Legal Tech: „Chancen nutzen und Risiken erkennen“

Gesetzesbücher
Neue Technologien sollen Juristen die Arbeit erleichtern, damit diese mehr Zeit haben, sich auf ihre Fälle zu konzentrieren.
Foto: Stache

Juristen im digitalen Wandel

Legal Tech: „Chancen nutzen und Risiken erkennen“

Edith Kindermann, Präsidentin des Deutschen Anwaltvereins, spricht mit abi» über Möglichkeiten und Herausforderungen, die der Einsatz verschiedener Technologien für Juristen mit sich bringt.

Legal Tech: Das Schlagwort ist seit geraumer Zeit bei Juristen in aller Munde. Es steht für den Einsatz verschiedener Technologien im Rechtswesen. Programme der Kategorie Legal Tech 1.0 sind in zahlreichen Rechtsanwaltskanzleien ab einer bestimmten Größe bereits Standard. Darunter versteht man Software zur Büro- und Arbeitsorganisation, zum Beispiel digitale Akten, juristische Datenbanken, Spracherkennungs- und Abrechnungssoftware. Auch Rechtsberatung, die ausschließlich online vonstatten geht – eine vergleichsweise neue Entwicklung – gehört dazu.

Legal Tech 2.0 bezeichnet automatisierte Rechtsdienstleistungen. Dazu gehört Software, die selbstständig Standardschreiben formuliert und versendet oder Verträge aufsetzt sowie Legal Chatbots. „Juristen nutzen Technologien, die einen Teil des Handwerks und der Dienstleistung übernehmen, deren Funktionsweise aber von Menschen vorgegeben ist“, fasst Edith Kindermann, Präsidentin des Deutschen Anwaltvereins (DAV) zusammen. Noch sei man weit entfernt vom Einsatz künstlicher Intelligenz – diskutiert wird er allerdings bereits. Als Beispiel nennt die Rechtsanwältin und Notarin ein in den USA genutztes Programm, das die Rückfallwahrscheinlichkeit von Straftätern berechnet.

Zugänge und Hürden

Ein Porträt-Foto von Edith Kindermann

Edith Kindermann

Foto: Sven Serkis

Mehr Zeit, effektive Recherchetools, ortsunabhängige Mandanten-Akquise sowie schnellere Kommunikation sind einige der Vorteile von Legal Tech für Kanzleien und Gerichte (siehe auch „Mehr Mandantenzeit dank Legal Tech“). Zudem profitiert die Umwelt von papierlosen Akten und der Möglichkeit, Anwälte mit langen Anfahrtswegen bei Prozessen per Video zuzuschalten.

Doch es gibt auch Risiken und ungelöste Fragen. Edith Kindermann gibt Beispiele: Eine Datenbank, in der jedes Urteil etwa zum Vertragsrecht verzeichnet ist, kann dabei helfen, Argumente für eine außergerichtliche Lösung zu liefern, um so dem Mandanten einen Prozess zu ersparen. „Wenn aber immer weniger Fälle vor Gericht landen, friert man den Status quo ein. Richter haben keine Gelegenheit, im Rahmen der Billigkeitsregelung, die die richterliche Auslegung eines Gesetzes im Einzelfall ermöglicht, individuell zu entscheiden und eventuell sogar Grundsatzurteile zu fällen“, gibt die Expertin zu bedenken.

Auch die digitale Kommunikation berge Nachteile, denn sie schließe digital schwache Menschen aus. „Die Frage ist: Wem schaffe ich Zugang zum Recht, wem baue ich Hürden?“ Zu guter Letzt bestehe bei jeder Technologie die Gefahr eines Cyberangriffs. „Es geht nicht darum, ob ich Hackern zum Opfer falle – sondern wie ich darauf vorbereitet bin.“

Menschenkenntnis ist essentiell

Grundsätzlich rät die Expertin: „Die Technik darf nicht den Weg vorgeben, sie muss meiner Arbeit folgen.“ Juristische Bewertungen dürften nie auf das Ergebnis einer Datenbankabfrage reduziert werden, denn „das Leben bietet ganz viel Individualität.“ Erfahrung im Umgang mit Menschen, Menschenkenntnis und Kreativität seien essentiell für den Beruf des Juristen.

Edith Kindermann plädiert dafür, bereits im Studium ethische Fragestellungen im Zusammenhang mit Legal Tech zu diskutieren, um eine Sensibilität für Nachteile und Risiken zu entwickeln. Auch im Bezug auf das eigene Leben. „In Kanzleien gibt es den Trend weg von einer Präsenz- hin zu einer Ergebniskultur.“ Legal Tech ermögliche, immer und überall zu arbeiten. Da sei es wichtig, diese Chance nicht zur Pflicht der jederzeitigen Verfügbarkeit zu machen, sondern die eigenen Grenzen zu achten und zu sagen: „Cut. Jetzt ist meine Zeit.“

Weitere Informationen

berufsfeld-info.de

Das Informationsportal der Bundesagentur für Arbeit zeigt Berufswelten im Überblick.
berufsfeld-info.de

Berufenet

Das Netzwerk der Bundesagentur für Arbeit für Berufe mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwörter u.a. Rechtswissenschaften)

berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen (Suchwörter u.a. Rechtswissenschaften).
studienwahl.de

Hochschulkompass

Informationen über deutsche Hochschulen, deren Studien- und Promotionsmöglichkeiten sowie internationale Kooperationen.
www.hochschulkompass.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

jobboerse.arbeitsagentur.de

BERUFE TV

Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit
berufe.tv

Deutscher Anwaltverein (DAV)

Im DAV haben sich über 63.000 Rechtsanwälte aus über 250 örtlichen Anwaltvereinen im In- und Ausland zusammengefunden, um sich gemeinsam für die Wahrnehmung gleichgerichteter Interessen einzusetzen.
www.anwaltverein.de

Verband Deutscher Anwälte (VDA)

Der VDA setzt sich unter anderem für die Wahrung, Pflege und Förderung der Qualität von anwaltlichen Leistungen, insbesondere durch Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie dem Erwerb von beruflichen Zusatzqualifikationen sowie der Förderung des juristischen Nachwuchses ein.
www.verband-deutscher-anwaelte.de

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Das IAB erforscht den Arbeitsmarkt, um politische Akteure auf allen Ebenen kompetent zu beraten. Das Institut wurde 1967 als Forschungseinrichtung der damaligen Bundesanstalt für Arbeit gegründet und ist seit 2004 eine besondere Dienststelle der Bundesagentur für Arbeit (BA).

www.iab.de

Job-Futuromat

In diesem Online-Tool erfährt der Nutzer nach Eingabe eines Berufs, wie es um dessen potenzielle Automatisierbarkeit durch digitale Technologien in Deutschland steht. Der Futuromat wurde Grundlage von Forschungsergebnissen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie weiterer Daten und berufskundlicher Informationen der Bundesagentur für Arbeit von der ARD entwickelt.
www.job-futuromat.iab.de

legal-tech.de

Die Plattform informiert über den aktuellen Stand der Technik, zeigt funktionierende Beispiele und bietet Ausblicke auf das, was kommt.
www.legal-tech.de

beck-online

Die Rechtsdatenbank aus dem Verlag C.H.BECK ist eine der führenden juristischen Online-Bibliotheken in Deutschland. Sie umfasst mehr als 27 Millionen Dokumente, thematisch aufgeteilt in 330 Module.

www.beck-online.beck.de

 

Jurist im digitalen Wandel

Mehr Mandantenzeit dank Legal Tech

Digitale Akten, Online-Akquise, Automatisierung von juristischen Dienstleistungen: Thorsten Köhn arbeitet in der Legal-Tech-Kanzlei rightmart mit Sitz in Bremen. Der 34-Jährige erläutert abi» die Vorteile von digitalisierten Abläufen für seine Tätigkeit als Anwalt für Verkehrsrecht.

Herr Meier hatte einen Autounfall, ihm ist jemand hinten drauf gefahren. Thorsten Köhn führt ein telefonisches Erstgespräch, nimmt Daten auf: Wer, wann, wo, welches Fahrzeug, war die Polizei da, gibt es Zeugen …? Die Informationen trägt der Rechtsanwalt in ein spezielles Computerprogramm ein. „Dann fängt sozusagen die Legal-Tech-Arbeit an“, erklärt der 34-Jährige. Die Software erstellt automatisch Standardschreiben an die Versicherung, das erste ebenso wie – dank einer Wiedervorlage-Funktion – die Erinnerungsschreiben. Und sie hält Mandant und Anwalt über den Sachstand auf dem Laufenden.

Abläufe beschleunigen

Ein Porträt-Foto von Thorsten Köhn

Thorsten Köhn

Foto: privat

Wie solche Schreiben aussehen müssen, weiß die Software dank Thorsten Köhn. Seit März arbeitet der Rechtsanwalt bei der Legal-Tech-Kanzlei rightmart und ist zuständig für den Aufbau der Verkehrsrechtsabteilung. Mehrere Wochen hat er sich ausschließlich damit beschäftigt, das Programm mit juristischen Informationen zu füttern.

Die Informatiker des Online-Rechtsdienstleisters casecheck sitzen im Büro nebenan. Sie haben unter anderem das Programm für Sozialrechtsanfragen entwickelt – inklusive der Möglichkeit, die kostenlose Überprüfung eines Hartz 4-Bescheids über ein Portal oder über eine App in Auftrag zu geben. „Durch Legal Tech sollen nicht nur Verwaltungsabläufe beschleunigt werden“, erklärt der Jurist. Es gehe auch darum, die eigentlichen Rechtsdienstleistungen wie die Dokumentenanalyse so weit wie möglich zu automatisieren: „Dadurch wird die Bearbeitung eines gesamten Falls effizienter und einfacher.“ So habe er mehr Zeit für Gespräche mit dem Mandanten und vor allem für Telefonate mit Versicherungen, denn: „Wenn die sich nicht rühren, ist Legal Tech machtlos.“ Und erfahrungsgemäß erhöhen beharrliche Gespräche die Erfolgsaussichten einer zeitnahen außergerichtlichen Regelung.

Analoger Erfahrungsschatz

Vor rightmart hat Thorsten Köhn viereinhalb Jahre in einer großen Verkehrsrechts-Kanzlei gearbeitet. Die Erfahrungen, die er dort sammelte, flossen in seine Softwarearbeit ein: „Ich habe selbst Standardschreiben formuliert, ich weiß, mit welchen Argumenten Versicherungen oft reagieren und was juristisch möglich ist.“ Die Kanzlei arbeitete weitgehend ohne Legal Tech, lediglich die Akten waren digital. Bereits eine große Erleichterung, wie der 34-Jährige weiß.

Während des Referendariats war er in einer kleinen komplett analog arbeitenden Kanzlei. „Wenn man aber 5.000 Fälle im Jahr behandelt, dann braucht man enorm viel Papier und Platz für Ordner – und Zeit, die benötigte Akte und in ihr das Schreiben zu finden, das man gerade braucht.“ Am Computer reiche das Aktenzeichen und eventuell noch ein Stichwort.

Wirtschaftliche Vorteile

Nicht nur fürs Zeitmanagement, auch aus wirtschaftlicher Sicht sei Legal Tech sinnvoll: „Da der Arbeitsaufwand dank der Automatisierungen bei Fällen mit niedrigem Streitwert gering bleibt, müssen wir nicht erst überlegen, ob diese genug Ertrag abwerfen.“ So könnten mehr Menschen zu ihrem Recht kommen. Zumal gerade bei Verkehrsunfällen viele nicht wüssten, welche Ansprüche sie geltend machen können. Die Möglichkeit, ortsunabhängig online mit der Kanzlei in Kontakt zu treten, erleichtere zudem die Mandanten-Akquise – und baue Schwellenängste ab.

Zu guter Letzt profitiere auch er persönlich. Denn ihm bleibe Zeit, sich intensiver den Aufgaben zu widmen, die Legal Tech nicht übernehmen kann: knifflige Fälle lösen, vornehmlich im Strafrecht, vertrauliche Mandantengespräche oder Gerichtsverhandlungen führen. Kurz, jenen juristischen Herausforderungen, für die er das lange und komplexe Jura-Studium auf sich genommen habe.


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Stand: 17.10.2019