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Interview

„Frauen haben nicht dieselben Chancen“!

Dr. Wiebke Ankersen ist Geschäftsführerin der AllBright Stiftung gGmbH, die sich für mehr Chancengleichheit von Männern und Frauen einsetzt. Denn von einer Gleichberechtigung in den Führungsetagen deutscher Unternehmen ist man noch sehr weit entfernt.

Foto von Dr. Wiebke Ankersen

Dr. Wiebke Ankersen ist Geschäftsführerin der AllBright Stiftung gGmbH, die sich für mehr Chancengleichheit von Männern und Frauen einsetzt.

abi» Ist Gleichstellung von Männern und Frauen eine Frage der Gerechtigkeit, oder wirkt es sich auch positiv auf die Profitabilität und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen aus?

Wiebke Ankersen: Zum Glück schließt ja das eine das andere nicht aus. Tatsächlich haben Frauen in den Unternehmen noch immer nicht dieselben Chancen wie Männer. Schon seit vielen Jahren gibt es genauso viele weibliche BWL-Absolventen wie männliche, seit 2012 sind sie sogar in der Überzahl. Aber sie kommen nicht oben an: 90 Prozent der Vorstände in Börsenunternehmen sind Männer, in Familienunternehmen sind es sogar 93 Prozent. Insofern geht es hier natürlich um Gerechtigkeit.

Gleichzeitig lassen sich die Unternehmen aber auch einiges entgehen, wenn sie nicht für Chancengleichheit sorgen. Vielfältig aufgestellte Führungsteams sind viel besser in der Lage, auf unvorhersehbare Herausforderungen zu reagieren, sie haben nachweislich mehr Innovationskraft, treffen die besseren Entscheidungen und sie erwirtschaften am Ende mehr Profit.

abi» Wie behindert eine überwiegend männlich geprägte Unternehmenskultur den Aufstieg von Frauen? Welche Vorurteile gibt es gegenüber Frauen in Führungspositionen?

Wiebke Ankersen: Frauen werden anders wahrgenommen als Männer und seltener für Führungspositionen vorgeschlagen und ausgewählt. Nehmen Sie die übliche Floskel „es gibt ja keine qualifizierten Frauen in unserm Bereich“. Natürlich gibt es die, man muss sie nur auch sehen wollen. In der Regel aber umgeben sich männliche Führungskräfte noch immer am liebsten mit jüngeren Kopien ihrer selbst: Thomas befördert am liebsten einen Thomas, der ihm ähnlich ist. Dem traut er am meisten zu.

Und manche Frauen wollen dann in einer solchen Umgebung und auf diese Weise nicht führen. Den Unternehmen gehen über die Hierarchieebenen Frauen verloren - die gehen dann irgendwohin, wo eine bessere Kultur herrscht, oder machen sich selbständig.

abi» Braucht es mehr Vorbilder, also „role-models“? Was bewirken diese?

Wiebke Ankersen: Frauen an der Spitze haben eine unheimlich starke Signalwirkung: Sie zeigen anderen Frauen, dass Frauen dort oben erwünscht sind, dass sie diese Positionen erreichen können: You can be what you can see. In Ländern wie Schweden oder in Organisationen, in denen schon viele Frauen in Führungspositionen sind, streben andere Frauen auch viel selbstverständlicher Führungspositionen an. Irgendwo die erste zu sein und sich nicht an Vorbildern orientieren zu können, die ähnlich sind wie man selbst, ist sehr anstrengend.

abi» Welche weiteren Ansätze gibt es, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen?

Wiebke Ankersen: Es ist wichtig, diese Arbeit nicht den Frauen zu überlassen. Männer spielen hier eine Schlüsselrolle: Sie müssen ihr Verhalten infrage stellen und Mechanismen wie den Thomas-Kreislauf bewusst überwinden. Sie sollten ebenfalls Role-Models sein und einen gerechten Anteil an der Haus- und Familienarbeit übernehmen, damit eine Balance zwischen Männer- und Frauenkarrieren entstehen kann und Frauen sich überhaupt erst stärker im Beruf engagieren können.

abi» 26.10.2020

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