Herausforderungen?
  • Kann ich Aufgabenstellungen erkennen, analysieren und systematisch erarbeiten?
  • Bin ich kreativ und wissbegierig, wenn es darum geht, Probleme zu erkennen und Lösungen zu entdecken?
  • Liegt es mir, Aufgaben eigenständig zu lösen?
  • Kann ich ohne Vorgaben zu Resultaten und Vorgehensweisen selbständig arbeiten, Ziele setzen, Wege erkennen und Ergebnisse definieren?
  • Kann ich mein Expertenwissen flexibel anwenden und einsetzen?
  • Kann ich anderen meine Ergebnisse vermitteln und sie überzeugen, auch wenn sie keine Experten sind?

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Stand: 29.02.2020