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Kriterien bei der Arbeitgeberwahl

Wer ist der Beste im ganzen Land?

Für rund eine halbe Million Studierende wird das Sommersemester 2020 mit ihrem Abschluss enden. Berufseinsteiger/-innen, die in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit auf den Arbeitsmarkt drängen, müssen möglicherweise Einbußen beim Gehalt hinnehmen. Häufig haben sie aber ohnehin ganz andere Wünsche als eine Top-Bezahlung und eine steile Karriere.

Zwei Frauen schütteln sich zur Begrüßung die Hand.

Welche Kriterien sind für Berufseinsteiger/-innen entscheidend bei der Wahl des ersten Arbeitgebers?

„Als ich von der Uni kam, hatte ich nicht wirklich das Gefühl, fit für den Beruf zu sein, sagt Annika*, die einen Bachelorabschluss in Sozialer Arbeit in der Tasche hat. „Deswegen habe ich beschlossen, während meines Masters praktische Erfahrung zu sammeln“, erklärt die 24-Jährige. Hierfür hat sie eine 20-Stunden-Stelle in einem Kinder- und Jugendhilfeheim in Feucht bei Nürnberg angenommen. „Ich habe mich für das Heim entschieden, weil die Arbeitsbedingungen dort meinen Vorstellungen entsprachen. Ich kann größtenteils selbstständig arbeiten und meine Arbeitszeit flexibel gestalten. Außerdem werden wir Mitarbeiter in unserer Persönlichkeit wertgeschätzt.“

Ein Porträt-Foto von Annika.

Annika

Zu ihren Aufgaben gehört die Begleitung von Familien und jungen Frauen als sozialpädagogische Familienhilfe und Erziehungsbeistand. Zurzeit unterstützt sie ein junges Mädchen, das in der Klasse gemobbt wird und dadurch eine Schulangst entwickelt hat. Daneben begleitet sie eine Flüchtlingsfamilie aus dem Iran. „Hier geht es vor allen Dingen um Hilfe bei der Integration, bei Behördengängen und bei Antragstellungen“, erzählt Annika.
Ihre Arbeit als Sozialpädagogin findet Annika sehr vielfältig, jedoch plant sie nicht, die 20-Stunden-Stelle nach ihrem Masterabschluss aufzustocken. „Im Moment tendiere ich dazu, mich später in Richtung Gesundheitsförderung oder -prävention weiterzubilden. Dann könnte ich nebenher selbstständig als Gesundheitsberaterin arbeiten“, überlegt Annika. Dafür möchte sie die nötige Zeit mitbringen. „Und man braucht im sozialen Bereich einen guten Ausgleich und viel Erholung“, findet sie.

Arbeitsklima wichtiger als Geld

Für Berufseinsteiger wie Annika haben sich die Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Folge der Corona-Pandmie verändert. Aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit stellen viele Unternehmen zurzeit nicht oder nur begrenzt neue Arbeitskräfte ein. Vor der Pandemie stellte sich die Situation noch so dar: Unternehmen wollten für vielversprechende Nachwuchskräfte attraktiv sein und gingen daher auf deren Bedürfnisse ein. Bewerberinnen und Bewerber hatten so häufig die Möglichkeit, sich den Arbeitgeber auszusuchen, der am besten zu ihren persönlichen Zielen und Wünschen passte.

Darunter ist ein Punkt weiterhin aktuell: Der Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten ist nicht länger nur die Vorstellung vieler Absolvent(inn)en, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IWD) von 2019 zeigt, sondern in den meisten Unternehmen inzwischen Normalität. Weil die rasche Umstellung auf mobiles Arbeiten für viele Firmen mit Investitionen und Organisationsaufwand verbunden war, geben 54 Prozent in einer aktuellen Studie des ifo-Instituts an, Homeoffice dauerhaft auszuweiten.

Ein Porträt-Foto von Margit Seiwert.

Margit Seiwert

Das könnte Berufseinsteigern recht kommen, denn: „Flexible Arbeitszeitmodelle und die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten sind unter Berufseinsteigern sehr gefragt“, wie Margit Seiwert, Berufsberaterin bei der Agentur für Arbeit Bonn weiß. (siehe hierzu das Interview „Arbeitszeitmodelle werden sich weiter flexibilisieren“, die Reportage „Eine Typfrage“ und die Übersicht über Arbeitszeitmodelle, verlinkt wird auf die Beiträge)

Weitere Kriterien, die ihnen bei der Wahl ihres Arbeitgebers wichtig sind, hat eine aktuelle Studie des Institutes für Demoskopie in Allensbach herausgearbeitet, die sogenannte „McDonald’s Ausbildungsstudie“ aus dem Jahr 2019. Weiche Faktoren wie Arbeitsklima, Kollegialität, Mitarbeiterführung, also der „Wohlfühlfaktor“, haben eine hohe Bedeutung für die befragten Jugendlichen zwischen 15 und unter 25 Jahren. Gratifikationen – also eine leistungsorientierte Bezahlung, gute Aufstiegsmöglichkeiten und ein hohes Einkommen – spielen zwar ebenfalls eine große Rolle für viele, stehen aber nicht an erster Stelle. Das unterstreicht, dass der jungen Generation Spaß, Sicherheit und Selbsterfüllung im Beruf wichtiger sind als materielle Aspekte. Die Kienbaum-Absolventenstudie von 2018 zeichnet für Berufseinsteiger mit Hochschulabschluss ein ähnliches Bild: Demnach sind eine kollegiale Arbeitsatmosphäre, Work-Life-Balance und Karrieremöglichkeiten für diese Zielgruppe die wichtigsten Kriterien bei der Arbeitgeberwahl.

Margit Seiwert macht unter den Berufsanfängern, die zu ihr in die Beratung kommen, zwei große Gruppen aus: „Viele der jungen Leute sind sehr karriereorientiert. Anderen sind die Sinnfindung im Beruf und der Wunsch nach einer guten Work-Life-Balance wichtiger. Aus meiner Sicht ist deren Zahl in den vergangenen Jahren etwas gestiegen.“

Fahrplan für Berufseinsteiger

Einstiegsgehalt und Aufstiegsmöglichkeiten, Weiterbildung, Arbeitsatmosphäre, interessante Aufgaben, flexible Arbeitszeiten, Firmenhandy, Sportangebote und kostenloses Mittagessen – wie können Berufseinsteiger für sich festlegen, wie wichtig ihnen die einzelnen Punkte bei der Arbeitgeberwahl sind?

Ein Porträt-Foto von Martin Frick.

Martin Frick

Martin Frick, Leiter Employer Branding bei der ZF Friedrichshafen AG, hat für Berufseinsteiger einen glasklaren Fahrplan. Die allererste Frage, die sie sich seiner Ansicht nach stellen sollten: Brenne ich für das Thema? Wer diese Frage mit „ja“ beantworten könne, habe das Wichtigste bereits geklärt. (Siehe die Reportage „Mit Methode zum Traumjob“). Als zweitwichtigstes Kriterium sieht er den Standort: „Arbeitnehmer müssen ja davon ausgehen, dass sie die nächsten Jahre in dem Unternehmen verbringen werden. Die Frage lautet also: Kann ich mir vorstellen, ländlich zu leben, oder soll es eher eine Großstadt sein?“

Und schließlich sollten sich Mitarbeiter mit der Branche und dem Unternehmen identifizieren können. Aber wie stellt man fest, ob einem das Unternehmen zusagt? „Hier sollte man möglichst viele Kanäle nutzen, um herauszufinden, ob das Unternehmen sich authentisch darstellt“, ist Martin Fricks Rat. Infotage und Jobmessen seien hierfür eine gute Möglichkeit, aber auch verschiedene Social-Media-Kanäle sowie Arbeitgeber-Rankings und Bewertungsportale. „Die sozialen Medien schaffen eine hohe Transparenz: Positives und Negatives spricht sich schnell herum.“

Als letztes zentrales Kriterium nennt Martin Frick die Vorgesetzten und das Team: Kann ich mir vorstellen, mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten? „Das stellt sich meist im Bewerbungsgespräch heraus und sollte gemeinsam mit den anderen Aspekten den Ausschlag geben.“

Und der finanzielle Aspekt?

Diese Frage stellt sich ebenfalls spätestens beim Bewerbungsgespräch. „Das Einstiegsgehalt sollte natürlich angemessen sein, ist aber nicht alles und macht nicht alleine glücklich“, meint Martin Frick. Und das Thema Weiterbildung? „Das sollte überhaupt keine Frage sein, sondern Standard“, findet der Experte.

Wie steht es um diverse Goodies: Firmenhandy, Dienstwagen, Sportangebote, mobile Massage am Arbeitsplatz, kostenloses Mittagessen? „Diese Dinge sind ‚nice to have‘. Wichtiger finde ich, ob ein Unternehmen verschiedene Veranstaltungen oder Mitarbeiterevents organisiert. Diese sind ein indirekter Hinweis auf die Firmenmoral und vermitteln Wertschätzung“, legt Martin Frick dar. „Ein Firmenwagen oder ein Geschäftshandy sind schöne Statussymbole, die aber jeder Berufseinsteiger für sich selbst bewerten muss.“ (siehe die Umfrage, verlinkt wird auf den Beitrag)

Einen passenden ersten Arbeitgeber zu finden, das sollte mit der nötigen Vorbereitung jedenfalls kein Problem sein. „Das Trendence Panel veröffentlicht jährlich die attraktivsten Arbeitgeber Deutschlands“, weiß Margit Seiwert. Viele weitere Studien und Auszeichnungen zeigen, was Arbeitgeber heutzutage bereit sind, für ihre Mitarbeiter zu tun, und welche Unternehmen dabei besonders engagiert sind – etwa bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei Weiterbildung oder Ausbildungsqualität. Die Arbeitswelt ist voller Möglichkeiten.

Video

Weitere Filme findest du auf der abi>> Videoübersicht.

Mehr Infos

berufsfeld-info.de

Das Informationsportal der Bundesagentur für Arbeit zeigt Berufswelten im Überblick.

berufsfeld-info.de

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.
berufenet.arbeitsagentur.de

Jobsuche der Bundesagentur für Arbeit

arbeitsagentur.de/jobsuche

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit zu Perspektiven für Beruf und Arbeitsmarkt; Publikationen zum Arbeitsmarkt allgemein.

iab.de

Institut für Demographie Allensbach – Die McDonald’s Ausbildungsstudie 2019

Das Institut für Demoskopie Allensbach befragte für die aktuelle „Ausbildungsstudie“ 15- bis unter 25-jährige Menschen in Deutschland zu ihren gesellschaftlichen und beruflichen Erwartungen und ihren persönlichen Zukunftsperspektiven.

karriere.mcdonalds.de/McD_Ausbildungsstudie_2019.pdf

Kienbaum-Absolventenstudie 2018

Zielgruppe der Studie waren Hochschulabsolventen, die in naher Zukunft in den Arbeitsmarkt eintreten.

kienbaum.com

* Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

abi» 27.07.2020

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